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Philosophia naturalisArchiv für Naturphilosophie und die philosophischen Grenzgebiete der exakten Wissenschaften und Wissenschaftsgeschichte Herausgegeben von Bernulf Kanitscheider, Bernd-Olaf Küppers, C. Ulises Moulines und Erhard Scheibe Band 44 (2007). IV, 286 Seiten. € 117.- für institutionelle Bezieher, € 70.- für Privatbezieher
Aus dem Inhalt von Heft 1 Jürgen Hasse: Räume menschlichen Lebens - Zur Ontologie von Raum und Räumlichkeit zwischen Natur und Kultur Zeit und Raum sind fundamentale erkenntnistheoretische Kategorien. Seit dem spatial turn findet der „Raum“-Begriff in den Sozialwissenschaften zunehmende Beachtung. Der Raum, in dem die Dinge nebeneinander sind, ist ein anderer als der symbolische Raum, in dem Häuser, Bäume, Fische und Vögel etc. „be-sinnt“ erscheinen und abermals ein anderer als der Raum, der als der leibliche Raum am eigenen Selbst erlebt wird. Der Beitrag setzt sich mit sechs Raum-begriffen auseinander (1. mathematischer, 2. symbolischer, 3. sozialer, 4. leib-licher Raum, 5. Situationsraum und 6. Denkraum). Die je eigenen Perspektiven bahnen spezifische Fragerichtungen der Kritik des Mensch-Natur-Verhältnisses an. Ziel der Arbeit ist nicht die Beschleunigung tradierter wissenschaftlicher Denkroutinen, sondern deren Revision und Erweiterung durch eine Einbeziehung pathischen Wissens um das eigene (Natur-)Selbst, das alltagsweltlich und wissenschaftssystematisch verdeckt ist. Erst eine sich ins Sprechen begebende Selbstwahrnehmung kann Begriffe finden, deren explikative Kraft in der Lage sein könnte, den Mensch-Natur-Metabolismus einer neuen Kritik auszusetzen. Time and space are basic categories of perception. After the spatial turn „space“ has increasingly become the focus of attention in the social sciences. But space is not all the same; there are different kinds of space: the space of coexiting things is different from the symbolic space where houses, trees, fishes and birds are considered to be meaningful. Bodily space, in which someone is feeling himself, is a quite different onotological type of space once more. The article deals with six concepts of space (mathematical, symbolical, social, feeling space, space of situation and space of tinking). These several perspectives prompt critical questions about the relationship between man and nature. The essay doesn’t intend to pursue traditional modes of scientific conceptualization but their revision and completion is intended. The idea of „feeling consiousness“ will bring a new sensibility into theory. Any theory of space ignoring the affective impact of human being constructs an aseptic model of man – only based on rationality, material body without feeling. Only under the condition of self-perception people will be able to make assertive statements and to criticise the interdependency between man and nature.
James Barham: The reality of purpose and the reform of naturalism
Whitehead und andere Autoren haben die „Verzweigung der Natur“, d.h. die Kluft zwischen der von den Naturwissenschaften beschriebenen Welt, die keine Phänomene der Art von Zielen, Bedeutung und Wert enthält, und der Welt der menschlichen Erfahrung, die weitgehend von eben diesen Phänomenen konstituiert ist, beklagt. Um unsere Überlegungen darüber, wie diese Kluft eventuell überwunden werden kann, zu leiten, schlage ich drei Leitprinzipien vor, von denen ich hoffe, daß sie weitgehend akzeptiert werden: (1) die Realität der menschlichen Welt; (2) die kognitive Exzellenz der empirischen Wissenschaft; und (3) die Vereinheitlichung der Erkenntnis. Alle drei Prinzipien scheinen in hohem Masse vernünftig, und dennoch scheinen sie eine inkonsistente Triade zu bilden. Der Naturalismus als die metaphysische Weltauffassung, die aus der empirischen Wissenschaft extrapoliert wird, sollte von der empirischen Wissenschaft als solcher unterschieden werden. Ich schlage vor, daß die einzige Art und Weise, die drei Leitprinzipien zu versöhnen, in einer Reform des Naturalismus besteht derart, daß die objektive Realität biologischer Zielsetzung anerkannt wird. Eine solche Reform in den Grundlagen der Biologie kann dann eine Grundlage bilden für eine Rekonstruktion unserer Auffassung der menschlichen Welt. Das Argument für die vorgeschlagene Reform geht nach zwei Stufen vor. Zuerst, als pars destruens, zeige ich, daß der Naturalismus in seiner üblichen Fassung sowieso unannehmbar ist, weil die zwei hauptsächlichen Theorien, durch welche biologische Zielsetzung angeblich auf einen Mechanismus reduziert werden kann – die Theorie der natürlichen Selektion und die Theorie der kybernetischen Kontrolle – keineswegs als reduktive Schemata taugen, weil jede Theorie stillschweigend Zielsetzung an einer entscheidenden Stelle ihre erklärenden Struktur voraussetzt. Zweitens, als pars construens, diskutiere ich die Möglichkeit, bestimmte Begriffe aus der nicht-linearen Dynamik und aus der Festkörperphysik einzusetzen, um biologische Zielsetzung als ein reales, emergentes Phänomen direkt zu repräsentieren. Ich schließe den Aufsatz mit einer kurzen Reflektion über die Konsequenzen der Lehre der ontologischen Emergenz für das Prinzip der Vereinheitlichung der Erkenntnis ab.
