Ausgewählte Bibliographien
und andere Nachschlagewerke

Digitale Medien

Verantwortlich: Achim Oßwald


Aus Heft 2 (1999) der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Siehe auch die anderen Rezensionen der Rubrik.


Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka (CD-ROM)
(Rezensentin: Isa Schikorsky)

 

Die 1997 im Berliner Verlag Direktmedia erschienene CD-ROM mit Werken zur deutschen Literaturgeschichte "von Lessing bis Kafka" ist das Basiswerk der "Digitale[n] Bibliothek". Sie kann mit eindrucksvollen Zahlen aufwarten: Auf über 100.000 Bildschirmseiten werden 70.000 Seiten Text von insgesamt 58 Autoren und Autorinnen präsentiert. Nach Angabe des Verlags handelt es sich um "die mit weitem Abstand umfangreichste Sammlung literarischer Texte im deutschen Sprachraum". In Buchform entsprächen dem Inhalt der CD-ROM etwa hundert Bände zu je 700 Seiten. Im direkten Vergleich von Preis und Textmenge erweist sich das neue Medium als konkurrenzlos günstig, zumal die Werke größtenteils aus seriösen und kostspieligen Ausgaben übernommen wurden. Jede Textauswahl wird durch eine biographische Zeittafel, ein Porträt und eine Unterschrift des Autors ergänzt.

Die Zielsetzung der Produzenten geht jedoch über die unbestreitbaren quantitativen Vorzüge der Sammlung weit hinaus. Formuliert wird ein Anspruch auf Repräsentativität für die deutsche Literaturgeschichte von der Aufklärungszeit bis zur "klassischen Moderne" der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Die CD-ROM will "sowohl den Bedürfnissen eines breiten Lesepublikums als auch den spezielleren Interessen von Studierenden und Forschenden gerecht werden." (Booklet, S. 4). Durch die Produktinformationen werden hohe Erwartungen bezüglich der Informations- und Auswertungsmöglichkeiten geweckt.

Zur Textauswahl

Absicht des Werkes ist, für den Zeitraum "von Lessing bis Kafka" – also von etwa 1750 bis 1926 - "alle wichtigen Werke der deutschen Literatur zu erfassen" und "möglichst alle wichtigen literarischen Entwicklungen und Erscheinungen dieser Periode durch repräsentative Beispiele zu belegen" (S. 4). Berücksichtigt wurden Epen, Romane, Erzählungen und Novellen, Dramen, Gedichte und Essays. Dagegen blieben "Briefe und Tagebücher, Sammlungen von Volksliedern und -märchen sowie Abhandlungen, die sich mit naturwissenschaftlichen Fragen befassen" (S. 5), ausdrücklich ausgespart. Die auswahlleitenden Kriterien werden jedoch nicht transparent gemacht. In widersprüchlicher Weise favorisiert der Lektor an einer Stelle Autoren-, an anderer Werkrepräsentanz (S. 4f.) und begnügt sich ansonsten mit dem saloppen Hinweis, daß ein professioneller Leser möglicherweise das eine oder andere Werk vermissen werde.

