Vittorio E. Klostermann

"Open Access": Der Goldene und der Grüne Weg

In ihrer "Berliner Erklärung" von 2003 erhob die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen die Forderung nach einem freien öffentlichen Zugang zu allen wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Die Allianz kündigte an, die organisatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für einen solchen Open Access schaffen zu wollen; die Federführung wurde der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) übertragen. Als erstes Ziel auf dem Weg zu einem umfassenden Zugang zu allen Texten und Daten der Wissenschaftler hat die DFG zunächst nur die sog. unselbständigen Publikationen ins Auge gefasst, also die Beiträge in wissenschaftlichen Zeitschriften und Sammelbänden - aber es ist klar, dass in einem weiteren Schritt auch die Buchpublikationen folgen sollen.

Seither wird heftig über die Vor- und Nachteile eines Open Access (OA) gestritten, jedoch gibt es dabei immer wieder Missverständnisse. Denn Open Access kann auf zwei Wegen begangen werden, auf einem "Goldenen" und einem "Grünen" Weg. Beiden Wegen gemeinsam ist, dass sie dem Leser einen kostenlosen elektronischen Zugang zu den Texten öffnen.

Der "Goldene Weg"

"Golden" nennt man den Weg, wenn der Autor die Kosten der Publikation bezahlt, wenn er also dem Zeitschriftenverlag die Aufwendungen für die Publikation erstattet. OA-Zeitschriften des Goldenen Wegs – so sagt man in der Fachterminologie - sind nicht subskriptions- oder abonnementsfinanziert, sondern autorenfinanziert. Aber, so die Verfechter von OA, das soll nicht bedeuten, dass die Autoren dafür in ihre eigene Tasche greifen müssten; die Mittel würden vielmehr die Institutionen aufbringen, an denen die Autoren arbeiten.

Da aber sind doch Zweifel angesagt: Man kann sich sicher vorstellen, dass es für große naturwissenschaftliche Forschungseinrichtungen mit ihrer Millionenausstattung tragbar wäre, Gebühren in einer Größenordnung von 2.000 bis 5.000 US$ pro Zeitschriftenbeitrag zur Verfügung zu stellen. Aber das gilt sicher nicht für jedes philosophische Seminar einer Universität. Und besonders schwer dürfte es den nicht mehr aktiven Mitgliedern eines Fachbereichs fallen, sich die notwendigen Gelder zu verschaffen. Das offensiv verbreitete Angebot der DFG, den Universitäten für diesen Zweck Zuschüsse zur Verfügung zu stellen, dient sicher als politisches Signal, kann den Bedarf aber niemals decken.

Der "Grüne Weg"

Und was hat es mit dem "Grünen Weg" auf sich, bietet er die Lösung? Er ist so definiert, dass der Autor seinen Beitrag zunächst ganz traditionell in einer Zeitschrift veröffentlicht, die sich über Abonnements remuneriert. Der "Grüne Weg" verlangt dann aber vom Autor, dass dieser sechs Monate nach der Publikation seinen Text auf ein Repositorium (den Server des Fachgebiets oder seiner Universität) stellt, auf das die Allgemeinheit freien Zugriff hat. Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen forciert auch diesen Weg derzeit tatkräftig: durch die Einrichtung der Repositorien, durch die Entwicklung der Retrieval-Software und durch die Forderung nach einem "wissenschaftsfreundlichen" Urheberrecht, vor allem nach einem "Zweitveröffentlichungsrecht" des Autors nach sechs Monaten.

Aber auch das ist äußerst problematisch: Denn eine Frist von sechs Monaten mag für die Zeitschriften der STM-Fächer (Naturwissenschaften, Technik, Medizin) einen gewissen Schutz bedeuten, weil die Forscher dort nicht auf die aktuellen Veröffentlichungen verzichten können. Ganz anders aber verhält es sich bei den Geisteswissenschaften, in denen doch viel eher themengebunden gearbeitet wird: Nicht das Neueste ist das Interessanteste – oder auch: ein Autor, dessen Text bereits nach wenigen Monaten uninteressant geworden ist, kann eigentlich nichts Relevantes mitgeteilt haben. Die Bibliotheken, deren Erwerbungsetats ohnehin durch die jährlich wachsenden Aufwendungen für die STM-Fächer stranguliert sind, werden wegen dieses kurzen zeitlichen Vorsprungs keine Abonnements mehr für Philosophen, Literaturwissenschaftler und Historiker halten, ganz zu schweigen von entlegenen Disziplinen.

Der von der Allianz ausgeübte moralische Druck zum "Grünen Weg" bedroht die Zeitschriften der Geisteswissenschaften. Sind diese aber erst einmal gestorben, gibt es auch keinen "Grünen Weg" mehr, sondern nur noch den "Goldenen" – und den Ansturm der Autoren auf die begrenzten Fördertöpfe. Einen solchen Zustand dürfte man dann allerdings nicht mehr als "wissenschaftsfreundlich" bezeichnen.

Vittorio E. Klostermann, im Februar 2011