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Zeitschrift für philosophische ForschungHerausgegeben von Otfried Höffe (Tübingen) Band 60 (2006): In vier Einzelheften, VI,
636 Seiten.
Aus dem Inhalt von Heft 1
Abhandlungen Otfried Höffe, Tübingen: "Gerne dien ich den Freunden, doch tue ich es leider mit Neigung ..." – Überwindet Schillers Gedanke der schönen Seele Kants Gegensatz von Pflicht und Neigung?
Der Autor untersucht in diesem Aufsatz den Versuch von Schiller, den Gegensatz von Pflicht und Neigung, der in der Kantischen Moralphilosophie eine große Rolle spielt durch den Begriff der „schönen Seele“ zu überwinden. Auf dem Konzept der schönen Seele gründet Schiller den Gedanken der wahren Humanität. Der Autor prüft, wie der Gegensatz von Pflicht und Neigung bei Kant aussieht um dann zu untersuchen, ob sich das Programm einer Verbindung der beiden durch die „schöne Seele“ von Schiller verwirklichen lässt. Der Begriff der Pflicht im Gegensatz zur Neigung bedeutet bei Kant im Gegensatz zu der Auffassung vieler Kritiker, keine formale Aufforderung eine Aufgabe zu erfüllen, gleich welchen Rang diese Aufgabe hat. Kant vertritt keinen rein funktionalen oder gar autoritären Pflichtbegriff. Pflicht ist bei Kant eine Beschreibung des moralisch Guten. Der Pflichtcharakter kommt deshalb zustande, weil das moralisch Gute aus verschiedenen Gründen, wegen sinnlichen Antrieben (den Neigungen), nicht anerkannt oder befolgt wird. Aus diesem Grund muss auch genauer von moralischer Pflicht gesprochen werden, um die Pflicht von anderen Verbindlichkeiten abzugrenzen. Eine zweite Unterscheidung innerhalb der Kantischen Moralphilosophie ist die Unterscheidung zwischen Legalität und Moralität. Wer nach dem moralisch richtigen Handelt handelt zunächst nur legal, erst wenn das Motiv des Handelnden es auch ist sich nach dem moralischen Gesetz zu richten, dann kann man dem Menschen auch die volle Moralität zusprechen.
Boris Hennig, Saarbrücken: Conscientia bei Descartes
Obwohl ‚conscientia’ ein zentraler Grundbegriff der cartesischen Metaphysik ist, sagt Descartes nirgends explizit, was er damit meint. Auch aus der Art und Weise, in der er das Wort verwendet, lässt sich dessen Bedeutung nicht vollends erschließen. Insbesondere handelt es sich nicht um einen reflexiven Denkakt (cogitatio), nicht um eine Disposition zum Haben solcher cogitationes und nicht um eine Art Aufmerksamkeit. Um die Bedeutung des Begriffes zu klären, schlage ich vor, auf klassische Texte von Augustinus, Thomas von Aquin und jesuitischen Autoren zurückzugreifen. Es ergibt sich, dass man unter der conscientia traditionell ein Wissen um den moralischen Wert einer Handlung verstand, das der Handelnde mit einem idealen Beobachter (d.i. Gott) teilt. Ich behaupte, dass sich diese Begriffsbestimmung mehr oder weniger analog auf Descartes übertragen lässt. Die cartesische conscientia ist demnach ein Wissen um den spezifischen Wert eines Gedanken, das der Denker mit einem idealen Beobachter teilt.
Jörg Schroth, Göttingen: Utilitarismus und Verteilungsgerechtigkeit
Traditionell gilt der Utilitarismus als unvereinbar mit Verteilungsgerechtigkeit. In dem Aufsatz werden zunächst mögliche Gründe für diese Unvereinbarkeit unterschieden. Anschließend wird gezeigt, dass diese Gründe den Ausschluss von Verteilungsgerechtigkeit nicht rechtfertigen können. Insbesondere wird begründet, dass Welfarismus, Maximierung und Konsequentialismus entgegen der allgemein vertretenen Auffassung nicht unvereinbar mit Verteilungsgerechtigkeit sind. Da diese drei Komponenten von Utilitaristen als stärkste Gründe für ihre Theorie betrachtet werden, folgt, dass die besten Argumente für den Utilitarismus nicht zu dessen Begründung hinreichen. Man kann an allen drei Komponenten festhalten und dennoch den Utilitarismus (verstanden als unvereinbar mit Verteilungsgerechtigkeit) ablehnen. Berücksichtigt man zudem die intuitiv große moralische Bedeutung von Verteilungsgerechtigkeit, so sprechen alle vermeintlichen Argumente für den Utilitarismus in Wirklichkeit für einen distributionssensitiven Konsequentialismus. Die Argumentation in dem Aufsatz beruht wesentlich darauf, dass Verteilungsgerechtigkeit nicht als Gut, sondern als Prinzip des Rechten verstanden werden muss.
