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Literatur und germanistische Literaturwissenschaft

 

Eckhard Heftrich
von Uwe Jochum


 
    Eckhard Heftrich (*1928)
      Eckhard Heftrich (*1928) © privat


Eine der Hauptlinien, die sich durch das Werk Eckhard Heftrichs ziehen, ist das Problem der Geschichtsphilosophie und ihre Aufhebung in der schönen Literatur. Damit ist zugleich der Bogen bezeichnet, der Heftrich seit seiner Dissertation über Die Philosophie und Rilke in Spannung hält: Philosophie und Literatur zusammen zu denken und die Phänomene nicht innerhalb akademischer Grenzen so einzupflocken, dass sie nicht mehr entrinnen können. Für Heftrich bedeutet dies keine unerlaubte Grenzüberschreitung, indem man etwa die Dichtung auf das Prokrustesbett der philosophischen Interpretation spannen würde, es bedeutet vielmehr, den "weltschaffenden Charakter von Dichtung" herauszuarbeiten, um zu verstehen, was Dichtung als Dichtung sein kann.

Aber muss man dann nicht auch verstehen wollen, was Philosophie als Philosophie sein kann? Eben das war das Anliegen des im Jahr 1962 bei Klostermann veröffentlichten Buches über Nietzsches Philosophie. Identität von Welt und Nichts, das Ernst machte mit dem berühmten Satz aus der Geburt der Tragödie, wonach die Welt nur als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt ist. Heftrich las das als Argument für die Begründung einer ästhetischen Metaphysik durch Nietzsche und gewann daraus die Einheit dieses Denkens, die sich freilich nicht als Einheit eines Systems zeigte, sondern als Labyrinth und Denken in Kreisen, dem die Welt das Ganze ist, so dass es außer ihr nichts gibt und eben dadurch die Welt mit dem Nichts außer ihr identisch ist – ein zielloses Werden, das als "Wille zur Macht" Formen schafft, die nichts anders sind als "der Schein jenes Seins, mit dem das Nichts die Welt als Werden begrenzt. Der Name dieses höchsten Scheins, der als dies seiendste Seiende das Nichts zur Erscheinung bringt, ist: Gott."

Von hier aus war es nur noch ein Schritt, Poiesis und Logos als Einheit von Weltschaffung und Weltauslegung zu betrachten, indem man die Nachwirkungen und die Vorgeschichte Nietzsches entfaltete. Heftrich tat das in seinen Büchern über Stefan George (1968) und Novalis. Vom Logos der Poesie (1969), und er tat es in Abstand zu den damaligen politischen Tendenzen, die einer ideologischen Indienstnahme von Literatur das Wort redeten. Das hat seiner akademischen Karriere übrigens nicht geschadet, die ihn nach seiner Kölner Habilitation (1970) zunächst nach München führte, bis er im Jahr 1974 einem Ruf nach Münster folgte, wo er zwanzig Jahre lang seine Themen entwickelte und vor allem seinen neuen Stern entdeckte: Thomas Mann.

Den Auftakt bildete die im Jahr 1975 erschienene Zauberbergmusik, an die sich Vom Verfall zur Apokalypse (1982) und Geträumte Taten. "Joseph und seine Brüder" (1993) anschlossen. Was Heftrich an Thomas Mann faszinierte, war nicht nur das großartige Panorama einer bürgerlichen Kultur, die um die Abgründe ihrer Existenz wusste und in ihren besten Momenten zu einer Weisheit fand, deren anderer Name Ironie lautet. Ihn faszinierte vor allem die in Thomas Manns Werk nachklingende Artisten-Metaphysik Nietzsches, die eine Rechtfertigung der Kunst durch die Kunst (ver)suchte. Dabei beschränkte sich Heftrich nicht nur auf die Betrachtung der Thomas Mannschen Kunst, sondern widmete sich auch organisatorischen Fragen, die die Arbeit an Manns Werk auf Dauer stellen sollten. Resultat dieser Bemühungen ist zum einen das seit dem Jahr 1988 bei Klostermann erscheinende Thomas Mann Jahrbuch und zum andern die Übernahme der Thomas-Mann-Studien durch den Verlag im Jahre 1991.

Von diesem großen Arbeitsfeld lassen sich zwei weitere Arbeitsgebiete abheben. Die von Heftrich mitherausgegebene neue Folge der Reihe Das Abendland suchte nach jener Kontinuitätslinie unserer Kultur, die nicht auf den einfachen Gegensatz zwischen progressiv und reaktionär zu bringen ist, und setzte damit ein Zeichen gegen den politisierten Zeitgeist. Und das im Jahr 1978 erschienene Bändchen über Lessings Aufklärung. Zu den theologisch-philosophischen Spätschriften versuchte, einen Begriff von Aufklärung zu gewinnen, der sich nicht nach den gängigen politischen Wunschträumen richtete, sondern die der Vernunft innewohnende Skepsis nicht aufgab und sich bewusst blieb, dass Geschichtsphilosophie nichts anderes als ein spielerischer Entwurf des Menschen sein kann, dessen Wahrheit darin liegt, dass er Spiel und also Kunst ist.

Indessen hat Eckhard Heftrich über seinen Arbeiten zu Thomas Mann das Thema Nietzsche und damit die Quelle seines Denkens niemals aufgegeben. Nicht nur war er nach dem Tod von Mazzino Montinari von 1990 bis 1996 Mitherausgeber der Nietzsche-Studien und der Monographien und Texte zur Nietzsche-Forschung, er hat auch stets selbst über Nietzsche weiter publiziert. Mit der bei Klostermann im Jahr 2000 erschienenen Sammlung Nietzsches tragische Größe rundet sich daher Heftrichs Lebenswerk zum Kreis und nimmt auch äußerlich jene Form an, die er vor fast vier Jahrzehnten als grundlegende Denkfigur bei Nietzsche entdeckt hat.

 

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