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Über die Zeitschrift |
Philosophia naturalisArchiv für Naturphilosophie und die philosophischen Grenzgebiete der exakten Wissenschaften und Wissenschaftsgeschichte Herausgegeben von Bernulf Kanitscheider, Bernd-Olaf Küppers, C. Ulises Moulines und Erhard Scheibe
Band 43 (2006). IV, 328 Seiten. € 114.-
Aus dem Inhalt von Heft 2
Andreas Kamlah: Die logische Struktur der operationalen Definitionen
Operational definitions were once considered the backbone of semantics of natural science. Still in 1955 A. W. Burks published an explication of the general scheme of these definitions. In the fifties of the last century however they became outmoded, while high school teachers for presumably good reasons were still in favour of them. I consider the banishment of this kind of definitions premature, and try to improve the explication of Burks in a way which qualifies them for a rehabilitation. In the improved explication the concept of intrinsic property becomes important, for which I give a new definition on the basis of a structuralist account of physical processes.
Die operationalen Definitionen galten einst als der Kern der Semantik der Naturwissenschaft. Eine letzte Explikation des allgemeinen Schemas der operationalen Definitionen hat A. W. Burks noch 1955 vorgelegt. In den fünfziger Jahren kamen sie indessen aus der Mode, während sie noch weiterhin von Gymnasiallehrern – wohl aus berechtigten Gründen – geschätzt wurden. Ich halte die Verbannung dieser Art von Definitionen für voreilig und versuche die Explikation von Burks in einer Weise zu verbessern, dass man sie wieder in der Wissenschaftstheorie rehabilitieren kann. In der verbesserten Explikation wird der Begriff der inneren Eigenschaft eines Dinges oder Vorgangs wichtig, den ich auf der Basis einer strukturalistischen Darstellung physikalischer Vorgänge neu definieren möchte.
Hermann Weidemann: Akzidentelle Verursachung. Ein Aristotelischer Gedanke aus moderner Sicht
Im vorliegenden Aufsatz wird zu zeigen versucht, daß man einerseits mit Hilfe des von John L. Mackie eingeführten Begriffs der INUS-Bedingung die Aristotelische Theorie der akzidentellen Verursachung in einer Weise rekonstruieren kann, die deutlich den indeterministischen Charakter dieser Theorie erkennen läßt, und daß man andererseits im Lichte dieser Theorie dem Begriff der INUS-Bedingung einen differenzierteren Inhalt geben kann, indem man zwischen synchronen und diachronen INUS-Bedingungen unterscheidet. Diese Unterscheidung, die man bei Mackie vermißt, erweist sich als deckungsgleich mit der Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen Arten akzidenteller Ursachen, die sich bei Aristoteles findet.
It is the aim of the present article to show that, on the one hand, John L. Mackie’s concept of an INUS condition lends itself to a modern reconstruction of Aristotle’s theory of accidental causation which brings the indeterministic character of this theory to the fore, and that, on the other hand, in the light of this theory the concept of an INUS condition can be enriched by distinguishing between synchronic INUS conditions and diachronic ones. This distinction, which Mackie fails to make, proves to coincide with the distinction between two different types of accidental causes recognized by Aristotle.
Eduard Kaeser: Matter matters - Unterwegs zu einer Anthropologie der Materie „Matter matters“ ist der Slogan eines etwas buntscheckigen Materialismus, der Mass nimmt an der menschlichen Körperlichkeit, an unserem körperlichen Umgang mit andern Menschen, Tieren, Umgebungen, Artefakten, Dingen. Ich versuche, ein Grundpostulat plausibel zu machen, das sich im gleichen Zug Geltung verschafft, in dem sich die „dematerialisierenden“ Tele-Technologien irreduzibel unserem Alltag aufmodulieren: In und aus den Kontexten der Künstlichkeit erwächst eine neue Bedeutung materialen Umgangs mit der Welt, gewinnen Materie und Körper sozusagen ihren neuen anthropologischen Rang als Fokus des Humanen. Dieses Postulat nimmt dem Materialismus seinen antihumanistischen Affront. Oder umgekehrt gesagt: Im Materialismus ist die Stimme eines neuen Humanismus zu vernehmen.
