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Zeitschrift für philosophische Forschung
Herausgegeben
von / Edited by Otfried Höffe (Tübingen) und Christof Rapp (München) zusammen
mit / with Gerhard Ernst (Stuttgart) und Christoph Horn (Bonn)
Berichte und Buchbesprechungen /
Book Reports and Reviews: Gerhard Ernst (Stuttgart)
Band 64 (2010): In vier
Einzelheften, VIII, 624 Seiten.
€ 136.- für institutionelle, €
89.- für private Bezieher. Studentenabonnement € 59.-
Die zurückliegenden Bände sind weitgehend lieferbar.
Vol. 64 (2010): In four single issues, VIII, 624 pages.
€ 136.- for
institutional subscribers, € 89.- for individual subscribers. Student price
€ 59.-
Back issues are mostly available for purchase.
Aus dem Inhalt von Heft
3 / Table of Contents: Issue 3
Abhandlungen / Essays
Wolfgang Barz: Arten von Propositionen
Das Ziel des Aufsatzes besteht darin, den Streit zwischen Fregeanern und Direktreferentialisten zu schlichten. Dieser Streit dreht sich um die Frage, wie wir uns die Proposition zurecht legen sollen, die durch einen Satz der Form „a ist F“ zum Ausdruck gebracht wird. Fregeaner vertreten die Auffassung, daß es sich bei dieser Proposition um einen Komplex handelt, der sich aus der Eigenschaft F und dem Sinn von „a“ zusammensetzt. Direktreferentialisten hingegen nehmen an, daß die betreffende Proposition anstelle des Sinns von „a“ das Einzelding enthält, auf das sich „a“ bezieht. Ich versuche zu zeigen, daß beide Auffassungen nicht unverträglich sind. Denn es ist ein Fehler, nach der Proposition zu fragen, die durch einen Satz zum Ausdruck gebracht wird. Es gibt viele durch einen Satz zum Ausdruck gebrachte Propositionen, die jeweils unterschiedlichen theoretischen Zwecken dienen. Fregeanische Propositionen werden benötigt, um den Beitrag zu erklären, den die Inhaltsklausel zur Wahrheit eines Glaubenssatzes beisteuert. Singuläre Propositionen hingegen werden gebraucht, um zu erklären, welchen Beitrag die Inhaltsklausel zur Wahrheit der im Glaubenssatz beschriebenen Überzeugung leistet.
The aim of my paper is to settle the dispute between Fregeans and proponents of direct reference. The dispute revolves around the question of how we should conceive of the proposition expressed by a sentence of the form “a is F”. Fregeans hold the view that the corresponding proposition is a complex composed of the property F and the sense of “a”. Proponents of direct reference maintain that the respective proposition contains, in place of the sense of “a”, the individual “a” denotes. I try to show that these claims do not conflict. For it is a mistake to ask for the proposition expressed by a sentence. There are many propositions expressed by a sentence serving different theoretical purposes. Fregean propositions are needed to explain what the content-clause contributes to the truth of a belief-sentence, whereas singular propositions are required for illuminating what the content-clause contributes to the truth of the belief ascribed by a belief-sentence.
Stefania Centrone: Der Reziprozitätskanon
in den Beyträgen und in der Wissenschaftslehre
Two
centuries ago Bernard Bolzano published his Contributions
to a more well-founded presentation
of mathematics which Goethe praised as “an opusculum of very high value”.
Bolzano
still seems to accept the traditional principle that that intension and
extension of a concept stand in an inverse relation (Canon of Reciprocity).
In particular he claims that the concept of a genus proximum is always a
component of the concept of the species which are subordinated to it. However,
this does not harmonize with his simultaneous assumption that there are simple
species-concepts. In section 1 of this paper I shall try to bring to light this
tension in Bolzanos Contributions. In section 2 I shall try to
reconstruct
Bolzano
’s arguments to the effect that the properties an object must have if it is to
fall under a certain concept are not always components of that concept. In
section 3 I shall try to reconstructs his arguments against the Canon in
his Theory of Science (1837).
