ZeitsprüngeForschungen zur Frühen Neuzeit Band 1 (1997). In zwei Einzelheften und einem Doppelheft. 946 Seiten. € 49.
Aus dem Inhalt von Heft 1
Alessandro Nova: Konservative Theorie und innovative Praxis bei den Franziskaner-Observanten als Auftraggeber der bildenden Künste Ziel des Artikels ist es, die Ambiguität im Umgang mit visueller Kultur vom ausgehenden 15. Jahrhundert an am Beispiel eines populären Mendikantenordens, nämlich der Franziskanerobservanten, herauszuarbeiten. Der Artikel zeigt, daß die Franziskanerobservanten auf der theoretischen Ebene weiterhin der mittelalterlichen Tradition des 13. Jahrhunderts verhaftet blieben, obwohl sie auf der praktischen Ebene bereits in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts neue Kunstformen schufen, die sich bis zum Ende der Barockzeit erhielten. Einerseits zeigt eine Analyse von Kunstwerken, welche die Franziskanerobservanten in Auftrag gaben, ihre Bemühungen um Innovation. Sie führten neue Kunstformen ein (wie z.B. die mit Szenen aus Leben und Leiden Christi dekorierten Lettner und die Sacri Monti). Andererseits läßt sich aber anhand des Mailänder Predigers Michele Carcano zeigen, daß die Franziskanerobservanten am Ende des 15. Jahrhunderts bezüglich der Theorie nichts Neues erfanden und daß ihre Ideen über die Funktion von Bildern in keiner Weise von denen ihrer Vorgänger abwichen. Um die Worte Carcanos zu zitieren: ABilder der Jungfrau und der Heiligen wurden aus drei Gründen eingeführt. Erstens in Anbetracht der Unwissenheit einfacher Menschen, so daß diejenigen, welche die Schriften nicht zu lesen vermögen, dennoch dadurch lernen können, daß sie die Sakramente unserer Erlösung und unseres Glaubens in Bildern sehen. [...] Zweitens wurden Bilder einqeführt in Anbetracht der Trägheit unserer Herzen; so daß Menschen, die nicht zur Frömmigkeit erweckt werden, wenn sie die Geschichten der Heiligen hören, zumindest bewegt werden, wenn sie diese in Bildern sehen, so als wären sie wirklich gegenwärtig, weil unsere Gefühle mehr von sichtbaren als von hörbaren Dingen erweckt werden. Drittens [. .] wurden Bilder eingeführt, weil viele Menschen nicht im Gedächtnis behalten können, was sie hören, sich aber wohl erinnern, wenn sie Bilder sehen". Also: instruieren, berühren und memorieren. Michael Baxandall hat diese Predigt in seinem berühmten Buch Painting and Experience in Renaissance Italy (deutsche Übersetzung: Die Wirklichkeit der Bilder) schon analysiert, aber er machte dies in einem ganz falschen Kontext. Der richtige Hintergrund des Beitrags Carcanos ist deshalb hier zum ersten Mal rekonstruiert.
Siegfried Wiedenhofer: Zur Entwicklung des frühneuzeitlichen Traditionsverständnisses Hermann Schrödter: Diskurs statt Gewalt. Nikolaus von Kues und Thomas More auf dem Weg zur Religionsphilosophie Der Artikel will anhand der Rekonstruktion zweier grundlegender Positionen aus der
frühen Neuzeit - nämlich der von Nikolaus von Kues (1401-1464) und Thomas More (wohl
1478-1535) - über das Verhältnis von diskursförmiger zu gewaltförmiger Durchsetzung religiöser
Wahrheitsgehalte ein philosophisch gerechtfertigtes Vergleichsmoment sowohl zur
Diskurstheorie von Habermas als auch Anregungen zu kritischen Fragen an unser heutiges
Diskursverständnis und dessen Anwendung bieten.
Franz Maciejewski: Metamorphosen des Fremden - Gypsies zu Beginn der Frühen Neuzeit Obwohl die geozentrischen Wahrnehmungen des Universums je nach Epoche sehr unterschiedlich waren, wurde in der Astronomie bis zum 19. Jahrhundert ein Bild unverändert beibehalten, in welchem man die Fixsternsphäre und das Sonnensystem einfach gegenüberstehen ließ. Da die historisch wahrgenommenen Veränderungen am Himmel also allein von der Sonne abhängig waren, kann die Entwicklung der Astronomie so im Sinne der quantitativen Güte der Planetentheorien als eine Funktion der Intensität der Auseinandersetzung mit der scheinbaren Sonnenbewegung dargestellt werden. Diese Möglichkeit wird hier anhand der Sonnenparallaxe - eines fundamentalen Parameters des Sonnensystems -, deren Entdeckung wir dem Hellenismus verdanken, für die Neuzeit dargelegt.
Yasukatsu Maeyama: Die Sonne in der Astronomie der Neuzeit Heide Wunder, Helga Zöttlein, Barbara Hoffmann: Konfession, Religiosität und politisches Handeln von Frauen vom ausgehenden 16. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts Andreas Hansert: Zur Soziologie monarchischer Dynastien Martin Windisch: "When there is no visible power to keep them in awe". Staatstheorie und Bildform bei Thomas Hobbes Bertram Schefold: Nicolaus Oresmius. Die Geldlehre des Spätmittelalters Oresmius (Oresme), der scholastische Philosoph, Aristoteles-Übersetzer und große Mathematiker des Mittelalters, hat auch einen für Jahrhunderte wirksamen Traktat über das Geldwesen verfaßt. Er wendet sich gegen die hauptsächlich der Kriegsfinanzierung dienenden inflationären Praktiken der französischen Könige und fordert, Münzen zu prägen, deren nominaler Wert dem Metallwert (abgesehen von einem die Prägekosten deckenden Schlagschatz) decken soll. Zu den bedeutenden Einsichten des Oresmius gehört, daß die inflationäre Politik ihr Ziel nur erreicht, wenn der Fürst das Volk über die Absicht, unterwertige Münzen zu prägen, täuschen kann. Oresmius nimmt spätere Entwicklungen vorweg, wenn er fordert, die Entscheidungen über das Münzwesen in dei Hände des durch die Ständeversammlung vertretenen Volkes zu legen. Die im Aufsatz ebenfalls dargelegte Textgeschichte des Traktats ist verwickelt und bietet ein eigenes Interesse.
Rebekka Habermas: Das Fleisch der Frauen und die Ehre der Männer. Zur Beziehung der Geschlechter im Frankfurt des 18. Jahrhunderts |