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Zeitschrift für philosophische ForschungHerausgegeben von Otfried Höffe (Tübingen) Band 52 (1998): In vier Einzelheften. VI, 658
Seiten.
Aus dem Inhalt von Heft 4
Abhandlungen Rosemarie Rheinwald, Münster: Realismus und der Schluß auf die Beste Erklärung in der Philosophie des Geistes Der psychologische Realist verteidigt eine realistische Deutung mentaler Zuschreibungen. Er vertritt die Auffassung, daß mentale Zustände existieren, auch wenn sie der äußeren Beobachtung nicht zugänglich sind. Kann man es rechtfertigen, aus einer Menge von äußeren Beobachtungen auf unbeobachtbare mentale Zustände anderer Personen zu schließen? - In dem Aufsatz wird die Frage diskutiert, ob eine realistische Auffassung mentaler Zustände mit Hilfe eines Schlusses auf die beste Erklärung gerechtfertigt werden kann. Diese Art der Rechtfertigung liegt nahe, wenn man die Meinung vertritt, mentale Begriffe könnten als theoretische Begriffe der Alltagspsychologie aufgefaßt werden. Im Rahmen der Diskussion wird eine Brücke zwischen der Philosophie des Geistes auf der einen Seite und der Wissenschaftstheorie und Sprachphilosophie auf der anderen Seite geschlagen. Es wird dafür argumentiert, daß das Prinzip des Schlusses auf die beste Erklärung in der Philosophie des Geistes so wenig zu rechtfertigen ist wie in der Wissenschaftstheorie und daß die radikale Interpretation in ähnlicher Weise unbestimmt ist wie die radikale Übersetzung. Das Ergebnis der Diskussion ist allerdings nicht rein negativ. Denn die Unmöglichkeit einer Rechtfertigung impliziert nicht die Unmöglichkeit einer Erklärung. Auch wenn sich eine realistische Deutung mentaler Zuschreibungen nicht rechtfertigen läßt, eine Erklärung unserer realistischen Praxis ist möglich, wenn man mentale Entitäten fünktional durch ihre kausale Rolle definiert.
Barry Smith, Buffalo: Ontologie des Mesokosmos. Soziale Objekte und Umwelten Erst in neuester Zeit haben sich analytische Philosophen vorbehaltlos dem Bereich der Metaphysik gewidmet. Unter den interessantesten Ergebnissen dieser ,analytischen Metaphysik' ist John Searles neues Buch zur Ontologie der sozialen Gegenstände (Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Zur Ontologie sozialer Tatsachen, Hamburg: Rowohlt, 1997). Was sind Staaten, Gemeinschaften, Gesetze? Nach Searle sind diese Gegenstände Korrelate einer ,kollektiven Intentionalität'. Searle vertritt m.a.W. eine kognitive Theorie von sozialen Gegenständen. Ein Problem bei einer solchen Theorie ist, daß wir Analogien zu bestimmten sozialen Gebilden auch bei Tieren begegnen, die den begrifflichen Apparat einer kollektiven Intentionalität nicht besitzen. Um dieses Problem zu umgehen, liegt es nahe, die biologischen Lehren von tierischen Umwelten, die etwa durch von Uexküll entwickelt wurden, auszunutzen. Von Uexkülls Umweltlehre ist jedoch eine Art organische Monadologie: jedes Tier, jeder Mensch, ist in seiner eigenen spezifischen Umwelt beheimatet, und es wird also schwer verständlich, wie das Verhalten zwischen Tieren überhaupt möglich ist. Der vorliegende Beitrag bietet eine Lösung dieses Problems, durch die wir auch eine verbesserte Auffassung der Ontologie sozialer Gegenstände überhaupt gewinnen. Als Grundlage dieser Auffassung dient die realistische Theorie menschlicher Umwelten, die in der ökologischen Psychologie J. J. Gibsons und Roger Barkers entwickelt wurde.
