Verantwortlich: Achim Oßwald
Aus Heft 6 (2001) der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Siehe auch die anderen Rezensionen der Rubrik.
Überblick
Die 1977 bis 1999 erschienene Buchausgabe des "Lexikon des Mittelalters" in neun Bänden und einem Registerband hat sich als unentbehrliches Standardwerk erwiesen. Obwohl es gewiss auch Kritikpunkte - Lücken, Disparitäten, schwache Artikel - gibt, ist es von den Rezensenten geradezu emphatisch aufgenommen worden.1 Interdisziplinarität und Internationalität sowie die Kompetenz der Autoren und Autorinnen sind die großen Stärken des Nachschlagewerks. Wer sich über entlegene Fachgebiete oder Länder von der Spätantike bis 1500 knapp und fundiert unterrichten möchte, ist gut beraten, das Lexikon des Mittelalters zur Hand zu nehmen. Für die CD-ROM-Ausgabe wurde das Werk mit seinen über 36.000 Artikeln komplett neu erfasst (mittels doppelten manuellen Abschreibens). Die anschließende Kontrolle hat funktioniert, denn die von mir aufgespürten wenigen Fehler fallen nicht wirklich ins Gewicht. Die "Steinschnedekunst" unter den Fachgebieten kann vom Benutzer leicht berichtigt werden.
Technische Hinweise
Die CD-ROM läuft nur unter Windows 95/98/NT. Man kann sowohl den ganzen Datenbestand (180 MB) auf die Festplatte kopieren als auch von der CD-ROM aus arbeiten. Die Installation verlief auf mehreren Rechnern (jeweils unter Windows 95) reibungslos. Es ist ein kleines Heftchen beigegeben, das in verständlicher Form und anhand von Screenshots die wichtigsten Bedienungshinweise enthält. Die ausführliche Online-Hilfe gilt allgemein der zugrunde liegenden Software AND CompLex (Version 4.1), einer "Plattform für elektronische Publikationen". Obwohl die Screenshots sich auf eine englischsprachige Benutzungsoberfläche beziehen, kann man sich darin zurechtfinden.
Benutzung
Das Ansteuern der Artikel durch ein Eingabefeld auf der linken Bildschirmhälfte ist einfach. Im rechts daneben geöffneten Textteil des Lexikons kann dann wie in einem Buch geblättert werden. Querverweise sind dankenswerterweise als Links markiert. Dies gilt leider nicht für die Abkürzungen, die in separaten Verzeichnissen enthalten sind, die man am besten "auskoppelt" und für die Zeit des Arbeitens mit den Artikeln auf die Windows-Leiste stellt. Die Literaturangaben müssen jeweils gesondert aufgerufen werden, ebenso der Nachweis, wo sich der Artikel in der gedruckten Ausgabe befindet.
Die Verlagsangabe, die CD-ROM könne die gedruckte Ausgabe ersetzen, ist in mehrfacher Hinsicht unzutreffend. Will man aus dem Lexikon wörtlich zitieren, so muss man in der Regel bei Artikeln, die über mehrere Spalten gehen, doch das Buch zur Hand nehmen, da ein exakter Verweis durch die fehlende Markierung des Seitenwechsels nicht möglich ist. Ärgerlicherweise fehlt auch jegliche Angabe zu den Erscheinungsjahren der einzelnen Bände auf der CD-ROM. Nicht digitalisiert wurde das Mitarbeiterverzeichnis der einzelnen Bände mit den dort angegebenen Ortsangaben. Gänzlich unakzeptabel ist, dass die Verfasser und Verfasserinnen in der Datenbank ohne ausgeschriebene Vornamen erscheinen - wer eine Zitierweise mit Vornamen gewohnt ist, darf die Printausgabe wälzen!
Die Datenbank bietet mit der Aufgliederung der Artikel nach Fachgebieten (die wiederum zusätzlich großen Themen zugeordnet wurden, innerhalb der sie hierarchisch aufgelistet sind) eine ausgezeichnete Sacherschließung, die weit über das hinausgeht, was der ein Jahr zuvor erschienene miserable Registerband der gedruckten Ausgabe zu bieten hatte.
