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Zeitschrift für philosophische ForschungHerausgegeben von Otfried Höffe (Tübingen) Band 54 (2000): In vier Einzelheften. VI, 634
Seiten.
Aus dem Inhalt von Heft 4
Abhandlungen Dietmar von der Pfordten, Erfurt: Normativer Individualismus versus normativer Kollektivismus in der Politischen Philosophie der Neuzeit Eine Analyse der Politischen Philosophie der Neuzeit kann soll sie nicht lediglich einzelne Autoren oder Werke reihen zwei methodische Wege einschlagen. Sie kann zum einen mit einer detaillierten Werkinterpretation wichtiger Denker wie Hobbes, Locke oder Kant beginnen und quasiinduktiv den historischen Fortgang der Hauptdiskussionen zu rekonstruieren suchen. Sie kann aber auch wesentliche abstrakte Verlaufskategorien vorschlagen, mit deren Hilfe dann umgekehrt in einem quasideduktiven Konkretionsschritt die Beiträge eminenter Denker möglichst gut verstanden, eingeordnet und gewürdigt werden. Der vorliegende Text wird zum Zweck der Beurteilung dieser beiden großen Alternativen zunächst einige Anforderungen vorschlagen, die derartige abstrakte begriffliche Kategorien erfüllen sollten, um zum Verständnis der Ideengeschichte der neuzeitlichen Politischen Philosophie beitragen zu können (I). In einem zweiten Schritt werden die beiden soeben genannten Gegensatzpaare an Hand dieser Anforderungen beurteilt (II). Diese Beurteilung wird zu dem Ergebnis führen, daß beide Gegensatzpaare zwar unabdingbar notwendig sind, um wesentliche Autoren der Politischen Philosophie der Neuzeit würdigen zu können. Für die Erfassung des Verlaufs der grundlegenden Auseinandersetzung in der neuzeitlichen Politischen Philosophie reichen sie aber nicht aus. Deshalb wird drittens das schon im Titel dieses Beitrags genannte Kategorienpaar Normativer Individualismus versus normativer Kollektivismus" vorgeschlagen (III). Mit Hilfe dieses Gegensatzpaares und einiger Ergänzungen wird dann viertens die Grundlinie der Auseinandersetzung in der neuzeitlichen Politischen Philosophie skizziert werden (IV). Diese Skizze soll schließlich zu einem besseren Verständnis der gegenwärtigen Diskussionslage führen (V).
Robert Spaemann, Stuttgart: Einzelhandlungen Handlungen sind einerseits eingebettet in das Continuum einer individuellen Lebenspraxis, andererseits in das eines Interaktionsgefüges. Im Unterschied zum organischen Verhältnis von Ganzem und Teil bilden Handlungen jedoch diskrete Einheiten, in denen die Person jeweils als Ganze präsent ist und die deshalb auch, zumindest negativ, kontextunabhängig beurteilbar sind. Für die Identifikation von Einzelhandlungen gilt, was auch für die Identifikation von singulären Dingen gilt: sie setzt Universalien voraus, in diesem Fall also Handlungstypen, die hinsichtlich ihrer sittlichen Qualität zumindest prima-facie beurteilt werden können. Die Lebenspraxis ist deshalb sprachanalog. Auch die Sprache besteht aus Einzelsätzen, deren Sinn zwar kontextabhängig ist, nicht aber deren Wahrheitswert. Der Aufsatz erörtert das Problem der Basishandlungen als atomarer Handlungseinheiten sowie die verschiedenen Formen der Integration von Einzelhandlungen in übergreifende Kontexte: Komplexität der Bedeutung, Handlungssequenzen und durch Handlungen initiierte Ereignisreihen.
