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Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie

vereinigt mit Zentralblatt für Bibliothekswesen
Organ des wissenschaftlichen Bibliothekswesens
Enthält auch Mitteilungen des Vereins Deutscher Bibliothekare e.V.

Herausgegeben von Rolf Griebel, Elisabeth Niggemann und Barbara Schneider-Kempf

 

 

Rezensionen Digitale Medien

Verantwortlich: Achim Oßwald

 

Aus Heft 5-6 (2002) der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Siehe auch die anderen Rezensionen der Rubrik.

 

Die elektronischen Monumenta Germaniae Historica auf CD-ROM - zweite Lieferung 

Titel: Die elektronischen Monumenta Germaniae Historica auf CD-ROM. Lieferung 2 (2000)

Verlagsangaben: München : Turnhout 2000

Datenträger: 1 CD-ROM ; 12 cm + Beil. ([2] S.)

ISBN: 2-503-50719-0. 

938,- Euro als Einzellieferung; 625,- Euro bei Subskription ab Lieferung 2, 306,- Euro bei Subskription ab Lieferung 1.

Nachdem bereits 1993 Verhandlungen zwischen den MGH (damals noch unter ihrem Präsidenten Horst Fuhrmann) und Brepols über die elektronische Umsetzung von MGH-Texten aufgenommen worden waren, ist es 1994 zum Abschluss eines Vertrags gekommen, nach dem der Gesamtbestand der seit 1826 edierten Quellen innerhalb der nächsten 10 bis 15 Jahre elektronisch publiziert werden sollte. 1996 erschien die erste Fassung der so genannten "eMGH", für die jährliche Erweiterungen vorgesehen waren. Die Jahresberichte im "Deutschen Archiv für Erforschung des Mittelalters" (DA) dokumentieren für die Jahre 1997-1999 dann die dreimalige Verzögerung der zweiten Lieferung, die auch den MGH nicht gefallen zu haben scheint. Im DA 2000, Heft 1, S. X wird die Ankündigung von Teil 2 für Mitte 2000 mit der Nachricht verknüpft, dass "neue Verabredungen mit dem Verlag [...] für einen beschleunigten Fortgang sorgen [sollen]". Dem entsprach auch die Ankündigung auf den Internetseiten von Brepols: "Next update scheduled for the end of 2001", bzw. "Januar 2002", wie es dann noch im März 2002 hieß. Bis zum Frühjahr 2002 war von einer dritten Lieferung allerdings nichts zu sehen.1

Kommen wir zur CD-ROM selbst: Die eMGH ließen sich in der Testumgebung, einem Standard-PC mit Windows-98-Betriebssystem, problemlos installieren. Der in Frage kommende Kundenkreis, größere oder spezialisierte Bibliotheken, würde als nächstes wohl eine Sicherungskopie anlegen, besteht doch immer die Gefahr, dass das Original (oder die zur Benutzung ausgegebene Kopie) im Publikumsverkehr beschädigt wird oder abhanden kommt. Die Verhinderung einer solchen Sicherungskopie ist einer von zwei Arbeitsbereichen, um die sich Brepols besonders intensiv gekümmert zu haben scheint - zu dem Zweiten kommen wir weiter unten. Mit einer durchaus nicht trivialen Methode sperrt sich die CD dagegen, vervielfältigt zu werden: Sie suggeriert den Kopierprogrammen, dass sie an einer bestimmten Stelle physikalisch defekt sei, woraufhin diese den Vorgang normalerweise abbrechen. Selbstverständlich gibt es Programme, denen zu vermitteln ist, sie mögen sich davon nicht weiter beeindrucken lassen und die dann eine benutzbare Kopie erstellen.

Inhalte

Der Inhalt der eMGH in der Ausgabe 2000 ergibt sich aus der Verbindung zweier grundverschiedener Lieferungen, die gegensätzlichen Auswahlkriterien folgen. Bot die erste Lieferung vieles von jenem, was erst in jüngster Zeit im Druck erschienen und deshalb bei den MGH bereits in elektronischer Form vorhanden war, so beginnt die zweite Lieferung am anderen Ende des Publikationsverlaufs. Gegen die zufällige Zusammenstellung aus den neuesten Editionen

Kölner Weltchronik = Scriptores reum Germanicarum NS 15, 1991; Gunther: Ligurinus = Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum 63, 1987; Hinkmar v. Reims: de divortio = Concilia 4 I, 1992; ders.: de ordine palatii = Fontes iuris Germanici Antiqui in usum scholarum 3, 1980, ders., Collectio de ecclesiis et capellis = selbe Reihe 14, 1990; Aethicus, Kosmographie = Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters 14, 1993; Petrus Damiani: Briefe = Die Briefe der deutschen Kaiserzeit, Bd. 4 (4 Teile), 1983-1993

