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Philosophia naturalis

Archiv für Naturphilosophie und die philosophischen Grenzgebiete der exakten Wissenschaften und Wissenschaftsgeschichte

Herausgegeben von Bernulf Kanitscheider, Bernd-Olaf Küppers, C. Ulises Moulines und Erhard Scheibe

 

Band 34 (1997). IV, 362 Seiten. € 89.-
Studentenabonnement € 49.-

 

Aus dem Inhalt von Heft 2

Michael Otte: Mathematik und Verallgemeinerung - Peirce' semiotisch-pragmatische Sicht

Peirce behandelt die Begriffe Bedeutung (Natur-)Gesetz, Kontinuum - und einige weitere, wie z.B. Repräsentation oder Geist - als Synonyme. Damit eignet ihnen allen jene quasi paradoxe Beschaffenheit, die am Beispiel des Kontinuumsbegriffs immer schon diskutiert worden ist und die neuerdings auch in anderen Kontexten, etwa der Systemtheorie, angesprochen wird.
Die Bedeutung eines Zeichens beispielsweise ist sicher nicht von seiner Anwendung zu trennen - das verlangt bereits die Peircesche Pragmatische Maxime. Sie ist andererseits aber ebensowenig mit einer einzelnen Anwendung oder irgendeiner wohlbestimmten Menge von Anwendungen zu identifizieren, sondern beruht eher auf den allgemeinen Bedingungen möglicher Anwendungen.
Der Zeichenbegriff und der Begriff des Kontinuums sind die beiden Säulen, auf welchen Peirce' phänomenologische Epistemologie ruht. Sie soll einmal durch Bezug zur Geschichte der Mathematik und zum anderen im Vergleich zu anderen phänomenologischen Positionen in der sogenannten Grundlagenkrise der Mathematik verdeutlicht werden. Die Bedeutsamkeit der Mathematik ergibt sich aus der Tatsache, daß in der Mathematik die genannten beiden Säulen am tiefgreifendsten zusammentreffen.

 

Klaus Erlach: Natursurrogate. Wozu brauchen wir eine natürliche Natur?

Der ungeheure Erfolg der modernen Technik hat in den letzten Jahren in verstärktem Ausmaß mit den unerwünschten, häufig bewußt in Kauf genommenen Nebenfolgen die grundlegende Ambivalenz technischen Handelns deutlich vor Augen geführt. Resignierten Beobachtern erscheint daher Naturphilosophie nur noch als Chronik eines angekündigten Todes möglich. Optimistische Zeitgenossen - die einen mit ungebremstem Aktivitätsdrang, die anderen mit gelassener Erwartung - wollen die augenscheinlich gefährdete Natur schonen, um sie schließlich gar retten zu können. In beiden Fällen dürfte es nicht unwichtig sein, zu wissen, wie eine rein natürliche Natur aussieht; wie sie unabhängig und ungestört von menschlichen Einflüssen besteht. Um natürliche Natur irgendwie erhalten zu können, muß man eine Vorstellung davon haben, was Natur eigentlich ist, wie sie aussieht - wie sie aussehen soll. Dieser Aufsatz widmet sich dem Problem der natürlichen Technik und künstlichen Natur; der Natur im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit und der Welt als künstlicher Biosphäre.

 

Jutta Schickore: Theoriebeladenheit der Beobachtung: Neubesichtigung eines alten Problems

The view that scientific observation is "theory-laden" is widely accepted in contemporary philosophy of science debates. However, there seem to be several respects in which it has been claimed that observations are theory-laden. In this paper, I argue that an important reason for the apparent uncertainty as to the exact meaning of the term "theory-laden" can be found in the concept of observation itself. This concept is, in fact, used in several different ways. Depending on the equivocalness of the term "observation," the term "theory-laden" can take on varying meanings. In order to clarify the significance of the alleged theory-dependence of observation it is necessary to distinguish different concepts of observation, and the corresponding notions of theory-ladenness. In each case, the respective notion of theory-ladenness requires further clarification. It is only then, that the discussion of the significance of theory-ladenness as a characterization of the empirical foundation of science becomes possible.

 

Detlef Laugwitz: Mathematische Modelle zum Kontinuum und zur Kontinuität

Der Terminus "Kontinuum" gehört zentral zu Mathematik, Physik und Naturphilosophie und bezeichnet im einfachsten Falle die lineare Situation, etwa die Gerade in der Geometrie, die Zeit in der Physik. Für die mathematische Naturbeschreibung in der Neuzeit ist die Zeitvariable der Prototyp einer "stetigen Veränderlichen" oder "stetigen Größe", und bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts sind die stetigen Variablen undefinierte Grundbegriffe der Analysis, wie Dedkind 1872 kritisch bemerkt: "Man sagt so häufig, die Differentialrechnung beschäftige sich mit den stetigen Größen, und doch wird nirgends eine Erklärung von dieser Stetigkeit gegeben..." Dedkind meint, mit seiner Konstruktion der Irrationalzahlen aus den Schnitten im System der rationalen Zahlen eine strenge Begründung gegeben zu haben. Sie ist im wesentlichen äquivalent zu der etwa gleichzeitigen Begründung der reellen Zahlen über Fundamentalfolgen rationaler Zahlen durch Heine und Cantor und mit der axiomatischen Beschreibung durch Hilbert 1900. Doch auch nach Durchsetzung dieser sogenannten "klassischen Kontinuumstheorie" ist das uralte Problem des Kontinuums keineswegs abschließend erledigt.

 

Christoph Kockerbeck: Philosophie und Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert: Die "Tierästhetik" von Karl August Möbius 

Der Aufsatz handelt von:
1. Ziele der naturwissenschaftlichen Naturästhetik im 19. Jahrhundert
2. Der Anspruch der Naturwissenschaften auf kulturelle Kompetenz
3. Kategorien und Gesetze der Möbiusschen Tierästhetik
4. Kritik und Schluß

Siehe hierzu auch Bettina Engels' Rezension: "Der Grashüpfer, den wir von Kindheit an sahen. Ein nicht ganz toleranter Anwalt der Natur: Die Tierästhetik von Karl August Möbius" in der F.A.Z. Geisteswissenschaftsbeilage vom 10. Juni 1998!

 

Eduard Kaeser: Medium und Materie. Für ein komplementaristisches Konzept des menschlichen Körpers

Der Aufsatz handelt von:
Der Grundkonflikt der modernen Medizin
Das "Schweigen der Organe"
Der menschliche Körper ist mehr als körperlich
Der Körper als Ort des "schreiendsten Widerspruchs"
Die "ungesunde" Metaphysik des Körpers
Körper als Medium und Körper als Materie
Vom Körperwerden des Dinges, Dingwerden des Körpers
Gegenseitige Verborgenheit
Der Körper ist verborgen geistig, der Geist verborgen körperlich
Der "andere" Modus der Krankheit
Körper als (einverleibte) Umwelt, Umwelt als (verlängerter) Körper
Das neuzeitliche Interesse an der Leiche
Die Spur des latenten lebenden Körpers. Drei Postulate