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Philosophia naturalis

Archiv für Naturphilosophie und die philosophischen Grenzgebiete der exakten Wissenschaften und Wissenschaftsgeschichte

Herausgegeben von Bernulf Kanitscheider, Bernd-Olaf Küppers, C. Ulises Moulines und Erhard Scheibe

 

Band 36 (1999). IV, 320 Seiten. € 89.-
Studentenabonnement € 49.-

 

Aus dem Inhalt von Heft 1

Juan Manuel Torres: On the Falsification of the Central Dogma and the De novo Synthesis of Molecular Species. A Molecular Analysis

In 1975, two experimentalists made a surprising discovery in the field of molecular biology: in the absence of any information encoded in nucleic acids, a polymerase was able to produce a self-replicating and adaptive RNA species. This finding led to discussion about whether or not the Central Dogma of molecular biology had been falsified by the exceptional enzyme, giving rise to a certain amount of controversy. The present paper frames the question as a methodological one which can be answered by distinguishing between two historical formulations of Crick's statement.

 

Ed Dellian: Nochmals: Die Newtonische Konstante. Bemerkungen zu Isaac Newtons Lehre von der absoluten Bewegung

Die Lehre Isaac Newtons von der Bewegung der Körper im absoluten Raum und in der absoluten Zeit gründet sich auf die der "Axiomata sive leges motus", die Newton eingangs seines Hauptwerks "Philosophiae naturalis principia mathematica" von 1687 vorstellt. Diese Bewegungsgesetze werden bisher allgemein als das Fundament der sog. Newtonischen oder klassischen oder analytischen Mechanik angesehen. Die wissenschaftshistorische Forschung weiß aber seit langem, daß die analytische Mechanik im Lauf des 18. Jahrhunderts von d'Alambert, Euler und Lagrange inkritischer Auseinandersetzung mit Newton formuliert wurde, wobei die Newtonischen Bewegungsgesetze mindestens eine positivistische Interpretation erfuhren. Bei näherer Untersuchung zeigt sich, daß diese Interpretation eine inhaltliche, auf die Rezeption Leibnizscher mechanischer Prinzipien zurückzuführende Veränderung der Bewegungsgesetze einschloß. Die Veränderung bestand insbesondere darin, daß ein von dem Zweiten Bewegungsgesetz Newtons geforderter Proportionalitätsfaktor eliminiert wurde - die "Newtonische Konstante". Als Ergebnis der Untersuchung sei vorweggenommen, daß die klassische Mechanik ganz zu Unrecht Newton zugeschrieben wird. Tatsächlich entstammen ihre grundlegenden Prinzipien Leibniz' rationalistischer Philosophie.

 

Andreas Dorschel: Emotion und Leib

Wenn Emotionen Rationalität abgesprochen oder sie dieser entgegengesetzt werden, so wird dies oft auf den Umstand gestützt, daß in ihnen der Leib in besonderer Weise ins Spiel zu kommen scheint. Schüttelt jemanden der Zorn oder packt ihn die Wut, dann ist unvorstellbar, daß dies nur von seinem "Geist" - was immer dies sei - gesagt sein soll; vielmehr hat die Emotion den Körper ergriffen und wird an ihm sichtbar. Dem Schluß aber, solches Reagieren sei eben darum des Denkens bar oder ihm zuwider, liegt ein Stück uneingestandener Metaphysik, ein verborgener Cartesianismus zugrunde. Werden Geist und Körper als - wie die Cartesische Metaphysik formulierte - Substanzen mit entgegengesetzten Prädikaten bestimmt, dann ist von einem Zusammenhang beider nicht die Rede. Denn es liegt, wie Descartes ausführt, im Begriff von Substanzen, daß sie einander wechselseitig ausschließen. Die Frage, wie Leib und Seele verbunden sein können, das sogenannte Leib-Seele-Problem, entsteht allererst aus der Voraussetzung, daß sie ursprünglich getrennt seien.

