ZeitsprüngeForschungen zur Frühen Neuzeit Band 1 (1997). In zwei Einzelheften und einem Doppelheft. 946 Seiten. € 49.
Aus dem Inhalt von Heft 3/4 "Aspekte der Gegenreformation" Herausgegeben von Victoria von Flemming
Victoria von Flemming: Gegenreformation oder Konfessionalisierung als Modernisierung? Was vor zwanzig Jahren noch eine These war, scheint derweil zum kaum bezweifelbaren Gemeinplatz der historischen Forschung avanciert zu sein: nicht nur die Reformation, auch die sogenannte Gegenreformation habe modernisierende Wirkung gezeitigt. In einer die Kernthesen der in dem Band versammelten Aufsätze pointierenden Zusammenfassung wird die Problematik der Modernisierungsthese aufgezeigt, die sich erst durch einen interdisziplinären Zusammenhang erschließt. Wolfgang Reinhard: Abschied von der "Gegenreformation" und neue Perspektiven der Forschung Der Verfasser erörtert in seinem Aufsatz zehn Thesen, mit denen sich die von ihm und Heinz Schilling etablierte Beschreibung der sogenannten Gegenreformation als Modernisierung belegen läßt. Im Zentrum seiner Erläuterungen steht der Zusammenhang von Konfessionalisierung und Staatenbildungen, bzw. Konfessionalisierung und Sozialdisziplinierung. Sein Resumée faßt Resultate und Desiderate der Forschung zusammen und fungiert damit als zentraler Referenzpunkt für die folgenden Aufsätze. Michael Stolleis: "Konfessionalisierung" oder "Säkularisierung" bei der Entstehung des frühmodernen Staates Stolleis setzt sich mit der Modernisierungsthese aus rechtsgeschichtlicher und insbesondere staatstheoretischer Sicht auseinander und stellt damit einen zentralen Strang der Debatte erneut zur Diskussion. In welcher Weise kann von einer modernisierenden Wirkung des konfessionellen Zeitalters gesprochen werden, wenn sich der moderne Staat wesentlich durch eine Trennung von Kirche und Staat definiert? Inwieweit läßt sich von einer durch die Konfessionen maßgeblich vorangetriebenen oder gar getragenen Sozialdisziplinierung reden, wenn sich andererseits eine zunehmend enger werdende Sozialkontrolle bereits vor der Glaubensspaltung konstatieren läßt? Stolleis konzediert der konfessionellen Modernisierungsthese auch Stimmigkeit, weist aber zugleich darauf hin, daß und wo das Konzept Unzulänglichkeiten aufweist, wenn auf die Skizzierung der Neutralisierung des Konfessionsproblems im 16. Jahrhundert, das heißt auf die Integration damaliger Säkularisierungsbestrebungen verzichtet wird. Willem van Reijen: Modernisierung oder Disziplinierung - Einschluß oder Ausschluß? Der Verfasser stellt einen aus der Aufklärung gewonnenen Begriff der Moderne als Bezugspunkt für Modernisierung in Frage. Mittels dieser Problematisierung wird die modernisierende Wirkung der Gegenreformation, besonders hinsichtlich der Sozialdisziplinierung kritisiert, wobei schon im 17. Jahrhundert nachweisbare Alternativentwürfe einer "anderen Moderne" erinnert und mit Konzeptionen der Postmoderne, aber auch der kritischen Theorie verrechnet werden. Franco Marenco: "Great Mischiefs mask in expected pleasures": Die Rhetorik der Überraschung im englischen Barocktheater Am Beispiel einiger englischer Dramen des endenden 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts weist der Verfasser nach, daß die Moderne sich in Form fundamentaler Identitätskrisen niedergeschlagen hat. Die Undurchsichtigkeit der Handlungen, der selbstgesponnenen Intrigen und anderer unbeeinflußbarer Ereignisse erzeugen nur noch die Gewißheit, daß nichts mehr gewiß ist. Das Selbst verfängt sich in der Ununterscheidbarkeit von Wirklichkeit