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Über die Zeitschrift |
Philosophia naturalisArchiv für Naturphilosophie und die philosophischen Grenzgebiete der exakten Wissenschaften und Wissenschaftsgeschichte Herausgegeben von Bernulf Kanitscheider, Bernd-Olaf Küppers, C. Ulises Moulines und Erhard Scheibe
Band 42 (2005). IV, 342 Seiten. € 111.-
Aus dem Inhalt von Heft 1
Daniela Bailer-Jones: Mechanisms Past and Present Mechanisms were central to doing science in the 19th century. Not only was the dominating area of physics classical mechanics, but physical processes were often reconstructed with the aid of physically built models. There are distinct cognitive advantages to analysing physical processes mechanistically: various elements of the process can be individuated and considered step by step, viewed as forming a chain of events that results in the process as a whole. Just as the characteristics of models have changed since the 19th century, however, so has the concept of a mechanism undergone development since then. Mechanisms are still relevant for scientific accounts, and modern conceptions of mechanism can be shown to derive from the classical conception through a process of abstraction and generalisation. Mechanismen waren für die naturwissenschaftliche Praxis des 19. Jahrhundert zentral. Nicht nur war das vorherrschende Teilgebiet der Physik die klassische Mechanik, aber darüber hinaus wurden physikalische Prozesse auch durch tatsächlich gebaute Modelle rekonstruiert. Physikalische Prozesse mechanistisch zu analysieren hat deutliche Vorteile: Verschiedene Elemente des Prozesses können individuiert und Schritt für Schritt betrachtet werden. Die einzelnen Elemente bilden dann eine Kette, durch die der Prozess als Ganzes zusammengefügt wird. So wie sich jedoch die Charakteristika von Modellen seit dem 19. Jahrhundert verändert haben, hat sich auch der Begriff des Mechanismus seitdem weiterentwickelt. Während Mechanismen auch heute noch wichtig sind für wissenschaftliche Darstellungen, leitet sich ein modernes Verständnis von ‚Mechanismus’ vom klassischen Verständnis mittels Abstraktion und Verallgemeinerung ab.
Johannes Lenhard und Michael Otte: Grenzen der Mathematisierung - Von der grundlegenden Bedeutung der Anwendungen Im vorliegenden Aufsatz wird die folgende ‘Mathematisierungsthese’ vertreten: Der Mathematisierungsprozess hat seit dem 17. Jahrhundert eine ungeheure Dynamik entfaltet, in die sich die Entstehung der reinen Mathematik im 19. Jahrhundert einordnet. Die Entstehung der reinen Mathematik ist verbunden mit dem Reflexivwerden der Mathematik, d.h. mit der Mathematisierung der Mathematik, die sich damit selbst als Anwendungsfeld gewinnt. Für die Mathematik insgesamt ist der Modus der Anwendungsorientierung der grundlegende. Es wird anhand der Analyse von Pascals Epistemologie der Mathematik, von Boutroux’ Epocheneinteilung der Geschichte der Mathematik und von einer Interpretation der modernen Axiomatik für diese These argumentiert. Am Ende wird der Prozeß mathematischer Modellierung untersucht, wodurch deutlich wird, daß die reflexive Mathematisierung ihre eigenen Grenzen auf fundamentale Weise sichtbar macht. The present paper argues for the following “thesis of mathematization”: The emergence of ‘pure’ mathematics in the 19th century is an integral part of the process of mathematization that has developed with enormous dynamics from the 17th century on. During that process mathematics became reflexive, i.e. gained itself as an object of application. The fundamental mode of mathematics is an application-oriented one. It will be argued for that claim by an analysis of Pascal’s epistemology, of Boutroux’ history of mathematics, and by an interpretation of modern axiomatics. At the end, the investigation of the process of mathematical modelling will show that reflexive mathematization encounters its own limitations in a fundamental way.
Holger Lyre: Metaphysik im 'Handumdrehen' - Kant und Earman, Parität und moderne Raumauffassung Im Jahr 1768 präsentierte Immanuel Kant ein Argument, das die Notwendigkeit einer absoluten Raumstruktur, eines Substantialismus im Gegensatz zum Relationalismus, anhand der Eigenschaft der Händigkeit demonstrieren sollte. Während weitgehende Übereinstimmung besteht, daß das Kantische Argument defizitär ist, gibt es in jüngerer Zeit eine wesentlich durch John Earman angeregte Debatte über den Status des kantischen Arguments angesichts der in der modernen Physik als fundamental angenommenen Paritätsverletzung, die zur Auszeichnung von Händigkeiten führt. Dem Relationalisten, so ‘Earman’s challenge’, stehen keine Mittel zur Verfügung, die Auszeichnung einer Händigkeit im Kosmos ohne Rekurs auf eine absolute Raumstruktur zur erklären. Nach einer Aufbereitung des historischen Hintergrunds der Newton/Leibniz-Debatte zum ontologischen Status des Raumes sowie einer Rekapitulation des Kantischen Arguments bietet die vorliegende Arbeit eine systematische Betrachtung von Händigkeitsargumenten in der modernen Physik. Ziel ist es zu zeigen, daß ‘Earman’s challenge’ zurückgewiesen werden kann. In 1768 Immanuel Kant presented an argument showing the necessity of absolute space, i.e. substantivalism in contrast to relationalism, based on the property of handedness. While there is large consensus about the fallacy of Kant’s argument, a more recent debate exists – mainly stimulated by John Earman – about the status of the Kantian argument in view of modern physics and its fundamentally built-in parity violation, which leads to a preferred handedness. According to Earman the relationalist has no means to distinguish one handedness in the cosmos without reference to an absolute structure of space. After recapitulating the historical background of the Newton/Leibniz debate on the ontological status of space as well as the Kantian argument, this paper offers a systematic consideration of arguments about handedness in modern physics. The goal is to show that ‘Earman’s challenge’ can be rejected.
