Ausgewählte Bibliographien
und andere Nachschlagewerke

Digitale Medien

Verantwortlich: Achim Oßwald


Aus Heft 6 (1998) der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Siehe auch die anderen Rezensionen der Rubrik.


World Guide to Libraries Plus (Rezensent: Hermann Rösch)

 

Allgemeines

World guide to libraries plus (WGLplus) liegt seit 1998 in der zweiten Ausgabe als elektronische Version des seit 1966 meist zweijährlich erscheinenden gedruckten Bibliotheksadreßbuches vor, welches bis 1987 auch den deutschen Paralleltitel "Internationales Bibliothekshandbuch" trug. Verzeichnet werden darin Bibliotheken aller Sparten weltweit mit Adressen und quantitativen wie qualitativen Bestandsprofilen. Die aktuelle CD-ROM präsentiert 82.689 Bibliotheken aus 192 Ländern, während die Printausgabe nur ca. 43.000 Bibliotheken nachweist. Der Grund liegt darin, daß in der gedruckten Ausgabe als Aufnahmekriterium eine Mindestgröße von 60.000 Bänden, für Spezialbibliotheken von 10.000 Bänden gilt. Für WGLplus entfällt diese Beschränkung.

Die Buchausgabe verfügt als umfangreichstes internationales Bibliotheksadreßbuch über großes Renommee. Der CD-ROM WGLplus haben Verlag und Bearbeiter mit der Steigerung des Umfangs zumindest rein quantitativ die Voraussetzungen verliehen, ähnliche Prädikate im digitalen Zeitalter zu erwerben. Zukünftig soll die CD-ROM-Version durch jährliches Erscheinen ein höheres Maß an Aktualität gewinnen.

 

Suchmöglichkeiten

Als Sucheinstieg werden der "Search-" und der "Browse-Modus" angeboten. Im Search-Modus wird die Mehrzahl der eigentlichen Suchoperationen durchgeführt. Allein durch die Vielzahl der dafür zur Verfügung stehenden Suchelemente wird der Quantensprung sichtbar, der grundsätzlich erzielt werden kann, wenn Daten eines Nachschlagewerkes statt in der klassischen Printform digital vorliegen. Daß bloße Digitalisierung natürlich nicht ausreicht, sondern durch die adäquate Aufbereitung der Daten und eine optimale Retrievalsoftware ergänzt werden muß, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Die Printausgabe des World Guide to Libraries ist im Hauptteil nach dem Alphabet der Länder angelegt und erschließt das Material durch ein alphabetisches Körperschaftsregister. Es existieren also mit der geographischen Zugehörigkeit und dem Bibliotheksnamen lediglich zwei Sucheinstiege. Im Search-Modus der CD-ROM kann zwischen 21 Sucheinstiegen gewählt werden. Die wichtigsten sollen kurz vorgestellt werden:

Bibliotheksnamen (automatisch rechts trunkiert)

Personennamen (nur Leitungspersonal, invertiert und automatisch rechts trunkiert)

Namen von Zweigbibliotheken (mißverständlich "other names" bezeichnet)

Funktionsbezeichnungen der Personen (z.B. "director", "chief librarian")

Bibliothekstypen (z.B. "government", "public", "religious")

Sondersammelgebiete und Spezialbestände ("subjects", automatisch rechts trunkiert)

Stadt (originalsprachlich; bei nichtlateinischen Sprachen transliteriert, z.B. "Beijing"

Land (nach festem Code recherchierbar, der nur im Handbuch zu ermitteln ist, z.B. SZ=Switzerland, CH=Taiwan)

Stichwort (Suchreichweite erstreckt sich über alle Felder des Datensatzes)

eingesetzte Bibliothekssoftware und Zugang zu externen Datenbanken (höchst unspezifisch "automation" genannt)"

Zugehörigkeit zu Verbänden und Verbünden ("membership")

gesucht werden kann ferner z.B. nach Gründungs- und Baujahren oder nach verschiedenen Aspekten des Finanzvolumens (Ausgaben für spezielle Positionen wie Monographienerwerbung oder Gehälter)

Unschlagbar (jedenfalls im Vergleich zur Printausgabe) wird die WGLplus-CD-ROM zusätzlich durch die im Search-Modus zur Verfügung stehenden Boole'schen Operatoren. Die Recherchestrategie wird (bis zu maximal 29 Schritten) protokolliert und kann an jeder Stelle wieder aufgegriffen und modifiziert werden. Arithmetische und Bereichsoperatoren, Rechts- und Binnentrunkierung können ebenfalls genutzt werden.

