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Philosophia naturalis

Archiv für Naturphilosophie und die philosophischen Grenzgebiete der exakten Wissenschaften und Wissenschaftsgeschichte

Herausgegeben von Bernulf Kanitscheider, Bernd-Olaf Küppers, C. Ulises Moulines und Erhard Scheibe

 

Band 42 (2005). IV, 342 Seiten. € 111.-
Studentenabonnement € 56.-

 

 

Aus dem Inhalt von Heft 2

 

Silke Jahr: "Naturwissenschaften versus  Geisteswissenschaften?"

 

Die Einheit von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft ist durch viele gemeinsame Merkmale zu belegen. Darüber hinaus bestehen aber auch Unterschiede zwischen beiden Bereichen von Wissenschaft. Die Unterschiede bestehen vor allem  a) in der Faktizität des Untersuchungsobjektes und der Art der Relationen, die das Untersuchungsobjekt determinieren, b) im Status des Experiments, c) in der Organisation des Wissens entweder als vorrangig vertikal oder horizontal. Die genannten Unterschiede führen zu tendenziellen Unterschieden vor allem in folgenden Bereichen: Stringenz von Gesetzen und wissenschaftlichen Aussagen; der Bedeutung, die dem Experiment für die Forschung zukommt; der Tiefe von Verstehensvoraussetzungen und der Schärfe der verwendeten Begriffe. Die Verschiedenheiten naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Forschung haben Auswirkungen auf die Publikationsform wissenschaftlicher Ergebnisse und das Studium der wissenschaftlichen Fächer. Die bestehenden Unterschiede in der Forschungstätigkeit und der Lehre sollten wesentlich stärker als bisher bei einem Leistungsvergleich naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Forschung sowie bei der Organisation des Studiums Berücksichtigung finden.

Es ist zu wünschen, dass die unterschiedlichen, jeweils spezifischen Probleme beider Bereiche von Wissenschaft wahrgenommen und durch eine differenziertere Betrachtungsweise ersetzt werden; die unzulässige „Gleichmacherei“ von naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Forschung und Lehre sollte nicht Praxis bleiben.

 

Although natural sciences and humanities have several feature in common there also are fundamental differences: a) The nature of the research objects, b) the status of the scientific experiment an c) the oranization of knowledge, either horizontal or vertical. These fundamental differences cause many structural differences such as: The distinctiveness of laws and scientific statements, the claerness of conceptualization of terms and definitions, variations in publication praxis and organization of study. It is desirable to allow for these differences when benchmarking natural and the humanities.

 

Ladislav Kvasz: "The Mathematisation of Nature and  Newtonian Physics"

 

Husserl hat die Idealisierung als einen Prozeß charakterisiert, durch welchen ein Phänomen der Lebenswelt durch eine mathematische Idealität ersetzt wird. Das Ziel des vorliegenden Aufsatzes besteht darin, dafür zu argumentieren, daß das Entstehen der Newtonschen Physik als eine Idealisierung des Wirkens im Husserlschen Sinn interpretiert werden kann. Im Laufe des Prozesses dieser Idealisierung wird das Phänomen des Wirkens, so wie wir es aufgrund unserer Erfahrung kennen, durch das durch Newtonsche Kräfte vermittelte Wirken ersetzt. Die Einführung von Kräften in die Physik wird angebahnt durch eine methodologische Wende, die ich als den analytischen Ansatz zur experimentellen Methode bezeichnen möchte. Mittels dieser Bezeichnung will ich eine Analogie unterstreichen, die zwischen der Unterscheidung zwischen empirischen und theoretischen Größen (Kräften) in der Newtonschen Physik einerseits, und der Unterscheidung zwischen den Parametern und den Unbekannten andererseits besteht, so wie letztere durch Viète in die Algebra eingeführt worden sind. Das zentrale Moment der Newtonschen Physik ist ein neuer Begriff der Bewegung, demzufolge Bewegung ein dynamischer Fluß, eine durch die Wirkung von Kräften verursachte, kontinuierliche Veränderung des Systemzustands darstellt.

 

Husserl interpreted idealization as a process, in which a phenomenon of life-world is replaced by a mathematical ideality. The aim of the present paper is to argue that several aspects of the rise of Newtonian physics can be interpreted as idealization of action in this Husserlian sense. In the process of this idealization the phenomenon of action, as we know it from our experience, is replaced by the Newtonian action mediated by forces. The introduction of forces into physics is facilitated by a methodological shift, which I would like to call analytical approach to experimental method. Using this name I would like to underline an analogy of the difference between the empirical and the theoretical quantities (forces) in Newtonian physics with the difference between the parameters and the unknowns, as it was introduced by Viéte in algebra. The central moment of Newtonian physics is a new notion of motion, according to which motion is a dynamic flow, a continuous change of the system’s state caused by the action of forces.

