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Richtlinien für die Autoren

Zeitschrift für philosophische Forschung

Herausgegeben von Otfried Höffe (Tübingen)
zusammen mit Christof Rapp (Berlin)

Berichte und Buchbesprechungen: Nico Scarano (Tübingen)

Band 57 (2003): In vier Einzelheften, VI, 648 Seiten. 
€ 103.-. Studentenabonnement € 52.-
Die zurückliegenden Bände sind weitgehend lieferbar.

 

Aus dem Inhalt von Heft 1

 

Abhandlungen

Geert Keil, Berlin: Über den Homunkulus-Fehlschluß

Ein Homunkulus im philosophischen Sprachgebrauch ist eine postulierte menschenähnliche Instanz, die ausdrücklich oder unausdrücklich zur Erklärung der Arbeitsweise des menschlichen Geistes herangezogen wird. Als Homunkulus-Fehlschluß wird die Praxis bezeichnet, Prädikate, die auf kognitive oder perzeptive Leistungen einer ganzen Person zutreffen, auch auf Teile von Personen oder auf subpersonale Vorgänge anzuwenden, was typischerweise zu einem Regreß führt. Der vorliegende Beitrag erörtert den Homunkulus-Fehlschluß zunächst in argumentationstheoretischer Hinsicht und stellt dabei ein Diagnoseschema auf. Dann werden zwei Anwendungsfelder erörtert: Instanzenmodelle der Psyche (Platon, Freud) sind ihrer Natur nach homunkulusgefährdet, denn es ist aufgrund der holistischen Zuschreibungsbedingungen mentaler Fähigkeiten schwer plausibel zu machen, wie eine innerpsychische Instanz den ihr zugedachten Beitrag leisten soll, ohne über eine eigene Psyche zu verfügen. Der zweite Anwendungsfall ist das Problem des invertierten Netzhautbildes in der Philosophie der Wahrnehmung, das wissenschafts- und philosophiegeschichtlich eingebettet und unter besonderer Berücksichtigung von Descartes diskutiert wird. Schließlich werden offensive Rechtfertigungen homunkularer Redeweisen erörtert und größtenteils zurückgewiesen.

 

Rolf Darge, Köln: Eines oder Vieles. Zu einem Grundproblem der scholastischen Theorien über das Eine

Die scholastischen Theorien über das mit dem Seienden konvertible Eine begegnen einer Schwierigkeit, welche die ihnen zugrundeliegenden Prinzipien der Seinsauslegung berührt und auf die Probe stellt. Sie zeigt sich bei dem Versuch, die aristotelische Lehre von der Konvertibilität des Einen mit dem Seienden mit dem ebenfalls genuin aristotelischen Lehrstück zusammenzudenken, nach dem das Eine und Viele erste Differenzen oder Einteilungslieder des Seienden bilden: Wenn das Eine das Seiende einteilt, kann es nicht mit diesem in der Aussage vertauscht werden, und umgekehrt. Die Lösungssversuche folgen, insoweit sie von der Annahme einer sachlichen und wesenhaften Identität des Seienden mit dem Einen ausgehen, bis in das siebzehnte Jh. hinein in der Regel einer von zwei Grundkonzeptionen. Die Studie sucht deren eigentümliches Profil und ontologische Bedeutung zu bestimmen, sowie sichtbar zu machen, wie sie aus der aristotelischen Metaphysiktradition erwachsen.

 

Nicola Erny, Düsseldorf: Darwin und das Problem der evolutionären Ethik 

Im Zentrum der Untersuchung über "Darwin und das Problem der evolutionären Ethik" steht die Frage, welche Erklärung Darwin für das Phänomen der Genese und der Entwicklung der menschlichen Moral gibt. Erklärt Darwin menschliche Moral durch das Prinzip der natürlichen Selektion und Variation und optiert er damit für ein evolutionstheoretisches Erklärungsmodell? Oder lassen sich bei Darwin Argumente finden, die vielmehr eine Gegenposition hinsichtlich der Annahme einer evolutionären Ethik implizieren?
Unter Berücksichtigung der relevanten Positionen der Soziobiologen wird geklärt, welche Relation zwischen normativen Richtlinien und biologischen Erkenntnissen besteht, um davon ausgehend die Darwinsche Position hinsichtlich ihrer begründungsrelevanten Bedeutung für die Ethik zu analysieren.
Darwins Überlegungen zum Komplex des moralischen Gefühls, das für ihn das Kriterium einer grundlegenden Differenzierung zwischen Mensch und Tier liefert, stehen im Vordergrund der Analyse, die auf die These hinausläuft, daß Darwin als Gegner einer evolutionär begründeten Ethik zu betrachten ist.

