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Richtlinien für die Autoren

Zeitschrift für philosophische Forschung

Herausgegeben von Otfried Höffe (Tübingen)
zusammen mit Christof Rapp (Berlin)

Berichte und Buchbesprechungen: Nico Scarano (Tübingen)

Band 51 (1997): In vier Einzelheften. VI, 670 Seiten. 
€ 89.-. Studentenabonnement € 49.-
Die zurückliegenden Bände sind weitgehend lieferbar.

 

Aus dem Inhalt von Heft 1

 

Abhandlungen

Thomas Pogge, New York: Lebensstandards im Kontext der Gerechtigkeitslehre

Bei der moralischen Bewertung einer sozialen Ordnung (z.B. der Grundordnung einer Gesellschaft) ist der wohl wichtigste Gesichtspunkt ihre Gerechtigkeit, die davon abhängt, wie diese Ordnung sich im Vergleich zu anderen möglichen Organisationsformen auf die verschiedenen von ihr betroffenen Personen(gruppen) auswirkt. Ein Gerechtigkeitskriterium setzt also einen Maßstab des guten Lebens voraus, mithilfe dessen wir solche Auswirkungen sozialer Ordnungen auf verschiedene Personengruppen miteinander vergleichen können. Dieser Maßstab muß sowohl dem subjektiven als auch dem ethischen Wert menschlichen Lebens Rechnung tragen. Er muß berücksichtigen, auf welche Weisen soziale Institutionen für signifikante Lebensqualititätsdefizite kausal verantwortlich sein können (die Grundregeln eines Sozialsystems können z.B. Sklaverei vorschreiben, erlauben, oder bloß nicht effektiv genug abschrecken). Insofern die globale Verflechtung sozialer Institutionen ein weltweit akzeptierbares Gerechtigkeitskriterium erfordert, sollte der gesuchte Maßstab außerdem aus recht allgemeinen und schwachen Annahmen über das gute Leben konstruierbar sein. Ein etwas unkonventionelles Verständnis der Menschenrechte bietet einen plausiblen Lösungsansatz.

 

Axel Honneth, Frankfurt: Anerkennung und moralische Verpflichtung

Im Ausgang von den Differenzierungen, die bereits der junge Hegel an dem Begriff der Anerkennung vorgenommen hat, unternehme ich in diesem Aufsatz den Versuch, die Skizze eines moralphilosophischen Programms in ersten Zügen zu umreißen. Dabei soll in einem ersten, gewissermaßen negativen Schritt der Zusammenhang von Moral und Anerkennung dadurch vorgeführt werden, daß als der Kern moralischer Verletzungen die Erfahrung analysiert wird, in bestimmten Aspekten der eigenen Selbstbeziehung nicht anerkannt oder respektiert zu werden. Im Ausgang von dieser Beobachtung führt dann der Vorschlag, drei Aspekte der individuellen Selbstbeziehung zu unterscheiden, zu einer Typologie von moralischen Verletzungen. Aus diesen Überlegungen gewinne ich die These, daß die Moral den Innenbegriff all der Einstellungen darstellt, die wir wechselseitig einzunehmen verpflichtet sind, um gemeinsam die Bedingungen unserer persönlichen Identität zu sichern. Am Ende führt dieses ethische Verständnis von Moral als differenziertes Verhältnis von Anerkennungsverpflichtungen zu einer Neuinterpretation der moralphilosophischen Tradition, derzufolge in den drei großen Begriffen der Fürsorge, der Gerechtigkeit und der Solidarität jeweils eine der (miteinander konfligierenden) Einstellungen artikuliert worden ist, die den drei Anerkennungsformen entsprechen, mit denen wir zusammengenommen unsere persönliche Integrität als menschliche Wesen schützen.

 

Christoph Lumer, Osnabrück: Habermas' Diskursethik

(1) Zunächst werden die Kernthesen von Habermas' Diskursethik vorgestellt, insbesondere der Universalisierungsgrundsatz U und das diskursethische Prinzip D. (2) Eine ausführliche Analyse zeigt dann, daß Habermas' Argumentationen für diese Prinzipien in mehrfacher Hinsicht ungültig sind. Die Betrachtung früherer Varianten dieser Argumentationen und späterer Kommentare Habermas' macht zudem eine gewisse Wendung Habermas' weg von der Transzendentalpragmatik hin zum Intuitionismus und eine Abschwächung seines Begründungsanspruchs bis hin zu dessen Annullierung deutlich. (3) Eine Kritik an vier Interpretationen von U selbst und (4) an den beiden Hauptinterpretationen von D erweist diese Moralkriterien als in vielerlei Hinsicht unbrauchbar und als bloß formelhafte Vereinigung schwer zu vereinender Ideale.