Der Browse-Modus präsentiert 18 der 21 Suchkategorien in Listenform. Für einfache Recherchen mag der Einstieg über den Index bisweilen genügen. Ansonsten orientieren die Indizes über die zur Verfügung stehenden Suchbegriffe. Mit einem Kombinationsbefehl (Strg-V), können Suchbegriffe aus den Indizes des Browse-Modus in den Search-Modus zur weiteren Recherche übernommen werden.

 

Datenaufbereitung und Datenqualität

Die Daten für die Buchausgabe des World Guide to Libraries werden per Fragebogenversand gewonnen. Bei der ungeheuren Datenfülle hatte sich dieses seit der ersten Auflage angewendete Verfahren aus der Sicht der Bearbeiter als praktikabel erwiesen. Für die CD-ROM-Ausgabe wurden die ausgefüllten Fragebögen digital in einem differenzierten Kategorienschema erfaßt, so daß die oben erläuterten 21 Sucheinstiege bzw. 18 Browse-Indizes erzeugt werden konnten.

Im Vorwort der Printausgabe wird erklärt, die mittels der Fragebögen eingegangenen Daten seien durch Analyse nationaler Bibliotheksadreßbücher ergänzt worden und mithin "thorougly revised". In der Druckausgabe ist diese Aussage nicht überprüfbar; Konsistenz und Normierung der Daten sind aufgrund des geringen Erschließungsgrades dort minder wichtig. Anders bei der CD-ROM WGLplus: die Indizes enthüllen gnadenlos, ob und in welchem Umfang die dezentral erhobenen Daten redaktionell überarbeitet worden sind und durch normierende und standardisierende Aufbereitung eine Qualität gewonnen haben, die den Möglichkeiten des neuen Mediums angemessen ist.

Um es gleich zu sagen: allem Anschein nach sind die Rohdaten von den Fragebögen ungeprüft übernommen worden. Die einzigen nachweisbaren "Bearbeitungsspuren" sind Schreibfehler: z.B. taucht statt "France" im Subject-Index "France" mit 34 (!) Treffern auf.

Katastrophal wirkt sich die fehlende redaktionelle Überarbeitung in der Kategorie "subject" aus. Die Erwartung, alle in der Datenbank enthaltenen Bibliotheken mit Sondersammelgebieten bzw. Spezialsammlungen zu einem bestimmten Thema ermitteln zu können, wird bitter enttäuscht. So hatte die Bayerische Staatsbibliothek in die Rubrik "special collections" u.a. eingetragen: "Gesch. Dtlds, Österreichs, d. Schweiz, Frankr. u. Italiens". Rein maschinell sind daraus für den Subject-Index folgende höchst aufschlußreiche Indexeinträge generiert worden: "Gesch Dtlds", "Österreichs", "d Schweiz", "Frankr u Italiens". Eine solidere Demonstration dessen, was unter Datenschrott zu verstehen sein könnte, ist kaum vorstellbar.

Um den Bearbeitern kein Unrecht zu tun, sei jedoch erwähnt, daß die Bibliotheksnamen aus nichtlateinischen Sprachen transliteriert und mit englischen Übersetzungen versehen wurden. So erfahren wir, daß sich hinter "Vissh institut po khranitelna i vkusova promishlenost Biblioteka" in Plovdiv das "Higher Institute of Food and F"(!) verbirgt.

Unerklärlich bleibt, warum manche Einträge aus Datensätzen nicht indexiert werden; eine Reihe von Bibliotheken hat in der Kategorie "membership" u.a. die Mitgliedschaft in der "International Association of Labour History Institutions" (IALHI) vermerkt. Im "Membership-Index" existiert weder der Eintrag "IALHI" noch die ausgeschriebene Fassung.