Achim Lohmar, Köln: Suizid und Moral In diesem Aufsatz diskutiere ich die radikale und anspruchsvolle These, dass es intrinsisch unmoralisch und absolut verboten ist, sich selbst das Leben zu nehmen. Diese These verdient Interesse, insofern sie konstitutiv mit einer besonderen Auffassung über Wesen und Sinn der Moral verbunden ist. So behauptete Wittgenstein, dass alles erlaubt ist, wenn der Suizid erlaubt ist. Wie in der christlichen Tradition wird der Suizid damit als ein nihilistischer Akt interpretiert, welcher in Opposition zur Moral als solcher steht. Entsprechend gehört es dann zum Sinn der Moral selbst, dass niemand sich selbst das Leben nehmen darf. Zur Begründung des absoluten Verbotenseins des Suizids kann eine säkulare Ethik entweder zu zeigen versuchen, dass die Unverfügbarkeit des eigenen Lebens aus dem Begriff der Moral folgt; oder sie kann zu zeigen versuchen, dass sie aus dem Sinn der eigenen sittlichen Existenz folgt. Ich zeige im Detail, warum alle beide dieser von Kant beschrittenen Wege scheitern, und entwickle schließlich Konsequenzen, die sich aus dieser Zurückweisung für einige grundlegende Fragen der Ethik ergeben.
Diskussionen Lucian Kern, München: Ein Paradox der Würde
Avishai Margalits Programm einer Politik der Würde scheitert am Theorem über das Paradox der Würde, weil sich zeigt, dass eine Politik der Würde - solange damit die Auffassung vertreten wird, die Forderungen der Beachtung würdebezogener Entscheidungen, der Pareto-Inklusivität der Aggregation und der Azyklizität des Aggregationsresultats müssten gleichzeitig erfüllt sein - aufgrund innerer Widersprüchlichkeit nicht rational begründet werden kann.
Willem van Reijen, Utrecht/Freiburg i. Br.: Die Adorno-Benjaminkontroverse
Zwischen 1934 und 1939 war die Zeitschrift für Sozialforschung für Walter Benjamin die zuverlässigste Publikationsmöglichkeit. Auch finanziell war Benjamin von der, vom ´Institut für Sozialforschung herausgegebenen, Zeitschrift abhängig. Zwei seiner wichtigsten Essays, L´oeuvre d´art à l´époque de sa reproduction mécanisée , Über einige Motive bei Baudelaire und vier weitere Beiträge erschienen in der Zeitschrift. Um die ersten beiden Texte entwickelten sich zwischen Adorno, der als Sachwalter der Redaktion auftrat, teilweise Horkheimer einerseits und Benjamin anderseits äußerst heftige Kontroversen. Es ging dabei nicht nur darum, inwiefern marxistische Optionen unverhüllt ausgesprochen werden durften, sondern vor allem um systematische Fragen, die zwischen Adorno und Benjamin strittig waren und blieben. Mehr als die veröffentlichten Essays der beiden gibt der Briefwechsel zwischen Adorno und Benjamin überraschende Aufschlüsse über die tiefer liegenden, kontroversen Konzepte von Dialektik und anthropologischem Materialismus.
Berichte Héctor Wittwer, Berlin: Neue philosophische Literatur über den Tod
Buchbesprechungen Mi-Kyoung Lee: Epistemology after Protagoras. Responses to Relativism in Plato, Aristotle, and Democritus (Stephan Herzberg, Tübingen) Laurence BonJour: Epistemology. Classic Problems and Contemporary Responses (Martin Grajner, München) Benjamin Schnieder: Substanzen und (ihre) Eigenschaften (Adolf Rami, Dresden) Julian Nida-Rümelin: Über menschliche Freiheit (Gerhard Preyer, Frankfurt am Main) Jonathan Dancy: Ethics without Principles (Michael Quante, Köln)
Buchnotizen |