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Zeitschrift für philosophische ForschungHerausgegeben von Otfried Höffe (Tübingen) Band 53 (1999): In vier Einzelheften. VI, 634
Seiten.
Aus dem Inhalt von Heft 4
Abhandlungen Wilhelm Lütterfelds, Passau: Gibt es eine idealistische Grammatik der Wahrnehmungssprache? Phänomene wie Wahrnehmungsillusionen oder perspektivische Strukturen des Gesichtsraumes führen traditionellerweise zur These von der phänomenalen Basis der Erkenntnis in Form von Erscheinungen, Vorstellungen und Sinnesdaten. In Kants und Wittgensteins Theorien über die empirische Erkenntnis bzw. über die Wahrnehmungssprache wird übereinstimmend ein Mißverstandnis dieser phänomenalen Erkenntnisbasis kritisch zurückgewiesen und zugleich eine affirmative Konzeption von Erscheinungen, Vorstellungen und Sinnesdaten als Möglichkeitsbedingungen der Wirklichkeitserkenntnis und ihrer Wahrnehmungssprache vorgetragen. Nur wenn man - wie die ,,Analytische Philosophie der Wahmehmung" - beides nicht auseinander hält und irrtümlich miteinander identifiziert, ist die klassische und moderne These der phänomenalen Basis ein Scheinproblem und eine philosophische Einbildung.
Heiner F. Klemme, Magdeburg: Kants Wende zum Ich Wenn es eine Lehre gibt, welche neben der Raum-Zeittheorie der Inauguraldissertation von 1770 für die Genese der Kritik der reinen Vernunft von zentraler Bedeutung ist, dann ist es die von Kant in den frühen Anthropologievorlesungen der siebziger Jahre vorgetragene Theorie eines spontanen, freien und selbstbewußten Ich. Aus welchen systematischen Erwägungen heraus hat er diese Ich-Theorie entwickelt? Was hat ihn dazu veranlaßt, seine Philosophie auf einem spontanen, freien und selbstbewußten Ich zu gründen, welches als eine einfache, numerisch identische, immaterielle und freie Substanz verstanden wird, von der wir eine anschauende Erkenntnis im inneren Sinn haben? Aufgrund welcher konzeptionellen Änderungen wird diese Theorie gegenüber seiner Dissertation überhaupt erst ein sinnvolles Unternehmen? Es wird im Rahmen einer detaillierten Rekonstruktion der Problemlage, mit der sich Kant zwischen 1770 und 1772 konfrontiert war, gezeigt, daß er wesentliche Anregungen durch seinen früheren Schüler Marcus Herz erhalten hat, der in seiner Schrift Betrachtungen aus der spekulativen Weltweisheit (1771) einige grundlegende Lehrstücke der Dissertation kritisiert und mit Moses Mendelssohn für die Notwendigkeit eines ersten Subjekts" plädiert. Nicht Rousseau, sondern Herz und Mendelssohn haben also in ihrer direkt auf die Dissertation bezogenen Kritik Kant davon überzeugt, daß das epistemisch aufgewertete Ich als Grund einer neuen Theorie des Verhältnisses von Denken und Gedachtem fungieren muß, um die Einheit unserer Erfahrung erklären zu können.
Samuel J. Kerstein, College Park: The Kantian Moral Worth of Actions Contrary to Duty This paper concerns Kant's view of the relations between an actions's moral permissibility and its moral worth. In the Groundwork of the Metaphysics of Morals, Kant holds that only morally permissible actions can have moral worth. By restricting moral worth to morally permissible actions, Kant generates an asymmetrical account of how two kinds of failure affect an actions's moral worth. While failure to judge correctly whether one's action is morally permissible precludes it from having moral worth failure to attain the end of one's action does not. I argue that this asymmetrical account is implausible. Kant, I claim, should acknowledge that morally permissible actions can have moral worth. After addressing objections to this claim, I consider Kant's position in a later work: the Metaphysics of Moreals. I argue that though he does not go far enough, Kant moves toward recognizing that some morally impermissible actions can have moral worth.