Bezogen auf den Gesamtzeitraum erfüllt die Sammlung das Kriterium der Repräsentativität in höchst unterschiedlicher Weise. Die Auswahl spiegelt die jeweilige Epoche um so weniger wider, je weiter sie sich der Gegenwart annähert. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der älteren Literaturgeschichte. 39 der Autorinnen und Autoren wurden in den 85 Jahren zwischen 1715 und 1800 geboren und nur 19 im Verlauf des gesamten 19. Jahrhunderts. Die bedeutenden Dichter der Aufklärung, Klassik und Romantik sind nahezu vollständig und mit einem breiten Spektrum ihrer Werke vertreten. Allein Goethes Schriften beanspruchen ein Zehntel des Gesamtumfangs der Sammlung! Erste Fehlstellen sind für die Romantik zu verzeichnen. Die Entscheidung, auf volkspoetische Texte zu verzichten, hat zur Folge, daß eine entscheidende Entwicklungslinie dieser Phase gänzlich undokumentiert bleibt und zwei Hauptwerke der deutschen Romantik fehlen ("Des Knaben Wunderhorn" und "Kinder- und Hausmärchen"). In den folgenden Epochen werden die Lücken dann wesentlich deutlicher erkennbar. Zum einen wurde auf bedeutende Vertreter des "Jungen Deutschland" und des Vormärz verzichtet: Theodor Körner, Georg Herwegh, Ludwig Börne, Ferdinand Freiligrath und Karl Gutzkow sind in der Sammlung nicht vertreten. Zum zweiten fehlen, obwohl ausdrücklich von den "populären Erzählungen und Romanen des 19. Jahrhunderts" (S. 4) die Rede ist, gerade deren erfolgreichsten Verfasser. Namen wie Berthold Auerbach, August von Kotzebue, Willibald Alexis, Karl May oder Eugenie Marlitt sucht man vergeblich. Lassen sich diese Lücken noch mit Vorbehalten einer konservativen Literaturwissenschaft gegenüber der sogenannten "Trivialliteratur" erklären, so ist gänzlich unverständlich, warum für die Geschichte des Romans so wegweisende Werke wie z.B. Karl Immermanns "Die Epigonen" und Gustav Freytags "Soll und Haben" ausgespart wurden. Und warum fehlen die Gedichte Theodor Fontanes?

Völlig willkürlich wirkt schließlich die Textauswahl für die klassische Moderne. Hier verkehrt sich der behauptete Repräsentativitätsanspruch in sein Gegenteil. Für die deutsche Literatur der Jahrhundertwende stehen allein die Namen von sechs nach 1850 geborenen Autoren: Frank Wedekind, Christian Morgenstern, Rainer Maria Rilke, Franz Kafka, Georg Heym und Georg Trakl. Es fehlen wesentliche Vertreter des Naturalismus, Expressionismus und Symbolismus. Auch die Namen Heinrich und Thomas Manns sucht man vergeblich. Das entscheidende Auswahlkriterium war hier offensichtlich weniger die literaturhistorische Relevanz als vielmehr das frühe Sterbedatum der Autoren. Alle sechs waren zum Zeitpunkt der Herausgabe der CD-ROM seit 70 Jahre tot. Ihre Werke unterliegen damit nicht mehr dem Urheberschutz und dürfen kostenfrei genutzt werden.

Abgesehen von dem bei weitem nicht eingelösten Anspruch auf Repräsentativität bietet die CD-ROM gleichwohl eine beeindruckende Materialbasis, die grundsätzlich auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügt und bei einigen Autoren (z.B. Goethe, Schiller, Lessing) eine gute Übersicht über das Gesamtwerk erlaubt. Die Texte wurden zumeist aus soliden Werkausgaben der sechziger und siebziger Jahre übernommen und eingescannt. Wie Stichproben zeigen, liegt der Fehlerquotient im gängigen Toleranzbereich von maximal 2%.

Nutzungsmöglichkeiten

Die Zahl derjenigen, die die CD-ROM einlegen, um endlich Goethes "Faust" vom ersten bis zum letzten Vers zu lesen, dürfte gering sein. Auch ausdrucken wird man eher kürzere oder schwer zugängliche Werke wie Gedichte oder Essays, denn bei Romanen oder Dramen können Aufwand und Kosten leicht den Preis für ein Taschenbuch übersteigen. Nicht einmal die Herausgeber mögen die traditionelle Form einer narrativen Lektüre als besondere Stärke ihres Produkts bezeichnen. Statt dessen sollen vor allem neue, punktuelle Verfahren der Texterschließung und -auswertung und individuelle Entdeckungsreisen durch die Literaturgeschichte ermöglicht werden. Dazu gehören auch bibliothekarische Auskunfts- und Informationsdienstleistungen im Bereich Belletristik.

Handhabung

Nach der unkomplizierten Installation der CD-ROM erscheint ein übersichtlich gestalteter, zweigeteilter Standard-Bildschirm, der an die Doppelseite eines Buches erinnert. Links befinden sich die sechs Funktionsregister "Inhalt", "Suche", "Stellen", "Themen", "Notizen", "Diverses". Voreingestellt ist das Inhaltsverzeichnis. Rechts werden die jeweils aktiven Texte eingeblendet. Im Mittelbalken sind die Werkzeuge für das Markieren, Vergrößern, Verkleinern und Blättern mit einfachen Symbolen dargestellt. Die Registerseite läßt sich ausblenden, die Zahl der angezeigten Seiten variieren.

