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Zeitschrift für philosophische Forschung
Herausgegeben
von / Edited by Otfried Höffe (Tübingen) und Christof Rapp (München) zusammen
mit / with Gerhard Ernst (Stuttgart) und Christoph Horn (Bonn)
Berichte und Buchbesprechungen /
Book Reports and Reviews: Gerhard Ernst (Stuttgart)
Band 64 (2010): In vier
Einzelheften, VIII, 624 Seiten.
€ 136.- für institutionelle, €
89.- für private Bezieher. Studentenabonnement € 59.-
Die zurückliegenden Bände sind weitgehend lieferbar.
Vol. 64 (2010): In four single issues, VIII, 624 pages.
€ 136.- for
institutional subscribers, € 89.- for individual subscribers. Student price
€ 59.-
Back issues are mostly available for purchase.
Aus dem Inhalt von Heft
2 / Table of Contents: Issue 2
Abhandlungen / Essays
Peter Schulte: Plädoyer für einen physikalistischen Naturalismus
Naturalisten stehen heute vor zwei großen Herausforderungen: Sie müssen zunächst präzisieren, was sie mit dem Ausdruck „Naturalismus“ (oder „metaphysischer Naturalismus“) meinen, und ihre Position anschließend plausibel begründen. Gegner des Naturalismus haben in den letzten Jahren immer wieder zu zeigen versucht, dass der Naturalist diesen Herausforderungen nicht gerecht werden kann. Ich argumentiere in diesem Artikel dafür, dass traditionelle Formulierungen der Naturalismusthese tatsächlich problematisch sind, dass es aber einen Ausweg für den Naturalisten gibt: Er kann natürliche Entitäten durch ihre besondere Beziehung zu physikalischen Tatsachen charakterisieren. Als Kandidaten für diese besondere Beziehung kommen drei Relationen in Frage: Begriffliche Ableitbarkeit, Identität und Realisierung (Konstitution). Ich argumentiere dafür, dass man den Naturalismus am besten als These auffasst, nach der alle Tatsachen in einer dieser drei Relationen zu physikalischen Tatsachen stehen. Im letzten Teil zeige ich, dass sich diese Position durch gute Argumente stützen lässt.
Naturalists today are confronted with two challenges: First, they have to give “naturalism” (or “metaphysical naturalism”) a precise meaning, and secondly, they have to provide a plausible justification for their position. In recent years, many opponents of naturalism have tried to show that the naturalist is not able to meet these challenges. In this article, I argue that traditional formulations of naturalism are indeed problematic, but that there is a remedy: the naturalist can characterize natural entities as entities which stand in a special relation to physical facts. There are three candidates for this ‚special relation’: conceptual entailment, identity and realization (constitution). I argue that naturalism is best understood as the thesis that all facts stand in one of these three relations to physical facts. In the last part, I show that this thesis can be supported by strong arguments.
Holger Lyre: Erweiterte Kognition und mentaler Externalismus
Die jüngeren Entwicklungen unter den Schlagwörtern Dynamizismus, Embodiment und situierte Kognition legen die Auffassung nahe, dass kognitive Systeme nicht auf das neuronale System beschränkt sind, sondern sich über die traditionellen Systemgrenzen hinaus in die Welt erstrecken. Dies ist die Grundthese der erweiterten Kognition. Eine derartige Erweiterung der kognitiven Vehikel führt auf einen neuartigen Gehalts-Externalismus, der als aktiver Externalismus bezeichnet wird. Der Aufsatz verfolgt dreierlei Ziele: Erstens die Thesen der erweiterten Kognition und des aktiven Externalismus herauszuarbeiten und begrifflich voneinander abzugrenzen. Zweitens den aktiven Externalismus von seinen verschiedenen passiv-externalistischen Vorläufern in Form des physikalischen, historischen und sozialen Externalismus zu unterscheiden und in seiner Sonderstellung zu untersuchen, was auf eine sehr umfangreiche Diskussion und Schwachstellenanalyse aller genannten Spielarten des mentalen Externalismus hinausläuft. Und drittens zu zeigen, dass der soziale Externalismus im Gegensatz zum physikalischen und historischen Externalismus einen graduellen Übergang vom passiven zum aktiven mentalen Externalismus gestattet.
Recent developments under the keywords dynamicism, embodiment and situated cognition suggest the view that cognitive systems are not confined to the neural system but leak into the world beyond the traditional system boundaries. This is the thesis of extended cognition. Such an extension of the cognitive vehicles leads to a new kind of content externalism, known as active externalism. The essay pursues three objectives: firstly, to distinguish the theses of extended cognitive and active externalism. Secondly, to delineate active externalism from its various passive-externalist precursors in the form of physical, historical and social externalism and to scrutinize its special position, which amounts to a comprehensive discussion and analysis of all variants of mental externalism. And thirdly, to show that social externalism as opposed to physical and historical externalism allows for a gradual transition from passive to active mental externalism.