steht hier die Systematik der ältesten Grundserien, beginnend mit den Auctores antiquissimi (hier: Bd. 1-8, 10, 12, 14, 15) [1877-1919] und den Scriptores rerum Merovingicarum (Bd. 1-7) [1885-1920], zu denen noch ein vereinzelter Band der Briefe der deutschen Kaiserzeit (Bd. 5) [1950] kommt. Die unterschiedlichen Ansatzpunkte beider Lieferungen erschweren es ungemein, sich einen systematischen Überblick über die Inhalte zu verschaffen. Zwar bietet die CD ein Register der Werke, eine Sicht auf ihre Stellung in der Editionssystematik der MGH, auf die Serien und Bände, müsste der Benutzer sich aber mühsam selbst erarbeiten. Dementsprechend bleibt zunächst unklar, welcher Text jeweils aus den ältesten Teilen der MGH (Erweiterung der zweiten Lieferung; ursprünglich 1877-1950 gedruckt) und welche aus den neuesten Teilen der MGH (erste Lieferung; gedruckt 1987-1993) stammen. Dies erleichtert die kritische Verwendung der Texte, zwischen denen mehr als 100 Jahre sich entwickelnder und sich verändernder Editionsmethoden liegen, nicht unbedingt. Für einen Überblick über die vorhandenen Bände kann - das Handbuch zur CD macht dazu keine Angaben! - ein Blick in das MGH-Gesamtverzeichnis geworfen werden. Aber auch hier ist Vorsicht geboten: Die angegebenen Bände sind nämlich keineswegs alle vollständig enthalten. Teilweise fehlen Texte, so z. B. bei Auct. ant. Band 10 innerhalb des "Carminum Minorum Appendix" die Carmina Graeca (S. 417-422). Der Verdacht liegt hier nahe, dass man jene Texte einfach nicht berücksichtigt hat, die in irgend einer Weise für die Überführung in eine elektronische Fassung "zu schwierig" erschienen. Das Gleiche mag auch für die komplett außer acht gelassenen Bände gelten. Auct. ant. 9, 11 und 13 unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht von den anderen der Reihe. Hier mögen drei Aspekte in Mischung zur Nichtberücksichtigung geführt haben: griechische Passagen, komplexeres Layout und typografische Besonderheiten und schließlich der Gedanke, dass es sich hier wirklich nicht um zentrale Texte handelt, deren Relevanz für die Forschung heute nicht mehr allzu hoch eingeschätzt wird. Ob dies alles Gründe sind, die innerhalb eines ambitionierten, auf Qualität und Systematik ausgerichteten Editionsunternehmens eine Rolle bei der Auswahl spielen sollten, mag jeder selbst beurteilen. Jedenfalls werden die Auswahlkriterien nirgendwo mitgeteilt und sind für uns nicht nachvollziehbar.

Bei jenen Texten, die in die elektronische Fassung übernommen worden sind, ist zusätzlich die Vollständigkeit nicht gewährleistet: in der gedruckten Edition des Landolfus Sagax, Additamenta ad Pauli Historiam Romanam (Auct. ant. 2) waren nur die Abweichungen gegenüber Paulus bzw. Eutropius wiedergegeben, die eMGH wählt aus diesen aber nun wiederum nur "größere Abweichungen, die als 'Sententia' [dazu gleich; d. V.] gewertet werden können" aus, wie der Notiz zum Text zu entnehmen ist.

Für die enthaltenen Texte ist dann aber doch noch eine erstaunliche Gesamtmenge festzustellen. Auf der Basis der für die CD konstitutiven Grundeinheiten der 'sententiae' haben wir einen Umfang von ca. 134.000 solcher 'Sätze' ermitteln können - auch hier macht die Publikation selbst keine Angabe. Wodurch eine sententia bestimmt ist und warum dies die alles gliedernde Grundeinheit ist, bleibt im Dunkeln. In der Dokumentation findet sich weder eine Definition, noch eine Begründung. Fest steht, dass die sententiae durchaus nicht mit 'Sätzen' im herkömmlichen Sinne gleichgesetzt werden können, sind doch manchmal willkürlich mehrere Verse oder Sätze zu einer Einheit zusammengefasst, oft auch Satzabschnitte (im Druck typografisch wiedergegeben durch ein Semikolon) zu Satztrennungen und Satztrennungen (im Druck durch einen Punkt bestimmt) zu Satzabschnitten (Semikolon in der elektronischen Fassung) gemacht worden. Informationstheoretisch gesehen handelt es sich hier - wenn die editorische Ausdeutung der erschlossenen Texte in dieser Weise für redundant erklärt wird - um nichts anderes als um eine Reduktion des semantischen Gehaltes der elektronischen Publikation gegenüber der Druckfassung.

Für die vorhandenen Editionen gilt allerdings grundsätzlich, dass es sich bei ihnen nicht um elektronische Fassungen der MGH-Bände, sondern wiederum nur um Auszüge handelt: um die nackten Editionstexte nämlich, entkleidet von ihren Vor- und Nachworten, den Varianten- und Sachapparaten.2

Zu den Editionstexten selbst sind die Informationen zu Seitennummern und meistens auch zu den Zeilennummern (bei Annalen statt dessen zu den Jahren) verfügbar und sollen die Zitierfähigkeit nach der gedruckten Vorlage sichern.

Fast alle Informationen aber, die im Druck durch typografische Merkmale transportiert werden, sind in der elektronischen Fassung verloren gegangen: eingerückt, gesperrt, kursiv, kleiner (petit) oder fett gedruckte besondere Passagen sind hier nicht mehr kenntlich oder in ihrem Informationsgehalt verstümmelt: Lücken in der Vorlage, deren Umfang im Druck oft durch die Menge von Auslassungsstrichen ( '-' ) oder -punkten angedeutet werden, sind meistens zu '<-->' zusammengefasst, manchmal aber auch korrekt wiedergegeben; von Abkürzungen, die im Druck durch unterschiedliche Kürzungszeichen gekennzeichnet sind (vgl. z. B. (Pseudo-)Victor Vitensis, Notitia provinciarum et civitatum Africae, Auct. ant. 3,1, S. 63) bleibt nur der reine Buchstabenbestand ohne jeden Hinweis darauf, dass es sich um Kürzungen handelt und an welcher Stelle ursprünglich das Kürzungszeichen stand.

