Diese Zeitschrift bestellen

Informationen zur Zeitschrift

Richtlinien für die Autoren

Zeitschrift für philosophische Forschung

Herausgegeben von Otfried Höffe (Tübingen)
zusammen mit Christof Rapp (Berlin)

Berichte und Buchbesprechungen: Nico Scarano (Tübingen)

Band 60 (2006): In vier Einzelheften, VI, 636 Seiten. 
€ 113.- für institutionelle, €  89.- für private Bezieher. Studentenabonnement € 58.- 
Die zurückliegenden Bände sind weitgehend lieferbar.

 

Aus dem Inhalt von Heft 4

 

Abhandlungen

Johannes Haag, München: Descartes über Willen und Willensfreiheit

Obwohl jüngere Interpretationen Descartes meist vor dem Vorwurf eines doxastischen Voluntarismus in Schutz nehmen, gibt es im Kontext der cartesischen Urteilstheorie erhebliche Schwierigkeiten mit seinem Begriff der Willensfreiheit. Vor allem zwei Aspekte von Descartes’ Theorie lassen sich auf den ersten Blick nur schwer miteinander vereinbaren: die unbegrenzte Freiheit des Willens auf der einen und die unweigerliche Zustimmung des Willens zu klaren und deutlichen Ideen auf der anderen Seite.

Ich schlage zunächst vor, zur Lösung dieser Schwierigkeiten zwei verschiedene Begriffe der Willensfreiheit bei Descartes zu unterscheiden, von denen jeder seinen spezifischen Anwendungsbereich hat: Freiheit als Wahlfreiheit und Freiheit als Spontaneität. In einem zweiten Schritt argumentiere ich, dass sich unter Voraussetzung von Descartes’ Urteilstheorie seine These der unbegrenzten Freiheit des Willens für beide Begriffe von Willensfreiheit verteidigen lässt, ohne dass Descartes deshalb zum doxastischen Voluntaristen würde.

Christoph Jäger, Aberdeen: Drei Konsequenzargumente für eine inkompatibilistische Theorie moralischer Verantwortung

Verantwortlichkeits-Inkompatibilismus (VI) ist die Behauptung, die kausale Determination von Handlungen und Entscheidungen vertrage sich nicht mit der Annahme, ihr Subjekt sei moralisch für sie verantwortlich. Das aussichtsreichste Argument für VI ist eine Form des Konsequenzarguments, die sich weder auf das Prinzip der alternativen Möglichkeiten noch auf van Inwagens Regel Beta beruft. Im vorliegenden Aufsatz verteidige ich ein Konsequenzargument dieses Typs im Rückgriff auf die These, dass sich mangelnde Verantwortlichkeit von den Ursachen menschlichen Handelns und Denkens auf deren notwendige Wirkungen überträgt.

Guido Löhrer, Bern: Charakterstabilität und diachrone Kohärenz. Zurechenbarkeit im Prozess moralischen Umdenkens

Revisionen moralischer Überzeugungen erfordern nach allgemeiner Auffassung einen festen Bezugspunkt: einen stabilen moralischen Charakter der umdenkenden Personen. Andernfalls können diesen ihre Überzeugungen, Entscheidungen und Handlungen nicht zugerechnet werden. So lehren metaethische Generalisten einerseits und Partikularisten andererseits, für Charakterstabilität seien fixe Moralprinzipien bzw. eine fixe moralische Feinfühligkeit konstitutiv. Beiden Positionen zufolge zielen Revisionen auf moralische Richtigkeit im Sinne synchroner Kohärenz niedrigstufiger moralischer Überzeugungen (z.B. Maximen). Der kritische Befund: Das statische Vermögen, in moralischen Dingen immer richtig zu liegen, bildet keine einer besonderen Zurechnung fähigen moralischen Charaktere aus; das dynamische Vermögen, sich selbst auf angemessene Weise korrigieren zu können, dagegen wohl. Darum argumentiert der Beitrag erstens dafür, Charakterstabilität als diachrone Kohärenz unserer moralischen Überzeugungen aufzufassen. Zweitens wird für eine Sicht plädiert, nach der iterative Revisionen moralischer Überzeugungen nicht nur Moralprinzipien gemäß vorgenommen werden, sondern diese auch affizieren und deren maßvolle Veränderung nach sich ziehen können. Zuletzt wird diskutiert, nach welchen Strategien sich Revisionen dieser Art vollziehen sollten.

Bärbel Frischmann, Bremen: Die Herausbildung des Sozialstaatsdenkens im neuzeitlichen Kontraktualismus von Hobbes bis Fichte

In diesem Beitrag wird die These vertreten, dass dem Gesellschaftsvertrag im neuzeitlichen Kontraktualismus von Hobbes bis Fichte nicht nur die Aufgabe der Gewährung von Schutz und die Sicherung individueller Freiheit zugesprochen wird, sondern dass an den Staat als Verkörperung des Gemeinwillens durchaus auch sozialpolitische Aufgaben delegiert werden. Der Kontraktualismus eröffnet eine Auffassung von Sozialstaatlichkeit, die nicht an einen substantiellen Begriff von Wohlstand gebunden ist, sondern an die per Vertrag verbindlich gemachte Grundidee der Verpflichtung der Gemeinschaft zur Hilfeleistung bzw. zur Bereitstellung der Bedingungen der Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum und des Rechtes des Einzelnen gegenüber dem Staatswesen auf Unterstützung. Dabei ist die Einsicht gewachsen, dass die rechtsstaatliche Gewährleistung formaler Freiheit und Gleichheit nicht automatisch auch für alle die realen Möglichkeiten zur aktiven Teilnahme an der Gesellschaft beinhaltet, sondern dass diese Teilnahme von politisch herzustellenden ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen abhängig ist. Schon im neuzeitlichen Kontraktualismus ist der Grund gelegt worden, den Rechtsstaat immer auch als Sozialstaat zu verstehen.

 

Diskussionen und Berichte

Michael Quante, Köln: Die fragile Einheit des Marxschen Denkens. Neuere Literatur zur Philosophie von Karl Marx

 

Buchbesprechungen

Paul Ricœur: Wege der Anerkennung. Erkennen, Wiedererkennen, Anerkanntsein; Paul Ricœur: Vom Text zur Person. Hermeneutische Aufsätze (1970–1999) (Burkhard Liebsch, Bochum)

Paul K. Feyerabend: Die Vernichtung der Vielfalt. Ein Bericht (Helmut Heit, Hannover)

Martin Kusch: Knowledge by Agreement. The Programme of Communitarian Epistemology (Nicola Mößner, Münster)

Maria Elisabeth Reicher: Referenz, Quantifikation und ontologische Festlegung (Mireille Staschok, Berlin)

Jaegwon Kim: Physicalism, or Something Near Enough (Sven Walter, Bielefeld)

 

 

Buchnotizen