Matthias Koßler, Mainz: Der Wandel des
Intuitionsbegriffs im Spätmittelalter und seine Bedeutung für das neuzeitliche Denken
Im Spätmittelalter vollzog sich eine Wendung in der Entwicklung des Begriffs der Intuition, die bedeutende philosophiegeschichtliche Konsequenzen hatte, indem in ihr die neuzeitliche Spaltung in eine empiristische und eine spekulative Tradition grundgelegt wurde. Dieser Wandel wird anhand der relevanten Stellen bei Thomas von Aquin, Johannes Duns Scotus und Wilhelm von Ockham dargelegt, wobei zur Erläuterung der Ausgangssituation bei Thomas auch auf Augustinus und Anselm von Canterbury zurückgegriffen wird. In dieser bis zu Thomas reichenden Tradition war der Begriff 'intuitio' für das übernatürliche Erkennen, die Schau (visio) Gottes reserviert und konnte nur in abgeleiteter Weise, nämlich durch den reflexiven Charakter des spekulativen Erkennens, auch auf den Menschen bezogen werden. Im Lauf der weiteren Entwicklung zu Ockham hin wurde Intuition zur (bis dahin ausgeschlossenen) unmittelbaren Erkenntnis der Einzeldinge und vermischte sich mit der sinnlichen Anschauung. Damit war das Fundament des empiristischen Ansatzes gegeben, dessen wissenschaftstheoretische Implikationen schon bei Ockham zutagetraten.
Diskussionen Stefaan E. Cuypers, Löwen: Das Problem der personalen Identität in der analytischen Philosophie In the course of presenting the classical debate on personal identity in analytical philosophy, the article argues that this debate leads to an aporetic result. Neither the Bundel Theory (defended by Quinton, Shoemaker, Parfit, Perry) nor the Ego Theory (defended by Chisholm, Swinburne, Madell) can adequately account for both the nature and the importance of personal identity. According to the empiricist account the importance of personal identity is nothing but an existential fiction, while according to the metaphysical account the nature of personal identity in the last analysis consists of an ontological fiction. Correspondingly, the empiricist Bundel Theory gives rise to a destructive conventionalism, whereas the metaphysical Ego Theory involves a miraculous essentialism. The problem of personal identity in analytical philosophy, therefore, still remains unresolved in the light of common-sensical intuitions.
John Wettersten, Heuchelheim: Welche wissenschaftstheoretischen Probleme stellen ad-hoc-Hypothesen heute? Heutzutage sind die Theorien über ad-hoc-Hypothesen problematisch. Sie sind entweder zu streng und verbieten zu viel, oder sie sind relativ leer. Um eine Erklärung dafür zu entwickeln, werden die Wurzeln der wissenschaftstheoretischen Probleme der ad-hoc-Hypothesen dargestellt. Die in diesem Jahrhundert vorgeschlagenen Theorien über ihre Anwendung werden kritisiert. Ihre Unzulänglichkeit wird auf ihre allzu hohen positivistischen Ansprüche zurückgeführt: Keine Theorie über ad-hoc-Hypothesen kann sie unabhängig von (oft umstrittenen) Analysen ihrer Kontexte identifizieren, und keine solche Theorie kann als einziger Maßstab für die wissenschaftlichen Theorien dienen. Die neuen Versuche müssen dem Zusammenhang zwischen verschiedenen Maßstäben für die wissenschaftlichen Theorien einerseits und der erhofften Vermeidung von ad-hoc-Hypothesen andererseits Rechnung tragen. Die neuen Theorien der Problemauswahl bieten gute Möglichkeiten, dieses Ziel zu erreichen, wenn der Entdeckung von neuen Problemen Priorität gegeben wird.
Berichte Michael Quante, Münster: Die Enträtselung des Bewußtseins? Neuere Beiträge zur Philosophie des Geistes (II)
Buchbesprechungen Peter Rohs: Raum - Zeit - Feld (Dieter Sturma, Essen) Dieter Henrich (Hg.): Immanuel Carl Diez, Briefwechsel und Kantische Schriften: Wissensbegründung in der Glaubenskrise, Ttübingen - Jena (1790-1792) (Wolfram Hogrebe, Bonn) Klaus Düsing: Selbstbewußtseinsmodelle. Moderne Kritiken und systematische Entwürfe zur konkreten Subjektivität (Christian Lotz, Marburg) Julian Nida-Rümelin (Hg.): Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung (Eve-Marie Engels, Tübingen) Michael Stocker with Elizabeth Hegemann: Valuing Emotions (Monika Betzler, Göttingen) Michael Tye: Ten Problems of Consciousness (Frank Hofmann, Tübingen)
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