Griechische Textstellen sind nach dem BetaCode des Thesaurus Linguae Graeca transliteriert, was eine reichlich kryptische Codierung ist, die man erst einmal kennen muss, um einzelne Wörter suchen zu können: Aus ΘAΠINΩCIS (Vita Eugendi, SS rer. Merov. 3, S. 154) wird dadurch z. B. 'g-QAPINWSIS'. Teilweise sind griechische Zeichen aber auch gar nicht als solche berücksichtigt worden und einfach in lateinische umgewandelt worden, wie dies auch für andere besondere Zeichen wie das punktierte Chrismon-X oder umgedrehtes C der Fall ist.3 Irgendwie nachvollziehbar, dafür aber nirgendwo dokumentiert sind auch die Chi-Rho-Kombinationen (P mit einfachem oder doppeltem Strich durch den Schaft) zu G-CHIRHO bzw. G-CHAIRO umgewandelt.4 So ist denn auch die häufige e-Caudata meistens zu einfachem 'e' reduziert, in einigen Fällen dann aber auch durch 'ae' oder sogar 'f_' ersetzt worden. Bei Letzterem wird es sich trotz der insgesamt inkonsequenten Transformation der e-Caudata wohl um einen Digitalisierungsirrtum handeln. Diese unvermeidlichen OCR- oder: Keying-Fehler halten sich nach einer ersten Kontrolle in akzeptablen Grenzen, auch wenn man von einem großen Verlag erwarten könnte, dass er seine Texte zumindest auf die typischsten Fehler hin noch einmal kontrolliert: hierzu gehören neben unaufgelösten Trennungen ('ma-gistri') auch die klassische Verlesung l für 1 (L für eins) und umgekehrt. Geradezu unverständlich sind solche Fehler dann, wenn sie sogar mit einem flüchtigen Blick ins Wortregister ohne weiteres aufzuspüren gewesen wären: schlägt man zum Beispiel den Index beim Buchstaben L (l) auf, dann erscheinen zunächst zehn Kombinationen aus l (eins) und folgenden Zahlen - ausnahmslos Fehllesungen. Mögen solche Fehler im Druck belanglos sein, weil sie vom menschlichen Betrachter einfach ausgeglichen werden, so führen sie in einem elektronischen System, das auf die exakte Suche nach bestimmten Wörtern ausgerichtet ist zum Nicht-Auffinden möglicherweise relevanter Stellen und damit zu Fehlschlüssen.

Benutzerführung und Funktionalitäten

Die Benutzeroberfläche bietet erfreulicherweise zunächst eine Auswahl aus vier Sprachen. Dabei kann gewählt werden, ob das System in Englisch, Französisch, Deutsch oder Italienisch bedient werden soll. Wesentliche Grundfunktionalität der Datenbank ist dann die Suche nach Wörtern und Wortformen, die entweder frei eingegeben oder aus einer Indexliste übernommen werden können. Die Suchbegriffe können außerdem mit Platzhaltern versehen werden. Die Suche kann dann über Filter eingegrenzt werden. Diese Filter sind "Series" (fünf Grundserien der MGH), "Collectio" (41 "Reihen" der MGH,), "Auctor" (230 Einträge) und "Titulus" (400 Einträge). Nun darf man nicht annehmen, bei den Auctores handele es sich etwa um Autoren im modernen Sinne, man findet dort ebenso "acta concilii ...", "additamenta ..." oder "annales ..." um nur die fragwürdigen Einträge des Index-Anfanges zu nennen. Teilweise sind die gleichen Einträge im Index "Titulus" noch einmal aufgeführt, teilweise aber auch nicht. Eine Strategie, warum manche der "Titel" als Auctores, manche wiederum als Auctores und Titel verzeichnet sind, ist so jedenfalls nicht zu erkennen. Grundsätzlich dienen die vier Filter dazu, die Suche näher einzugrenzen. Dabei irritiert allerdings, dass etliche der Einträge sich auf Reihen oder Texte beziehen, die auf der CD gar nicht enthalten sind. Von den fünf angegebenen Grundserien ist eine mit keinem einzigen Text auf der CD vertreten, von den 41 Reihen gilt dies für 29! Da dies nicht ohne weiteres zu erkennen ist, läuft eine Suche, die von diesen Einteilungskriterien ausgeht, ständig ins Leere. Ähnliches geschieht manchmal bei der Auswahl nach 'Titulus': Nimmt man die "carmina rhythmica - Aldhelmus Scireburnensis", dann stehen dazu keine Sententiae-, Textus- oder Memento-Sichten zur Verfügung. Man muss also davon ausgehen, dass der Text sich nicht auf der CD befindet, weiß aber auch nicht ohne weiteres, ob er denn aus einer der Editionen stammen sollte, die ansonsten elektronisch vorliegen (und hier nur eine Lücke lassen) oder aus einem der Bände, die für weitere Lieferungen der eMGH vorgesehen sind? Tatsächlich ist die Lösung eine ganz andere: weiß man bereits, dass der Text sich in Auct. ant. 15 befindet und hat man den Band zur Hand, dann kann man ihn mit einer Wortsuche auch auf der CD erreichen - auf der er sich nämlich sehr wohl befindet. Die eigentlich geplante Nutzung der CD ist hier auf den Kopf gestellt: Man muss die Druckfassung zur Hand haben, um die elektronische Version zu finden und nicht umgekehrt! Dies mag ein Sonderfall sein. Generell bleibt es aber unerklärlich, welche Funktion Indexeinträge haben könnten, die einen Filter auf Reihen und Texte erlauben sollen, die gar nicht vorhanden sind! Dabei sind Filter eigentlich eine nützliche Sache. Der Nutzen wäre allerdings noch größer, wenn die hierarchischen Bezüge zwischen den einzelnen Kategorien nutzbar gemacht worden wären: Intuitiv würde man wohl erwarten, dass nach der Auswahl der "Scriptores" als oberstem Filter der "Series" anschließend die Suche in den Collectiones der Scriptores weiter einschränkt werden könnte. Dies ist aber nicht der Fall. Es werden stattdessen alle Collectiones angeboten, sodass man doppelt raten darf, welche wohl (1.) als tatsächliche Untergruppe der Scriptores noch eine sinnvolle Suche ermöglichen könnten - wenn sie denn vielleicht (2.) mit wenigstens einem ihrer Texte auf der CD vorhanden wäre. Will man die Suche bei den Großgruppen der Serien, Reihen, Autoren und Titel beginnen, so kann man hier aus den jeweiligen Registern direkt auswählen oder zunächst mit Hilfe von Platzhaltern und einem "***"-Knopf zu spezifischen Teilen der Register springen. Die Auswahl aus diesen Gruppen kann mit bekannten logischen Operatoren in ungewohnter Bezeichnung ('+' für und, ',' für oder, '#' für nicht) untereinander und mit dem eigentlichen Suchfeld "Formae" verknüpft werden. Dort werden die eigentlichen Suchbegriffe eingegeben, die mit den üblichen Platzhaltern ("?" für ein Zeichen, "*" für beliebig viele Zeichen) versehen werden können und für die die gleichen Verknüpfungsmöglichkeiten gelten wie zwischen den anderen Feldern. Hier sind allerdings auch komplexere Suchstrategien möglich, die zum einen über Klammerausdrücke realisiert werden können: "a +(b,c,d) #e" liefert alle 'Sätze', in denen a und mindestens eines von b, c und d, aber nicht e vorkommen. Zum anderen besteht die Möglichkeit der Abstandssuche: mit '/n' und '%n' kann ein Abstand zwischen den gesuchten Wörtern bestimmt werden, wobei der Unterschied zwischen beiden Operatoren darin besteht, dass im ersten Fall die Reihenfolge der zu suchenden Begriffe unerheblich, im letzteren Falle aber festgelegt ist.

