Rezensionen Digitale Medien

Verantwortlich:Achim Oßwald


Aus Heft 3/4 (2001) der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Siehe auch die anderen Rezensionen der Rubrik.


Jakob Nielsen´s Website (Rezensent: Achim Oßwald)

Unter dem Titel „useit.com : Jakob Nielsen´s Website" finden alle jene, die Webseiten gestalten wollen, eine Vielzahl von wichtigen Hinweisen zu deren benutzungsgerechter und benutzerfreundlicher Ausgestaltung. Autor und spiritus rector der Website, der „Usability-Papst" (A. Kühner in „Wirtschaftswoche heute" vom 15.2.2001; http://wiwo.de/WirtschaftsWoche/Wiwo_CDA/0,1702,13563_56611,00.html) ist Jakob Nielsen. Er bietet hier nicht nur ein Archiv seiner seit Juni 1995 im zweiwöchigen Rhythmus an Abonnenten unentgeltlich versandten Kolumne „The Alertbox", sondern auch Reports und Buchempfehlungen für den Bereich nutzerfreundliches Webdesign sowie eine empfehlenswerte Linkliste über Webdesign und Benutzer- bzw. Benutzungsschnittstellen (user interfaces). Das Angebot ist mit einer externen Suchmaschine auf Stichwortbasis durchsuchbar. Dies alles ist eingebettet in zahlreiche Hinweise auf Aktivitäten von Nielsen und seiner Firma, auf die Presseresonanz, die seine Aktivitäten erfahren haben und auch auf Nielsen selbst. Trotz dieser sehr nach Eigenwerbung Nielsens klingenden Zusammenstellung ist eine Erwähnung und Besprechung in dieser Rubrik vertretbar, denn Nielsens Site zeigt exemplarisch, dass sachdienliche Information nicht nur als teures Verlagsprodukt oder auf der Grundlage einer staatlichen bzw. supranationalen Projektförderung zustande kommen und angeboten werden kann. Inhaltliche Seriosität als kontinuierliches Angebot kann gerade im WWW auch unentgeltlich gefunden werden (- wie lange noch, werden wir sehen -), wenn eine langfristige Perspektive der Informationsweitergabe und - damit verbunden – des Marketings zum Tragen kommt. Die Beständigkeit des Angebots kann als Indiz dafür gewertet werden, dass alle Beteiligten etwas davon haben. Mehr als 5,8 Millionen Seitenzugriffe für die Alertbox im Jahr 2000 und 9 Millionen für die Useit-Seite sind ein deutliches Indiz. Allerdings steht Nielsen gerade hier unter Zugzwang: Seine Botschaft besteht ja in Hinweisen, wie Webseiten noch stärker an Nutzerinteressen ausgerichtet werden können. Bei seinen eigenen Seiten muss er unter Beweis stellen, dass die von ihm propagierten Konzepte auch funktionieren. Und sie tun es offensichtlich!

Alertbox

Die alle 14 Tage erscheinende, 2-4seitige Kolumne (www.useit.com/alertbox/) ist ein Muss für all jene, die an Fragen der Benutzungsfreundlichkeit von Online-Angeboten interessiert sind und gleichzeitig auch Hauptinstrument von Nielsens Marketing. Sowohl in der inhaltlichen Aufbereitung wie auch in der Prägnanz der Aussagen ist die Alertbox eine eindrucksvolle Informationsdienstleistung. Prägnante Überschriften, aussagekräftige Zusammenfassungen von selten mehr als 3-4 Zeilen und schnörkellose Aussagen, belegt mit konkreten Zahlen und Fakten, geben einen klaren Überblick zum Thema. Die retrospektive Auflistung der Alertbox-Beiträge bietet eine Besonderheit: Die am stärksten nachgefragten Themen werden in der Schriftintensität hervorgehoben. Am Rande kann man hier noch ein weiteres interessantes Feature entdecken: All jene, die die Informationsangebote von Nielsen gut finden, können diese freiwillig über ein von Amazon angebotenes Formular mit mindestens 2$ honorieren – und nehmen damit gleichzeitig an einem Feldversuch zum Thema Micropayment teil. Mehr als 1000$ hat Nielsen schon auf diesem Wege als Anerkennungshonorar erhalten.

Reports

Mit seinen Reports spricht Nielsen spezielle Zielgruppen an. In der aktuell (April 2001) aufgelegten Reportserie thematisiert er beispielsweise „Design Guidelines for E-Commerce User Experience" und vermarktet dabei das in der Alertbox häppchenweise angebotene Know-how als niedrigpreisige digitale Publikation (PDF-Datei zum Herunterladen für $45). Das vergleichbare Printprodukt kostet – fast möchte man sagen „selbstverständlich" - mehr. Anders als die Reports so manches Beratungsunternehmens werden zu den einzelnen Berichten Zusammenfassung, Gliederung und Beispielseiten als Vorabinformation unentgeltlich angeboten.

Buchempfehlungen

Eine Liste empfohlener Bücher, in der die eigenen Publikationen des in Kalifornien lebenden, ausgeprägt selbstbewussten Dänen aufgenommen sind, ist eine von Nielsen annotierte, subjektiv zusammengestellte Auswahl. Nicht zu empfehlende Bücher werden hier ebenfalls genannt. Zwar ist die Liste beschränkt auf englischsprachige Publikationen, allerdings bietet sie eine durchaus hilfreiche, nach den Aspekten

gruppierte Zusammenstellung. Typisch für Nielsens Konzept ist, dass alle Titel auf der Grundlage einer Zusammenarbeit mit dem Online-Buchhandel Amazon.com direkt bestellt werden können.

Linkliste

Die „Hotlist of recommended links about Web design and user interfaces" zeigt viel Subjektives, führt aber über diverse Links zu weiteren, sehr interessanten Zusammenstellungen. Sicher nicht zufällig sind immer wieder Hinweise auf Beiträge von Geschäftspartnern mit eingeflochten. In allen diesen Beiträgen und Angeboten kommt Nielsens inhaltliche Zielsetzung klar zum Ausdruck: Er verfolgt eine konservative, sachliche und gegen das Spielerische von Webseitengestaltern angehende Strategie. Dies kommt in einem seiner Grundsätze zum Ausdruck: „Benutze keine Technik, die nicht mindestens seit zwei Jahren auf dem Markt ist, sonst wird sie von zu wenigen Leuten genutzt und die Mehrheit der Internetnutzer kann deine Website nicht ansehen." (zitiert nach Kühner ebd.).

Gesamteinschätzung

Für all jene, die eine auf kompetenter, wenn auch z.T. deutlich subjektiver Grundlage erstellte Seite mit aktuellen methodischen Hinweisen zum Thema Webseitendesign und speziell im Hinblick auf Benutzungsfreundlichkeit (usability) von Webseiten suchen, bietet dieses Angebot portalartige Funktionen. Speziell die „Alertbox" offeriert hierfür als zeitlich unaufwändiger Pushdienst die Möglichkeit, aktuelle Trends in diesem Themengebiet mitzuverfolgen. Die Dienstleistung stellt allerdings keine Anleitungen zum eigentlichen Design der Seiten bereit. Irritierenderweise hat Nielsen, der seine Seiten nach eigener Aussage selbst erstellt, diese vergleichsweise spartanisch realisiert. Aufzählende Listen und ähnliches fehlen weitgehend und die Navigationsangebote könnten durchaus optimiert werden. Dank der interessanten und aktuellen Inhalte stören sich die Nutzer daran offensichtlich kaum.