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Philosophia naturalis

Archiv für Naturphilosophie und die philosophischen Grenzgebiete der exakten Wissenschaften und Wissenschaftsgeschichte

Herausgegeben von Bernulf Kanitscheider, Bernd-Olaf Küppers, C. Ulises Moulines und Erhard Scheibe

 

Band 40 (2003). IV, 292 Seiten. € 108.-
Studentenabonnement € 54.-

 

Aus dem Inhalt von Heft 1

Eduard Kaeser: Der Zugang zum artfremden Subjekt

Vor fast hundert Jahren führte Jakob von Uexküll den Begriff der Tiersubjektivität in die biologische Verhaltensforschung als neuen "Naturfaktor" ein. Er förderte damit eine Betrachtungsweise, welche das artfremde Lebewesen nicht bloss als "physiologischen Sack" (Adolf Portmann) thematisert, sondern als ein Subjekt, dessen Verhalten wir auch im Lichte einer artspezifischen Form von Tiermentalität - von Fühlen, Beabsichtigen, Erwarten, ja, Denken - zu verstehen haben. Mit einer solchen Perspektive-für-das-Tier gerät man allerdings rasch in Konflikt mit dem Anspruch der objektiven Ethologie, die Tierverhalten exklusiv aus der Warte der Dritten Person erklären will. Aus diesem Grunde greifen viele Ethologen die Perspektive-für-das-Tier nur mit ganz spitzen Fingern auf. Sie scheinen darin Anthropomorphismus zu befürchten. Der vorliegende Artikel versucht, diese Befürchtungen insofern zu entkräften, als er den Zugang zum Tiersubjekt als einen Weg sui generis interpretiert, der anhand einiger ethologischer "Symptome" erkennbar gemacht wird. Anerkennt man Tiersubjektivität als Naturfaktor, führt dies nicht nur zu einem erweiterten Bild des Tiers als Subjekt seines Lebens, sondern generell zu einem erweiterten Bild der Natur, in dem auch der "artfremde Geist" Platz finden kann - kurz, zu einem "inklusiven" Naturalismus.

The question of animal subjecticity is prone to cause uneasiness among scientists and philosophers. As soon as one is willing to assign some sort of subjectivity to other species one also has to face an imminent conflict between the perspective of the animal and the prevailing third-person perspective of the ethologist. Scientific talk about the animal is mainly talk about its behaviour and biology, leaving scarce room for subjectivity, i.e. an animal "point of view" or an "animal mind". One even runs the risk of "anthropomorphizing" - committing one of the deadly sins of objective ethology. Nevertheless there is a centenarian tradition in ethology dating back to the biologist Jakob v. Uexküll who introduced the term "Tiersubjektivität" (animal subjectivity) into ethological talk, thereby postulating that animal subjectivity ought to be the primary target ("Naturfaktor") of biological study. How, then, are the two perspectives to be renconciled? In this article I scrutinize some (more or less recent) ethological approaches in (what seems to me to be) the vein of Uexkülls biology. They show, as I should like to interpret them, a departure from the old human monopoly on subjectivity and mindfulness. Accepting animal subjectivity as something "out there" in nature , I suggest, one also has to reflect the foundations of the biological understanding of living beings. True, we learn a lot about Nature from an objective point of view, but Nature is richer than what she reveals to us from that point of view. I call this attitude inclusive naturalism.

 

Sven Ove Hansson: Are Natural Risks Less Dangerous Than Technological Risks

Die alte Dichotomie zwischen Natur und Technik hat in der Diskussion über soziale Risikos wieder aufgetreten. Obwohl es schwierig, wenn nich unmöglich, ist feste Prinzipien für die Grenze zwischen Natur und Technik aufzustellen, hat die intuitive Grenze dazwischen eine beträchtliche Rolle in der Wahrnehmung von Risikos. Hier wird diskutiert ob es gute normative Gründe dafür gibt, natürliche Risikos weniger Priorität zuzuschreiben als technologische Risikos. Drei mögliche solche Gründe werden untersucht: (1) daß wir Menschen so konstituiert sind daß natürliche Gefahren für uns weniger gefährlich sind als technologische Gefahren, (2) daß natürliche Gefahren schwieriger sind zu reduzieren, und (3) daß technologische Risikos Zusätze zu vorexistierende Risikos sind. Es zeigt sich daß keiner von diesen Gründen haltbar ist. Naturichkeit gibt keinen Anlaß, ein Risiko zu akzeptieren.

The old nature–technology dichotomy has reemerged in the debate on social risks. Although it is difficult, if not impossible, to draw the distinction between nature and technology in a principled way, the intuitively drawn distinction has a clear role in the public’s perception of risk. This paper discusses whether or not there are good normative reasons for a risk manager to assign lower priority to natural than to non-natural risks. Three types of such reasons are discussed: (1) that humans are constructed in such a way that natural risks are less dangerous to us than technologoical risks (2) that natural risks are more difficult to reduce than technological risks, and (3) that technological risks are new additions to an already existing burden of risks. It is concluded that none of these is a tenable reason. Hence, naturalness is not, in general, a valid reason to accept a risk or to give it low priority in risk management. Conversely, the fact that a risk is "non-natural" or technological is not a valid reason to give it high priority.

