ZeitsprüngeForschungen zur Frühen Neuzeit Band 2 (1998). In zwei Doppelheften. VI, 516 Seiten.
Heft 1/2 (1998)
Im Sommersemester 1997 wurde am Zentrum zur Erforschung der Frühen Neuzeit ein Kolloquium abgehalten, zu dem Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nicht nur aus Frankfurt zusammenkamen, um unter dem Thema Wahrnehmung von ihren Forschungen zu berichten. Dieser thematische Schwerpunkt steht im Zusammenhang mit einem längerfristigen Projekt, das vom Zentrum zur Erforschung der Frühen Neuzeit vorbereitet wird.
Aus dem Inhalt Klaus Reichert: Vorbemerkung Dieses Heft der Zeitsprünge bringt vier größere Arbeiten zum Problemfeld
Wahrnehmung, das das Zentrum zur Erforschung der Frühen Neuzeit seit einiger Zeit
sondiert. Weitere Hefte zu diesem Themenschwerpunkt sollen folgen. Die Thematik ist weit
gefächert und längst nicht überschaubar oder eingrenzbar. Die Erforschung der
riechenden und schmeckenden Wahrnehmung in der Frühen Neuzeit hat noch nicht begonnen,
die des Tastsinnes und des Hörens steckt in den Anfängen. Wie bildet sich beim Arzt - in
einer Verschiebung von der mittelalterlichen "Ätiologie" zur neuzeitlichen
"Symptomatologie" - eine Wahrnehmung heraus, die sich von seinem
"gelernten" Wissen unterscheidet? Welche nichtsprachlichen Zeichen muß der
Richter am Angeklagten wahrnehmen, um seine Schuld oder Unschuld beurteilen zu können?
Wie reagiert das Ohr auf den Zusammenklang unvereinbar gedachter Tonarten? Stephen Greenblatt: Hamlet im Fegefeuer (Übersetzt von Stefanie Lotz) Greenblatts Hamletlektüre dreht sich um die Frage, wie dem Bedürfnis nach einem Totenkult - nach Verhandlungen mit den Toten - entsprochen werden konnte, nachdem der Protestantismus das Fegefeuer als Örtlichkeit der Toten abgeschafft hatte. Er verfolgt dieses Bedürfnis in den Auseinandersetzungen zwischen dem Protestanten Simon Fish und dem Katholiken Thomas More und zeigt, wie es von dem kirchlichen auf einen sehr weltlichen Bereich wechselte: das Theater. Im Hamlet wird deutlich, inwiefern Praktiken des Theaters bis heute als "a powerful method of negotiating with the dead" gelten können. Siehe hierzu auch Michael Allmaiers Rezension "Der Schafstall des Papstes. Der Geist von Hamlets Vater und ein Streit über das Fegefeuer" in der F.A.Z. vom 2. September 1998! Eckhard Lobsien: Wahrnehmungen in Miltons Paradise Lost Der Beitrag analysiert markante Wahrnehmungssituationen in Miltons Poem und setzt sie in Beziehung zu den dominierenden philosophischen Schulen des 17. Jahrhunderts. Es läßt sich zeigen, daß in der Figur Satans sowohl der epikureische wie der cartesianische Wahrnehmungsbegriff vorgeführt und radikal kritisiert werden. Adams Wahrnehmungen hingegen sind adäquat, weil sie unvollkommen sind, weil sie in dem von Milton monistisch konzipierten Universum einen wohldefinierten Ort einnehmen. Vom Problem der Wahrnehmung her entfaltet sich in Paradise Lost das ganze Spektrum der Denkmöglichkeiten vom Neuplatonismus bis zum Materialismus, das dem 17. Jahrhundert in so faszinierender Weise zur Verfügung stand. Wolfgang Neuber: Die Mauern, die Wendeltreppe, der Dom und der Überblick. Raumwahrnehmung und stadtbürgerliche Identitätskonstruktion bei Isidor von Sevilla, Leon Battista Alberti und Wolfgang Schmeltzl Der Aufsatz verfolgt exemplarisch eine symbolische Ordnung, wie sie im Zusammenhang stadtbürgerlicher Selbstwahrnehmung als Wahrnehmung des Raumes vom frühen Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit greifbar ist. Anhand von Isidor von Sevilla wird gezeigt, wie sich unter den Prämissen frühchristlicher Gemeindlichkeit symbolische und räumlich-materielle Ordnungen in einer Qualität verschränken, die von der Frühen Neuzeit nicht grundlegend, sondern nur in sehr spezifischer, damit allerdings auch in höchst aussagekräftiger Weise modifiziert werden konnte - einer Weise, die am Beispiel von Leon Battista Alberti und Wolfgang Schmeltzl signifikant den Wechsel zwischen mittelalterlicher und neuzeitlicher Raumwahrnehmung markieren kann. Die Texte repräsentieren, erstens, auf gleichsam "ideologischer" Ebene die Rede über eine städtische Identität, der sich der jeweilige Verfasser argumentationsstrategisch zugehörig behauptet. Die durchgehend analoge symbolische Ordnung des städtischen Raumes innerhalb des Corpus ist, zweitens, eine Konsequenz intertextueller Bezüge, die wohl kaum auf unmittelbaren Text-Text-Beziehungen, sondern vielmehr auf gemeinsamen topischen Formationen - hier: einer Topik des Urbanen - beruhen. |