und Fiktion und der Unentscheidbarkeit von Konflikten. Alois Hahn: Zeitknappheit als Problem der religiösen Lebensführung in der französischen Gegenreformation Mit der Analyse französischer Predigten des 17. Jahrhunderts weist der Autor, unter Bezug auf die Systemtheorie Luhmanns, nach, daß und wie die Spannung von religiösem Subsystem und Gesamtgesellschaft wuchs. Das Individuum wurde in die Hast eines Konflikts getrieben, der aus der Unversöhnlichkeit der Ansprüche resultiert: ein gottgerechtes Leben kollidierte mit lebensweltlicher Realität. Anne Conrad: Ehe, Semireligiosentum und Orden -
Frauen als Adressatinnen und Aktivistinnen der Gegenreformation Die Verfasserin stellt die These der Modernisierung in den Kontext der Geschlechterverhältnisse und untersucht die in den Konfessionen entwickelten Konstruktionen von Geschlecht. Im Zentrum ihrer Untersuchung steht, welche Lebensformen sich für Frauen boten, wie sie von der Konfessionalisierung eingebunden, funktionalisiert, aber auch ausgeschlossen wurden. Besondere Beachtung finden dabei semireligiöse Frauenvereinigungen und Orden sowie die hieraus resultierenden Konflikte mit Kirchen und Familien. Siehe hierzu auch Helga Meises Artikel: "Frauen in der Gegenreformation. Von der Gehilfin zur Gesellin" in der FAZ vom 13. Mai 1998 Volker Reinhardt: Die bildliche Darstellung des Papstamtes und des Ketzers in Renaissance und Gegenreformation. Historische Überlegungen zu Funktion und Funktionswandel kurialer Auftragsarbeiten im 16. Jahrhundert Thema des Historikers ist der durch die Glaubensspaltung hervorgerufene Wandel in der Selbstdarstellung der Päpste. Anhand ausgewählter Fresken erläutert Reinhardt die in den Bildern abzulesende und insofern die Selbstbilder beeinflussende Geschichtsauffassung, die sich bald nach dem Tridentinum und aufgrund historischer Ereignisse ändern sollte. An Stelle einer selbstgerechten Einbindung in die Heilsgewißheit tritt ein bislang nur für den Protestantismus festgestelltes Element: Verdienst-Ethik.
Fritz Krafft: Johannes Kepler als Vertreter einer überkonfessionell orientierten Naturforschung In einer wissenschaftsbiographischen Skizze Keplers zeigt Krafft, mit welchen Konsequenzen sich der Naturwissenschaftler konfrontiert sah, als er zur Lebensform erhob, was erst retrospektiv betrachtet modern war: Überkonfessionalität. Kepler versuchte Wissenschaft und religiöse Überzeugung zu trennen und Neutralität an die Stelle von obrigkeitstreuer Gläubigkeit zu setzen. Damit hat er einen heute selbstverständlich gewordenen Anspruch, die Privatisierung des Glaubens und die Möglichkeit, eine von individueller Kritik gekennzeichnete Gläubigkeit zu leben, praktiziert und dafür zahlreiche berufliche Degradierungen hingenommen. Walter Saltzer: Zum astronomischen Weltbild der Jesuiten Wenn Überkonfessionalität als Signifikante einer Modernisierung beschrieben werden kann, hätten sich römische Jesuiten Anfang des 17. Jahrhunderts gleichsam unfreiwillig "modern" verhalten. Sie zogen das vom Protestanten Tycho Brahe entdeckte Weltbild jenem des damals noch nicht in Ungnade gefallenen, sondern gefeierten Galileo Galileis vor. Saltzer stellt die Schriftquellen dieser Umorientierung dar und fragt nach möglichen Begründungen für die jesuitische Entscheidung. Joachim Steinheuer: Poverello que farai? - Musik als Vehikel gegenreformatorischer Bestrebungen Daß die Musik um 1600 eine grundlegende Neuerung erfuhr, ist bekannt; der Autor klärt hingegen, in welchem Maß geistliche und säkulare Musik an diesem Wandel beteiligt waren. Hatte das