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Zeitschrift für philosophische ForschungHerausgegeben von Otfried Höffe (Tübingen) Band 58 (2004): In vier Einzelheften, VI,
614 Seiten.
Aus dem Inhalt von Heft 1
Abhandlungen Wolfram Hinzen, Amsterdam: Synthese a priori bei Wittgenstein In einer vereinzelten Anmerkung in den Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik (Teil IV, §43) scheint Wittgenstein die Existenz synthetischer Urteile a priori anzunehmen und damit ein entscheidendes Element der rationalistisch-transzendentalen Tradition. Ich argumentiere für eine Weise, in der sich diese Bemerkung in den größeren Zusammenhang von Wittgensteins Nachdenken über Mathematik einbettet, sowie für den kohärenten erkenntnistheoretischen Sinn, den sie unabhängig davon hat. Tatsächlich weist dieser weit über den Bereich bloß mathematischer Urteile hinaus. Beginnend mit einem empirisch-syntaktischen Begriff von Urteil, argumentiere ich, dass die relevanten Urteile a priori darin sind, dass sich unsere Erfahrungen ihnen gegenüber verantworten und nicht umgekehrt die Urteile vor der Erfahrung. Sie sind gleichwohl synthetisch darin, dass sie nicht aus der Analyse von (lexikalischen) Begriffen allein entstehen und extern bedingt sind. Dass derlei Urteile in einem relevanten Sinne weder begründbar noch wahr-oder-falsch sind, scheint wie eine natürliche Konsequenz dessen, dass sie der inhärenten Struktur des menschlichen Geistes, und damit der menschlichen Natur, entspringen.
Andreas Hüttemann, Bielefeld: Naturzustand und Staatsvertrag bei Hobbes In diesem Aufsatz untersuche sich, ob sich der Hobbes’sche Naturzustand als Gefangenendilemma beschreiben lässt und welche Konsequenzen dies gegebenenfalls hat. Ich argumentiere für die Thesen, dass erstens eine solche Beschreibung eine angemessene Charakterisierung des Hobbes’schen Naturzustandes ist (Abschnitt 1), dass das Gefangenendilemma zweitens kein Problem für die Hobbes’sche Argumentation aufwirft (Abschnitt 2) und dass drittens Hobbes sein Argumentationsziel verfehlte, wenn er den Naturzustand anders beschriebe, d.h. so, als seien die Applikationsbedingungen des Gefangenendilemmas nicht erfüllt. Das Gefangenendilemma, in dem sich die Naturzustandsbewohner befinden, ist daher notwendige Voraussetzung für die Vernünftigkeit eines Staates, in dem der Souverän mit einer Hobbes’schen Machtfülle ausgestattet ist (Abschnitt 3).
Miriam Ossa, Bonn; Dieter Schönecker, Stonehill: Ist keine Aussage sicher? Rekonstruktion und Kritik der deutschen Fallibilismusdebatte Unbemerkt von der internationalen Philosophie gibt es seit fast dreißig Jahren eine deutsche Debatte über die Frage, ob die Hauptthese des Fallibilismus – keine Aussage ist sicher – widersprüchlich sei. Wir werden zeigen, daß diese Debatte auf beiden Seiten an begrifflichen Unklarheiten und fehlenden Unterscheidungen leidet. Die insbesondere von Karl-Otto Apel und Wolfgang Kuhlmann vorgetragenen Vorwürfe der Selbstimmunisierung und der Gehaltlosigkeit des Fallibilismus erweisen sich als unbegründet. Daraus folgt allerdings nicht, daß der von Hans Albert und Herbert Keuth verteidigte Fallibilismus wirklich haltbar ist.
Udo Tietz, Berlin: Normen, Regeln und Interpretationen. Robert Brandoms Projekt einer pragmatischen Theorie der Rationalität Wenn wir uns dieser Tage in der Rationalitätstheorie einen
Überblick über die großen Entwürfe verschaffen, so diese sich innerhalb
eines linguistischen Paradigmas verorten lassen, dann werden wir
feststellen, daß der Basisbegriff der meisten dieser Theorien der Regelbegriff
ist. Die kommunikative Kompetenz von sprach- und handlungsfähigen Subjekten
soll sich ebenso über den Begriff des Regelfolgens erläutern lassen, wie die
Verständlichkeit sprachlicher Zeichen und Äußerungen. Das Problem dieser
Theorien jedoch ist, daß eben diese Intuition in bedeutungstheoretischer
Hinsicht nie wirklich ausbuchstabiert wurde.
Diskussionen Karen Gloy, Luzern: Metaphysik – ein notwendiges oder verzichtbares Projekt? Der Beitrag nimmt die Kontroverse zwischen Jürgen Habermas' Nachmetaphysisches Denken und Dieter Henrichs Replik Was ist Metaphysik - was Moderne? auf und diskutiert deren unterschiedliche Prämissen. Nach einem kurzem Blick auf die Geschichte der Metaphysik und auf ihre Kritik seit der Antike bis in die Gegenwart wird erkennbar, daß eine Bedrohung der Metaphysik niemals von seiten des vermittelten Wissens kommt, mag es sich um das notwendige wissenschaftliche oder um das kontingente historische Wissen handeln, sondern allenfalls von seiten des unmittelbaren Wissens. Dieses letztere in seinen diversen Möglichkeiten: 1. als Wissen des Konkreten bzw. "wildes Denken", 2. als ästhetische Erfahrung, 3. als praktisch-pragmatisches Wissen (Lebenswelt) gilt es daher zu überprüfen. Es wird gezeigt, daß selbst im Falle der Bedrohung der Metaphysik von dieser Seite es nicht zu deren Absetzung kommt, da die genannten Bereiche allenfalls die Grundlage denkender Auseinandersetzung bilden, nicht aber deren Substitut.
Berichte Thomas Schramme, Mannheim: Zur Währungskrise der egalitären Gerechtigkeit (Teil 2)
Buchbesprechungen Alexander Brungs: Metaphysik der Sinnlichkeit. Das System der passiones animae bei Thomas von Aquin (Matthias Perkams, Jena)
Dominik Perler: Theorien der Intentionalität im Mittelalter (Ralph Schumacher, Berlin)
Werner Flach: Die Idee der Transzendentalphilosophie. Immanuel Kant (Christian Krijnen, Ladenburg)
Frank Cameron: Nietzsche and the ‚Problem‘ of Morality (Jean-Claude Wolf, Freiburg i.Ü.)
Dieter Birnbacher: Analytische Einführung in die Ethik (Héctor Wittwer, Berlin) |