Verantwortlich: Achim Oßwald
Aus Heft 6 (2000) der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Siehe auch die anderen Rezensionen der Rubrik.
Überblick
Diese CD-ROM ist eine Jubeljahresausgabe in des Wortes doppelter Bedeutung: nicht nur Insider, alle, die sich mit der Kulturgeschichte des Buches und Buchhandels befassen oder an ihr interessiert sind, können jubeln. Auf einer handlichen CD-ROM werden Standardwerke wieder zugänglich, die seit langem auch auf dem Antiquariatsmarkt kaum mehr zu haben und teuer sind, bisher nur in Spezialbibliotheken konsultiert werden konnten und überdies viele Regalmeter beanspruchten. Zu verdanken ist dies dem Jubiläumsjahr 2000, in dem Gutenbergs 600. Geburtstag und das 175jährige Jubiläum des Börsenverein des Deutschen Buchhandels gefeiert werden. Aus diesem Anlass brachte der Berliner Verlag Directmedia die weltweit erste elektronische Geschichte des Buchwesens als Bd. 26 seiner Digitalen Bibliothek heraus. Gutenberg goes electronic, in der Tat! Auf der CD-ROM findet man eine gelungene Dreier-Kombination mit
Digitalisierung macht deren Speicherung zusammen mit über 6000 Textseiten auf einer CD-ROM und dazu die einheitliche Recherche im Gesamtkorpus möglich, wodurch die Arbeit mit Texten und Bildern sowie deren Integration weitaus komfortabler wird als vermittels den Büchern beigegebener traditioneller Register.
Inhalt
Herausgeber Mark Lehmstedt, ein durch profunde Beiträge zur Buchhandelsgeschichte namentlich des 18. Jahrhunderts sowie als Initiator des Leipziger Arbeitskreises zur Geschichte des Buchwesens und Spiritus rector des Leipziger Jahrbuchs zur Buchgeschichte international anerkannter Buchhistoriker, hat eine zweckgerechte und gemäß dem Anlass beziehungsreiche Auswahl getroffen. Immerhin zwei der wieder zugänglich gemachten Standardwerke sind Monumente, auf die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit Stolz zurückblicken kann: die Geschichte des deutschen Buchhandels von Friedrich Kapp und Johann Goldfriedrich, erschienen zwischen 1886 und 1913 in vier Bänden (insges. 2700 Seiten), und Friedrich Schulzes kulturhistorisches Mosaik Der deutsche Buchhandel in den letzten hundert Jahren (294 S.), erschienen 1925 zum hundersten Geburtstag des Börsenvereins beides Auftragswerke des Verbandes der Buchhändler und Verleger.
Vor 125 Jahren zum 50. Gründungstag des Börsenvereins, hatte der Verleger Eduard Brockhaus den Vorstand des Börsenvereins aufgefordert, die Abfassung einer umfassenden Geschichte des deutschen Buchhandels unter seine Ägide zu nehmen2. Dazu wurde die noch heute aktive Historische Kommission begründet, die nicht nur in dem leider zu früh verstorbenen Friedrich Kapp und schließlich in Johann Goldfriedrich geeignete Autoren fand, diese Anregung in die Tat umzusetzen, sondern die auch die materiellen Voraussetzungen schuf für das Entstehen dieses ob seines Materialreichtums noch heute unersetzlichen Werkes, an dem auch einige ihrer Mitglieder, Friedrich Kirchhoff, Friedrich Zarncke, Oskar von Haase und der Bibliothekar des Börsenvereins Hermann Meyer, selbst Hand angelegt hatten.
Wie der Kapp/Goldfriedrich erschien auch der Schulze ursprünglich im Verlag des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler, angeregt durch die Historische Kommission und in Auftrag gegeben durch den Vorstand des Börsenvereins. Autor Friedrich Schulze, seinerzeit Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums in Leipzig, zeichnete aber nicht nur die damals hundertjährige Entwicklung dieses Vereins nach, sondern ein facettenreiches Bild der Gesamtentwicklung des Buchhandels im 19. Jh., eingebettet in die geistigen Strömungen wie in den politischen, wirtschaftlichen und technischen Wandel der Zeit detailreich, lebendig, ja vergnüglich und darum lesenswert auch heute noch als ein Buch, das moderner Auffassung von Buchhandelshistoriographie nahe kommt.