Die Benutzeroberfläche bietet grundsätzlich eine vierfache Sicht auf Suche und Treffer: Nach der Eingabe von Suchbegriffen und Einschränkungen (der Texte) im Grundbildschirm 'Inquisitio' wird beim Mausklick (eine Bedienung über die Tastatur ist nicht möglich) auf 'Sententiae' die eigentliche Suche gestartet und die Sätze angezeigt, die den Suchkriterien entsprechen, wobei die Suchworte hervorgehoben und zu allen Treffer-Sätzen jeweils Titelinformationen gegeben werden. Außerdem erfährt man die Treffermenge, die auch in der Inquisitio-Sicht angegeben wird. Nach der Auswahl eines ?Satzes' der Trefferliste kann dann unter 'Textus' der gesamte Text angesehen werden, dem der gefundene Satz entstammt. Zu diesem Text liefert die Sicht 'Memento' schließlich weitere - vornehmlich bibliografische - Angaben.

Die Ergebnisse können auf der Ebene der einzelnen Sätze in engen Grenzen gespeichert und gedruckt werden: Dieser Export ist selbst für die Trefferliste auf 30 Sätze beschränkt! Aktiviert man die Sicht 'Textus', also den ganzen Text, dann entfallen diese Optionen (Text-Markieren mit Maus oder Tastatur ist ebenfalls nicht möglich) - der Verlag glaubt offensichtlich nicht einmal den Export einzelner Texte zulassen zu sollen! Zum Feld 'Formae' kann ein Kontrollkästchen 'Formarum examen' aktiviert werden, mit dessen Hilfe geprüft wird, ob der Suchbegriff überhaupt in der Liste aller Wörter vorkommt. So führen z. B. Tippfehler bei kombinierten Suchen nicht zu der voreiligen Schlussfolgerung, es gebe die Kombination der Begriffe in den Texten nicht. Zu den nützlichen Zusatz-Funktionen gehört weiterhin, dass Suchstrategien, die ja recht komplex werden oder das Ergebnis längerer Experimente sein können, gespeichert und später wieder geladen werden können.

Die Mächtigkeit von Suchstrategien kann dadurch gesteigert werden, dass kombinierte Suchen über mehrere aufeinander folgende Sätze hinweg angewandt werden. Die Hilfe-Dokumentation führt dazu aus, dass der "Anwendungsbereich der Suchstrategie auf eine oder auf drei Sententiae festgelegt werden [kann] ('Contextus 3 sententiarum'), wenn das Kontrollkästchen angeklickt wurde". Dieses Kontrollkästchen existiert nur leider nicht - Schade! Statt der nicht vorhandenen wichtigen Funktionen - warum war eigentlich eine Suche über exakt drei Sätze und nicht über eine beliebig festlegbare Zahl geplant? - bekommt man einige weniger wichtige: Dazu zählen wir die Möglichkeit, einzustellen, wie viele Sätze im Sententiae-Modus mit den Bild-ab/Bild-auf- (Page-down/Page-up-)Tasten übersprungen werden. Wie auch das Springen zu einzelnen Fundstellen ist dies im Grunde eine Spielerei, die zudem nicht dem gewohnten Verhalten von Standard-Programmen entspricht (nämlich den Umfang eines Bildschirms weiter zu blättern). Ähnliches gilt für die Belegung der rechten Maustaste: Liefert sie im Inquisitio-Modus noch einigermaßen übliche Textbearbeitungs-Funktionen (Rückgängig, Ausschneiden, Kopieren, Einfügen etc.), so überrascht sie den Benutzer in der Sententiae-Sicht mit einem Farbauswahl-Dialog, mit dem die Farbe der Hervorhebung der Treffer eingestellt werden kann. Im Textus-Modus ist sie gar nicht belegt und im Memento-Modus liefert sie einen Standard-Dialog zur Einstellung von Schriftart, -farbe, -größe und Ähnlichem. Das Aussehen und Verhalten eines Computersystems, in der Fachsprache ist die Rede vom "Look & Feel" ist dabei nicht unwichtig, sondern entscheidet über die effiziente Nutzung des Programms. Ist dieses ungewöhnlich - und damit nicht intuitiv - dann erhöht es die Zeit, die mit der Programmsteuerung, statt mit der inhaltlichen Nutzung des Systems verbracht werden muss.