 

Steffen Ducheyne: "Lessons from Galileo: the  Pragmatic Model of Shared Characteristics of Scientific Representation"

 

In diesem Aufsatz will ich einen neuen Ansatz zur wissenschaftlichen Repräsentation verteidigen. Ich beginne mit einer Betrachtung der Vorzüge und Mängel von zwei neueren Ansätzen zur wissenschaftlichen Repräsentation: dem DDI-Ansatz von Hughes und dem inferenziellen Ansatz von Suárez. Als nächstes benutze ich einige Modelle Galileis aus den Discorsi als heuristisches Instrument für eine bessere Explikation der wissenschaftlichen Repräsentation. Dann will ich mein eigenes Modell vorstellen. Der grundlegende Gedanke meines Ansatzes, den ich als das pragmatische Modell der gemeinsamen Charakteristiken (PMSC) bezeichne, ist, daß ein Modell genau dann repräsentiert, wenn (1) eine Person akzeptiert, daß es eine Menge gemeinsamer Charakteristiken zwischen dem Modell und seinem Zielobjekt gibt; (2) diese Menge die inferenzielle Kraft hat, Ergebnisse zu erzeugen, die empirisch getestet werden können; (3) und der/die entsprechende/n Test/s solcher Ergebnisse mit unseren Daten und den spezifischen, von uns intendierten kognitiven Zwecken übereinstimmen.

 

In this paper I will defend a new account of scientific representation. I will begin by looking at the benefits and drawbacks of two recent accounts on scientific representation: Hughes’ DDI account and Suárez’ inferential account. Next I use some of Galileo’s models in the Discorsi as a heuristic tool for a better account of scientific representation. Next I will present my model. The main idea of my account, which I refer to as the pragmatic model of shared characteristics (PMSC), is that a model represents, if and only if, (1) a person accepts that there is a set of shared characteristics between the model and its target; (2) this set has the inferential power to generate results which can be tested empirically; (3) and the corresponding test(s) of these results is/are in agreement with our data and the specific cognitive goals we have in mind.

 

Tobias Jung: "Die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit - Implikationen für das physikalische Konzept von Raum und  Zeit"

 

Angesichts des historischen Faktums, daß die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit vor der Formulierung von Newtons Mechanik, Maxwells Elektrodynamik und der Vereinheitlichung beider in Einsteins Spezieller Relativitätstheorie bekannt war, sollen in der vorliegenden Arbeit die aus dieser Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit sich ergebenden Folgerungen deutlich gemacht werden. Man gelangt durch Betrachtung eines Bezugssystems zur Aufspaltung des Raumes in gleichzeitige Kugelschalen in Bezug auf einen in diesem Bezugssystem ruhenden Beobachter und zur Möglichkeit der Relativität der Sukzession für zwei verschiedene ruhende Beobachter. Unter der zusätzlichen Annahme, daß diese endliche Lichtgeschwindigkeit für das betrachtete Bezugssystem eine obere Grenzgeschwindigkeit darstellt, kann die Lichtkegelstruktur in Bezug auf einen ruhenden Beobachter abgeleitet werden. Schließlich wird gezeigt, inwiefern die hier gemachte Annahme von der Konstanz und Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit in Bezug zu setzen ist mit dem Prinzip der Konstanz (und Endlichkeit) der Lichtgeschwindigkeit in der Speziellen Relativitätstheorie.

That the speed of light is finite rather than infinite has been discovered before Newtonian mechanics and Maxwellian electrodynamics were formulated and long before both theories were unified in the special theory of relativity by Einstein. Therefore, in my paper I will investigate the implications of this early established fact that the speed of light has a finite value. Considering one frame of reference with static observers in it one can show that for any observer space splits up into different simultaneous shells. For two different observers I derive that it is possible that the temporal order of events can be inverted. If one additionally assumes that the speed of light is the upper limit for the speed of all massive and massless particles in the frame of reference under consideration the light-cone structure follows for any static observer. Finally, the relationship between the assumption that the speed of light is finite and constant which in my paper is taken as a starting point and Einstein's principle of the constancy of the speed of light is shown.

