Verantwortlich: Achim Oßwald
Aus Heft 3 (2002) der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Siehe auch die anderen Rezensionen der Rubrik.
Die Vielfalt der Forschung und förderpolitischen Maßnahmen zum Thema Digitale Bibliothek in Deutschland ist auch für Experten unüberschaubar geworden. Nur wenige sind in der Lage, einen Gesamtüberblick zu geben, und Spezifika einzelner Forschungssegmente werden zunehmend zu einer Sache der Spezialisten. Diese wissenschaftstypische Ausdifferenzierung des Themas Digitale Bibliothek/digital library ist ein Problem nicht nur für all jene, die sich den Überblick zu den Entwicklungen im Themengebiet bewahren wollen. Neu- und Quereinsteigern oder Studierenden, die sich mit neuen Ideen und Wünschen in das Themengebiet einarbeiten, sind mit der latenten Befürchtung konfrontiert, bei ihren Recherchen dem Anspruch auf eine umfassende Bestandsaufnahme nicht gerecht werden zu können. Sie können in den seltensten Fällen auf über Jahre gewachsene Beziehungen zurückgreifen, von denen sie Tipps und weiterführende Hinweise erhalten könnten.
Dieses Gefühl der Unsicherheit dürfte die Initiatoren des Servers "digital library forum" vielleicht auch veranlasst haben, dieses Projekt zu realisieren. Überwogen haben mag aber die Zielvorstellung, die Vielfalt der einschlägigen Forschungsförderaktivitäten in Deutschland, bisher des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des Vereins zur Förderung eines Deutschen Forschungsnetzes e. V. (DFN-Verein) transparent zu machen. Tue Gutes und veröffentliche im Netz darüber – so könnte die Abwandlung des altbekannten Sprichwortes daher lauten. Entsprechend richteten sie – wiederum im Rahmen eins Projektes – das "digital library forum" ein. Es ist "eine unabhängige, übergeordnete Plattform, die Informationen zu einschlägigen Förderprojekten und –programmen" (www.dl-forum.de//WirUeberUns/index.html) mindestens der drei o. g. Einrichtungen bereitstellt. Ziel des seit Mitte 2001 online angebotenen Informationsangebotes ist darüber hinaus, interessante Informationen zum Thema "Digital Library" zusammenzutragen und auf diese Weise "eine Kommunikations- und Austauschmöglichkeit für Interessierte bereitzustellen" (www.dl-forum.de/index.html). Das "digital library forum" wird vom Projektträger Neue Medien in der Bildung + Fachinformation in der Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e. V. in Darmstadt betreut. Bei ihm liegt auch die Projektleitung. Ansprechpartnerin und Projektleiterin ist Christina Bürger (buerger@darmstadt.gmd.de).
Das Forum ist in insgesamt 7 in ihrem Informationswert sehr unterschiedliche Rubriken unterteilt, die z. T. weiter untergliedert wurden und in denen weiterführende Recherchemöglichkeiten angeboten werden. Im Einzelnen (und in dieser Reihenfolge) sind dies:
Ergänzt wird dieses Angebot durch eine Volltextsuchmöglichkeit über den Serverbestand, die eine Phrasensuche sowie die Suche mit Boole´schen Operatoren anbietet. Kernstück des dl-forums sind Förderprogramme und Projekte, die unter den beiden Menüpunkten Themen und Förderung zu finden sind. Sie bieten auf unterschiedlichem Zugriffswege letztendlich die Informationen, die im Wesentlichen die Realisierung dieses Informationsangebotes rechtfertigen.
Themen
Themen stellt eine vorstrukturierte Zugriffsvariante dar, in der derzeit die im Forum angebotenen Dokumente nach 22 Themen (auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen) alphabetisch rubriziert werden. Folgende Themen wurden Ende Februar 2002 angeboten:
Im Direktzugriff wird nach den Aspekten Projekte, Veranstaltungen und News jeweils die Anzahl der gefundenen Dokumente genannt und nachfolgend aufgelistet. Die jeweiligen Angebote werden bei Aufruf des entsprechenden Links kurz charakterisiert (Projekte z. B. hinsichtlich ihrer Zielsetzung und Laufzeit, Nennung von Ansprechpartnern mit Kontaktinformationen; Förderprogramm und Förderinstitution). Ein Link zu den Projektseiten leitet zu detaillierten Informationen. Hier kommt das verweisende Prinzip voll zum Tragen.