 

Klaus Fischer: Drei Grundirrtümer der Maschinentheorie des Bewußtseins 

Siehe hierzu auch Manuela Lentzens "Aus Syntax wird keine Semantik. Von der Künstlichen Intelligenz zur Tierquälerei: Drei Grundirrtümer der Maschinentheorie des Bewußtseins" in der F.A.Z. vom 19. Mai 1999

Daß der Mensch eine Maschine sei und seine Seele in nichts anderem bestehe als in gewissen Wirkungen oder Aspekten des normalen Funktionierens dieser Maschine, behauptete Julien Offrray de la Mettrie bereits in seinem 1748 anonym in Leiden veröffentlichten Traktat L'Homme machine. Damit wendete er sich gegen die Inkonsequenz des Begründers der mechanistischen Physik, René Descartes, die Vernunft, das Denken, die Seele des Menschen dem Anwendungsbereich der mechanistischen Naturerklärung zu entziehen. Die Seele als eine vom Körper verschiedene Substanz ist uns nach Descartes einzig dadurch bekannt, "daß sie denkt, d.h. daß sie hört, will, sich vorstellt, sich erinnert und empfindet". Zwar stellte Descartes nicht die Möglichkeit in Frage, Maschinen zu bauen, die viele Funktionen des Lebens zu imitieren vermögen. Doch es bleibt ein wichtiger Unterschied, den Descartes im Discours de la méthode wie folgt expiliziert. "Sollten diese Maschinen auch manches ebensogut oder vielleicht besser verrichten als irgendeiner von uns, so würden sie doch zweifellos bei vielem anderen versagen, wodurch offen zutage tritt, daß sie nicht aus Einsicht handeln, sondern nur zufolge der Einrichtung ihrer Organe. Denn die Vernunft ist ein Universalinstrument, das bei allen Gelegenheiten zu Diensten steht, während dies Organe für jede besondere Handlung einer besonderen Einrichtung bedürfen." Gegen den cartesischen Dualismus von res extensa und res cogitans setzt La Mettrie die Idee des Menschen als "aufgeklärter Maschine", in der "alle Eigenschaften der Seele von der eigentümlichen Organisation des Gehirns und des ganzen Körpers so sehr abhängen, daß sie sichtlich eben nur diese Organisation selbst sind ... Da die Gedanken sich sichtlich mit den Organen entwickeln, warum sollte der Stoff, aus dem sie bestehen, nicht auch für Gewissensbisse empfänglich sein, wenn er einmal mit der Zeit die Fähigkeit zu fühlen erlangt hat." Ein Vierteljahrtausend nach La Mettrie haben sich die physikalischen Modelle, nach denen man den Geist des Menschen zu verstehen versucht, verändert. Was sind die Konsequenzen der Schaltkreise und der Robotopia der Künstlichen Intelligenz?

 

H.-D. Ebbinghaus / Martin Grohe: Zur Struktur dessen, was wirklich berechenbar ist

Der erste Gödelsche Unvollständigkeitssatz und eine Vielfalt von Unentscheidbarkeitsresultaten zeigen, daß es konkrete Fragestellungen gibt, die sich nicht algorithmisch lösen lassen. Ergebnisse der Komplexitätstheorie legen dar, daß es konkrete Fragestellungen gibt, die sich zwar algorithmisch lösen lassen, für die jedoch jede algorithmische Lösung so aufwendig ist, daß ihrer praktischen Ausführbarkeit Grenzen gesetzt sind. Beide Sachverhalte sind vielfältig auch in die erkenntnistheoretische Diskussion eingeflossen. Der Bereich des praktisch Berechenbaren selbst steht jedoch noch außerhalb dieser Diskussion. Um die Struktur dieses Bereichs aufzuhellen, bedarf es eines mathematischen Modells praktischer Berechenbarkeit, das der intuitiven Vorstellung möglichst nahe kommt.

 

Eduard Kaeser: Leib und Landschaft. Für ein Naturverständnis "bei Sinnen"

"Ich habe nie so recht begriffen, warum Landschaften ... die auf Gemälden ganz banal wirken, in Wirklichkeit manchmal so interessant und schön sind und die Aufmerksamkeit so stark fesseln." (Lars Gustafsson)

  • Landschaftsblindheit
  • Am Leitfaden der Schritte: Die pedestrische Topographie
  • Vermessener Körper - vermißter Leib
  • Aesthetische / aisthetische Erziehung des Menschen
  • Sinnlichkeit als zivilisatorische Aufgabe
 

Michael Elsfeld: Der Holismus der Quantenphysik: seine Bedeutung und seine Grenzen

This paper develops a new suggestion for a philosophical characterization of quantum holism by combining the basic ideas of the proposals which exist in the literature: Quantum holism conists in non-separability in the sense that the parts of a quantum whole have some of the properties which make something a quantum system only taken together. Consequently, there are non-supervenient relations among the parts of a quantum whole, and a quantum whole has physically significant properties which do not supervene upon the non-relational properties of its parts. Going into the scope of quantum holism, I argue in the last part of the paper that it is most plausible to regard quantum holism as being limited to more or less the microphysical realm; otherwise, a commitment to hotly disputed positions in the philosophy of mind ensues.