Erstaunen ruft die Konfrontation mit dem bislang unbekannten Bibliothekstypus "or" im "Classification Index" hervor. Des Rätsels Lösung in diesem Fall: "or" wird als Indexeintrag aus der Typenbezeichnung "Professional School or School Libs" generiert. Vergleichbare Beispiele mit ähnlich deprimierendem Ergebnis ließen sich in beliebiger Anzahl anführen.

Neben der Datenaufbereitung spielt natürlich die Qualität der Ausgangsdaten eine wesentliche Rolle zur Bewertung digitaler Nachschlagewerke. Umfang, Aktualität, Aussagekraft und Zuverlässigkeit stehen dabei im Vordergrund. Rein quantitativ fällt auf, daß die USA mit 35.255 bzw. Nordamerika mit 39.410 Bibliotheken von insgesamt 82.689 überproportional stark vertreten sind. Dies gilt auch für Deutschland, das mit 5.990 Einträgen hinter den USA an zweiter Stelle liegt. Andere Länder und Regionen sind allerdings deutlich unterrepräsentiert. Daß 7,8 Millionen Österreichern mit 891 exakt 100 Bibliotheken weniger zur Verfügung stehen sollen als 1,2 Milliarden Chinesen (991), oder daß aus dem Iran ganze 72 Bibliotheken verzeichnet sind, läßt doch arge Zweifel an der Ausgewogenheit und der dem Titel nach ("World Guide") intendierten Vollständigkeit aufkommen. Wenn die Datenerhebung in bestimmten Gebieten aus welchen Gründen auch immer nur begrenzt möglich war, sollte dies fairerweise offengelegt werden. Dennoch ist die Verzeichnung von über 80.000 Bibliotheksadressen und -profilen natürlich positiv zu bewerten.

Erfreulich ist auch der qualitative Umfang der Daten. Erstmals werden, soweit ermittelbar, auch E-Mail-Adressen und URLs wenigstens für nordamerikanische Bibliotheken angegeben. Die Erschließung der Bibliotheken nach Sondersammelgebieten und Spezialsammlungen böte einen einzigartigen Zugriff auf das Datenmaterial, wenn, ja wenn zur Beschreibung kontrolliertes Vokabular verwendet worden wäre...

Die Aktualität der Daten ist im allgemeinen zufriedenstellend, wenn auch der Berichtsstand Oktober 1997 wohl kaum für den gesamten Bestand gilt. So wird z.B. in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung als "director" noch immer der bereits im Juni 1995 verabschiedete ehemalige Leiter genannt. Die Zuverlässigkeit der Daten muß wenigstens hinsichtlich einiger Suchelemente stark bezweifelt werden: von 5.990 deutschen Bibliotheken setzen demnach ganze 22 die Software Allegro ein.

Angemessen werden die hierarchischen Beziehungen zwischen Zweig- und Hauptbibliotheken dargestellt. In den Kurztitellisten sind Zweigstellen durch ein vorangestelltes "-" erkennbar. Bei der Vollanzeige werden die Zweigstellenangaben immer mit denen der Hauptbibliothek verknüpft.

 

Softwareergonomische und programmtechnische Mängel

Die Retrievalsoftware ist in der Grundform aus vielen weit verbreiteten Anwendungen bekannt (VLB, DNB, BIP...). Es mag daher genügen, an dieser Stelle auf einige wenige Aspekte zu verweisen. An erster Stelle ist natürlich zu erwähnen, daß es sich zwar um eine zuverlässige Software handelt, moderne Marktstandards aber mit diesem DOS-basierten Produkt weit verfehlt werden. Der von Windows-Programmen verwöhnte Benutzer vermißt besonders schmerzlich die "Cut & Paste-" und die "Undo-Funktion". "Cut & Paste" wird durch den umständlichen "Strg + V-Befehl" nur unzureichend ersetzt. Besonders störend wirkt hierbei zudem, daß mit diesem Befehl ein auffallender Verstoß sowohl gegen die systemseitig wie auch gegen die von gängigen Windows-Anwendungen erzeugte Erwartungskonformität hervorgerufen wird. Bei allen Operationen im Browse-Modus wird erwartet, daß der Benutzer die von ihm für weitere Schritte ausgewählten Indexeinträge mit Enter markiert, um dann z.B. mit der F10-Taste die Kurz- oder Vollanzeige zu aktivieren. Die Eingabetaste bewirkt aber, daß der Cursor auf den nächsten Indexeintrag springt. Wird anschließend mit Strg + V bezweckt, den markierten Eintrag in den Search-Modus zu übertragen, so muß mit Erstaunen festgestellt werden, daß nicht der markierte, sondern der darauf folgende Indexeintrag übertragen wurde. Die Strg + V-Operation wirkt immer auf den Eintrag, auf dem sich der Cursor gerade befindet. Markieren des Eintrags, ansonsten immer verlangt, ist hier nicht nur nicht notwendig, sondern sogar hinderlich.