Stephan Krause, Berlin: Zum Begriff des Konstruierens im Radikalen Konstruktivismus Die zentrale These im Radikalen Konstruktivismus - Erkennen sei wesentlich Konstruieren - ist in ihrem epistemologischen Anspruch nur dann von Interesse und hat die unterstellten antirealistischen Konsequenzen, wenn 1. mit dem im Erkenntnisprozeß Konstruierten die erkannte Sache gemeint wird (und nicht bloß die Kognition oder ihre Mittel wie Begriffe, Theorien etc.) und wenn 2. die These selbst eine Erkenntnis in ihrem Sinne sein soll. Dann führt sie jedoch unausweichlich in das Dilemma von Selbstkonstruktion und Konstruktionsregreß mit der Folge, daß das Erkennen weder jener Wirklichkeit zuweisbar ist, der seine Gegenstände angehören (es hat insbesondere keinen Platz in unserer raum-zeitlichen Wirklichkeit), noch verschiedenen Subjekten gemeinsam sein und von ihnen kommuniziert werden kann. Da der Konstruktivist mit einem Rückzug auf eine schwächere These seine Radikalität einbüßen würde, wird er sich diesen Problemen stellen müssen.
Temilo van Zantwijk/Paul Ziche, Jena: Fundamentalphilosophie oder empirische Psychologie? Das Selbst und die Wissenschaften bei Fichte und C.C.E. Schmid In den Jahren nach 1794 erlebt die Universität Jena eine polemisch geführte Kontroverse zwischen Fichte und Carl Christian Erhard Schmid. Im Verlauf der Auseinandersetzung kommt es zu einer unübersichtlichen Verschachtelung verschiedener Themen und Argumentationsebenen; auch stehen die von Fichte und Schmid teils versteckt, teils unverhohlen geführten persönlichen Attacken einer sachlichen Rekonstruktion im Wege. Bislang wurde diese Kontroverse vornehmlich im Kontext der von Reinhold angestoßenen Debatte um einen ersten Grundsatz in der Philosophie behandelt. Durch diese Fragestellung wird eine Problemdimension verdeckt, die sich als argumentativer Kern der Fichte-Schmid-Debatte erweisen lässt: vor dem Hintergrund des Paralogismus-Kapitels der Kantischen Vernunftkritik tritt als eigentlicher Streitpunkt die Frage hervor, ob das Selbst Thema der Philosophie oder einer Einzelwissenschaft sein muss. Das Verhältnis von Philosophie, Wissenschaft und Wissenschaften wird bei Fichte und Schmid zur Folie, auf der die Frage nach dem menschlichen Selbst überhaupt verhandelt werden kann. - Wir vertreten die These, dass die Begründung der Psychologie als empirische Wissenschaft, wie Schmid sie vorschlägt, vor dem Hintergrund von Kants Paralogismus-Kritik nicht aussichtsreich ist. Zugleich ist zu sehen, dass Fichtes Argument, die WL würde Psychologie als Wissenschaft überflüssig machen, eine unzulässige Verkürzung des Problems ist, das er bei Schmid sieht. Die Fichte-Schmid-Kontroverse dokumentiert so eine anthropologisch-psychologische Grundlagenkrise, die im Ausgang von Kants Paralogismus-Kapitel entsteht.
Diskussionen und Berichte Günther Patzig, Göttingen: Gibt es Grenzen der Redefreiheit? Michael Hofer, Linz: Die "Abdämpfung der Subjektivität". Drei Beispiele aus der amerikanischen bzw. französischen Gadamer-Rezeption
Buchbesprechungen Norbert Blößner: Musenrede und 'geometrische Zahl'. Ein Beispiel platonischer Dialoggestaltung (Jürgen Werner, Hamburg) Stephan Meier-Oeser: Die Spur des Zeichens. Das Zeichen und seine Funktion in der Philosophie des Mittelalters und der Neuzeit (Markus Enders, München) Richard Eldridge: Leading a Human Life. Wittgenstein, Intentionality, and Romanticism (Peter Baumann, Göttingen) Christoph Fehige/Georg Meggle/Ulla Wessels (Hrsg.): Der Sinn des Lebens (Uwe Czaniera, Kerstin Stangl, Bayreuth) Louis P. Pojmann/Robert Westmoreland (Hrsg.): Equality. Selected Readings (Karl-Heinz Nusser) Karlfriedrich Herb: Bürgerliche Freiheit (Peter Rinderle, Berlin) |