Diskussionen Lothar Kreimendahl, Mannheim: Humes frühe religionsphilosophische Interessen seiner "Early Memoranda" Anhand einer Untersuchung der frühen Exzerpte Humes, der sog. Early Memoranda, wird die These erhärtet, dass Humes ursprüngliche Interessen religionsphilosophischer Art waren. Näherhin ist es das Theodizeeproblem gewesen, das seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Wesentliche Themen der späteren Religionsphilosophie Humes sind in den Early Memoranda bereits angesprochen. Das gilt sowohl für die naturgeschichtlichen Betrachtungen, wie sie in der Natural History of Religion später angestellt werden, als auch für die rationaltheologischen Überlegungen der Dialogues Concerning Natural Religion. Diese Parallelen werden anhand von Textvergleichen aufgewiesen. Quantitative Befunde bestätigen das Ergebnis der inhaltlichen Analysen. Aber die frühen Exzerpte Humes erhärtern auch religionsphilosophische Probleme, die in den späteren Werken nicht wieder aufgegriffen werden. Die Bedeutung, die Pierre Bayle für den jungen Hume hatte, wird durch den Aufweis zahlreicher Filiationen konkret bezeugt.
Michael Bösch, Paderborn: Pluralität und Identität bei Hannah Arendt Hannah Arendts politischer Theorie liegt eine relationale Ontologie zugrunde, in der Pluralität und singuläre Freiheit in einem wechselseitigen Bedingungsverhältnis stehen. Das politische Zusammenhandeln setzt freie Individuen voraus, die sich im Netzwerk sozialer Beziehungen differenzieren und identifizieren. Freiheit verwirklicht sich als Partizipation an öffentlicher Verständigung, in der die lebensweltliche Begrenztheit der eigenen Perspektive durch die Auseinandersetzung mit anderen Perspektiven überschritten wird. Darin liegt die kommunikative Basis posttraditioneller politischer Gemeinschaft. Politisches Handeln ist Selbstverwirklichung öffentlicher Beziehungsnetze, die sich als Wir-Identitäten begreifen können. Ebensowenig wie die Individuen stehen die Netzwerke in atomistischer Isolation. Die partikularen politischen Bewegungen sind Teil eines globalen Handlungszusammenhangs. Neben die Pluralität als politischer Leitidee stellt Arendt den integrativen Impuls einer globalen Weltverantwortung. Die partikular-kulturellen Kontexte werden im Sinne der kantischen erweiterten Denkungsart auf einen menschheitlich-universalen Handlungskontext bezogen. Der Perspektivenvielfalt steht eine regulative Universalität der Weltverantwortung gegenüber, die der reflektierenden Urteilskraft überantwortet ist. So verbindet Arendt den republikanischen Partikularismus mit kantisch-universellem Weltbürgertum.
Berichte Bernward Gesang, Düsseldorf: Die Klonierungsdebatte - Ein neuer Motor der angewandten Ethik Hermann Weidemann, Münster: Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Das Aristotelische Organon unter der Regie von H.G. Zekl
Buchbesprechungen Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus (Theodor Ebert, Erlangen) Michael N. Foster: Hegel's Idea of a Phenomenology of Spirit (Konrad Utz, Tübingen) Reinhardt Pester: Hermann Lotze. Wege seines Denkens und Forschens (Harald Schwaetzer, Trier) Ulrich Pothast: Lebendige Vernünftigkeit. Zur Vorbereitung eines menschenangemessenen Konzepts (Christian Lotz, Marburg) Richard Schantz: Wahrheit, Referenz und Realismus. Eine Studie zur Sprachphilosophie und Metaphysik (Alex Burri, Bern) John Martin Fischer, Mark Ravizza: Responsibility and Control. A Theory of Moral Responsibility (Barbara Guckes, Bielefeld) |