In seinen vor zwei Jahrhunderten erschienenen Beyträgen
zu einer begründeteren Darstellung der Mathematik, die Goethe als „ein
Werkchen von besonderem Werte“ pries, scheint Bernard Bolzano den
traditionellen Lehrsatz der Reziprozität noch zu akzeptieren, demzufolge
Inhalt und Umfang eines Begriffs in inversem Verhältnis stehen. Insbesondere
akzeptiert er die traditionelle These, dass der Begriff eines genus proximum
immer ein Bestandteil der Begriffe der Spezies dieses Genus ist.
Diese Annahme schient aber im
Gegensatz zu seiner gleichzeitigen Akzeptanz der These zu stehen, dass es einfache
Spezies-Begriffe gibt. Im Paragraphen 1 bespreche ich diese Frage. Im
Paragraphen 2 versuche ich, einige der Argumente zu rekonstruieren, die Bolzano
in seiner Wissenschaftslehre zur Widerlegung der These verwendet, dass
die Begriffe der Beschaffenheiten, die ein Gegenstand haben muss, um unter einen
bestimmten Begriff zu fallen, immer Teile dieses Begriffs sind. Im Paragraphen 3
präsentiere ich die wichtigsten Argumente Bolzanos, die in der Wissenschaftslehre
(1837) dafür verwendet werden, um den Kanon Allgemeingültigkeit
abzusprechen.
Tim Henning: Kant und die Logik des „Ich denke“
This paper explores Kant’s views about the logical form of “I think”-judgments. It is shown that according to Kant, in an important class of cases the prefix “I think” does not contribute to the assertoric, truth-conditional content of judgments of the type “I think that P.” Thus, judgments of this type are often merely judgments that P. The prefix “I think” does mention the subject and his thought, but it does not make the complex judgment a judgment about the subject and his thought. Kant argues that there is a distinctive kind of self-consciousness that is adequately expressed by means of this non-assertoric “I think.” The paper explains that understanding Kant’s ideas on the logic of “I think”-judgments is fruitful both for discussions in contemporary analytic philosophy and for an adequate understanding of Kant’s philosophy.
Gegenstand dieses Beitrags ist Kants Theorie der logischen Form von „Ich denke“-Urteilen. Kants zufolge dienen nicht alle Aussagen der Form „Ich denke, (dass) P“ dazu, Urteile über das Denken des Sprechers auszudrücken – also zu behaupten, dass der Sprecher denkt, dass P. Vielmehr drückt „Ich denke, (dass) P“ oft nur das Urteil aus, dass P. Das Präfix „Ich denke“ ist dabei nur „problematisch“, und das heißt bei Kant: es hat keine assertorische Funktion. Es ist eine Art Kommentar, der auf den Sprecher und sein Denken verweist, ohne sie zum Gegenstand des Urteils zu machen. Kant behauptet, dass gerade dieses nicht-assertorische „Ich denke“ eine spezielle Form des Selbstbewusstseins ausdrücken kann. Es wird gezeigt, dass Kants Theorie der Logik des „Ich denke“ sowohl für das Verständnis seiner kritischen Philosophie, speziell der Transzendentalen Deduktion und des Paralogismen-Kapitels, als auch für zeitgenössische analytische Diskussionen fruchtbar ist.