Oliver Hallich: Das Argument der Existenzverhinderung in der Abtreibungsdebatte
In der gegenwärtigen Abtreibungsdebatte ist viel von den sogenannten SKIP-Argumenten gegen die moralische Erlaubtheit der Abtreibung die Rede. Wenig beachtet wird dagegen das Argument der Existenzverhinderung. Dabei handelt es sich um ein interessenbasiertes Argument gegen die Abtreibung, dem zufolge Abtreibung moralisch falsch ist, weil damit die Entstehung eines voraussichtlich glücklichen Wesens verhindert wird. In diesem Beitrag wird das Argument systematisiert und mit einigen Einwänden sowie dem Vorwurf, kontraintuitive Konsequenzen nach sich zu ziehen, konfrontiert. Es zeigt sich, dass das Argument sich gegen Einwände, die sich auf seine interessentheoretischen Grundlagen beziehen, verteidigen lässt und auch nicht daran scheitert, Abtreibung und Empfängnisverhütung in normativer Hinsicht gleichstellen zu müssen. Es erweist sich jedoch dort als angreifbar, wo es zur Begründung einer liberalen Position in Anspruch genommen wird. Unter Rückgriff auf dieses Argument lässt sich also eine konservative Position zur Abtreibungsproblematik begründen, die jedoch den notorischen Schwierigkeiten der SKIP-Argumente aus dem Weg geht.
Diskussionen und Berichte / Discussions and Book
Reports
Ansgar Beckermann: Das logische Problem des Übels ist nicht gelöst
Das logische Problem des Übels gilt weitgehend als gelöst, weil es zumindest logisch möglich zu sein scheint, dass alles Leid und jeder Schmerz in der Welt zur Erlangung von höherwertigen Gütern logisch notwendig ist. Doch diese Sicht ist widerlegt, wenn es auch nur einen einzigen Schmerz oder ein einziges Leid gibt, bei dem es nicht möglich ist, dass dieser Schmerz oder dieses Leid zur Erlangung eines höherwertigen Gutes logisch notwendig ist. Und die Aussichten, einen solchen Fall zu finden, sind nicht schlecht. Wenn Kant Recht hat, dass Menschen niemals nur als Mittel gebraucht werden dürfen, ist z.B. jedes Leid und jeder Tod eines unschuldigen Kindes durch kein Gut der Welt zu rechtfertigen. Jedes Wesen, das den Tod eines solchen Kindes um eines anderen Zieles willen in Kauf nimmt, handelt unmoralisch und kann daher nicht im christlichen Sinne allmächtig, allwissend und allgütig sein.
Many philosophers think that the logical problem of evil is dissolved since it is at least logically possible that all pain and all suffering in this world is logically necessary for the attainment of a more valuable good. This view, however, is refuted if there is at least one pain or one suffering that can be shown not to be logically necessary for the attainment of a more valuable good. And the prospects for finding such an evil are not bad. If Kant is right that no person is ever be treated only as a means the suffering and death of an innocent child cannot be justified by any good in the world. A being who accepts the death of an innocent child for the attainment of whatever good is acting immorally and, therefore, cannot be all-powerful, all-knowing and supremely good as the Christian god is supposed to be.
Marianne Kreuels: Kontingente und notwendige Unsterblichkeit. Einige begriffliche Präzisierungen zur Makropulos-Debatte
Seit der Veröffentlichung von Bernard Williams' Aufsatz Die Sache Makropulos. Reflexionen über die Langeweile der Unsterblichkeit wird die Frage diskutiert, ob Unsterblichkeit für den Menschen wünschenswert sein kann. Im vorliegenden Aufsatz beziehe ich mich auf diese Debatte, möchte aber weniger Stellung beziehen, als vielmehr darauf hinweisen, dass eine entscheidende begriffliche Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen möglichen Formen der Unsterblichkeit in der Diskussion bisher vernachlässigt wurde: die Unterscheidung zwischen kontingenter und notwendiger Unsterblichkeit. Während ich diese Unterscheidung im ersten Teil des Aufsatzes herausarbeite, zeige ich im zweiten Teil anhand eines Arguments für den Wert der Sterblichkeit von Martha Nussbaum, welche Konsequenzen es hat, sich nicht eindeutig auf eine der beiden Formen von Unsterblichkeit festzulegen. Ihr Argument ist in der einen Lesart trivial, in der anderen falsch. Die Unterscheidung zwischen beiden Formen der Unsterblichkeit ist also von essentieller Bedeutung für die Makropulos-Debatte.
Since the publication of Bernard Williams paper The Makropulos Case: Reflections on the Tedium of Immortality the question is debated, whether human immortality could be desirable. In this paper I apply to this debate not so much focussing on taking a stand but on pointing out that a crucial conceptual distinction between two possible kinds of immortality has been neglected in the discussion thus far: the distinction between contingent and necessary immortality. While I point out this distinction in the first part of the paper, in the second part I proceed to show – using as an example an argument in support of the value of mortality by Martha Nussbaum – what are the consequences of not unambiguously comitting oneself to one of the two kinds of immortality. Her argument being trvial in the one, false in the other reading clearly proves that the distinction between both forms of immortality is of essential significance for the Makropulos Debate.
Buchbesprechungen / Reviews
Theodor Ebert / Ulrich Nortmann: Aristoteles: Analytica priora Buch I
Gisela Striker: Aristotle: Prior Analytics book I
(Roman Eisele)
Gerold Prauss: Moral und Recht im Staat nach Kant und Hegel (Friedrike
Schick)
Michel Foucault: Die Regierung des Selbst und der anderen. Vorlesung am Collège de France (1982/83)
(Frieder Vogelmann)
C. Ulises Moulines: Die Entwicklung der modernen Wissenschaftstheorie (1890-2000). Eine historische Einführung (Walter
Hoering)
Gottfried Vosgerau: Mental Representation and Self-Consciousness. From Basic Self-Representation to Self-Related Cognition (Jan G.
Michel)
Buchnotizen / Book Notes
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