Kirsten Meyer: Biologie, Genese und Geltung der Moral Moralphilosophen setzen sich in jüngster Zeit verstärkt mit der Biologie, und zwar mit Primatologen und deren Forschungen auseinander. Dem liegt die Annahme zugrunde, daß die in der Primatologie gewonnenen Einsichten helfen, moralische Phänomene zu erklären. Dieser Beitrag geht der Frage nach, inwiefern eine Erklärung der Genese unserer Moral von einem psychologischen Altruismus unter Primaten ausgehen kann. Hier erweist es sich als hilfreich, zusätzlich zu den zeitgenössischen Überlegungen Philip Kitchers (1) auf David Humes Erklärung der Genese unserer Moral zurückzukommen (2). Im letzten Abschnitt dieses Beitrags (3) geht es dann um die Frage, was sich aus diesen Überlegungen zur Genese unserer Moral für deren Geltung ergibt. In contemporary moral philosophy, philosophers turn to biological research of primatology. Their interest in this biological discipline is based on the assumption that insights from primatology may help explaining morality. This paper goes further into the question of how an explanation of the genesis of our morality may rest on considerations about a psychological altruism among primates. For that, in addition to the recent considerations of Philip Kitcher (1), it proves to be fruitful to refer to David Hume’s explication of the genesis of morality (2). In the last section of this paper (3), we can then turn to the question of whether, and if so how, these considerations about the genesis of our morality might bear insights into the validity of moral judgements.
Uwe Saint-Mont: Ein Argument, daß der Wille des Menschen frei ist Eine schlüssige Begründung für die Willensfreiheit des Menschen wird vorgestellt. Sie zeigt, dass wir in einem sehr weit reichenden Sinne frei sind. Das Argument wird im Kontext einer Entscheidungssituation präsentiert, die für die Diskussion um Handlungs- und Willensfreiheit paradigmatischen Charakter hat. A new argument in favour of free will is given. It shows that our will is free in a comprehensive sense. The argument is developed in the context of a decision situation, which is paradigmatic for the discussion of free will and human action.
Norman Sieroka: Herzian Pictures of Quantum Field Theory This paper shows how different axiomatic and constructive ap-proaches within quantum field theory can be understood in terms of the so-called ,picture theory‘ of Heinrich Hertz. Each approach will count as a different picture due to the different status of the various concepts (symbols) they are employing, like observables, gauge invariance, confinement or the space-time continuum. An important difference with the original Hertzian approach is the fact that the different approaches in quantum field theory have partially overlap-ping, partially supplementing domains of application. This also marks some of the parallels and differences with contemporary debates on structural realism and model-theoretic approaches in the philosophy of physics. The objection that the talk about different pictures just relies on the fact that quantum field theory is unfinished will be countered. Finally, the Hertzian approach will be briefly elaborated and embedded into its philosophical successor projects of Cassirer and Goodman. Dieser Aufsatz zeigt, wie verschiedene axiomatische und konstruktive Ansätze in der Quantenfeldtheorie mit Hilfe der sogenannten ,,Bildtheorie“ von Heinrich Hertz verstanden werden können. Aufgrund der unterschiedlichen Stellungen der verschiedenen Konzepte (Symbole), die diese Ansätze benutzen – wie etwa Observable, Eichinvarianz, Confinement oder Raum-Zeit-Kontinuum – wird jeder als ein eigenes Bild zu betrachten sein. Ein wichtiger Unterschied zu Hertz’ ursprünglicher Fassung der Bildtheorie sind dabei die unterschiedlichen Anwendungsbereiche der Ansätze in der Quantenfeldtheorie. Diese überschneiden sich zum Teil, zum Teil ergänzen sie einander. Dadurch ergeben sich für die bildtheoretische Interpretation wichtige Parallelen und Unterschiede zu anderen Positionen in der Philosophie der Physik, insbesondere zum Strukturrealismus und zur Modell-Theorie. Neben diesen diskutiere ich den Einwand, dass die Redeweise von verschiedenen Bildern in der Quantenfeldtheorie nur deshalb möglich sei, weil die Theorie noch nicht abgeschlossen ist. Schließlich erweitere ich die Hertzsche Bildtheorie und setze sie dabei in Beziehung zu ihren philosophischen Nachfolgeprojekten bei Cassirer und Goodman.
Francisco
José Soler Gil: Die präsentistische Auffassung der Zeit im Kontext der
Relativitätstheorien und der Quantenkosmologie von James Hartle und Stephen
Hawking: ein Vergleich. In diesem Aufsatz wird sowohl die Kompatibilität der präsentistischen Auffassung der Zeit mit den Relativitätstheorien als auch mit der Quantenkosmologie von James Hartle und Stephen Hawking untersucht. Das Ziel dieses Aufsatzes ist zu zeigen, daß, während es noch möglich ist, an der präsentistischen Auffassung der Zeit im Rahmen der Relativitätstheorien festzuhalten, diese Posi-tion im Kontext des quantenkosmologischen Modells von Hartle und Hawking unplausibel erscheint. In diesem ersten Teil des Aufsatzes werden zwei Ziele verfolgt: Als erstes soll eine Zusammenfassung der Hauptmerkmale der präsentistischen Auffassung der Zeit geliefert werden. Und als zweites sollen die Hauptstrategien skizziert werden, durch die eine Kompatibilität dieser Zeitauffassung mit den Relativitätstheorien erreicht werden kann. This article explores the compatibility of a presentistic account of time with both the theories of relativity and the quantum cosmology of James Hartle and Stephen Hawking. The aim of this article is to show that while it is still possible to try a defence of presentism in the relativistic frame, the defence of such a position jointly with the quantum cosmological model of Hartle and Hawking is untenable. The article is divided in two parts. The aim of this first part is twofold: first to summarize the main features of the presentistic account of time and second, to show the major ways to make this account compatible with the formalism of the theories of the relativity. |