Julius Schälike: Der Wert des Lebens und die Ethik des Tötens
Zweifellos ist es normalerweise moralisch falsch, eine Person zu töten. Was jedoch sind die Gründe? Im ersten Kapitel rekonstruiere ich einen der elaboriertesten Ansätze zur Ethik des Tötens: den zweigleisigen Ansatz Jeff McMahans. Das erste Gleis dieses Ansatzes basiert auf der konsequentialistischen Annahme, dass Töten insofern pro tanto falsch ist, als es beim Opfer objektiven Schaden erzeugt, indem es dieses der Güter beraubt, die es erlangt hätte, hätte es weiterleben können. Das zweite Gleis ist für Personen reserviert: Es baut auf der kantianischen These auf, dass es stets im gleichem Maße falsch ist, Personen zu töten. Im zweiten Abschnitt erläutere ich, worin meiner Ansicht nach die Schwierigkeiten dieses Ansatzes liegen, und plädiere für eine Differenzierung zwischen subjektivem und objektivem Schaden. Im dritten Abschnitt argumentiere ich bezüglich des ersten Gleises für eine subjektivistische Variante des schadensbasierten Ansatzes. Im vierten Abschnitt diskutiere ich das zweite Gleis: die These der gleichen Schlechtigkeit der Tötung von Personen, und komme zu einem skeptischen Resultat.
Dietrich Schotte: Zur (Un)Übersetzbarkeit religiöser Rede. Kritische Anmerkungen zu Habermas´ neuerer Religionsphilosophie
Jürgen Habermas’ Zugehen auf die Religion ist wohl das prominenteste Beispiel einer auch aktuell in der Philosophie häufig zu findenden Tendenz, eine affirmative Haltung zur Religion und den durch sie vertretenen Ansprüchen und Konzepten einzunehmen. Entscheidend ist dabei diejenige Haltung zu religiösen Wahrheitsansprüchen, die Habermas bisweilen als „nachmetaphysisch“, vor allem aber als „agnostisch“ bezeichnet. Dabei nimmt der Agnostizismus, wie sich am Beispiel Habermas’ exemplarisch zeigen lässt, ein Modell religiöser Erfahrung an, das dieser eine Sonderstellung zuweist – und das den Geltungs- und Wahrheitsansprüchen der Religion und ihrer Vertreter nicht gerecht wird. Darüber hinaus ist zu prüfen, ob es philosophisch tragfähig ist. Denn dieses Modell kommt nicht ohne die implizite Annahme einer exklusiven Quelle religiöser Erfahrung, verschieden von Sinnlichkeit und Vernunft, aus (gemeinhin ‚Offenbarung’ genannt) – ohne gute Gründe für die Anerkennung oder auch nur Annahme einer solchen Quelle angeben zu können.
Jürgen Habermas’s approach to religion is likely to be the most prominent example of a general tendency in current philosophy, which tends to an affirmative attitude towards religion and its claims on truth and validity. An attitude which Habermas sometimes calls “postmetaphysical” but primarly terms “agnostic” is thereby crucial to this position. As can be exemplified by Habermas’s arguments, agnosticism assumes a concept of religious experience which assigns to it an exceptional position in human life – and which, however, does not take the claims of truth and validity of religion and its agents at face value. Moreover, it is questionable if it presents a philosophically satisfactory account of religious experience. For this concept has to presume an exclusive source of religious experience, different from sense and reason (usually called ‘revelation’) – whereas it lacks the ability to present good reasons for its acknowledgement or even its assumption.
Diskussionen und Berichte / Discussions and Book
Reports
Jörg Schaub: Ideale und nicht-ideale Theorie – oder weder noch? Ein Literaturbericht zum neuesten Methodenstreit in der politischen Philosophie
Kurt Bayertz: Eine Wissenschaft vom Glück? Teil 1: Was ist Glück?
Buchbesprechungen / Reviews
Paul Hurley: Beyond Consequentialism (Jörg Schroth)
Kieran Setiya: Reasons without Rationalism
(Susanne Mantel)
Timo-Peter Ertz: Regel und Witz. Wittgensteinsche Perspektiven auf Mathematik, Sprache und Moral
(Ulf Hlobil)
Julian Nida-Rümelin: Philosophie und Lebensform
(Gerhard Preyer)
Wolfgang Schluchter: Die Entzauberung der Welt. Sechs Studien zu Max Weber (Wolfgang
Hellmich)
Buchnotizen / Book Notes
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