Trefflich ergänzt werden die beiden nach wie vor wichtigen Standardwerke durch das sechsbändige biographische Lexikon Deutsche Buchhändler, deutsche Buchdrucker, erschienen 1902-1908, mit dem Rudolf Schmidt Beiträge zu einer Firmengeschichte des deutschen Buchgewerbes geleistet hat, die für die Zeit von Gutenberg bis 1900 ebenfalls von z. T. unersetztem Quellenwert sind.
Dass der Herausgeber auch dieses nur noch in Spezialbibliotheken erreichbare bislang umfangreichste Lexikon deutscher Buchhändler und Buchdrucker bis 1900 den Darstellungen hinzugefügt hat, erweist sich als unschätzbare Hilfe für jeden, der sich mit der facettenreichen Kulturgeschichte des deutschen Buchhandels intensiver beschäftigen will. Wer etwa bei Friedrich Schulze darauf stößt, dass der Preisbindungs-Kröner mit Speemann die Union Deutsche Verlagsgesellschaft gegründet hat und wissen möchte, wer eigentlich Speemann war, wird dank der Software der Digitalen Bibliothek auf 15 Fundstellen in allen auf der CD-ROM gespeicherten Werken verwiesen und kann u.a. Schmidts biographisches Lexikon öffnen, aus dem er erfährt, dass der 1844 geborene Johann Wilhelm Speemann, ein schwächliches Kind war, 1873 in Stuttgart einen Verlag begründete, mit dem ersten großen Vorhaben Das Kunsthandwerk viel Geld verlor, mit Lexika, Jugendzeitschriften und Prachtwerken hingegen viel Geld verdiente, so dass er sich 1882 eine Berliner Zweigstelle und den Verlag der Kgl. Museen leisten konnte, von 1890-96 Geschäftspartner Kröners wurde, dessen Reformbestrebungen als Börsenvereinsvorstandsmitglied von 1880-83 unterstützte und u.a. mit der Collection Speemann so berühmt wurde, dass er auch von Reinhart Wittmann in seinem vorerst neuesten Standardwerk zur deutschen Buchhandelsgeschichte zweimal erwähnt wird. Damit nicht genug kann er sich auch noch aus der von Mark Lehmstedt zusammengestellten Geschichte des deutschen Buchwesens in Bildern ein Porträt mit knappen biographischen Daten des 1910 verstorbenen Verlegers auf den Bildschirm holen, beliebig vergrößern und ggf. ausdrucken sowie einen Prachtband von Kürschners historisch-kritischer Ausgabe der Deutschen Nationalliteratur bewundern, die zu den erfolgreichsten Großprojekten des Verlages zählte.
Als sinnvoll erweist sich auch, dass Lehmstedt den genannten alten Standardwerken, denen natürlich Patina anzumerken ist, ein neueres beigegeben hat, eben Reinhard Wittmanns Geschichte des deutschen Buchhandels in einem Band (439 S.), das bei aller Gedrängtheit durch Berücksichtigung neuerer Forschungsergebnisse (mit Verweis auf die Literatur) die älteren Darstellungen ergänzen und in ihren zeitgebundenen Wertungen korrigieren kann.
Von besonderem Wert ist Lehmstedts Bildersaal zur Geschichte des deutschen Buchwesens, der die Bleiwüsten der meist bildlosen Darstellungen trefflich illuminiert. Hier kann man in 50-Jahres-Schritten die Entwicklung des Buchwesens in Bildern durchwandern oder gezielt Abbildungen zu Textstellen abrufen. Neben Porträts bedeutender Buchhändler und Verleger findet man Sachzeugen zur Entwicklung der Buchkultur von der Handschrift über das Blockbuch, über Frühdrucke, Flugschriften, Newe Zeytungen und Titelblätter bedeutender Erstausgaben des 17. und 18. Jh. bis zur ersten CD-ROM des Directmedia-Verlages als listige Eigenwerbung. Natürlich ist die Auswahl subjektiv und von vorhandenen Vorlagen abhängig. Doch ist hiermit ein Anfang gemacht, der ausgebaut werden sollte.