Positiv sei vermerkt, daß die Software Ausdruck und Download von Ergebnismengen in verschiedenen Formaten erlaubt, die mit einigem umständlichen Aufwand auch vom Anwender selbst definiert werden können. Die Bookmark-Funktion gestattet leider Anmerkungen nur bis zu maximal 65 Zeichen. Auch können die Bookmarks nicht permanent sichtbar gemacht werden.

Wünschenswert wäre, bei der Suche außer auf variable Rechts- und Binnentrunkierung auch auf Linkstrunkierung zurückgreifen zu können. Zwar sind Personennamen als Bestandteile der Namen von US-amerikanischen Bibliotheken manuell indexiert worden, so daß die "John F. Kennedy Memorial Library" im Index der Bibliotheksnamen auch unter "Kennedy, John F." recherchierbar ist, doch gilt dies nicht für außeramerikanische Einrichtungen. Die "Rudolf Steiner Bibliotheek" in Amsterdam ist als Körperschaft unter "Rudolf..." aufgeführt. Ohne Eingabe des Vornamens bleibt die Suche ergebnislos; zum Ziel führt dann allerdings eine etwas umständlichere Recherche mit dem Stichwort "Steiner": 20 Treffer müssen abgearbeitet oder durch Verknüpfung mit anderen Suchelementen minimiert werden.

Zeitraubend wirkt sich vor allem bei Stichwortsuchen aus, daß die Suchbegriffe in den Ergebnismengen nicht durch Highlighting markiert werden. Um bei der Suche nach dem Stichwort "Goethe" herauszufinden, daß die Harvard College Library über Sondersammlungen zu dem Weimarer Klassiker verfügt, bedarf es schon einiges Aufwandes.

Das Handbuch schließlich ist zwar umfangreich und meist verständlich, doch durchaus nicht ohne Fehler. So wird, da das Programm Umlaute und Diakritika nicht verarbeitet, der Hinweis gegeben, Umlaute müßten auf den Grundvokal reduziert werden. Tatsächlich aber muß - wie sonst üblich - ein "e" hinter dem Vokal eingefügt werden.

 

Gesamtbeurteilung/Bewertung

WGLplus veranschaulicht nachdrücklich alle Defizite, die auftreten, wenn das für Printausgaben ausreichend qualifizierte Datenmaterial lediglich digitalisiert und nicht für die im digitalen Medium viel intensiver mögliche Auswertung aufbereitet wird. Natürlich bietet die vorliegende CD-ROM gegenüber der Buchausgabe des World Guide to Libraries einen erheblichen informationellen Mehrwert. Dieser aber könnte um ein vielfaches größer sein, wenn die Daten durch Standardisierung und Normierung adäquat aufbereitet worden wären. WGLplus schöpft nur einen Bruchteil der Möglichkeiten aus, die dem Medium elektronische Datenbank potentiell innewohnen. Dem verärgerten Benutzer drängt sich das Wort vom "alten Wein in neuen Schläuchen" auf: aber nicht einmal das stimmt, denn der DOS-basierten Retrievalsoftware das Attribut "neu" zuzusprechen, wäre höchst unangemessen.

Für die kommenden Ausgabe von WGLplus ist daher sehr zu wünschen, daß mittels wirklich moderner Software auf Daten zugegriffen werden kann, die präzise und zuverlässige Recherchen ermöglichen. Entweder muß dafür ein angemessener redaktioneller Aufwand zur Vereinheitlichung der von den Bibliotheken gelieferten Angaben getrieben werden, oder die Fragebögen müssen so strukturiert sein, daß kontrolliertes Vokabular bereits beim Ausfüllen verwendet werden kann.