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Zeitschrift für philosophische ForschungHerausgegeben von Otfried Höffe (Tübingen) Band 51 (1997): In vier Einzelheften. VI, 670
Seiten.
Aus dem Inhalt von Heft 4
Abhandlungen Konrad Cramer, Göttingen: Spekulatives Denken und synthetisches Urteil a priori Was die Beurteilung des Rationalitätsgehaltes der Hegelschen Dialektik und ihres Anspruchs anlangt, das Unternehmen der Kantischen Vernunftkritik allererst in ein wirklich begriffenes Verhältnis zu dem zu setzen, was Vernunft ist, so sind die über die letzten vierzig Jahre unternommenen Bemühungen der philosophiehistorischen Forschung und auch die in der genannten systematischen Absicht veranstalteten Untersuchungen noch nicht sehr weit gekommen. Diese Untersuchung geht von zwei Fragen aus: Was hätte Kant selber von charakteristischen Äußerungen Hegels über sein Unternehmen einer Kritik der reinen Vernunft - noch - verstehen können? Und welchen dieser Äußerungen hätte Kant selber - noch - zustimmen können? Es wird sich zeigen, daß die Auffassung, es sei dies leicht auszumachen und auch schon längst ausgemacht, auf einem Vorurteil beruht.
Marcus Willaschek, Münster: Der transzendentale Idealismus und die Idealität von Raum und Zeit. Eine 'lückenlose' Interpretation von Kants Beweis in der "Transzendentalen Ästhetik" In der "Transzendentalen Ästhetik" der KrV will Kant zeigen, daß Raum und Zeit Anschauungsformen und daher keine Eigenschaften der Dinge an sich sind. Es scheint jedoch, als übersehe er dabei die Möglichkeit, daß Raum und Zeit Anschauungsformen und zugleich Eigenschaften der Dinge an sich sein könnten. Dagegen soll hier gezeigt werden, daß Kants Beweis durchaus schlüssig ist. Dabei kommt es zunächst darauf an, die genaue Struktur des Kantischen Beweises zu verstehen. Darauf folgt eine Diskussion der Kantischen Begriffe Anschauung sowie Form der Anschauung und reine Anschauung, in der sich unter anderem herausstellt, daß Kants Anschauungsbegriff im Sinne der aktuellen Philosophie des Geistes "externalistisch" konzipiert ist. Dies erlaubt es dann, den Schluß auf die Idealität von Raum und Zeit tatsächlich als Folgerung aus Kants vorhergehenden Ausführungen zu verstehen. Abschließend geht es um einige der Konsequenzen, die sich aus dieser Interpretation für das Verständnis des transzendentalen Idealismus ergeben.
Hubertus Busche, Bonn: Hat Phantasie nach Aristoteles eine interpretierende Funktion in der Wahrnehmung? Nach einer neueren, angloamerikanischen Forschungsthese ist Phantasie bei Aristoteles keine bloß repräsentierende Einbildungskraft, sondern das Vermögen, die blinden Daten der Wahrnehmung zu interpretieren und ihnen allererst gegenständlich informative Bestimmtheit zu verleihen. Folgende Abhandlung zeigt, daß diese Deutung auf einem Mißverständnis der dunklen zentralen Textstelle De anima III 3 beruht. Während Aristoteles den strengen Begriff der Phantasie (Vorstellungskraft) von ihrem metaphorischen Begriff (trügerischer Augenschein bei unzureichenden Wahrnehmungsbedingungen) unterscheidet, führt die Verwechslung beider Aspekte zu einer Subjektivierung der Wahrnehmung und zu einer Kognitivierung der Phantasie, die bei Aristoteles ein rein sinnliches Vermögen ist. Dadurch wird die deutliche Zäsur in der Begriffsgeschichte von phantasia, imaginatio und Einbildungskraft eingetrübt, die Aristoteles und die Antike von Avicena und Kant trennt.
Diskussionen Alexander Grau, Berlin: Clara. Über Schellings gleichnamiges Fragment Schellings Fragment Clara, das erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde, ist bisher von der Forschung kaum berücksichtigt worden. Weshalb das so ist, wird bei der Lektüre dieser Schrift recht schnell deutlich. Tatsächlich versucht Schelling hier nichts anderes zu zeigen, als daß es ein Leben nach dem Tod gibt und wie wir uns dieses vorzustellen haben. Dabei ist die Seele das unhintergehbare Band, das gemäß der Identitätslehre Körper (Natur) und Geist zu einem Identischen macht. Als solche ist sie zugleich der logische Grund von Selbstbewußtsein und Basis existentieller Individualität. Nach dem Tod verbleibt ein emphatischer Zustand reiner Intentionalität und damit ein Reich idealer, unverfälschter Kommunikation der Seelen. Schellings Fragment steht damit in einem Spannungsfeld zwischen irrationalistischen, obskurantistischen Argumenten und auch ideengeschichtlich hochgradig fragwürdigen Ausführungen einerseits und, zumindest bei moderner Lesart, anregenden subjektphilosophischen Spekulationen andererseits.
Hans Albert, Heidelberg: Die Idee der Freiheit und der Wohlfahrtsstaat. Zu Hardy Bouillons Rekonstruktion der liberalen Kritik In meinem Aufsatz untersuche ich den Versuch Hardy Bouillons, die liberale Kritik am Wohlfahrtsstaat zu rekonstruieren, um festzustellen, inwieweit der Wohlfahrtsstaat mit dem Ideal der Freiheit kompatibel ist. Seine an Hayeks Freiheitskonzeption anknüpfende Explikation des Begriffs der Freiheit als Abwesenheit von Zwang hat wegen ihrer Verbindung mit dem Eigentumsbegriff paradoxe Konsequenzen. Seine Zurückweisung redistributiver Maßnahmen unterstellt bestimmte Marktresultate als sakrosankt, ohne daß das damit verbundene Problem eines Effizienzkriteriums gelöst ist. Gestützt auf die Unterscheidung zwischen Objekt- und Metawahl gelingt ihm eine zirkelfreie Definition der Freiheit. Da der Staat nur durch Bereitstellung öffentlicher Güter wirken könne, ergibt sich die Frage, inwieweit deren Bereitstellung mit dem Freiheitsideal vereinbar ist. Bouillons Analyse der Theorie des Marktversagens und der Problematik der öffentlichen Güter leidet an Unklarheiten und methodologischen Schwächen. Die Stärke seiner Untersuchung liegt aber in der phantasiereichen Konstruktion interessanter Beispiele, die der Beleuchtung der Probleme dienen.
Berichte Thomas Grundmann, Tübingen: Neuere Tendenzen in der Analytischen Erkenntnistheorie
Buchbesprechungen John Bacon: Universals and Property Instances: The Alphabet of Being (Thomas Mormann, München) Johann Ach/Michael Quante (Hg.): Hirntod und Organverpflanzung. Ethische, medizinische, psychologische und rechtliche Aspekte der Transplantationsmedizin (Ralf Stoecker, Bielefeld) Theodor Leiber: Kosmos, Kausalität und Chaos (Joachim Schummer, Karlsruhe) Theodore R. Schatzki: Social Practices. A Wittgensteinian Approach to Human Activity and the Social (Ulrich Baltzer, Dresden) Kurt Baier: The Rational and the Moral Order. The Social Roots of Reason and Morality (Florian Mehl, München) |