Informationen zur Zeitschrift
|
Zeitschrift für philosophische ForschungHerausgegeben von Otfried Höffe (Tübingen) Band 59 (2005): In vier Einzelheften, etwa
620 Seiten.
Aus dem Inhalt von Heft 3
Abhandlungen Maximilian Forschner, Erlangen: Immanuel Kant über Vernunftsglaube und Handlungsmotivation
Die leitende Frage des Beitrags lautet: Inwiefern ist nicht nur das Gefühl der Achtung vor dem Gesetz, sondern auch die im Vernunftglauben gegebene Hoffnung auf das höchste Gut nach Kant notwendiges (und beides im Verein notwendiges und zureichendes) Motiv vernünftigen menschlichen Handelns? Der Beitrag weist nach, daß der Vernunftglaube nicht nur die Stimmigkeit des Gedankens der Verbindlichkeit des moralischen Gesetzes, sondern auch die Triebfeder betrifft, d. h. die Frage der Möglichkeit der subjektive Motivation des Menschen zu moralischem Handeln. Genuin moralisches zielorientiertes Handeln in der Welt ist nicht nur, wie Kant fälschlicherweise meist verstanden wird, durch einen, sondern durch zwei vernünftige und vernunftgewirkte (in der Ebene der Sinnlichkeit spielende) Affekte motiviert: Genuin moralisches Handeln geschieht aus Achtung vor dem moralischen Gesetz und aus Liebe zum Endzweck bzw. in der gläubigen Hoffnung auf den Endzweck. Die kausale Funktion dieser gläubigen Hoffnung beim moralischen Handeln besteht nach Kant darin, in der berechtigten Selbstliebe begründete „Hindernisse der moralischen Entschließung“ zu beseitigen. Sie ist in dieser Funktion unverzichtbarer Bestandteil bzw. Voraussetzung einer dem moralischen Gesetz entsprechenden subjektivenGesinnung des Menschen zur praktischen Beförderung des höchsten Guts in der Welt.
Hermann Weidemann, Münster: Überlegungen zum Begriff der praktischen Wahrheit bei Aristoteles
Die von Aristoteles so genannte praktische Wahrheit besteht nach ihm in der Übereinstimmung des praktischen Verstandes mit dem richtigen Streben, d. h. darin, daß die Mittel, die jemand nach dem Urteil seines praktischen Verstandes zur Erreichung eines bestimmten Zieles wählen soll, die richtigen Mittel zur Erreichung des richtigen Zieles sind. Da man nicht nur das, was ein praktisches Urteil demjenigen, der es sich bildet, zu tun vorschreibt, sondern auch das, was jemand, der sich ein theoretisches Urteil bildet, damit tut, als eine Handlung betrachten kann, läßt sich die Art und Weise, in der Aristoteles den Begriff der praktischen Wahrheit bestimmt, für ein besseres Verständnis derjenigen Wahrheit fruchtbar machen, die einem wahren theoretischen Urteil zukommt. Man kann nämlich sagen, daß ein solches Urteil genau dann im theoretischen Sinne wahr ist, wenn das praktische Urteil, dem zufolge man es sich bilden soll, im praktischen Sinne wahr ist. Die Wahrheit einer Aussage, wie man ein theoretisches Urteil gewöhnlich nennt, besteht somit darin, daß die betreffende Aussage als ein Mittel, mit dem man das Ziel, die Wirklichkeit in einer bestimmten Hinsicht so zu beschreiben, wie sie ist, erreichen will, mit derjenigen Aussage übereinstimmt, mit der man dieses Ziel tatsächlich erreicht.
Bertram Kienzle, Rostock: Indexikalität und Gewissheit
Wie schon Descartes festgestellt hat, ist der Satz „Ich bin, ich existiere“ wahr, sooft er von ihm gebraucht wird. Da er jedoch auch in unwirklichen Welten gebraucht werden kann, scheint er nicht das zu leisten, was Descartes sich von ihm versprochen hatte; nämlich das sichere Fundament der Unterscheidung zwischen wirklich und unwirklich abzugeben. Doch es ist nicht der Satz „Ich bin, ich existiere“, sondern sein Gebrauch, der diese Unterscheidung fundiert. Wenn wir das Cartesische „gewiss“ im Sinne von „bei Gebrauch wahr“ („gebrauchsgültig“) verstehen, so schaffen wir mit jedem Gebrauch dieses Satzes Gewissheit über unser eigenes Sein und Existieren. Denn er ist gebrauchsgültig. Die Grenzlinie, die sein Gebrauch zwischen wirklich und unwirklich zu ziehen erlaubt, verläuft allerdings nicht entlang einer der bekannten Grenzlinien zwischen analytischen und synthetischen bzw. notwendigen und kontingenten Wahrheiten; vielmehr fallen Beispiele aus jeder dieser Klassen unter den Begriff der Gewissheit. Doch da nicht alle Sätze gebrauchsgültig sind, kann es auch kein unerschütterliches Fundament aller Erkenntnis geben.