Die Benutzungsführung ist nicht optimal. Vor allem ungeübte Nutzer von CD-ROMs werden anfangs vermutlich mit einigen Orientierungsproblemen zu kämpfen haben. Hauptursache dafür ist das versteckte Hilfesystem. Hat man die Hilfefunktion gefunden, bieten vor allem die Videosequenzen anschauliche und fundierte Erklärungen für die wichtigsten Funktionsweisen des Programms.

Funktionsregister "Inhalt"

Zur Navigation durch das Textkorpus dient das Funktionsregister "Inhalt". In der Grundeinstellung ist die alphabetische Liste der Autoren von "Arnim, Achim von" bis "Winkelmann, Johann Joachim" zu sehen. Von den Namen aus läßt sich der Verzeichnisbaum immer weiter verzweigen: zu den Gattungen (bei Goethe z.B.: Gedichte, Versepen, Romane und Novellen, Aufzeichnungen und Aphorismen, ästhetische Schriften, autobiographische Prosa) und weiter zu Werk- und Gedichttiteln, Kapiteln oder Abschnitten. Jeweils am Beginn einer neuen Werkgruppe erscheinen auf der rechten Seite die entsprechenden bibliographische Nachweise in Kurzform. Zusätzliche, im "Pop-up-Menü" versteckte Steuerelemente erlauben unter anderem das Auffächern des gesamten Verzeichnisbaumes in bis zu drei Ebenen oder die Suche nach Werktiteln unabhängig vom Verfassernamen. Diese Funktion ist für die Beantwortung von Benutzerfragen in der Bibliothek besonders hilfreich.

Funktionsregister "Suche" und "Themen"

Beliebige Stellen innerhalb des gesamten Korpus können sekundenschnell angesteuert werden, per Mausklick gelangt man von Lessing zu Kafka. Die Suchoptionen können auch die bibliothekarische Auskunftstätigkeit erleichtern und häufig gestellte Fragen nach Gedichttiteln, Autoren bestimmter Werke, Beleg- und Fundstellen von Zitaten rasch beantworten helfen. Die Suche nach Einzelwörtern, durch Platzhalter markierten Wortbestandteilen oder komplexeren Begriffen (mit Wahl eines Wortabstandsfaktors, allerdings nur teillogischem UND) ist unkompliziert, dauert aber relativ lang, da sequentiell im Volltext gesucht wird. So führt etwa die Suche nach "Axt UND Zimmermann" unverzüglich zu dem Zitat "Die Axt im Haus erspart den Zimmermann" ("Wilhelm Tell", 3. Aufzug). Wer "wipfel* UND ruh*" eingibt, bekommt 16 Belege angezeigt, darunter auch Goethes Gedicht "Ein gleiches". Die Suche kann sich auf das gesamte Korpus erstrecken und sogar auf die weiteren CD-ROMs der "Digitalen Bibliothek" ausgedehnt werden, sie kann aber auch auf Einzelwerke oder Werkgruppen eines Autors beschränkt bleiben. Zu kritisieren ist allerdings, daß Wörter nur durch die Boolschen Operatoren "UND" und "ODER", nicht aber durch "NICHT" verknüpft werden können.

Verläßt man den Bereich eher spielerischer literarischer Fragestellungen und Entdeckungen, so offenbaren sich recht schnell die Leistungsgrenzen der Suchfunktion, die durch die generellen Schwächen der Volltextsuche sowie den Verzicht auf jede Art von Inhaltserschließung bestimmt sind. Es ist zum Beispiel nicht möglich, das Suchfeld auf bestimmte Gattungen (nur Romane, nur Lyrik) oder Zeiträume einzuschränken. Auch läßt sich die Fundstellenliste nur alphabetisch anzeigen, es fehlt die ungleich wichtigere Option einer chronologischen Sortierung der Ergebnisse. Eine fundierte wissenschaftliche Auswertung des Materials wird ferner durch zeit- und editionsbedingte Varianzen in der Orthographie, durch Übertragungsfehler und die mangelnde Repräsentativität des Korpus erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht. Vor allem wegen der nur unzureichend berücksichtigten Lyrik ist die CD-ROM deshalb auch als bibliothekarisches Auskunftsmittel nur begrenzt tauglich.