Handhabung
Die Handhabung der Digitalen Bibliothek wurde anlässlich ihres ersten Bandes Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka von Isa Schikorsky ausführlich beschrieben.3 Die Rezensentin bemängelte damals die Benutzungsführung und das versteckte Hilfesystem. Leider hat sich daran bei Bd. 26 immer noch nichts geändert. Die Hilfe findet man nur mit Glück unter der Registerkarte Diverses. Es öffnen sich Optionen mit einem Feld Hilfe. Klickt man das an, kommt zunächst eine Übersicht über die Bände der Digitalen Bibliothek. Erst über eine weitere Registerkarte Inhalt gelangt man endlich zu den Hilfethemen. Die aber erläutern gut und fasslich, was die Software alles erlaubt und ermöglicht. Und das reicht bis zu Notizen zum Text, Markierungen im Text und komplexen Recherchen. Die Suchfunktionen sind sehr variabel und durch Boolsche Operatoren mit einem Rechercheassistenten nahezu optimal. Man darf eben nur nicht vergessen, wo das hilfreiche Osterei versteckt war, wenn man sich die gepriesene Softwarefunktionalität erobern will! Eine verbesserte Benutzerführung ist dringend zu wünschen.
Gesamturteil
Die Edition schließt eine Lücke. Sie bietet zum Preise von 149. DM den Zugriff auf Standardwerke der Buchhandelsgeschichte, deren Größe und Grenzen der Herausgeber in einer Einleitung zu dieser CD-ROM kenntnisreich würdigt. Buchhandelsgeschichte aber ist nicht gleichzusetzen mit Geschichte des deutschen Buchwesens. Buchgestaltung, gar Buchillustration werden allenfalls angerissen, Bibliotheken durchaus Teil des Buchwesen kommen so gut wie gar nicht vor. Insofern täuscht der Titel, auch wenn der Herausgeber in seiner Einleitung nachweisen zu müssen glaubt, dass in Deutschland Geschichte des Buchwesens in erster Linie als Buchhandelsgeschichte verstanden und betrieben (wird), während etwa schrift-, papier-, druck-, einband-, rechts- und bibliotheksgeschichtliche oder bibliographische Aspekte ihr zu- und damit untergeordnet werden.4 Es irrt der geschätzte Herausgeber, wenn er meint, diese Orientierung habe sich als tragfähig erwiesen. Auch Göpfert den der Autor selbst zitiert fasst Literaturvermittlung als verbindende Aufgabe aller Institutionen des Buchwesens weiter. Kommerzielle Literaturvermittlung durch den herstellenden und verbreitenden Buchhandel ist fraglos eine entscheidende Schaltstelle des typographischen Kommunikationssystems5, aber eben nur eine unter anderen. Insofern verheißt der Titel dieser ersten CD-ROM Fortsetzungen. Schottenlohers Kulturgeschichte des Buches böte sich dafür ebenso an wie die Edition Quellen zur Geschichte des Buchwesens und warum nicht auch bibliotheksgeschichtliche Standardwerke. Vor allem wäre ein Ausbau der Geschichte des deutschen Buchwesens in Bildern zu wünschen. Lücken, etwa zur Buchkunstbewegung der Jahrhundertwende, könnten dann geschlossen werden. Der verdienstvolle Herausgeber, der ohne ersichtlichen Grund für Erraten in vorgehenden Büchern mit der Schlussseite Typographus lectori aus Thurneyssers Quinta essentia (1574) beim Leser um gute meinung bittet, verdient ebenso Dank und Anerkennung wie der Verlag. Zu hoffen ist dreierlei:
1 Lehmstedt, M.: Einführung, S. 3 (Zurück zum Text)
2 Kapp, F.: Geschichte des deutschen Buchhandels, Bd. 1. Leipzig 1886, S. VI (Zurück zum Text)
3 S. ZfBB 46 (1999) 2, S. 169 ff. sowie http://www.klostermann.de/zeitsch/osw_466.htm (Zurück zum Text)
4 Lehmstedt, M.: Einführung S. 7f. (Zurück zum Text)
5 Ebenda S. 8 (Zurück zum Text)