Förderung
Die Rubrik Förderung bietet Informationen zu
Ausschreibungen ist bislang nur als Platzhalter realisiert. Zukünftig sollen aktuelle Ausschreibungen, mit denen die Fördermittel für Digital-Library-Projekte zur Verfügung gestellt werden, hier abgerufen werden können. Laufende Programme zum Thema sind in dem entsprechenden Abschnitt Programme/Initiativen rubriziert. Derzeit werden hier 14 Programme der schon genannten Förderinstitutionen, insbesondere BMBF und DFG, genannt. Aber auch das IST-Programm (Information Society and Technologies) sowie das (ausgelaufene) Telematics for Libraries-Programm der EU und ein hessisches Programm sind aufgelistet. Die Förderprogramme der Bundesländer sind nicht verzeichnet. Ob dies später realisiert werden kann, hängt auch von der Kooperationsbereitschaft der Länderministerien ab, die sich offensichtlich bislang – unverständlicherweise - noch sehr zurückhaltend zeigen. In der Rubrik Institutionen findet der Interessierte Links zu derzeit 7 Ministerien und Fördereinrichtungen und wird auf diesem Wege auf deren WWW-Angebote weitergeleitet. Eine – wie auch immer angestrebte - Vollständigkeit für die BRD ist nicht gegeben. Die Rubrik Projekte bietet die Möglichkeit zur Suche nach laufenden Förderprojekten, die nach den Kriterien Förderprogramm, Förderinstitution, Projekt und Ausschreibung durchsucht werden können. Diese Volltextsuche ist auch unabhängig vom Dokumenttyp möglich. Abgerundet wird das Informationsangebot des dl-forums durch weitere Rubriken, die in erster Linie der Informationsverteilung dienen, deren Realisierung allerdings noch nicht so ausgereift ist, dass sie die ihnen zugedachte Rolle wirklich schon in vollem Umfang einnehmen könnten. Dies liegt zum einen an ihrer Bestückung, zum anderen aber auch daran, dass sie konzeptionell zu kurz greifen und daher ihrem Anspruch in der gegenwärtigen Realisierung noch nicht gerecht werden können. Bekanntermaßen werden solche Hol(=Pull)-Informationsangebote nur von einem kleinen Teil der Interessierten wahrgenommen. Entsprechend wird auch ein Newsletter zum Abonnement angeboten, mit dem man sich über neue Inhalte auf dem dl-Server informieren lassen kann.
Die Angebote im Einzelnen:
News
Die Rubrik News bietet – so die Aussage in einem kurzen einleitenden Text – "aktuelle Nachrichten, Termine und Dokumente rund um das Thema "Digital Library". Die Hinweise – ca. 5 bis 8 pro Monat - werden von der Projektleiterin ausgewählt und eingebracht. Ein Link ermöglicht jeweils den Zugriff auf weiterführende Informationen zum jeweiligen Hinweis. Diese reichen zurück bis zum 15.3.2001 und ihre terminliche Streuung lässt deutlich werden, dass dieser Teil des Informationsangebotes erst im 3. Quartal des Jahres 2001 Gegenstand der Bearbeitung geworden ist. Nach Auskunft der Projektleiterin sind Hinweise aus der Szene willkommen.
Veranstaltungen
Ähnlich wie die Rubrik News ist auch Veranstaltungen eine handverlesene Sammlung. Weitere Veranstaltungshinweise, die sich mit dem Thema "Digital Library" befassen, sind willkommen. Die Eintragungen, jeweils auf die WWW-Seiten der Veranstalter verlinkt, sind lediglich zeitlich geordnet und keinesfalls vollständig. Sie bieten insofern einen begrenzten Zusatznutzen. Eine Rubrizierung nach Inland/Ausland oder Regionen, nach Zielgruppen oder Themen wäre sicher wünschenswert, würde aber vermutlich die Kapazität des Projekts sprengen. Das Veranstaltungsarchiv könnte mittelfristig interessant werden, sofern es nicht dem Projektende zum Opfer fallen sollte.