Die Ermittlung von Themenkomplexen und Motiven interessiert den Berufs- wie Freizeitleser von Belletristik gleichermaßen. Reizt es den Forscher möglicherweise, motivgeschichtlichen Entwicklungen nachzuspüren, so möchte der Genreleser vielleicht Abenteuerromane oder Krimis finden. Diesen Bedürfnissen dienen in der editorischen und bibliothekarischen Praxis Schlagwortverzeichnisse, Themenkreiskataloge und Register. Der günstige Kaufpreis der CD-ROM läßt entsprechende Erschließungsoptionen nicht zwingend erwarten. Um so erfreuter ist der Käufer deshalb, wenn er auf das Funktionsregister "Themen" stößt, das ihm eine Art "Rasterfahndung" (S. 10) nach spezifischen Themengebieten ermöglichen soll. Doch alle Versuche, mit Hilfe von Schlüsselbegriffen in absteigender Bedeutungsfolge zu einem brauchbaren Ergebnis zu gelangen, scheiterten. Das Verfahren, thematische Schwerpunkte aufgrund der Häufigkeit zentraler Begriffe zu ermitteln, mag für die Fachliteratur sinnvoll anzuwenden sein, für die Belletristik jedoch ist es ungeeignet, weil dort Themen nicht begrifflich, sondern narrativ-bildhaft entfaltet werden. Außerdem führen die extremen Unterschiede im Umfang der einzelnen Werke dazu, daß Essays wesentlich höhere Prozentwerte erreichen als Romane.

Funktionsregister "Stellen" und "Notizen"

Die Suchoptionen lassen sich vor allem von jenen Nutzern sinnvoll anwenden, die genau wissen, was sie finden wollen, weil sie die zu durchsuchenden Werke bereits kennen. Im Wiederfinden, Verwalten und Weiterverarbeiten von Textausschnitten und Zitaten liegen die überzeugendsten Anwendungsmöglichkeiten der CD-ROM. Über die Funktionsregister "Stellen" und "Notizen" können Textstellen markiert, kopiert, kommentiert, sortiert, gespeichert, ausgedruckt, gelöscht und in Textverarbeitungsprogramme übernommen werden. Die Möglichkeiten der Zusammenstellung individueller Zitat- und Textsammlungen eröffnet ein breites Anwendungsfeld für Wissenschaftler, Lehrer, Studierende und Schüler, z.B. bei der Anfertigung von Referaten, Arbeitsblättern, Haus- und Diplomarbeiten. Man kann thematisch relevante Textstellen zusammenstellen, ohne sie zuerst in Büchern anstreichen, und vor allem, ohne sie mühsam abschreiben zu müssen. Als besondere bibliothekarische Dienstleistung kann man den Benutzern gesuchte Zitate oder Gedichte als Ausdruck mitgeben.

Gesamtbeurteilung

Die CD-ROM bietet einen äußerst preisgünstigen Querschnitt der deutschen Literaturgeschichte von der Aufklärung bis zur klassischen Moderne, der jedoch für die Zeit ab 1850 keinerlei Repräsentivitätsanspruch mehr erfüllen kann. Die Textauswahl orientiert sich an einem konservativen, inzwischen weitgehend überholten Literaturbegriff. Die Auswertungs- und Recherchemöglichkeiten bleiben in vielen Einzelaspekten hinter den durch vollmundige Funktionsbeschreibungen geweckten Erwartungen zurück. Größere Ehrlichkeit und eine bescheidenere Zielsetzung hätten dem Produkt nicht geschadet. Unbedingt wünschenswert sind inhaltliche Erschließungen des Materials, um wirklich brauchbare und zuverlässige Suchergebnisse erzielen zu können. Professionelle Nutzer wären vermutlich gerne bereit, dafür einen höheren Kaufpreis zu bezahlen.