 

Diskussionen

Peter Stemmer, Konstanz: Gutsein
Siehe hierzu Manuela Lenzens Rezension: "Uhrenkauf als philosophisches Problem" in der FAZ vom 18. Juni 1997

Eine dominante Strömung innerhalb der Metaethik dieses Jahrhunderts nimmt an, von etwas zu sagen, es sei gut, bedeute nicht, es werde von dem und dem gewünscht, empfohlen oder vorgezogen, sondern es sei wünschenswert, empfehlenswert oder vorziehenswert. Es sei richtig, vernünftig, die entsprechende Pro-Einstellung zu haben; man sollte diese Einstellung haben. Diese These wird geprüft, mit dem Ergebnis, daß sie unzutreffend ist. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht speziell die These, "gut” bedeute "vorziehenswert”, und die von ihr vorausgesetzte Annahme, "gut” habe einen implizit komparativischen Sinn: etwas "gut” zu nennen, bedeute, es "besser als ...” zu nennen. Die kritischen Überlegungen werden am Ende zu dem positiven Resultat zusammengezogen, daß, wer etwas "gut” nennt, feststellt, daß der fragliche Gegenstand die deskriptiven Eigenschaften hat, durch die er einem zugrundeliegenden vernünftigen Wollen entspricht.

 

Angelika Krebs, Frankfurt: Moral und Gemeinschaft. Eine Kritik an Tugendhat

In seinen Vorlesungen über Ethik (1993) tritt Ernst Tugendhat u.a. dafür ein, daß sich das moralische "alle" auf alle kooperationsfähigen Wesen bezieht. Hätte Tugendhat recht, gehörten z.B. Tiere und Foeten nicht zum moralischen Universum. Wer ihnen Leid zufügte, täte ihnen kein Unrecht.

Die These dieses Artikels ist, daß Tugendhat in dieser Sache fehlgeht. Das moralische "alle" bezieht sich auf alle leidensfähigen und nicht nur auf alle kooperationsfähigen Wesen. Der Artikel sucht den Fehler in Tugendhats Argumentation, findet ihn in einem doppeldeutigen Gebrauch des Begriffes "Kooperation" und zeigt auf ansonsten Tugendhatscher Basis, daß alle leidensfähigen Wesen zum moralischen Universum gehören. Das heißt dann aber auch, daß die alte Kantische und auch Tugendhatsche Dichotomie von "Pflichten in Ansehung" versus "Pflichten gegenüber" durch eine Trichotomie ersetzt werden muß.

 

Paul Hoyningen-Huene, Konstanz: "Die neuzeitliche Naturerkenntnis zerstört die Natur". Zu Georg Pichts Theorie der modernen Naturwissenschaften

Die im Aufsatz vorgetragene Kritik am Leitmotiv von Georg Pichts Vorlesung "Der Begriff der Natur und seine Geschichte" kann wie folgt zusammengefaßt werden:

1. Das für die Natur bedrohliche Handeln ist nicht primär als angewandte Naturwissenschaft, sondern als technisches Handeln zu bestimmen.
2. Die Zerstörung von Natur ist nicht Ausdruck einer Wesensqualität von Wissenschaft, sondern allenfalls eine Nebenfolge ihrer Anwendung, primär aber eine Nebenfolge des technischen Handelns.
3. Wissenschaftliches Wissen erfaßt tatsächlich die Natur nicht so, wie sie von sich her ist, aber die zerstörerische Anwendung von Wissenschaft ist kein Indiz für diesen Sachverhalt.
4. Bei der Anwendung von Wissenschaft überblickt niemand die Gesamtheit der Handlungsfolgen, aber das liegt nicht spezifisch an den Charakteristika der Wissenschaft, sondern an der conditio humana.
5. Die Mahnung, heute die Wahrheit unserer Naturerkenntnis in Frage zu stellen, erübrigt sich, da diese Diskussion längst im Gange ist.

 

Berichte

Thomas Schramme, Berlin: Medizin und Philosophie. Ein Blick in aktuelle Veröffentlichungen

Bernward Gesang, Tübingen: XVII. Deutscher Kongreß für Philosophie

 

Buchbesprechungen

Wolfgang Welsch: Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft (Bernd Kleimann, Berlin)

Alfred Mele: Autonomous Agents (Barbara Guckes, Tübingen)

Robert Brandom: Making It Explicit (Christoph Halbig, Münster)

John McDowell: Mind and Word (Michael Quante, Münster)

Otfried Höffe: Aristoteles (Klaus Oehler, Hamburg)

Gerard Radnitzky: Karl R. Popper (Herbert Keuth, Tübingen)