In the recent decades, the ubiquitous technologies of information and communication have fostered tendencies toward „immaterial“ forms of life leaving behind our natural and mundane corporeality - even invoking the posthumanistic Elysian Fields of Cyberspace. All that tele-technological re-enchantment notwithstanding, with its utopian or dystopian overtones, we should, I suggest, take a „second look“ at the overall process of dematerializing our life. Under the heading „Matter Matters“ I try to uncover the very materiality of our cultural and social interconnections. Complementary to the prophecies of surpassing our condition humaine, my second thoughts about the road to immaterialism are manifesting a hidden dialectic which I should like to take as a starting point for a new humanism.
Uta Fetz: Worauf bezieht sich jetzt? In Übereinstimmung mit unseren besten physikalischen Theorien und entgegen unserer Intuition bezieht sich der Ausdruck jetzt nicht unmittelbar auf Ereignisse in der Welt - diese Erkenntnis lässt sich durch die neuere neurobiologische Forschung untermauern. Das neurobiologische Zeitkonzept wird sprachphilosophischen Analysen zu diesem Thema gegenübergestellt; es erweist sich mit ihnen als recht gut vereinbar. Im letzten Teil des Beitrags argumentiere ich im Hinblick auf die Metastruktur von jetzt für eine bedeutsame Verbindungslinie zwischen dem Wahrheits- und dem Gegenwärtigkeitsbegriff.
Corresponding to our best physical theories and going against our intuitions the term now is not related to events in the world in a direct way. This knowledge is supported by modern neurobiological investigations. The neurobiological conception of now is compared with the analysis of concepts concerning this issue. The conception turns out to be highly compatible with this analysis. In the last section of the paper I will argue for a considerable link between the notion of truth and the notion of nowness in view of the meta-structure of now.
Tobias Jung: Bemerkungen zum Begriff der Zeit in der relativistischen Kosmologie
Die Spezielle und Allgemeine Relativitätstheorie Einsteins räumten mit dem Konzept einer absoluten Zeit, wie es von Newton für seine Physik vorausgesetzt worden war, auf und zeigten die wechselseitige Abhängigkeit von Raum, Zeit und Materie. In Anwendung der Allgemeinen Relativitätstheorie auf das kosmologische Problem ergibt sich jedoch für die üblicherweise herangezogene Klasse der homogenen und isotropen Weltmodelle die Möglichkeit, eine ausgezeichnete Zeitkoordinate einzuführen, die Einstein als „quasi-absolute Zeit“ bezeichnete. Wie verhält sich die absolute Zeit der relativistischen Kosmologie zur absoluten Zeit Newtons? Diese Frage wird beantwortet, indem die wichtigsten Momente der absoluten Zeit Newtons herausgestellt werden, die auf dem Kosmologischen Prinzip basierende Möglichkeit der Einführung einer ausgezeichneten Zeit in der Kosmologie erörtert wird und anschließend beide Zeitkonzepte konfrontiert werden. Abschließend wird der Begriff der Zeit im Rahmen bestimmter kosmologischer Modelle weiter untersucht, vor allem seine Bedeutung im statischen Einstein-Universum, seine Verknüpfung mit der Evolution des Universums und die verschiedenen Möglichkeiten, die Zeit in oszillierenden bzw. zyklischen Modellen zu definieren.
Einstein’s special and general theory of relativity abolished the Newtonian concept of absolute time. Moreover, Einsteinian physics revealed the mutual interdependence of space, time, and matter. Applying general relativity to cosmology leads again to the existence of a preferred time coordinate among the homogeneous and isotropic cosmological models. Einstein referred to this time coordinate as “almost absolute time.” What is the exact relation between absolute time in relativistic cosmology and absolute time in Newtonian physics? To answer this question firstly we investigate which features are characteristic of Newtonian absolute time. Secondly we show how the preferred time in relativistic cosmology is related to the cosmological principle. After that we compare the two concepts of time. Finally, we consider the concept of time in particular cosmological models like the static Einstein universe, the relation between cosmic time and the evolution of the universe and different possibilities to introduce the time coordinate in oscillating cosmological models.
Lydia Jaeger: Einstein und die kosmische Religion
Der bedeutendste Physiker des 20. Jahrhunderts fasste seine wissenschaftliche Tätigkeit als Beitrag zur „kosmischen Religion“ auf. Der Artikel zeichnet die Religionsauffassung Einsteins an Hand von Originaltexten nach und fragt, inwieweit seine weitgehend pantheistisch geprägten Überzeugungen menschliches Wissen und Handeln begründen können.
The most influential physicist of the 20th century considered his scientific activity to be a contribution to “cosmic religion”. Starting from his own writings, the article presents Einstein's religious views and addresses the question of how far his pantheistic convictions can provide the necessary foundations for human knowledge and action. |