 

Thomas Görnitz: "Materie und Bewußtsein aus  abstracter, bedeutungsfreier Quanteninformation (Protyposis)"

 

In Verbindung mit der Entropie der Schwarzen Löcher und der Kosmologie wird mit Hilfe der Quantentheorie einer abstrakten, bedeutungsfreien Quanteninformation – Protyposis – eine grundlegende ontologische Bedeutung gegeben. Darauf aufbauend kann aus naturwissenschaftlicher Sicht Materie in neuer Weise als gestaltete Quanteninformation verstanden werden und Bewußtsein als gleichermaßen real begriffen werden wie z.B. Elementarteilchen. Das Leib-Seele-Problem wird damit auch naturwissenschaftlich lösbar, wobei sich die positiven Aspekte einer dualistischen wie auch einer materialistisch-monistischen Weltsicht bewahren lassen, ohne daß die jeweiligen Unzulänglichkeiten übernommen werden müßten.

 

In connection with the entropy of black holes and with cosmology quantum theory can give a basic ontological importance to Protyposis – abstract quantum information. By this scientific basis matter can be understand in a new way as arranged quantum information. Likewise consciousness can be appreciated as real as e.g. elementary particles. This new concept solves the mind-body-problem by saving the positive aspects of a dualistic and of a materialistic-monistic worldview without getting their inadequate properties.

 

Andrej Krause: "Die im Tractatus de primo  principio entwickelten ordines essentiales"

 

Der Tractatus de primo principio wird für gewöhnlich Johannes Duns Scotus (1265/66-1308) zugeschrieben. Dort versucht Scotus nach eigenen Angaben zu wahren, metaphysischen Aussagen in bezug auf Gott zu gelangen. In diesen Aussagen ist von Gott, anders als etwa in der Theologie, (zunächst) nur insofern die Rede, als er ein in bestimmter Weise erstes Seiendes ist. Scotus will herausfinden, inwieweit der Mensch mit Hilfe der natürlichen Vernunft (ratio naturalis) dieses erste Seiende erkennen kann. Ausgangspunkt seiner Überlegungen sind hierbei die ordines essentiales, die insbesondere ein wichtiges Instrument für seine Bemühungen, die Existenz, Einzigkeit, Einfachheit, Geistigkeit und Unendlichkeit des ersten Seienden nachzuweisen, sind. Bei diesen ordines handelt es sich um sieben voneinander verschiedene zweistellige Relationen.

 

The Tractatus de primo principio, which is usually ascribed to the Franciscan Johannes Duns Scotus, tries according to its own statements to find true metaphysical sentences on an excellent being. In this connection it uses special binary relations, the so-called ordines essentiales, which are not automatically orders in a mathematical sense. In the paper first the definitions of the – seven – ordines essentiales are explicated, second the difference and third the completeness of this relations are briefly treated. Fourth the status of them according to the order theory is discussed in detail, using some fundamental terms of set theory. It will be shown that every ordo essentialis is irreflexive, asymmetric and transitive and therefore an irreflexive semiorder. One of them is even an irreflexive well-order. Four other ordines are backwards linear irreflexive semiorders, but not connex and consequently no orders.

 

Frank Hofmann: "Über die Natur von Tatsachen"

 

Eine befriedigende Tatsachenontologie, die neben Einzeldingen und Eigenschaften auch Tatsachen als Entitäten anerkennt, sollte die Natur der Tatsachen klären. Es wird oft gesagt, dass Tatsachen die ‚Vereinigung’ oder ‚Verbindung’ zwischen Einzeldingen und Eigenschaften sind. Aber wie hat man sich diese ‚Verbindung’ vorzustellen? Es werden verschiedene allgemeine Vorschläge dazu, was die Natur einer Entität ist, untersucht: die Natur als eigene Entität, als konstituiert über Entitäten, als formal-ontologisch und als über das Wahrmachen charakterisiert. Speziell für Tatsachen schließt sich noch die Instanziierungs-Konzeption an. Am aussichtsreichsten erweist sich die Wahrmacher-Konzeption, die sowohl für Tatsachen als auch ganz allgemein für beliebige Entitäten wichtige Intuitionen bewahren kann. Alle anderen Vorschläge führen in gravierende Schwierigkeiten.

 

A satisfactory ontology of facts which recognizes facts as entities of their own, besides particular things and properties, would have to clarify the nature of facts. Facts are supposed to ‘unify’ or ‘connect’ particular things and properties, it is often said. But how are we to conceive of this ‘connection’? Several proposals as to the nature of entities in general are being discussed: the nature as an entity of its own, as constituted by other entities, as formal-ontological, and as characterized by truthmaking. For the special case of facts, the conception of instantiation provides another proposal. The most promising conception is the one in terms of truthmaking, both for facts and for entities in general. All other proposals have to face serious difficulties.