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Philosophia naturalis

Archiv für Naturphilosophie und die philosophischen Grenzgebiete der exakten Wissenschaften und Wissenschaftsgeschichte

Herausgegeben von Bernulf Kanitscheider, Bernd-Olaf Küppers, C. Ulises Moulines und Erhard Scheibe

 

Band 35 (1998). IV, 358 Seiten. € 89.-
Studentenabonnement € 49.-

 

Aus dem Inhalt von Heft 2

Friedel Weinert: Fundamental Physical Constants, Null Experiments and the Duhem-Quine Thesis

This paper emphasizes the impact of constraints on the under-determination thesis and by implication on the construction of scientific systems. In particular, it aims to give a detailed account of the constraining effects of two features of experimental science which have received next to no attention in the new experimental philosophy: the existence of fundamental physical constants and null experiments. Although constants and null experiments are rather specific constraints, they are representative, because of their features, of how constraints operate in general. This paper is concerned with the question of how fundamental physical constants and null experiments have acted as empirical constraints on physical theories.

 

Michel Bitbol: Some Steps Towards a Transcendental Deduction of Quantum Mechanics

My purpose in this paper is to show that the two major options on which the current debate on the interpretation of quantum mechanics relies, namely realism and empiricism (or instrumentalism), are far from being exhaustive. There is at least one more position available; a position which has been widely known in the history of philosophy during the past two centuries but whihc, in spite of some momentous exceptions, has only attracted little interest until recently in relationship to the foundational problems of quantum mechanics. According to this third posotion, one may provide a theory with much stronger justifications than mere a posteriori empirical adequacy, without invoking the slightest degree of isomorphism between this theory and the elusive things out there. Such an intermediate attitude, which is metaphysically agnostic as empiricism, but which shares with realism a committment to considering the structures of theories as highly significant, has been named transcendentalism after Kant. Of course, I have no intention in this paper to rehearse the procedures and concepts developed by Kant himself; I rather wish to formulate a generalized version of his method and show how this can yield a reasoning that one is entitled to call a transcendental deduction of quantum mechanics.

 

Sigmund Bonk: Kausalität, Induktion und Außenwelt: David Humes skeptisch-naturalistische Epistemologie

Es soll versucht werden, der deutschsprachigen Standarddeutung (von Humes Philosophie als "radikalem Skeptizismus" oder "Phänomenalismus") eine an der neueren englischen und amerikanischen Sicht geschulte (und dort mittlerweile ebenfalls beinahe Standard gewordene) entgegenzustellen. Das dabei entstehende Bild von Hume als einem "skeptischen Naturalisten", genauer, einem radikalen Naturalisten mit skeptischen Vorbehalten (welche sich in den Werken nach dem systematischen Hauptwerk, der "Abhandlung über die menschliche Natur", vermehren und vertiefen) will sich als eine Art gestraffte und vereinheitlichende Summe der an Kemp Smith orientierten interpretatorischen Bemühungen angelsächsischer Provenienz verstanden wissen.

 

Ernst Kleinert: Über die Anschauung im mathematischen Denken

Unter den Tätigkeiten des menschlichen Geistes ist die Mathematik auf besondere Weise eine Sache reinen Denkens. Nirgends ist die Begrifflichkeit so hochgetürmt und fern der Welt, die Forderung, daß kein Fehler unterlaufen darf, so unbedingt. Insofern sie aber in menschlichen Gehirnen stattfindet, wird sie deren Eigenart und Unvollkommenheit tributpflichtig (man mag es mit Bedauern oder Genugtuung feststellen); und so sehen wir den mathematischen Denkprozeß auf allen Stufen der Abstraktion von Anschauungen durchsetzt, von figürlichen oder symbolischen Substraten, Mitteln und Stützen des Denkens. Schon die Ubiquität visueller Metaphorik weist darauf hin: man betrachtet etwas, man sieht und sieht ein, bekommt ein Bild von etwas. Diese ist freilich nicht auf die Mathematik beschränkt, und das Nachdenken darüber hat in der Philosophie eine lange Tradition. Erinnern wir uns an die ersten Sätze der aristotelischen "Metaphysik": "... denn nicht nur, um handeln zu können, sondern auch, wenn wir nichts vorhaben, ist uns das Schauen von allem andern das Liebste. Der Grund liegt eben darin, daß uns dieser Sinn am ehesten in die Lage versetzt, zu erkennen ..."

 

Achim Müller: Die inhärente Potentialität materieller (chemischer) Systeme determiniert das komplexe Geschehen

Die Komplexität der Natur mit ihrer erstaunlichen Formen-, Farben- und Funktionsvielfalt resultiert aus der Vielfalt der Eigenschaften und der Veränderung von "Stoffen" der Art, wie sie der moderne Naturwissenschaftler - speziell und besonders der Chemiker - untersucht. Von zentraler Bedeutung ist in diesem Zusammenhang das Verständnis der molekularen Komplexität und Multifunktionalität, nicht der Komplexität (als Universalie) eines dissipativen Systems im Sinne der Brüsseler Schule. Schon Heraklith verstand die Wirklichkeit als komplexes, gesetzmäßig-aufgebautes und beziehungsgeladenes Gebilde. Was sind, so fragt dieser Aufsatz, die ontologischen Systemannahmen, daß Mögliches existiert und in Wirkliches übergehen kann?