Ausgewählte Bibliographien
und andere Nachschlagewerke

Digitale Medien

Verantwortlich:Achim Oßwald


Aus Heft 4 (1998) der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Siehe auch die anderen Rezensionen der Rubrik.


DocThèses (Rezensenten: Wilfried Sühl-Strohmenger / Regina Volk-Thoma)

 

Allgemeines

Die elektronische Aufbereitung von Hochschulschriftenverzeichnissen hat in den vergangenen zwei bis drei Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. So liegen die Dissertation Abstracts International (DAI) von UMI ab 1861 als CD-ROM-Version, neuerdings auch über WWW, die Deutsche Nationalbibliographie Reihe H bzw. das Jahresverzeichnis der Hochschulschriften für den Zeitraum 1945-1992 in Form der DISS-CD vor.

Weniger bekannt dürfte sein, daß auch die an den französischen Universitäten eingereichten und angenommenen Dissertationen auf CD-ROM recherchiert werden können, und zwar im Rahmen des Produkts DocThèses. Bevor diese elektronische Publikation näher beschrieben wird, seien einige Bemerkungen zur Behandlung und Verzeichnung der französischen Hochschulschriften vorangestellt.

Die an den französischen Hochschulen veröffentlichten Dissertationen werden seit 1884 verzeichnet; dieses Verzeichnis wird seit 1930 von der Bibliothèque Nationale bearbeitet und erscheint seit 1972 geordnet nach Sachgruppen - entsprechend dem Klassifikationsschema der "Bibliographie de la France" (jetzt: "Bibliographie Nationale Française"), während es ab 1914 nach Universitäten, Fakultäten und Verfassern angeordnet war.

Da die französischen Dissertationen bis zum Jahr 1970 fast ausschließlich in maschinenschriftlicher Form vorgelegt wurden - und zwar nicht nur die im Hinblick auf das Doctorat d'Université bzw. das Doctorat 3e Cycle, sondern auch die im Hinblick auf das anspruchsvolle Doctorat d'Etat angefertigten Doktorarbeiten -, kam der Gründung des Atelier de Reproduction des Thèses an der Universität Lille 1971 besondere Bedeutung zu: Aufgrund eines Erlasses vom 11.2.1976 erhielt dieses Atelier nämlich die nationale Zuständigkeit für die Vervielfältigung der Thèses de Doctorat d'Etat der philosophischen und der theologischen Fakultäten. In Grenoble wurde parallel dazu ein Atelier für die Vervielfältigung von Dissertationen der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultäten ins Leben gerufen.

Gemäß der allgemeinen Ablieferungspflicht für staatliche Dissertationen muß jede(r) Kandidat(in) des Doctorat d'Etat in den geistes-, sozial- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern 180 Exemplare der Dissertation an die betreffende Universitätsbibliothek abgeben. Von den Pflichtablieferungen erhalten auch die Bibliothèque Nationale in Paris, die Ecoles Normales Supérieures, die Dokumentationszentren des Centre National de le Recherche Scientifique (CNRS) und der bei der Bibliothek der Sorbonne angesiedelte Service des Echanges universitaires Exemplare. Die letztgenannte Einrichtung ist für den Tausch mit dem Ausland zuständig.

Erfolgt der Druck der Dissertation über Lille oder Grenoble, wird jedoch die Verteilung der Pflichtexemplare direkt von hier aus vorgenommen.

Demgegenüber bleiben die Dissertationen in den medizinischen und den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern in der Regel ungedruckt, müssen jedoch in vier Exemplaren an die Bibliothek der Promotionsuniversität abgegeben wird. Ein Exemplar davon erhält das entsprechende Dokumentationszentrum des Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS).

Ab 1986 wurden alle in 1972ff. Lille bzw. in Grenoble vervielfältigten Dissertationen über die Datenbank Téléthèses und über den französischen Bildschirmtext Minitel recherchierbar gemacht. Mit DocThèses steht seit 1995 eine CD-ROM für die Recherche nach französischen Dissertationen zur Verfügung.

Inhalt

DocThèses weist über 300.000 an französischen Hochschulen eingereichte und angenommene Dissertationen nach, basierend auf den Katalogen der Universitäten Paris X-Nanterre (für die rechts-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen) bzw. der Bibliothèque Interuniversitaire Clermont-Ferrand (für die medizinischen, pharmazeutischen und zahnheilkundlichen Dissertationen) bzw. auf den Daten des Hosts CRNS-INIST (für die naturwissenschaftlichen Dissertationen).

