Rezensionen Digitale Medien

Verantwortlich:Achim Oßwald


Aus Heft 2 (2002) der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Siehe auch die anderen Rezensionen der Rubrik.


DEPATISnet (Rezensentin: Ursula Georgy)

Die kostenlosen Angebote im Bereich Patentinformation im Internet sind vielfältig. So wie die Gesamtzahl der Informationsangebote im Internet gestiegen ist, so ist auch die Zahl der Anbieter von Patentinformationen in den letzten vier Jahren sprunghaft angewachsen. Eines der letzten ganz großen Projekte war die Inbetriebnahme des Internet-Service www.depatisnet.de im April 2001, über den das Deutsche Patent- und Markenamt (DPMA) sein gesamtes elektronisches Archiv DEPATIS, das im Juli 1999 in Betrieb genommen wurde, der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. In dem Umfang von mehr als 25 Millionen Dokumenten sind alle deutschen Patente seit 1877, sowie weitere große Datenbestände u. a. aus den Ländern Australien, Großbritannien, Japan, der ehemaligen Sowjetunion und USA enthalten. Bei der Nutzung von DEPATISnet wird immer wieder deutlich, dass es sich um ein Instrumentarium handelt, das primär für die Prüfer des DPMA entwickelt wurde (Untersuchungszeit für diese Rezension: Anfang November 2001). In einer weiteren Stufe hat man dieses Angebot dann der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Zielsetzung war, dass alle Prüfer elektronischen Zugriff auf alle im Patent- und Markenamt archivierten Datenbestände haben.

Recherchemöglichkeiten

Ruft man DEPATISnet über www.depatisnet.de oder über die Seiten des Deutschen Patent- und Markenamtes (www.dpma.de) auf, so stehen dem Benutzer nach Auswahl der Dialogsprache Deutsch oder Englisch fünf verschiedene Recherchemöglichkeiten zur Verfügung: Einsteiger-, Experten-, IKOFAX-, Assistenten- und Patentfamilienrecherche, die über Eingabemasken bedienbar sind. Aber spätestens hier tauchen die ersten Fragen auf: Sind die Datenbestände vollständig, und, ab welchem Zeitpunkt werden sie erfasst? Eine Antwort findet man in den Erläuterungen leider nicht oder nur sehr schwer. Zu beachten bei einer Recherche ist auch, dass die Daten in der Originalsprache bzw. bei japanischen Schriften in Englisch in DEPATIS eingestellt werden. Somit müssten bei einer umfangreichen, auf Vollständigkeit angelegten Recherche, die Begriffe in den verschiedenen Sprachen eingegeben werden.

Die IKOFAX-Recherche stellt primär ein Rechercheinstrumentarium für die Spezialisten dar, die die interne Abfragesprache des DPMA beherrschen. Für den Endnutzer sind vor allem der Einsteiger- und Expertenmodus von Interesse. In beiden Fällen werden dem Rechercheur zu allen Eingabefeldern Mustereingaben angezeigt. Im Zweifelsfalle sollte der Menüpunkt "Hilfe" aufgerufen werden, der zu den verschiedenen Eingabemöglichkeiten z. B. im Expertenmodus umfangreiche Erläuterungen enthält. Die Abfragesprache im Expertenmodus orientiert sich an der Retrievalsprache von STN, die den meisten Patentrechercheuren geläufig und vertraut ist. Jedoch wären mehr Verlinkungen zwischen Eingabemodus und Hilfefunktion für den Rechercheur nützlich. Hilfreich dagegen ist die Verlinkung mit der Internationalen Patentklassifikation (IPC), die sich vor allem für Einstiegsrecherchen oder Rechercheeinschränkungen empfiehlt sowie die Möglichkeit der Patentfamilienrecherche, die alle Dokumente ermittelt, die auf der gleichen Basiserfindung beruhen, d. h. die die gleiche Priorität besitzen.

Dokumentausgabe

Die Ausgabe von Dokumenten ist wie fast bei allen kostenfreien Internet-Angeboten mühsam. Sind z. B. 15 Dokumenttitel von Interesse, müssen diese einzeln angeklickt und in separaten Dateien abgespeichert werden. Allerdings besteht im DEPATISnet die Möglichkeit, sich zumindest von den meisten deutschen Patenten das Deckblatt, die Ansprüche, die Beschreibung und die Zeichnungen separat anzeigen zu lassen, was die Arbeit wesentlich erleichtert, da vielfach z. B. nur die Zeichnung von Interesse ist. Leider hat man eine Funktion aus der Testversion von DEPATIS nicht realisiert: Dort war es in einer Ausgabevariante möglich, sich eine Übersicht der Faksimile-Seiten anzusehen und nur die als relevant erachteten Seiten auszuwählen.