Tridentinum rigiden Purismus insbesondere hinsichtlich der Messe verlangt, so wußten die Oratorianer sich zugleich der populären Volksmusik zu bedienen, deren Melodien sie mit sakralen Texten versahen. Überdies aber orientierten sich geistliche Kompositionen zunehmend an den parallel zu verzeichnenden Innovationen weltlicher Musik, so daß ein Stilpluralismus an die Stelle rigider Normen trat und schließlich die musikalische Praxis die konziliaren Vorschriften vollständig unterlaufen hatte. Marc Föcking: Gegen-(Literatur-)Reform. Sakralisierung und Innovation in der italienischen Lyrik zwischen Renaissance und Barock Die in der Literaturwissenschaft gewöhnlich als Propagandainstrument stigmatisierte geistliche Lyrik untersucht der Verfasser unter dem Aspekt poetologischer Modernisierungstendenzen und kommt dabei zu überraschenden, in drei Phasen unterschiedenen Ergebnissen. Abgesehen von einer Sakralisierung weltlicher Dichtung nach dem Modell Petrarcas kann der Autor nachweisen, wie poetologische Normen sukzessive aufgelöst und durch innovative Formen genuin geistlicher Dichtung überboten werden. Eine Modernisierung wäre also gerade maßgeblich von einer als konservativ, wenn nicht reaktionär eingestuften Dichtung betrieben worden. Silke Leopold: Die Vanitas-Idee in der Musik des frühen 17. Jahrhunderts An exemplarischen Vertonungen einzelner Passagen aus Petrarcas Canzoniere zeigt Leopold, wie beispielsweise Monteverdi das vom Neustoizismus geprägte Thema der Vanitas nicht nur in die Musik eingeführt wurde, sondern auch zu völlig neuen musikalischen Formen führte. Die darin ablesbare Resignation gegenüber dem Leben im Diesseits wird zunächst genuin religiös motiviert, eine Brücke zur modernisierenden Wirkung der Glaubensspaltung läßt sich indes in der Affektmodellierung finden. Insofern zeugen Thema und musikalische Form von einer mit der konfessionell bestimmten Sozialdisziplinierung einhergehenden Krise des Selbst. Francisco Bethencourt: Die Inquisition und die Paradoxa der Moderne Der Verfasser zeigt die Paradoxa einer durch die Gegenreformation beförderten Modernisierung am Besipiel der Inquisition auf. Mit Verweis auf Phänomene der Rationalisierung, die Weberschen Kriterien von Modernisierung entsprechen, lassen sich auf der formal-administrativen Ebene tatsächlich modernisierende Züge in der Reorganisation der Inquisition feststellen; sie werden indes von zugleich auftauchenden archaisierenden Wirkungen kontrastiert, so daß eine Modernisierung sich in den sie begleitenden Widersprüchen verfängt. Christine Maria Grafinger: Die Ausleihe von vatikanischen Hand- und Druckschriften als Indikator gegenreformatorisch geprägter Publikationen Welche ganz praktischen Konsequenzen die Etablierung einer neuen, sich der Quellenkritik verpflichtenden Historiographie zeitigte, läßt sich auch an der Umstrukturierung und Erweiterung der vormals nur wenigen Auserwählten zugänglichen Vatikanischen Bibliothek ablesen. Die Auswertung der seit dem späten 16. Jahrhundert registrierten Ausleihen und Anfragen verbindet Grafinger mit den wichtigsten Editionen und Übersetzungen kanonischer Texte, so daß die gewandelte Rolle der Vatikanischen Bibliothek sich vielleicht am ehesten mit einer modernen, freilich ideologisch gebundenen Nachrichtenagentur vergleichen läßt. Christoph Jobst: Die christliche Basilika. Zur Diskussion eines Sakralbautypus in italienischen Quellen der posttridentinischen Zeit In welchem Maß sich die seit dem Tridentinum forcierte Historiographie in Kirchenum- und Neubauten niedergeschlagen hat, zeigt