 

Frank Hofmann: Kripkes und Chalmers’ Argumente gegen den Materialismus

David Chalmers hat ein neues Argument gegen den Materialismus präsentiert. Es hat den Vorteil, ohne die problematische semantische Prämisse über den Referenzfixierer des Schmerz-Begriffs, die das bekannte antimaterialistische Argument von Kripke enthält, auszukommen. Genauso wie bei Kripke gehen aber Intuitionen über (metaphysische) Möglichkeiten ein. Chalmers´ Argument ist in eine umfassendere apriorische Epistemologie der möglichen Welten eingebettet. Eine kritische Überprüfung ergibt jedoch, daß Chalmers´ Annahme, daß aus einem intuitiven Eindruck der Denkbarkeit einer Zombie-Welt ihre metaphysische Möglichkeit folgt, zu stark ist. Ein Eindruck von Denkbarkeit liefert bestenfalls einen falliblen apriorischen prima facie Grund für metaphysische Möglichkeit. Als solcher kann er durch geeignete empirische Entdeckungen übertrumpft werden. Daher ist contra Chalmers eine partiell aposteriorische Epistemologie der Modalität angebracht, deren Grundzüge skizziert werden sollen. Die Kritik kann auch auf Kripkes Argument übertragen werden.

David Chalmers has presented a new argument against materialism. Unlike Kripkes well-known antimaterialist argument, it does not depend on a problematic semantic premise about the reference fixer of the concept of pain. Similar to Kripke´s argument, intuitive assumptions about metaphysical possibility are made. Chalmers presents his argument within a general apriori epistemology of possible worlds. A critical discussion of his argument shows, however, that his assumption that the impression of conceivability of a zombie possible world implies its metaphysical possibility is too strong. An impression of conceivability can at best provide a fallible apriori prima facie reason for metaphysical possibility. And such a prima facie reason can be defeated by a suitable aposteriori reason. Thus, we need a partially aposteriori epistemology of modality which will be sketched in the paper. The criticizm applies equally well to Kripke´s argument.

 

Bernward Gesang: Tatsachen und Werte – eine total verschwommene Unterscheidung?

Kann man Wert- und Tatsachenaussagen semantisch unterscheiden? H. Putnam und andere Philosophen bezweifeln dies und vermuten hier ein unreflektiertes neopositivistisches Erbe. Daraus ergibt sich auch ein bestimmtes Verständnis der Rolle von Werten in den Wissenschaften. Putnam versucht zu zeigen, dass moralische und wissenschaftliche Wertungen gleichermaßen subjektiv bzw. objektiv sind und sich beide kulturrelativ entwickelt haben. Diese Thesen werden in diesem Aufsatz bestritten. Statt dessen wird ein kritisch-rationales Verständnis der Rolle von Wertungen verteidigt.

This essay defends a critical rationalist theory of values in science. H. Putnams thesis that the fact-value-dichotomy is "totally fuzzy" will be rejected. Evaluative statements are not in the same way objective as factual statements are.

 

Gertrude Hirsch Hadorn: Deskriptiv-analytische und praktisch-normative Funktionen von Naturbegriffen in der Umweltforschung

Umweltforschung befasst sich mit Umweltproblemen. Sie beschreibt und erklärt nicht nur anthropogene Veränderungen der Natur, sondern schliesst auch Fragen der Bewertung und damit Handlungsprobleme ein. Dem empirisch-analytischen und dem technisch-pragmatischen Wissen liegt ein empirisch-mathematischer Naturbegriff zugrunde. Spielen Naturbegriffe auf für praktisch-normatives Wissen eine Rolle? Der Artikel untersucht drei Positionen, die Normen für technisch-institutionelle Nutzungen natürlicher Ressourcen unter Bezugnahme auf physiologisch-ökologische oder auf kontemplative Beziehungen des Menschen zur Natur begründen wollen. Es wird gezeigt, dass diese Naturbegriffe weder für die Bestimmung des Inhalts von Normen hinreichend sind noch ihre Verbindlichkeit legitimieren können. Umweltethik kann sich nicht allein auf Naturbegriffe stützen, aber Natur ist auch nicht nur aus umweltethischen Überlegungen von moralischer Bedeutung.

Research about environmental problems encompasses not only empirical knowledge about anthropogenetic changes of the state of nature, but includes their evaluation as well as knowledge about how to transform human practices. The descriptive and technical knowledge is based on an empirical-mathemathical concept of nature, although the role of a concept of nature in practical knowledge is strongly contested. The paper analyzes three positions that try to develop norms to restrict human practices on the basis of physiological or of contemplative relations of man with nature. It is shown, that these positions are neither sufficient to determine the content of norms nor to legitimate their obligatory character.

 

Lucas Amiras: Lobatschefskis Anfangsgründe der Geometrie als Figurentheorie

Nach einer kurzen historischen Darstellung des traditionellen Problems eines Aufbaus der Geometrie als Figurentheorie (§2) erörtert der Aufsatz Lobatschefskis methodischen Versuch zur Konstitution einer solchen Theorie (§3). Lobatschefskis neue Idee besteht darin, geometrische Grundbegriffe (Fläche, Linie, Punkt) mit Hilfe von Berührbeziehungen zwischen Körpern einzuführen. Sein Entwurf erscheint sehr kritikwürdig, insbesondere vom Standpunkt der modernen Axiomatik. Seine Anliegen erweisen sich jedoch als überaus relevant für eine "Protogeometrie", im Sinne einer modernen, operativen, vorgeometrischen Figurentheorie (§5 und §6)

Lobatschefskis basic principles of geometry as a theory of spatial figures.
After a brief historical exposition of the traditional issue to construct geometry as a theory of spatial figures (§2) the article discusses Lobatschefskis methodical attempt to establish such a theory (§3). Lobatschefskis novel idea is to introduce fundamental concepts of geometry (surface, line, point) using relations of contact among physical bodies. His approach seems to be quite questionable, especially from a modern axiomatic point of view (§4). However his concerns turn out to be relevant for a "protogeometry", in the sense of a modern, operative, pre-geometric theory of spatial figures (§5 and §6).