Wie bei den meisten anderen Internetangeboten gibt es auch hier zu den Dokumenten keine Zugangs- bzw. Dokumentnummer innerhalb der Titelliste. Eine Zuordnung zwischen Titelliste und ausgegebenem Dokument ist somit nur über die Veröffentlichungsnummer möglich, was eine schnelle Zuordnung aber fast unmöglich macht.

Unterstützung bei der Nutzung

Viele Patentangebote im Internet richten sich an Endnutzer, ohne ihnen jedoch die notwendige Unterstützung zu liefern. Das Angebot von DEPATISnet bietet hier einen guten Service: die Assistentenrecherche. Dem Rechercheur wird die Möglichkeit gegeben, eine Suchanfrage zu formulieren und diese an ein Patentinformationszentrum (PIZ) der eigenen Wahl zu senden. Experten geben hier Ratschläge oder führen nach Auftragsvergabe kostenpflichtige Ergänzungsrecherchen durch. Trotzdem wird ein Problem mit diesem Tool nicht gelöst: Der gelegentliche Nutzer hat kaum die Möglichkeit, sich über Umfang, Vollständigkeit und Verfügbarkeit des als Grundlage der Recherche genutzten Archivbestandes kundig zu machen. Die Zahl von 25 bis 30 Millionen Dokumenten erscheint viel, doch kann es bei Patenten auf ein einziges Patent ankommen, das gefunden wird oder auch nicht. Daher wäre es wünschenswert, dass bereits auf den Eingangsseiten, ähnlich wie im ESPACENET, ein deutlicher Hinweis darauf gegeben wird, wo Lücken bestehen und in welchen Fällen im Zweifelsfalle ein professioneller Rechercheur in Anspruch genommen werden sollte, der sowohl Hilfestellung bei der Recherche im Bestand des DEPATISnet geben als auch Recherchen in anderen Quellen zum gewerblichen Rechtsschutz, z. B. kostenpflichtigen Datenbanken, durchführen kann.

Gesamteinschätzung

Für Patentinformation sind folgende Eigenschaften unverzichtbar: Vollständigkeit, Verfügbarkeit eines Archivbestandes, Aktualität, Zuverlässigkeit der Daten und Zuverlässigkeit der Verfügbarkeit. Darüber hinaus spielen Recherchevorbereitung, Suchmöglichkeiten, Erstellung komplexer Fragestrategien, Komfort der Dokumentausgabe, Speicherung von Frageprofilen sowie die Zuordnung von Dokumenten zu Titellisten eine wesentliche Rolle. Hier bieten die klassischen Anbieter wie z. B. Derwent mit seinem World Patents Index unvergleichlich mehr Service als DEPATISnet. Doch für einen Schnelleinstieg, einen ersten Themenüberblick oder die Ansicht einer Patentschrift ist DEPATISnet ein geeignetes Instrumentarium. Und eines ist auch sicher: Keinem Anbieter oder Datenbankhersteller von Patentinformation ist es in den letzten 15 Jahren gelungen, in so großer Zahl Endnutzer, z. B. Studierende, Schüler, klein- und mittelständische Unternehmen sowie Ingenieurbüros für das Thema "gewerblicher Rechtsschutz" zu interessieren wie den Internetanbietern von kostenlosen Patent- und Markeninformationen. Das DEPATISnet nimmt innerhalb dieses Angebotes eine wichtige Rolle ein. Patentspezialisten, Rechercheprofis und Bibliothekare beobachten die Entwicklung der Internetangebote stets mit großer Skepsis. Doch sollten sie das Angebot eher als Chance sehen und den Kunden über Lücken und weitere Recherchemöglichkeiten aufklären. Im Aufzeigen der qualitativen und quantitativen Unterschiede können sie ihre Stärken zeigen.

Unabhängig davon ist DEPATISnet auch für den Profirechercheur ein hilfreiches Instrumentarium im Bereich der Patentrecherche. So eignet sich das DEPATISnet z. B. für Vorrecherchen, denn man erhält in kurzer Zeit eine Vielzahl von Begrifflichkeiten, die für die professionelle Recherche eingesetzt werden können. Ebenso ist es eine Möglichkeit, auf schnellem Wege kostenlos die Volltexte oder auch nur die Grafiken zu einzelnen Patenten abzurufen.