Tobias Jung: Universum und Multiversum - E pluribus unum? In der Kosmologie, deren Untersuchungsgegenstand das Universum ist, ist es üblich geworden, zum einen den Begriff ‘Universum’ mit qualifizierenden Attributen zu versehen und zum anderen den Plural ‘Universen’ oder ‘Ensembles von Universen’ zu verwenden. Im Anschluß an den Gebrauch der Begriffe ‘Universum’ und ‘Universen’ in der Literatur möchte ich hier die Unterscheidung zwischen folgenden fünf Verwendungsweisen vorschlagen und aufzeigen: ‘beobachtetes Universum’, ‘beobachtbares Universum’, ‘gesamtes Universum’, ‘Modell des Universums’ und ‘Ensemble von (aktual existierenden) Universen’. Des weiteren wird die wechselseitige Beziehung der mit diesen fünf Begriffen belegten Entitäten verdeutlicht. Schließlich wird die Frage untersucht, welche Auswirkungen die Verwendung von einem Ensemble von Universen für die Kosmologie als Wissenschaft von einem vermeintlichen Einzelgegenstand, dem Universum, hat. Cosmology usually is seen as the science that studies the universe. During the last decades it became more and more common to add qualifications like ‘observable’, ‘visible’, ‘physical’, ‘actual’ and so on to the noun ‘universe’. Additionally, it became widely accepted to speak about universes or ensembles of universes. With reference to the literature in cosmology I would like to propose to distinguish between five different meanings of the term universe: ‘observed universe’, ‘observable universe’, ‘whole universe’, ‘model universe’ and ‘ensemble of (really existing) universes’. In a next step the various relationships between the entities named by these five terms are made clear. Finally I will investigate how the character of cosmology as a science of a single entity, namely the universe, may be changed by invoking an ensemble of universes.
Tobias Cheung: Epigenesis in optima forma: Die 'Einfügung' und 'Verwicklung' des organismischen Subjekts in Jakob von Uexkülls theoretischer Biologie In einer Serie von drei 1912 veröffentlichten Artikeln versucht Jakob von Uexküll (1864-1944), neue Ziele für eine biologische Forschung zu umreißen, die von Individuen als organismischen Subjekten ausgehen. Gegen Darwins Begriffe der ‘Anpassung’ und ‘Evolution’ gerichtet, entwickelt Uexküll eine Theorie der ‘Einfügung’ und ‘Verwicklung’ von Individuen. Hierzu bezieht er sich auf Forschungsbereiche in der Entwicklungsmechanik, der Zelltheorie und der Genetik. Zugleich entwirft Uexküll Modelle organischer Ordnung, die auf Georges Cuviers vergleichende Anatomie und Systemtheorien in der Naturgeschichte des 18. Jahrhunderts zurückgeführt werden können. Neben Uexkülls organismuszentrierter Biologie und ihrem historischen Kontext werde ich auch epistemologische Probleme in Uexkülls Ansatz besprechen. In a series of three articles that were published in 1912, Jakob von Uexküll (1864-1944) tried to outline new goals for a biological research that is based on individuals as organismic subjects. In contrast to Darwin’s notions of ‘adaptation’ and ‘evolution’, Uexküll develops concepts of the ‘Einfügung’ and ‘Verwicklung’ of individuals and refers to research domains of Entwicklungsmechanik, cell theory and genetics. However, his theory reformulates also models of organic order that can be retraced to Georges Cuvier’s comparative anatomy and system theories in the natural history of the 18th century. Besides Uexküll’s organism-centered biology and its historical context, I will discuss epistemological problems that are involved in his theory.
Armin Grunwald und Yannick Julliard: Technik als Reflexionsbegriff: Überlegungen zur semantischen Struktur des Redens über Technik Der Technikbegriff wird in Technikphilosophie, Techniksoziologie, den Technikwissenschaften und der Lebenswelt in heterogener und teils widersprüchlicher Weise verwendet. In diesem Beitrag gehen wir der Frage nach, ob sich hinter diesen heterogenen Wortverwendungen eine semantische Gemeinsamkeit rekonstruieren läßt, die es einerseits erlaubt, das Gemeinsame in den verschiedenen Technikbegriffen zu erfassen, und die andererseits einen Ausgangspunkt darstellt, um den Unterschieden verschiedener Technikbegriffe Rechnung zu tragen bzw. diese selbst in ihren Funktionen und Intentionen zu rekonstruieren. Die zentrale Frage ist, was in der Rede über Technik unverzichtbar präsupponiert wird, damit von Technik geredet werden kann. Die These ist, daß ‘Technik’ einen Reflexionsbegriff darstellt, der der Strukturierung generalisierender Rede über Techniken dient, und der deshalb mit einem Index zu versehen wäre, der die Generalisierungsperspektive bezeichnet. The term ‘technology’ (Technik) is used in philosophy of technology, sociology, the engineering sciences and in the lifeworlds in heterogeneous and, partly, in inconsistent ways. In this paper, we are looking for an answer to the question whether a common semantic background might be reconstructed behind these heterogeneous usages. Such a common background would allow to identify the common aspects among the various notions of technology on the one hand, and to identify the differences and their origins as well as the motivations behind them, on the other. The main question is: what will necessarily be presupposed in discussions about technology in general? Our thesis is that ‘technology’ forms a term for reflecting (Reflexionsbegriff) generalising speech about technologies and techniques. Technology in its general use should, therefore, be completed by adding an index that should identify transparently the respective perspective of generalising reflection. |