Anik Waldow, Berlin: Personale Identität und Perzeption. David Humes Scheitern als Konsequenz seiner Wahrnehmungstheorie
David Hume gibt mit seiner Theorie personaler Identität Rätsel auf. Rätselhaft ist sie vor allem deshalb, weil er sich selbst in einem Appendix der Inkonsistenz bezichtigt, jedoch weder einen konkreten Grund dafür angibt, noch eine angemessen Lösung anbietet. Im Folgenden wird dargelegt, daß Humes Theorie personaler Identität für sich betrachtet keinen Grund für derlei Selbstbezichtigungen liefert. Tatsächliche Schwierigkeiten ergeben sich hingegen unter Berücksichtigung von Humes Wahrnehmungstheorie, in deren Zentrum der Begriff der Perzeption steht. Sowohl unseren Glauben an die eigene Identität als auch unseren Glauben an materielle Wahrnehmungsobjekte erklärt Hume nämlich mittels desselben psychologischen Mechanismus. In beiden Fällen handelt es sich jedoch um ganz unterschiedliche Phänomene, die nicht auf dieselben Bedingungen zurückgeführt werden können. Gemäß dieser Interpretation ist eine Lösung des Problems für Hume unmöglich, weil sie zwangsläufig mit einer Revision seines Perzeptionsbegriffs, einer seiner zentralsten Kategorien, verbunden wäre.
Diskussionen
Geert Keil, Aachen: Wahrheiten, die niemand kennen kann. Zu Wolfgang Künnes Verteidigung des alethischen Realismus
Der Beitrag referiert und diskutiert die in Wolfgang Künnes Buch Conceptions of Truth entwickelte Wahrheitstheorie, eine nichtepistemische, deflationistisch gefärbte Theorie mit Propositionen als Wahrheitswertträgern. Erörtert wird insbesondere der alethische Realismus dieser Theorie, also die Auffassung, daß es Wahrheiten gibt, die niemals ein Mensch gerechtfertigt für wahr halten kann. Den nichtrealistischen Theorien, die Wahrsein an gerechtfertigtes Fürwahrhalten binden, hält Künne sein „Argument aus den blinden Flecken im Feld der Rechtfertigung“ entgegen. Dieses behauptet nicht die Möglichkeit nichtentdeckbaren Irrtums, sondern führt Fälle unvermeidlicher Unkenntnis an: Gewisse Wahrheiten können gar nicht erst zum Gegenstand einer Rechtfertigung werden. – Der Beitrag erörtert neben dem alethischen Realismus auch weitere Aspekte von Künnes Buch.
Konstantin Pollok, Marburg: Die Normativität des Expressiven - Überlegungen zum Begriff der Wahrhaftigkeit
Welchen Standards müssen Personen genügen, damit ihre Äußerungen als wahrhaftig angesehen werden? Nicht Wahrhaftigkeit als soziale Tugend (Aristoteles, Kant) und auch nicht Wahrhaftigkeit als notwendige Argumentationsvoraussetzung (Habermas), sondern die normativen Voraussetzungen wahrhaftiger Äußerungen von Überzeugungen, Werten, Wünschen und Gefühlen einer Person, d. h. eine Analyse der normativen Erfordernisse der Wahrhaftigkeit als Teilaspekt einer Sprachpragmatik, sind das Thema dieses Aufsatzes. Ausgehend von Überlegungen Wittgensteins, John Broomes und Robert Brandoms untersuche ich die normative Feinstruktur der Differenz zwischen dem 'Äußern' und dem 'Besitzen' eines propositionalen Gehalts sowie der Vorsätzlichkeit dieser Differenz im 'Äußern'. Mein Ergebnis ist schließlich: Person B glaubt, daß die Äußerung des propositionalen Gehalts p durch Person A wahrhaftig ist, wenn (a) die Person B der Person A die Festlegung auf p zuweist, (b) die Person B der Person A eine Berechtigung zu p zuweist und (c) die Person B der Person A die Festlegung auf eine Berechtigung zu p zuweist.
Berichte
Angelika Kreß, Tübingen / Friederike Schick, Tübingen: Von der Logik zur Sprache und darüber hinaus. Bericht vom Sechsten Internationalen Hegel-Kongress in Stuttgart
Ludger Jansen, Stuttgart: Identität und Gemeinschaft. Neuere Beiträge zur Ontologie des Sozialen
Buchbesprechungen
Winfried Schröder: Moralischer Nihilismus. Typen radikaler Moralkritik von den Sophisten bis Nietzsche (Jürgen Große, Berlin) Christof Kalb: Desintegration. Studien zur Friedrich Nietzsches Leib- und Sprachphilosophie (Kai-Michael Hingst, Hamburg) Sebastian Knell: Propositionaler Gehalt und diskursive Kontoführung. Eine Untersuchung zur Begründung der Sprachabhängigkeit intentionaler Zustände bei Brandom (Bernd Prien, Münster) Klaus Roth: Genealogie des Staates. Prämissen des neuzeitlichen Politdenkens; Gunnar Folke Schuppert: Staatswissenschaft (Wolfgang M. Schröder, Tübingen) Keith Dowding, Robert E. Goodin, Carole Pateman (Hrsg.): Justice and Democracy. Essays for Brian Barry (David P. Schweikard, Essen)
Buchnotizen |