Zahlenmäßig verteilen sich die in DocThèses recherchierbaren Dissertationen wie folgt auf die Fachgebiete:

Installation und Recherche

Die Installationsroutine der CD-ROM stellt kein Problem dar: sie ist leicht und ohne Probleme mit dem Befehl setup in Gang zu setzen. Weitere Programmvorgaben müssen lediglich bestätigt werden.Der Hauptbildschirm ("Recherche") bietet mit zahlreichen Suchkriterien umfangreiche Recherchemöglichkeiten: Verfasser, Titelworte wahlweise in englisch oder französisch, Doktorvater, Sachgebiet, Schlagwort, Jahr, Universität, Identnummer, Worte aus dem Abstract in englischer oder französischer Sprache und Stichworte.Da beinahe alle Dissertationen einen englischen Übersetzungstitel erhalten haben, und zusätzlich (leider nicht in allen Fällen) mit einem englischen Abstract versehen worden sind, ergeben sich daraus verbesserte Suchbedingungen.Füllt man mehr als nur eine Suchkategorie aus, so sind die verschiedenen Felder automatisch mit dem Operator "und" verbunden.Bei bestimmten Suchfeldern (den "champs phrase": Verfasser, Sachgebiet, Doktorvater, Universität und Identnummer) wird bei der Eingabe eines Wortes sofort ein Index an entsprechender Alphabetstelle aufgeblättert. Wenn das für die schnelle Suche auch etwas gängelnd sein mag, so bietet dies gerade bei seltener Nutzung einen guten Einblick, ob der gesuchte Begriff überhaupt vorhanden ist bzw. in welcher Form Einträge in der Datenbank vorliegen. Bei allen anderen Feldern ist eine freie Eingabe möglich, ein Register zu diesen Kategorien existiert gleichwohl und kann über eine Pfeiltaste seitlich der Eingabefelder aufgerufen werden.In allen Suchfeldern können die Boole'schen Operatoren et, ou, sauf verwendet werden.Beim direkten Nebeneinanderstellen von Wörtern werden diese als Phrase gesucht. Wortabstände lassen sich mit Hilfe des Abstandsoperators G<Anzahl der Wörter> definieren und in den Textsuchfeldern (sog. "mots-clés": Titelworte - englisch und französisch, Schlagworte, Wörter aus dem Abstract - englisch und französisch und Stichworte) anwenden. Trunkierung mit * ist möglich - mit Ausnahme der Felder Jahr und Sachgebiet.Verschiedene Suchergebnisse verknüpft man über das Feld "Liste des recherches". Allerdings ist man bei dieser Option auf die eigene Intuition angewiesen, da Bildschirmaufbau und Hilfe nicht oder nur wenig zur Erläuterung beitragen.

Anzeige und Ausgabe

Die Suchergebnisse können wahlweise als Kurztitelliste ("Liste des thèses") oder Volltitel ("Notice complète") angezeigt werden. Die Kurztitelliste enthält, die neuesten Dokumente zuerst sowie Jahr, Verfasser und Titel der Dissertationen.Die Volltitel werden standardmäßig mit allen Feldern angezeigt, können aber auch auf andere Formate eingestellt werden. Einzelne Titel können zu einer eigenen Liste zusammengestellt werden (Sélectionner la notice courante).Von der Vollanzeige aus ist auch die Möglichkeit der Querverweissuche ("Recherche toutes les thèses ...") gegeben: mit dem Namen des Doktorvaters, dem Jahr, dem Fachgebiet, der Universität oder einem zu wählenden Begriff kann die Suche von einem einzelnen Dokument auf alle ausgedehnt werden.Über den Punkt "Localisations" bietet DocThèses die Möglichkeit, Standorte der Originaldissertation bzw. von Mikrofichereproduktionen herauszufinden. Darüberhinaus kann die Standortbestimmung gezielt auf eine Region bzw. ein bestimmtes Département eingeschränkt werden. Des weiteren ist mit dem Punkt "Bibliothèque" die Adresse samt Öffnungszeiten und -bedingungen der besitzenden Bibliothek in Erfahrung zu bringen.Hierbei muß allerdings kritisch angemerkt werden, daß die Standortangaben in der Praxis der Überprüfung nicht immer standgehalten haben. Gerade im Hinblick auf die Fernleihe sollten diese Bestandsmeldungen mit Sorgfalt eingegeben und gepflegt werden.Drucken- bzw. Abspeichern sind möglich. Das System bietet dabei die üblichen Wahlmöglichkeiten: verschiedene Ausgabe- und Dateiformate sowie Angabe der Anzahl der auszugebenden Dokumente.Kontextbezogene Hilfe gibt es für beinahe alle Bereiche, natürlich in französischer Sprache.

Bewertung

Mit DocThèses steht für das Gebiet der an französischen Hochschulen angenommenen Doktorarbeiten ein recht komfortables und vielfältiges elektronisches Rechercheinstrument zur Verfügung. Es ergänzt außerordentlich sinnvoll die für den deutschsprachigen und den angloamerikanischen Raum bereits auf dem Markt angebotenen Dissertationennachweise in elektronischer Form (teilweise auf CD-ROM; teilweise auch über WWW verfügbar).

Da der Zugriff über Téléthèses (via Minitel) von deutschen Bibliotheken nicht unproblematisch war, blieb häufig nur der Rückgriff auf die gedruckten Jahresverzeichnisse. Demgegenüber erlaubt DocThèses nunmehr die rasche und bequeme Recherche der in Frankreich publizierten Hochschulschriften aller Universitäten und Fachrichtungen. Hervorzuheben ist dabei auch die Option der englischsprachigen Suche.