Das heuristische Komplement zur Strategie der gezielten Suche, das freie Stöbern (browsen) in den Texten ist nicht vorgesehen, obwohl sein Nutzen gerade hier sehr hoch sein könnte. Eine Suche ist nur dann sinnvoll möglich, wenn bekannt ist, welches Material eigentlich durchsucht wird. Den Überblick darüber würde ein Blättern durch die hierarchische Struktur der MGH-Editionen erleichtern, der dem Benutzer aber verwehrt bleibt. Insbesondere dann, wenn der Inhalt der eMGH sich eines Tages dem Gesamtumfang der gedruckten Bände annähern sollte, wäre eine zweite Zugriffsmethode, die z. B. bei einer der Series anfängt (z. B. Diplomata) und sich dann zu den darin enthaltenen Collectiones (z. B. Urkunden der Karolinger) und ihren Bänden (z. B. Die Urkunden Ludwigs II.) und Texten weiterbewegt, äußerst sinnvoll - zumal sie dem traditionellen Zugang zu den Texten exakt entspricht. Auch ohne diese Verknüpfungen ist ein normaler Zugriff auf die Texte nicht möglich. In den Diplomata-Bänden gibt es z. B. keinen Weg, um die Urkunden nach ihren Stücknummern - diese wären ihre eigentliche traditionelle Referenz - aufzurufen. Vielmehr bietet die Textus-Sicht hier nur eine unübersichtliche Aneinanderreihung der reinen Urkundentexte, bei denen noch nicht einmal Anfänge und Enden gekennzeichnet sind.

Export

Brepols hat in technischer Hinsicht besonderes Augenmerk auf zwei Verhinderungsstrategien gelegt: Die CD soll nicht kopiert werden können und die Texte sollen nicht umfänglich exportiert werden können. Man wünscht sich, der Verlag hätte den Schwerpunkt technischer Raffinesse eher im inhaltlichen Bereich gesetzt. Die Panik vor dem Kopieren und Exportieren ist selbst unter Copyright-Aspekten nicht nachzuvollziehen, sondern wirkt hier im Gegenteil noch absurder: Sollten die Editionstexte tatsächlich den Status von Quellentexten haben, in dem Sinne, dass sie ältere Texte wiedergeben und keine künstlerischen Neuschöpfungen sind, dann können sie auch nicht dem Copyright unterliegen - sieht man von einer stark verkürzten Schutzfrist für Ersteditionen ab, um die es sich hier in der Regel aber auch nicht handelt. Will man in den Texten andererseits schutzwürdige Neuschöpfungen sehen, dann wird man sie nicht als wissenschaftlich-kritische Quelleneditionen, der realen Überlieferung verpflichtet, betrachten können. Neben den Editionstexten enthalten kritische Ausgaben sonst allerdings sehr wohl urheberrechtsfähige Leistungen. Nur sind diese - die Einleitungen, die Erläuterungen und der Sachapparat - ja gerade nicht auf der CD! Wenn man, wie im vorliegenden Falle, anscheinend sehr großen Wert darauf legt, die potenziellen Benutzer an die eigene Publikation zu binden, dann kann das wohl nicht durch die letztlich doch zu umgehenden technischen Finessen (eigentlich genauer: Sperenzchen) zur Nutzungsbehinderung geschehen, die hier getrieben werden, sondern nur durch einen Vorsprung an Qualität der Inhalte und Nutzbarkeit gegenüber möglichen Konkurrenten. Dass auch dies eine Verlagsstrategie sein kann, zeigt derzeit in eindrucksvoller Weise der Fischer-Verlag mit seinen Vorarbeiten zu einer Neuedition des Gesamtwerkes von Thomas Mann. Ein wirklicher Schutz vor Nachahmern besteht darin, dass diese kein besseres Produkt würden liefern können. Die Inhalte der eMGH-CD vollständig zu exportieren ist für denjenigen, der wirklich alle Texte verwenden will, jedenfalls keine unüberwindliche Hürde - in der Testumgebung gelang dies für vollständige Texte jedenfalls bereits mit einem sehr einfachen Hilfsmittel (Windows-Makros).

