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Philosophia naturalisArchiv für Naturphilosophie und die philosophischen Grenzgebiete der exakten Wissenschaften und Wissenschaftsgeschichte Herausgegeben von Bernulf Kanitscheider, Bernd-Olaf Küppers, C. Ulises Moulines und Erhard Scheibe Band 44 (2007). IV, 286 Seiten. € 117.- für institutionelle Bezieher, € 70.- für Privatbezieher
Aus dem Inhalt von Heft 2
Ralf Busse: Fundamentale Größen in einer Lewis’schen Eigenschaftstheorie D. Lewis zufolge sind physikalische Grundgrößen wie die Masse Familien von perfekt natürlichen Eigenschaften. Die beste Theorie der Natürlichkeit ist jedoch die nominalistische. Der nominalistische Lewisianer muss aber den Familienzusammenhalt der einzelnen Massequalitäten durch fundamentale Ordnungs- und Kongruenzbeziehungen zwischen den Masseträgern erklären. Eine solche erststufig-relationale Theorie kann auf perfekt natürliche Massequalitäten verzichten, ohne das Haben einer Masse zu einer extrinsischen Eigenschaft zu machen. Diese strikt relationale Theorie ist auch auf fundamentale Vektorgrößen wie die Feldstärken anwendbar. Derart konzipierte Vektorfelder sind mit Lewis’ Hypothese der Hume’schen Supervenienz vereinbar. Die Vorteile dieser erststufigen, strikt relationalen Theorie sollte auch der Gegner des modalen Realismus zu erhalten suchen. According to D. Lewis, fundamental physical quantities such as mass are families of perfectly natural properties. The best theory of naturalness, however, is nominalistic. But the nominalistic Lewisian has to account for the unity of the particular masses in terms of fundamental ordering and congruence relations among individuals. Such a first-order relational theory can do without perfectly natural mass qualities, without making the having of a particular mass extrinsic. This strictly relational account can be applied to fundamental vectorial quantities such as the field strengths, too. So conceived, vector fields are compatible with Lewis’ hypothesis of Humean Supervenience. Even the denier of real possible worlds should seek to retain the advantages of this first-order, strictly relational theory. Peter Schulte: How to Link Particulars to Universals: Four Versions of Bradley’s Regress Refuted Es wird oft behauptet, dass der Universalienrealismus problematisch ist, weil er die Beziehung zwischen Partikularen (Einzeldingen) und Universalien nicht erklären kann, ohne “Bradleys Regress” zum Opfer zu fallen. In diesem Artikel betrachte ich vier verschiedene Versionen des Regresses (den semantischen Regress, den explanatorischen Regress, den “One over Many”-Regress und den Wahrmacher-Regress), die alle von unterschiedlichen “regress-generierenden” Voraussetzungen ausgehen. Ich argumentiere dafür, dass keines dieser Regressargumente den Universalienrealismus widerlegt. Dennoch, so behaupte ich, können aus der Diskussion zwei interessante Schlussfolgerungen gezogen werden: Erstens zeigen ‘Bradleysche’ Regressproblem, dass einige Argumente für den Universalienrealismus aufgegeben werden müssen, weil sie sich auf “regress-generierende” Voraussetzungen stützen; zweitens legen diese Probleme nahe, dass sich der Universalienrealist bei der Behandlung der Exemplifikationsrelation für eine nominalistische Strategie entscheiden sollte. Wie sich herausstellt, hat diese Analyse von Exemplifikation zudem den Vorteil, besser zu einer wissenschaftsorientierten Metaphysik zu passen als die traditionellen Alternativen. It is often claimed that Realism about universals is problematic because it cannot account for the relation between particulars and universals without falling prey to „Bradley’s regress“. In this article, I consider four different versions of this regress argument (the semantic regress, the explanatory regress, the ‘One over Many’ regress, and the truthmaker regress), each based on a different ‘regress-generating’ assumption. I argue that none of these arguments succeeds in refuting Realism. Still, I contend that two interesting conclusions can be drawn from the discussion. First, ‘Bradleyan’ regress problems show that some arguments for Realism have to be abolished because they involve ‘regress-generating’ assumptions. Second, these problems suggest that Realists about universals should opt for a nominalistic treatment of the ‘exempflification relation’. As it turns out, this account of exemplification has the further advantage of being more in line with a science-oriented metaphysics than all the traditional alternatives. Robert Arp: Homeostatic Organization, Emergence, and Reduction in Biological Phenomena In diesem Aufsatz argumentiere ich dafür, daß – beginnend mit den Organellen, die eine Zelle bilden und die Hierarchie der Komponenten von Prozessen und Subsystemen eines Organismus hinaufführend – klare Fälle emergenter biologischer Phänomene existieren, die als “lebende” Entitäten betrachtet