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Richtlinien für die Autoren

Zeitschrift für philosophische Forschung

Herausgegeben von Otfried Höffe (Tübingen)
zusammen mit Christof Rapp (Berlin)

Berichte und Buchbesprechungen: Nico Scarano (Tübingen)

Band 57 (2003): In vier Einzelheften, VI, 648 Seiten. 
€ 103.-. Studentenabonnement € 52.-
Die zurückliegenden Bände sind weitgehend lieferbar.

 

Aus dem Inhalt von Heft 2

 

Abhandlungen

Michael-Thomas Liske, Passau: Was leistet in der Frage von Gottes Vorherwissen des kontigenten Zukünftigen Ockhams logischer Scharfsinn über Duns Scotus hinaus?

Da mittelalterliche Denker Gottes Wissen der Welt vorwiegend als ein praktisches, auf Fürsorge gründendes Wissen begriffen, können die freien künftigen menschlichen Taten nicht als prinzipiell unwißbar ausgeschlossen werden. Gottes praktisches Wissen des kontingenten Zukünftigen gründet für Duns Scotus auf seinem faktisch unwandelbaren Willensentschluß und ist daher nur insofern kontingent, als es kontrafaktisch (bei einem anderen möglichen Weltverlauf) anders hätte sein können. Ockham verwirft solche irrealen (kontrafaktischen) Alternativen gleichzeitig zum Faktischen, da die Eigenart willentlicher Verursachung auch ohne solche hohen "ontologischen Kosten" erklärbar sei: Anders als eine Naturursache könne die freie Ursache ohne gewandelte Bedingungen im nächsten Augenblick anderes wirken. Innerhalb allein der wirklichen Welt ergeben echte Gegenwartsaussagen angesichts der Irreversibilität des Geschehenen hinfort notwendige Vergangenheitsaussagen. Aussagen über göttliches Vorauswissen (und Prädestination) seien hingegen nur oberflächengrammatisch Gegenwartsaussagen, sachlich jedoch kontingent, da ihre Geltung von einem kontingenten Zukünftigen abhänge, wenngleich unwandelbar, weil jede Zukunftsaussage, falls wahr, unveränderlich wahr sei (was ohne Determinismus schwer einleuchtet). Bei Unwandelbarkeit aber läßt sich Kontingenz kaum anders als mit der Skotischen Konzeption gleichzeitiger irrealer Möglichkeiten erklären: Gott hätte das faktisch stets Gewußte niemals zu wissen brauchen.

 

Dirk Greimann, München/Greifswald: Zum Realitätsbereich der Semantik: Skizze einer Theorie der "semantischen Verpflichtung"  

Nach Auffassung von Quine ist der Realitätsbereich der Semantik auf den Bereich des beobachtbaren Sprachverhaltens beschränkt. Fragen der sprachlichen Bedeutung und sprachlichen Bezugs, die über das hinausgehen, was sich durch die Erforschung des öffentlich beobachtbaren Sprachverhalten herausbekommen lässt, sind dieser Auffassung nach keine "Tatsachenfragen", d.h. sie haben kein Fundament in der Realität. Die Arbeit verfolgt das Ziel, anhand des Aufbaus einer Theorie der "semantischen Verpflichtung" zu zeigen, dass Quines Beschränkung der semantischen Tatsachen nicht akzeptabel ist. Den Kern der Theorie bildet das folgende "Prinzip der semantischen Verpflichtung": Eine Gesamttheorie der Wirklichkeit ist aus Gründen der Kohärenz verpflichtet, diejenigen semantischen Strukturen ontologisch anzuerkennen, die vorausgesetzt werden müssen, um die Theorie formulieren zu können.

 

Maria Liatsi, Freiburg i. Br.: "Akzidens" (s u m b e b h k ó V ) bei Aristoteles 

Christian Illies, Essen: Das sogenannte Potentialitätsargument am Beispiel des therapeutischen Klonens

In dem Aufsatz wird die Leistungsfähigkeit des Potentialitätsarguments am Beispiel des therapeutische Klonen untersucht. Die Diskussion bewegt sich auf drei Ebenen. Zunächst geht es auf fundamentaler Ebene darum, eine Begründung des Lebensrechts von Vernunftwesen zu skizzieren. Dann wird auf einer zweiten Ebene argumentiert, daß der Anwendungsbereich dieser (kantischen) Grundnorm auch nicht aktual ihre Vernunft gebrauchende Wesen einschließt. Diese hier "Erweiterungspostulat" genannte Forderung wird weitgehend intuitiv begründet. Daran anschließend wird das Potentialitätsargument als Versuch interpretiert, dieses Postulat bestmöglich zu rationalisieren. Das so gewonnene Konzept einer "aktiven Potentialität" als Grundlage für das Recht auf Leben wird gegen die gängigen Einwände verteidigt. Auf einer dritten Ebene wird das Potentialitätsargument schließlich auf die beim therapeutischen Klonen anfallenden künstlichen Zygoten bzw. Embryonen angewandt und dafür argumentiert, diese beim gegenwärtigen Stand des Wissens nicht für die Forschung freizugeben.

 

Diskussionen

Darius Koriako, Berlin: Kants Philosophie der Mathematik: Versuch einer Neubewertung

Diese Studie versucht, die Grundlinien der kantischen Mathematiktheorie zu entwickeln. Es zeigt sich, dass das Problem des "epistemischen Bezugs" zu mathematischen Gegenständen im Mittelpunkt steht. Kant entwickelt hierzu zwei Strategien: unter der Voraussetzung, dass mathematische Erkenntnis "Erkenntnis in concreto", also anschaulich ist, zeigt er 1762, dass diese sich von der empirischen in der Methode der Begriffsbildung unterscheidet. Dies führt auf einen "schwachen" Aprioritätsbegriff. 1770 entwickelt Kant eine anspruchsvollere Theorie: er zeigt, dass die Anschaulichkeit und Apriorität mathematischer Erkenntnis uns nötigen, ein entsprechendes ontologisches Substrat zu fordern, dass er mit Raum und Zeit identifiziert. Diese Strategie wird hier als unbefriedigend kritisiert, und es wird vorgeschlagen, die "schwächere" Konzeption von 1762 stärker zu akzentuieren: mathematische Begriffe können sich auf empirische Anschauungen beziehen; der Bezug auf reine Anschauungen ist dagegen explanatorisch überflüssig.

 

Rebecca Iseli, Bern: Koriakos Neubewertung der kantischen Mathematiktheorie

 

Berichte

Udo Tietz, Berlin: Zum Tod von Hans-Georg Gadamer

 

Buchbesprechungen

Christina Schneider: Leibniz’ Metaphysik (Daniel Schoch, Saarbrücken) 

Edmund Husserl: Aktive Synthesen: Aus der Vorlesung "Transzendentale Logik" 1920/21. Ergänzungsband zu "Analysen zur passiven Synthesis", Husserliana Bd. XXXI;  
Edmund Husserl: Natur und Geist. Vorlesungen Sommersemester 1927, Husserliana Bd. XXXII (Christian Lotz, Seattle)                       

Thomas Uebel: Vernunftkritik und Wissenschaft: Otto Neurath und der erste Wiener Kreis (Elisabeth Nemeth, Wien)  

Matthias Adam: Theoriebeladenheit und Objektivität. Zur Rolle von Beobachtungen in den Naturwissenschaften (Matthias Neuber, Wien)

E. J. Lowe: A Survey of Metaphysics (Geert Keil, Berlin)