 

Thomas Alexander Szlezák, Tübingen: Sechs Philosophen über philosophische Esoterik

Ausgehend von Wittgensteins Vorwort zu seinen "Philosophischen Bemerkungen", wo er klarstellt, daß er "nur für wenige" schreibe und von Menschen, die dem Geist, in dem er schreibt, feindlich oder fremd gegenüberstehen, gar nicht verstanden werden wolle, wird der Frage nachgegangen, ob philosophische Werke generell vom Willen getragen sein müssen, alle Menschen zu erreichen, und ob sie, falls das nicht der Fall sein sollte, über Mittel verfügen, unerwünschte Leser auszuschließen.
Wittgenstein glaubte an die Möglichkeit, nur für "Freunde" seiner Geisteshaltung zu schreiben und andere, notwendig verständnislose Rezipienten "automatisch" durch ein in den Text selbst unsichtbar eingebautes "Schloß" von seinem Denken ausschließen zu können.
Kant erkannte klar (im Gegensatz zu vielen heutigen Interpreten) die eindeutig esoterische Haltung des Platonischen Siebten Briefes - und verurteilte sie, freilich ohne Exegese des Textes und ohne den Versuch, das Verhältnis des Briefes zu vergleichbaren Stellen der Dialoge zu klären.
Schleiermacher bemühte sich zu zeigen, daß Platon ungeachtet seiner Kritik der Schrift als Werkzeug der Erkenntnisvermittlung im Phaidros bestrebt war, den schriftlichen Dialog dem mündlichem dialektischen Gespräch nach Möglichkeit anzugleichen, ja (fast) gleichzustellen.
Nietzsche sah als erster, daß Schleiermachers Deutung die klar ausgesprochene Intention Platons in ihr Gegenteil verkehrt. Seiner klarsichtigen Kritik blieb die Breitenwirkung versagt: vorgetragen 1871-76 vor wenigen Basler Philologiestudenten, blieb sie bis 1913 ungedruckt. Inzwischen war Schleiermachers Sichtweise längst zur communis opinio geworden, zumal sie früh engagierte Unterstützung bekommen hatte durch
Hegels Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. Es läßt sich freilich zeigen, daß Hegels Kritik der esoterischen Auslegung von Tennemann weder der Komplexität des Problems noch dem platonischen Text gerecht wird
Platon selbst wollte, wie Wittgenstein, nur die "Freunde" seiner Geisteshaltung ansprechen, glaubte aber, anders als Wittgenstein und die Moderne seit Schleiermacher, nicht an das Vermögen der Schrift, "automatisch die Scheidung" der Leser zu "bewirken" (Formulierung nach Wittgenstein). Die Konsequenzen, die er als philosophischer Schriftsteller daraus zog, teilte er im Phaidros und im Siebten Brief mit.

 

Diskussionen

Thomas Wolf, Frankfurt/M.: Konstitution und Kritik der Wissenschaften bei Heidegger

 

Berichte

Otfried Höffe, Tübingen: Zum Tod von John Rawls  

Héctor Wittwer, Berlin: XIX. Deutscher Kongreß für Philosophie "Grenzen und Grenzüberschreitungen", 23. - 27. September 2002 an der Universität Bonn

Michael Esfeld, Lausanne: Regelfolgen 20 Jahre nach Kripkes Wittgenstein         

 

Buchbesprechungen

Ulrich Arnswald, Anja Weiberg (Hrsg.): Der Denker als Seiltänzer. Ludwig Wittgenstein über Religion, Mystik und Ethik (Peter Baumann, Swarthmore)

Bernd Kleimann: Das ästhetische Weltverhältnis. Eine Untersuchung zu den grundlegenden Dimensionen des Ästhetischen (Alexander Piecha, Bramsche-Engter)

Monique Deveaux: Cultural Pluralism and Dilemmas of Justice (Daniel Loewe, Tübingen)

Dieter Teichert: Personen und Identitäten (Michael Quante, Münster)

Lothar Ridder: Mereologie. Ein Beitrag zur Ontologie und Erkenntnistheorie (Käthe Trettin, Frankfurt/M.)