werden können. Diese Komponenten und die sie begleitenden Prozesse sind lebende emergente Phänomene wegen der Art, in der die Komponenten organisiert sind, um die Homöostase des Organismus auf den verschiedenen Ebenen in der Hierarchie aufrechtzuerhalten. Ich nenne diese Sichtweise die homöostatische Organisationssichtweise (HOV) biologischer Phänomene, und es wird gezeigt, daß sie sich gut mit üblichen philosophischen Darstellungen nomologischer (metaphysischer) Emergenz und repräsentationaler (epistemologischer) Emergenz verträgt. Um HOV zu präsentieren, beschreibe ich Eigenschaften biologischer Entitäten, die den intern-hierarchischen Datenaustausch, die Datenselektivität, die informationelle Integration und den Umwelt-Organismus-Informationsaustausch einschließen. Des weiteren wird eine Unterscheidung zwischen partikularisierter und generalisierter Homöostase getroffen, und ich argumentiere dafür, daß ein Organismus fähig ist, als eine hierarchisch organisierte Entität in einigen Umwelten, die ihm extern sind, zu existieren (generalisierte Homöostase), weil die verschiedenen Prozesse und Subsysteme eines Organismus in ihren internen Umwelten richtig funktionieren (partikularisierte Homöostase). Einfach formuliert: Daß Komponenten biologischer Phänomene organisiert sind, um eine Funktion zu erfüllen, die in Homöostase resultiert, zeichnet sie aus, lebende emergente Entitäten zu sein, die – in der Beschreibung und in der Wirklichkeit – von den physikalisch-chemischen Prozessen, aus denen sie zusammengesetzt sind, unterscheidbar sind. In this paper, I argue that starting with the organelles that constitute a cell—and continuing up the hierarchy of components in processes and subsystems of an organism—there exist clear instances of emergent biological phenomena that can be considered “living” entities. These components and their attending processes are living emergent phenomena because of the way in which the components are organized to maintain homeostasis of the organism at the various levels in the hierarchy. I call this view the homeostatic organization view (HOV) of biological phenomena, and, as is shown, it comports well with the standard philosophical accounts of nomological (metaphysical) emergence and representational (epistemological) emergence. To proffer HOV, I describe properties of biological entities that include internal-hierarchical data exchange, data selectivity, informational integration, and environmental-organismic information exchange. Further, a distinction is drawn between particularized homeostasis and generalized homeostasis, and I argue that because the various processes and subsystems of an organism are functioning properly in their internal environments (particularized homeostasis), the organism is able to exist as a hierarchically-organized entity in some environment external to it (generalized homeostasis). Stated simply: that components of biological phenomena are organized to perform some function resulting in homeostasis marks them out to be living emergent entities distinguishable, in description and in reality, from the very physico-chemical processes of which they are composed. Christoph Kockerbeck: Urzeugung, Monismus und Materialismus. Der „Urschleim“ Bathybius Haeckelii und die naturphilosophischen Positionen Ernst Haeckels und Ludwig Büchners Das Urzeugungsproblem demonstriert am erheiternden Beispiel des Haeckelschen Urschleims die heute kaum noch nachvollziehbaren wissenschaftstheoretischen Probleme, welche die Theologie mit ihrer biblischen Schöpfungslehre einem zeitgenössischen religiös gebildeten "atheistischen" Naturforscher selbst noch im Anschluss an die Darwinsche Theorie bereitete. Gelehrte wie Ernst Haeckel oder Ludwig Büchner setzten sich nicht zuletzt deshalb mit dem Problem der Urzeugung des Organischen auseinander, weil sie ein feines Gespür für dessen große weltanschauliche Konsequenzen mitbrachten und daher als Naturforscher das Wissen ihrer Wissenschaft gegenüber den Auskünften der Bibel als überlegen ansahen. Die moderne positivistische Naturwissenschaft des 21. Jahrhunderts dagegen verspürt nichts mehr von dieser gewaltigen "Not" eines Haeckel oder Büchner, das Problem des Anfangs des Lebens entweder mechanistisch oder kreationistisch lösen zu müssen, weil der Beginn des Organischen auf der Erde für sie weder ein wissenschaftstheoretisches noch ein weltanschauliches Problem beinhaltet. Im Gegensatz zur noch überraschend weltanschaulich aufgeladenen Naturforschung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kann der biblische Kreationismus der Gegenwart der gegenwärtigen Naturforschung gleichgültig sein, weil er sie aufgrund ihres positivistischen Selbstverständnisses nicht tangiert. Die weltanschauliche Sprengkraft, welche die Darwinsche Theorie oder das Urzeugungsproblem noch im Kaiserlichen Deutschland verströmte, ist mittlerweile längst verblasst. |