Links
Ein ähnliches Zustandekommen wie in den Rubriken News und Veranstaltungen ist bei der Rubrik Links erkennbar. Bislang sind hier in 5 Gruppen wenige, zufällig ausgewählt wirkende Links zu den Bereichen Digitale Bibliotheken, E-Journals, Förderinformationen, Internationale DL-Aktivitäten sowie Organisationen und Initiativen zusammengestellt. Bedauerlicherweise ist ein Auswahlprinzip nicht erkennbar und auch nicht genannt. Irritierend wirkt, dass ein Projekt wie dl-forum sich nicht die Erkenntnisse aus anderen Projekten zu webbasierten Informationssammlungen zu Nutze macht: Verweise auf einschlägige Sites, in den die Themen schon schwerpunktartig gesammelt und insbesondere die Linklisten regelmäßig überprüft und aktualisiert werden. Nur so kann der Dynamik der Entwicklung und des Mediums Rechnung getragen werden. Eigenständig zusammengestellte Linklisten machen nur dort wirklich Sinn, wo das ihnen zugrunde liegende Auswahlprinzip extrem zielgruppenspezifisch begründet wird und ggf. in dieser Auswahl besonderer informationeller Mehrwert für die Zielgruppe besteht. Eine Rubrik E-Journals, die auf Ariadne, Bibliothek – Forschung und Praxis, Cultivate Interactive, D-lib magazine, eCulture und das Journal of Digital Information verweist, hat weder etwas zielgruppenspezifisches noch ist ein sonstiges Kriterium der Auswahl erkennbar. Hier wären Links auf die einschlägigen Webadressen ebenso wünschenswert wie eine Unterteilung, die zumindest nach "E-only" und digitalen Parallelpublikationen unterscheidet.
Foren
Ziel der Foren ist es, Informationen zu laufenden Studien bzw. thematisch übergreifenden Projektkonzepten anzubieten und – so die Planung - Diskussionen darüber zu ermöglichen. Eine Diskussion im Forum war bis zum 26.2.02 zum vorgeschlagenen Thema "Informationsinhalte und Informationsdienstleistungen – Rolle und Aufgaben der Beteiligten" noch nicht zustande gekommen. Hingegen findet, wer sich in diesen Bereich "verirrt", aktuelle Zwischenergebnisse der vom BMBF in Auftrag gegebenen Studie zur "Zukunft der wissenschaftlichen und technischen Information", die von der Unternehmensberatung Arthur D. Little bearbeitet wird. Daneben werden auf diesem Wege auch Zwischenergebnisse der Aktivitäten aus dem Strategieprojekt "dl-konzepte" vorgestellt – so z. B. Ergebnisse von Workshops.
Zusammenfassende Bewertung
Das technisch unter Nutzung eines Content-Management-Systems nach dem Outsourcing-Konzept realisierte dl-forum ist vom Ansatz her ein sehr zu begrüßendes und insbesondere für thematisch Interessierte hilfreiches Angebot. Sein Nutzen leidet noch ein wenig unter der aktuellen Unvollständkeit, die zumindest im Bereich der Projekte auf der Länderebene hoffentlich bald überwunden sein wird. Vielleicht ist die personelle Ausstattung nicht hinreichend für den Anspruch, den das Projekt erhebt. Angesichts des Interesses der Fördereinrichtungen, ihre Aktivitäten transparenter zu machen und damit auch rückblickend zu dokumentieren, wäre auch von dieser Seite aus mehr Unterstützung wünschenswert. Aus der Sicht eines Steuerzahlers ist die angestrebte Transparenz eine wichtige Forderung. Aus der Perspektive des Hochschullehrers dominiert der Wunsch, Studierende, die als potenzielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie als Antragstellerinnen und Antragsteller an den Entwicklungen interessiert sein können, auf eine dauerhaft angebotene Übersicht zu den geförderten Projekten im Themenbereich Digitale Bibliotheken verweisen zu können. Für sie wie für die Bibliotheken und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich auf diesem Wege über den Stand der Forschung informieren wollen, wären noch weiterführende Dienstleistungen wünschenswert, die der Projektträger ergänzend in Auftrag geben könnte: State-of-the-Art-Berichte zu den einzelnen Förderschwerpunkten oder Themen. Dies wäre eine Dienstleistung an der Szene, die die Nachhaltigkeit der Fördermaßnahmen flankieren würde. Die Initiierung als Projekt lag nahe, wichtig ist jedoch, dass diese Infrastrukturaufgabe, die in der aktuellen Situation von keiner anderen Einrichtung übernommen wird, auch über das Projektende hinaus sicher gestellt ist. Die Erwartungshaltung besteht und letzten Endes rechtfertigt erst eine solche Kontinuität das Gesamtvorhaben. Wünschenswert wäre auch, dass Wege gefunden werden, die Fördermaßnahmen der Länder ähnlich transparent zu machen, wie dies für DFG- und BMBF-Projekte schon geschehen ist. Für die fachlich Interessierten ist nachrangig, von wem das Fördergeld kommt. Und schließlich würde es der Rezensent begrüßen, wenn die Zielsetzungen und der inhaltliche Anspruch, der dem Projekt zugrunde liegt, auch als Policy formuliert würden – selbst wenn die aktuelle Realisierung noch dahinter zurückbleiben mag. Trotz aller dargestellten, mehr inhaltlichen als strukturellen Mängel: Ein begrüßenswertes und gleichzeitig überfälliges Informationsangebot!