Technik

Fassen wir die technischen Aspekte zusammen: Wir haben es bei den eMGH einmal mehr mit der fatalen Situation zu tun, dass zwischen inhaltlichen Anforderungen und technischer Realisierung kein vernünftiger Zusammenhang zu erkennen ist. Die Technik ergibt sich nicht aus einer fachlich geleiteten Gesamtkonzeption. Einmal mehr sind der Seite der technischen Realisierung offensichtlich einfach die Daten übergeben worden ohne auf die Berücksichtigung der spezifischen Besonderheiten des Materials und der zu erwartenden Benutzung durch Fachwissenschaftler mit den ihnen eigenen Fragestellungen hinzuwirken. Herausgekommen ist eine Datenstruktur und eine Datenaufbereitung, die für andere Materialien entwickelt worden ist und die dem speziellen Gegenstand nicht adäquat ist. Für die alles leitende Grundgliederung nach konstruierten "Sätzen" (bei Listen, Aufzählungen, Versen werden jeweils zehn Zeilen zu einem virtuellen Satz zusammengeführt und der Zeilenwechsel durch einen Schrägstrich (/) kenntlich gemacht) spricht nichts. Außer vielleicht der Wunsch der Techniker, eine kontrollierbare Grundeinheit zu haben, die ihrem Datenmodell entgegenkommt und den brennenden Wunsch nach Verhinderung von sinnvollem Datenexport erfüllen hilft. Aus methodischer Sicht ist dies der ursprüngliche Sündenfall: Die Technik leitet den Inhalt und nicht umgekehrt! Kein Geisteswissenschaftler - für den das Material bestimmt ist und der es benutzen soll - käme auf die Idee, dass die MGH im Grunde aus einer Reihe von "Sätzen" bestehen. Die inneren Strukturen, die die Grundlage der Benutzung ausmachen sind andere: Serien, Reihen, Bände, Werke, Kapitel, Listen, Verse, Wörter, Grundformen, Verweise, Fußnoten und dergleichen mehr. Es spricht technisch gesehen grundsätzlich nichts dagegen, diese inhaltlichen Strukturen auch in den Daten abzubilden und nutzbar zu machen. Die CD-Software ist auf dem technischen Stand der Jahre 1985-1990. Ihr Vertrieb im Jahre 2002 bietet eine historisch interessante Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Selbst mit Rücksichtnahme auf die veraltetste Hardware, die bei irgend einem Benutzer noch mit gutem Grund vermutet werden könnte, ist aber längst ein ganz anderes Niveau an technischen Funktionalitäten und Benutzerführung (Look & Feel) ohne großen Aufwand möglich. Der Wunsch nach größtmöglicher Kompatibilität zu Rechnergenerationen und Betriebssystemen kann aber auch gar nicht der Grund für die Wahl einer antiquierten Software gewesen sein, denn sonst hätte man - was heute eigentlich selbstverständlich ist - eine plattformübergreifende Lösung gewählt, sodass auch Benutzer anderer Betriebssysteme, wie z. B. Linux, mit der CD arbeiten könnten.

Fazit

Die CD-ROM ist betitelt mit "eMGH", das "e" steht für elektronisch, man erwartet also - allgemeinem Sprachverständnis entsprechend - eine elektronische Fassung der MGH. Die MGH sind nach eigener Auskunft ein Editionsunternehmen: Sie haben "die Aufgabe, die historischen Quellen des europäischen Mittelalters in kritischen Textausgaben herauszugeben" (Umschlag Gesamtverzeichnis Januar 2000). Es befinden sich aber keine kritischen Editionen auf der CD, sondern nur einfachste Fließtexte. Editionen dagegen bestimmen sich nicht nur durch den am Ende zu Stande gekommenen konstruierten Text, sondern mindestens in gleichem Maße durch jene Materialien, welche die wissenschaftliche Erarbeitung des "besten" Textes nachvollziehbar und ihn erst für die weitere ernsthafte Analyse benutzbar machen, also z. B. die Einleitungen (mit den Editionsrichtlinien!), die formalen Angaben, den Variantenapparat (der die tatsächliche Überlieferung gegen die subjektive Textgestalt des Editors widerspiegelt) und den Sachapparat. Die ganzen wissenschaftlichen Fundamente der Edition sind hier aber ausgeblendet.

"Keine elektronische Fassung der MGH also, sondern nur eine Art durchsuchbares Wort-im-Kontext-Register". Auf diese Position ziehen sich Vertreter von Verlag und MGH auch zurück, wenn man sie direkt darauf anspricht. Solange die CD aber mit eMGH betitelt ist und auch so beworben wird, handelt es sich hier dennoch - die MGH sind schließlich ein Editionsunternehmen - um nichts anderes als um Etikettenschwindel. Nun könnte man die Publikation der Ehrlichkeit halber umbenennen in "Kontext-Wortregister zu Texten aus einigen Bänden der MGH" und zu einem angemessenen Preis von 30 Euro (1/30 des tatsächlichen Preises) verkaufen, zumal ja an der Digitalisierung (Auslassung 'schwieriger' Texte; keine konsequente Fehlerkontrolle; Vernichtung sämtlicher typografischer Informationen, die über den simpelsten Zeichensatz (ASCII) hinausgehen) und der Softwareumgebung (Wiederverwendung von Software für andere Anforderungen) offensichtlich konsequent gespart wurde. Das würde aber nur dazu führen, dass mehr Menschen die handliche Scheibe an ihrem Arbeitsplatz benutzen und bald statt ihrer nach einem besseren Arbeitsmittel verlangen würden. Denn was soll ein bloßes Register auf die Dauer nützen, das nur willkürlich ausgewählte Teile eines Gesamtwerkes berücksichtigt und die wissenschaftlichen Grundlagen der Inhalte ausblendet? Man wird möglicherweise schnell zu Textstellen gelangen, die für die eigene Fragestellung relevant sein können, aber der ernsthaft arbeitende Wissenschaftler wird dann - textkritisch geschult - sofort auch nach dem Status dieser Textstelle und nach der dahinter liegenden tatsächlichen Überlieferung fragen und mit dieser Frage nicht nur auf das staubige Regal einer möglicherweise nicht so leicht zugänglichen Bibliothek verwiesen sein wollen. Schließlich ist es seit langem kein realistisches Szenario mehr, dass ein Wissenschaftler eine CD allein für die schnelle Suche benutzt und dann aufsteht, um den gedruckten Band kurz aus dem Regal zu nehmen - auch wenn Brepols im Verbund mit den MGH alles tut, um den wissenschaftlichen Arbeitsplatz an die großen Bibliotheken anzuketten.