Suche
Will man die Möglichkeiten der elektronischen Erfassung ausschöpfen und im Volltext suchen, so ist dies nicht ganz so komfortabel möglich. Die "Allgemeine Suche" bietet eine Volltextrecherche mit den üblichen Booleschen Operatoren (und, oder, nicht) und der Möglichkeit zur Nutzung von Stellvertreterzeichen (* steht für mehrere Zeichen). Werden diese verwendet, so muss zusätzlich ein eigenes Kästchen angeklickt werden. Eine Phrasensuche ist über den Umweg des sogenannten Distanzoperators # möglich. Den "Frankfurter Reichstag" findet man, wenn man frankfurt #1 reichstag eingibt. Da ich lange gebraucht habe, bis mir dank der Onlinehilfe auffiel, dass bei der erweiterten Suche die einzelnen Kategorien (Personen, Städte, Klöster, Familien, Dynastien, Stammtafeln, Verfasser) mit der Volltextsuche kombiniert werden können, sei diese mächtige Suchmöglichkeit besonders hervorgehoben. So kann man beispielsweise versuchen, sich mittels der Kombination der Wildcard * in der Kategorie Klöster mit der Volltextanfrage nonne* <oder> schwester* <oder> fraue* <oder> kanoniss* <oder> äbtiss* an eine Liste der Frauenklöster (eine Teilmenge der 930 Klöster) heranzutasten. Durch Kombination des Fachgebiets zur jüdischen Geschichte und Kultur mit der Kategorie Personen stellt man fest, dass 81 einschlägige biographische Artikel vorliegen.
Eine auf den Inhalt der Literaturangaben beschränkte Suche ist nicht möglich. Nicht gefunden werden bis zu dreistellige Kürzel wie "Cgm" oder "EM". Somit können auch Zeitschriftenabkürzungen erst ab vier Stellen recherchiert werden. Nicht möglich ist es, bei Verfassernamen in den Literaturangaben eine Einschränkung anhand des abgekürzten Vornamens zu erzielen. Dieser wurde, da einstellig, nicht indiziert. Der Umgang mit der Ergebnisliste und insbesondere das Scrollen erwies sich als etwas mühsam.
Datenexport
Will man die Ergebnisse abspeichern, so kann man sie in eine Textdatei ausgeben lassen. Allerdings gibt es keine elegante Möglichkeit, Artikel und zugehörige Literaturangaben in eine einzige Datei zu exportieren. Dazu müssen Artikel und Bibliographie in der Ergebnisliste hintereinander zu stehen kommen. Willkommen sind die Möglichkeiten, den Suchverlauf protokollieren zu lassen sowie Lesezeichen und Kommentare im Text anzubringen. Eine Querverweisfunktion erlaubt, einen im Text markierten Begriff im ganzen Lexikon zu suchen (Option der rechten Maustaste).
Gesamteinschätzung
Trotz der angesprochenen größeren und kleineren Mängel ist der digitale "Mehrwert" beachtlich. Die bekannten Nachteile der alphabetischen Anordnung können auf diese Weise überwunden werden. Die Volltextsuche gestattet es in Verbindung mit der Zuordnung der Artikel zu Fachgebieten sachliche Felder zu erschließen, Querverbindungen und Assoziationen herzustellen, auf die man über das Verweissystem der gedruckten Ausgabe nicht gekommen wäre.
Ein wirkliches Ärgernis ist diese CD-ROM nur im Hinblick auf das Preis-Leistungs-Verhältnis: Sie ist schlicht und einfach zu teuer und dies vor allem für die Käufer der gedruckten Ausgabe, die nur einen viel zu geringen Rabatt erhalten. Der Verlag berechnet für die CD-ROM von den Beziehern der Originalausgabe (diese kostet 4.770 DM) für eine Einzelplatznutzung 1.680 DM. Einzeln werden für die CD-ROM 1.999,80 DM verlangt - für Studenten und wohl auch viele Bibliotheken unerschwinglich! Das ist durchaus dreist zu nennen, hält man sich vor Augen, dass die Kosten für den Redaktionsstab von den Käufern der gedruckten Bände getragen wurden. Das Lexikon war für den Verlag ein unternehmerischer Erfolg. Für den Erwerber der CD-ROM ist der 1999 zum Preis von 298 DM erschienene, absolut überflüssige Registerband ein schlechter und teurer Witz. Dass es auch anders geht, zeigt beispielsweise die zehnbändige Routledge Encyclopedia of Philosophy, die für knapp 2.300 Pfund mit CD-ROM zu haben ist, ohne solche für knapp 2.000 Pfund. Ob die Preispolitik des Metzler-Verlages durch einen Kauf unterstützt werden soll, muss jeder selbst entscheiden.
1 Vgl. exemplarisch Christian Heitzmann in: Informationsmittel für Bibliotheken 1999, online: www.bsz-bw.de/depot/media/3400000/3421000/3421308/99_0418.html.