der Autor am Beispiel der damals geführten Debatte über die Basilika und ihren konkreten Auswirkungen auf Bauten in Florenz. Die Struktur und Systematik der Argumentationen zeigt, daß sich hier eine als modern zu beschreibende quellengeschichtliche Historiographie, freilich im Dienste der katholischen Wahrheit, erstmals den Weg bahnte. Gerhard Wolf: Caecilia, Agnes, Gregor und Maria. Heiligenstatuen, Madonnenbilder und ihre künstlerische Inszenierung im römischen Sakralraum um 1600 Am Nachweis gleichsam multimedialer Inszenierungen von Skulpturen im Kirchenraum ist dem Autor gelegen, wenn er die zeitgenössische Rezeption dreier, den Märtyrertod gestorbener Frauen rekonstruiert. Der Kult um die Frauen, bzw. die Integration ihrer Statuen in sakralen Räumen bezeugt, daß Strategien eingesetzt wurden, die die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit gezielt verwässern, um eine Teilhabe der Betrachter an der religiösen Historie zu insinuieren und damit deren Wahrheit zu "beweisen". Christine Göttler: Nomen mirificum. Rubens' Beschneidung Jesu für den Hochaltar der Jesuitenkirche in Genua An der Ausstattung eines prominenten jesuitischen Kirchenbaus in Genua weist die Autorin nach, wie der Sakralraum zu einem "musaeum" definiert wurde. Überdies zeigt sie auf, welche neuen bildrhetorischen Strategien eingesetzt wurden, um der abwesenden Geschichte der Vergangenheit zu einer Präsenz zu verhelfen, mit der ganz gezielt der Unterschied von Fiktion und Wirklichkeit verschleiert wurde. Läßt sich diese Wirkung an dem Hochaltarbild von Peter Paul Rubens, das mit der "Beschneidung Christi" ein spezifisch jesuitisches Thema darstellt, zeigen, so diskutiert Göttler darüber hinaus die konfessionsgebundene Funktion des Sujets. Michael Scholz-Hänsel: Im Dienst inquisitorischer Disziplinierung und Propaganda. Spanische Kunst im Kontext der Judenverfolgung und Gegenreformation Der Verfasser konzentriert sich auf die propagandistische Funktionalisierbarkeit der Bilder im gegenreformatorischen Spanien. Anhand eines frühen, nur in Bildern nachweisbaren Falles von Antisemitismus wird die "Wahrheit" verbürgende Macht einer Reihe von heute schwer zugänglichen und deshalb unbekannten Gemälden und die dort erstmals nachweisbare Darstellung von Autodafés rekonstruiert. Überdies skizziert der Autor die von der Inquisition betriebene Instrumentalisierung spanischer Künstler als Zensoren. Georges Güntert: Gegenreformatorische Tendenzen in der Poetik Torquato Tassos Welche rückschrittlichen Konsequenzen die vielgepriesene konfessionell geprägte Sozialdisziplinierung zeitigen konnte, zeigt der Literaturwissenschaftler Güntert, wenn er die erste und zweite Fassung der Gerusalemme liberata von Torquato Tasso und die beiden Arbeiten vorausgegangenen Querelen des Dichters mit der Inquisition darstellt. Die Internalisierung der Fremdzwänge lassen Tasso sämtliche der zuvor verteidigten Innovationen aufgeben und lassen ihn eine spannungslose, inhaltlich und poetologisch geradewegs antiquierte zweite Fassung, die Gerusalemme conquistata generieren. Patrizia Castelli: Das Bild Satans in der Traktatliteratur der Gegenreformation Die durch das Konzil von Trient entfachte Diskussion über die Darstellung und die Darstellbarkeit des Teufels steht im Zentrum dieses Aufsatzes. Die Konfrontation der unterschiedlichen zeitgenössischen Meinungen verlangt hinsichtlich der Modernisierungsthese insofern besondere Aufmerksamkeit, als sich anläßlich des Teufelsbildes auch eine Debatte über mimetische und antimimetische Kunst rekonstruieren läßt. |