Zurück zur vorliegenden CD. Wie kann so etwas passieren? Brepols ist allenfalls der Vorwurf eines unverschämten Preises zu machen, rechtfertigen die Inhalte und der technische Rahmen den Preis doch in keiner Weise. Der Vorwurf geht bei einem marktwirtschaftlich orientierten Unternehmen ins Leere. Gewinnmaximierung ist hier Programm und systemimmanent. Der Verlag verlangt den Preis, den der Markt hergibt. Das heißt in diesem Falle nichts anderes, als die Schmerzgrenze auszuloten, bis zu der große Bibliotheken und Institutionen bereit und finanziell in der Lage sind, ihre Aufgabe der Literaturversorgung zu erfüllen.

Anders sieht es bei den MGH aus. War es hier nicht einst der eigene Anspruch, mittelalterliche Quellen mit der besten Methode zu erschließen und dem Fachpublikum in geeigneter Form zugänglich zu machen? Haben die Gründerväter der MGH nicht im 19. Jh. lange und mit Leidenschaft über diese Methodik gestritten und auch darüber, wie die komplexen Informationssysteme einer kritischen Edition publiziert werden können? Das haben sie allerdings getan, wie man im Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde eindrucksvoll nachlesen kann. Dort steht nicht, dass sie zu einem Verlag gegangen seien und gesagt haben: "Machen Sie irgend etwas mit den Texten, die übrigen wissenschaftlichen Fundamente lassen Sie ruhig weg, sie sind wahrscheinlich zu kompliziert für eine Publikation. Wer sich für das wissenschaftliche Beiwerk interessiert kann ja [in der Arbeitsplatzanalogie von oben] zu uns nach Berlin/München kommen". Counterfactual history; denn das Bemühen um die wissenschaftliche Erarbeitung und Bereitstellung zentraler Quellen des Mittelalters hatte die MGH in den vergangenen zwei Jahrhunderten mit Recht zu einem weltweit bewunderten methodischen Vorbild gemacht. Angesichts der Haltung zu den Publikationsformen nach dem Medienwandel kann man jetzt allerdings statt von einer Vorbild- nur noch von einer Abschreckungsfunktion sprechen. Wenn die eMGH für die MGH im elektronischen Zeitalter stehen, wie man aus dem Titel ableiten muss, dann ist zu fragen, ob es sich bei ihr, ihrem eigenen, mit dieser Publikation ausgewiesenen Selbstverständnis nach, denn nicht mehr um ein Editionsunternehmen handelt? Ob die MGH in ihrer eigenen Sicht tatsächlich vor allem Texte produzieren, ohne dass der wissenschaftliche nachvollziehbare Bezug zu den realen Quellen — hergestellt durch die Dokumentation des editorisch-kritischen Erarbeitungsprozesses — von größerer Bedeutung wäre?

Nachbemerkung

Wie geht es nun weiter? Es ist schlicht gesagt nicht vorstellbar, dass die bisherigen einzigartigen Editionsleistungen der MGH nicht eines Tages vollständig in einer vernünftigen zeitgemäßen Form vorliegen werden, welche diese Leistungen mit neuen Funktionalitäten verbinden, die einen rationelleren Zugriff sowie moderne Fragestellungen und Analyseverfahren ermöglichen. Die Frage wird dann nur sein: Bei welcher Institution? Wenn sich die nächstliegende Einrichtung in diesem Maße selbst zu historisieren und sich auf eine wissenschaftsmethodische Verweigerungshaltung zu bneschränken scheint! Diese Sicht auf die Institution der MGH leitet sich mit den eMGH von einer von ihr letztlich zu verantwortenden Publikation ab. Im Hinblick auf andere Unternehmungen, die Rede ist hier von den hervorragenden Ansätzen bei der Neuedition der falschen Kapitularien des Benedictus Levita und einigen Projekten bei der Bibliothek der MGH, wäre differenzierter zu urteilen und für manche Bereiche ein deutlicher Hoffnungsschimmer am Horizont wahrzunehmen. Was aber ist nun mit der vorliegenden CD zu tun? Unsere Empfehlung wäre es, sich den Rat des Handbuchs zur CD (Seite 19) zu Herzen zu nehmen, wo es heißt: Es ist ein Gebot der Vernunft, bei jedem Zweifel innezuhalten und sich die Zeit für eine genaue Beobachtung zu nehmen" [Fettdruck nach der Vorlage]. Die Vernunft geböte es in diesem Fall, alle Texte zu exportieren und auf dieser Grundlage zu den Editionen zurückzukehren und einen neuen Anlauf zu nehmen, bei dem die Leistungen aus 200 Jahren hervorragender wissenschaftlicher Arbeit nicht auf den Status eines informationsreduzierten Datenfriedhofs herabgedrückt würden.

Es ist wohl kein Zufall, dass nirgendwo etwas von der Benutzung der eMGH bei der Beantwortung einzelner Forschungsfragen zu lesen ist; ja es ist uns nicht einmal gelungen eine einzige Rezension zu dieser Publikation zu finden. Die geringe Resonanz deutet darauf hin, dass die teure Scheibe wenig genutzt wird — weil sie wenig nutzbringend ist. In den wenigen Bibliotheken, die sie angeschafft haben, steht sie ohne nachgefragt zu werden herum und dies liegt wohl nicht nur an dem fragmentarischen Charakter der Inhalte, der archaischen Benutzeroberfläche und einer grundsätzlich konservativ-abwartenden Haltung der wissenschaftlichen Klientel, sondern auch an der Grundkonzeption des Unternehmens, die weder zeitgemäß noch fachlich adäquat ist: "kastrierte" Texte noch weiter reduziert auf einen Keyword-In-Context-Index in unendlicher Langsamkeit herauszugeben wird modernen wissenschaftlichen Ansprüchen kaum gerecht. Zu fordern wären statt dessen weitere Erschließungsinformationen, vollständige Inhalte und eine technische Umsetzung, die alle Inhalte leicht und übersichtlich zugreifbar macht. Zu fordern wäre, dass das tatsächliche editorische Wissen, das sich hinter den Ausgaben der MGH verbirgt vollständig verfügbar gemacht wird. Wenn schon eine primäre Erschließung durch Register-artige Funktionen geboten werden soll, dann würde der historischen Forschung neben dem Volltextindex vor allem ein kumuliertes Personen-, Orts- und Sachregister Nutzen bringen. Wenn sich Brepols dieser anspruchsvollen, durch den Einsatz entsprechender Technik aber stark rationalisierbare Aufgabe, nicht gewachsen sieht, so könnte doch wenigstens mit jenen Registern begonnen werden, die den meisten gedruckten Bänden ohnehin beigegeben sind, und die nun wirklich ohne größere Probleme in eine elektronische Form zu bringen sein dürften. Dann aber müsste es weiter gehen: Es gibt keinen Grund, den Benutzern alle editorisch wichtigen Informationen vorzuenthalten. Die Einleitungen, Variantenapparate und Sachanmerkungen müssen verfügbar gemacht werden. Sie erst erlauben eine wissenschaftlich-kritische Verwendung des Materials und sie sind es, die den editorischen Stand der Forschung dokumentieren. Sie machen den Unterschied aus, zwischen einem Textfriedhof und einem wissenschaftlichen Unternehmen, das auch den Anspruch erfüllen muss, immer zuverlässige Kontextinformationen auf dem aktuellen Stand der Forschung zu bieten. Der Wert eines Editionsunternehmens wie den MGH liegt nicht nur in den publizierten Texten. Er liegt in noch höherem Maße in der dort gebündelten editorischen Fachkompetenz. Es gibt Texte, wie z.B. die Chronik Thietmars von Merseburg, die durch die vorhandene Originalhandschrift in ihrer Textgestalt einigermaßen unkritisch sind; dass selbst solche Editionen aber bei den MGH mehrere gedruckte Neufassungen erleben können, zeigt doch gerade, dass es eben nicht nur um die reinen Texte, sondern auch — und vor allem — um das sich wandelnde editorische Wissen über die Texte geht. Und dieses Wissen muss auch in (bezahlbaren) elektronischen Medien verfügbar gemacht werden, wo es ganz andere Forschungsstrategien ermöglichen würde, als es die Bleiwüsten in den Regalen der Bibliotheken zu tun vermögen.

Rezensenten: Bernhard Assmann, Patrick Sahle

 

* Dies ist die ungekürzte Fassung der in der ZfBB schließlich erschienenen Version. zurück zum Text

1 Nach Abschluss der Rezension ist die dritte Lieferung dann doch noch auf den Markt gekommen. Da sich bis auf die Erweiterung um zusätzliche Texte nichts Wesentliches geändert hat, haben wir auf eine erneute eingehende Autopsie verzichtet. zurück zum Text

2 In ganz wenigen willkürlichen Fällen sind Sachanmerkungen in den Text eingefügt - z. B. bei den Annales regni Francorum, SS rer. Germ. 6, S. 2, zum Jahr 741), am Rande gedruckten Querverweisen und ggf. ursprünglich mitgegebenen Übersetzungen (siehe z. B. Fontes iuris Germanici Antiqui in usum scholarum 3, 1980 (Hinkmar von Reims: De ordine palatii). zurück  zum Text

3 Für alle drei Fälle Belege in Vita Remigii, SS rer. Merov. 3, S. 259: Griechischer Buchstabe Gamma zu G, Umpunktetes X zu X, gespiegeltes c (wie con-Kürzung) zu C. zurück  zum Text

4 Bei manchen griechischen Passagen bleiben allerdings nur Rätsel: In Auct. ant. 2, S. 341, Z. 38 wird aus '&920;EO&916;' '**g-******Q__D'. Für die nicht-griechischen Sonderzeichen gilt wohl insgesamt als Grundregel, dass sie, wenn sie nicht einfach ignoriert und weggelassen wurden (dies z.B. bei den Editionszeichen, die hervorgehobene Schriften, z.B. Elongaten, in der Vorlage kennzeichnen), zu einem ähnlichen ASCII-Zeichen konvertiert sind, wie z.B. 'ë' zu 'e' (Auct. ant. 5,2, S. 216, Vers 4), Kreis mit eingeschlossenem Kreuz zu '+' (SS rer. Merov. 4, S. 749, Z. 11) oder || zu einfachem unterbrochenen senkrechten Strich (SS rer. Germ 49, S. 3). zurück  zum Text