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Zeitsprünge

Forschungen zur Frühen Neuzeit

Band 2 (1998). In zwei Doppelheften. VI, 516 Seiten. 
€ 49.–

 

Heft 1/2 (1998)

 

Im Sommersemester 1997 wurde am Zentrum zur Erforschung der Frühen Neuzeit ein Kolloquium abgehalten, zu dem Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nicht nur aus Frankfurt zusammenkamen, um unter dem Thema Wahrnehmung von ihren Forschungen zu berichten. Dieser thematische Schwerpunkt steht im Zusammenhang mit einem längerfristigen Projekt, das vom Zentrum zur Erforschung der Frühen Neuzeit vorbereitet wird.

 

Aus dem Inhalt

 

Klaus Reichert: Vorbemerkung

Dieses Heft der Zeitsprünge bringt vier größere Arbeiten zum Problemfeld Wahrnehmung, das das Zentrum zur Erforschung der Frühen Neuzeit seit einiger Zeit sondiert. Weitere Hefte zu diesem Themenschwerpunkt sollen folgen. Die Thematik ist weit gefächert und längst nicht überschaubar oder eingrenzbar. Die Erforschung der riechenden und schmeckenden Wahrnehmung in der Frühen Neuzeit hat noch nicht begonnen, die des Tastsinnes und des Hörens steckt in den Anfängen. Wie bildet sich beim Arzt - in einer Verschiebung von der mittelalterlichen "Ätiologie" zur neuzeitlichen "Symptomatologie" - eine Wahrnehmung heraus, die sich von seinem "gelernten" Wissen unterscheidet? Welche nichtsprachlichen Zeichen muß der Richter am Angeklagten wahrnehmen, um seine Schuld oder Unschuld beurteilen zu können? Wie reagiert das Ohr auf den Zusammenklang unvereinbar gedachter Tonarten?
Mit diesem ersten Heft liegen vier unterschiedliche Ansätze zur Thematik aus literatur- und kunstwissenschaftlicher Sicht vor. Stephen Greenblatt untersucht die imaginierte oder "tatsächliche" Wahrnehmung von Geistern zu einem Zeitpunkt, als ihr Status zweifelhaft oder obsolet geworden war. Alexander Perrig zeigt, wie bei Leonardo die bildliche Darstellung von Bewegungsabläufen überhaupt erst durch Zerlegung von Bewegung in einzelne Phasen möglich wurde. Wolfgang Neuber geht in einem historischen Längsschnitt am Beispiel der Stadt den veränderten Raum- (und das heißt auch Zeit-)Wahrnehmungen nach. An Miltons Paradise Lost demonstriert Eckhard Lobsien die Schwierigkeit der Darstellung einer im Umbau begriffenen Welt und Kosmologie, als an die Stelle sinnlicher Wahrnehmung keineswegs gesicherte theoretische Optionen traten. Zusammengenommen ergeben die Arbeiten ein Spektrum optischer Wahrnehmung am Schnittpunkt von konkreter (oder behaupteter) Anschauung und vorausgesetzter Sehmöglichkeit.
Mit diesem Heft wollen wir auch eine neue Rubrik einführen, die in unregelmäßiger Folge erscheinen soll: "Aus den Archiven" will Texte - oder Texte über Texte - vorstellen, die zum Denkraum der Frühen Neuzeit gehören, ohne in ihm heute noch recht präsent zu sein. Mit Gemistos Plethon wird an einen byzantinischen Denker erinnert, der der politischen Theorie mehr gegeben hat, als in der Dominanz eines Machiavelli oder Hobbes in unserem Bewußtsein noch wachgeblieben ist.

Alexander Perrig: Leonardo: Die Rekonstruktion menschlicher Bewegung

Stephen Greenblatt: Hamlet im Fegefeuer (Übersetzt von Stefanie Lotz) 

Greenblatts Hamletlektüre dreht sich um die Frage, wie dem Bedürfnis nach einem Totenkult - nach Verhandlungen mit den Toten - entsprochen werden konnte, nachdem der Protestantismus das Fegefeuer als Örtlichkeit der Toten abgeschafft hatte. Er verfolgt dieses Bedürfnis in den Auseinandersetzungen zwischen dem Protestanten Simon Fish und dem Katholiken Thomas More und zeigt, wie es von dem kirchlichen auf einen sehr weltlichen Bereich wechselte: das Theater. Im Hamlet wird deutlich, inwiefern Praktiken des Theaters bis heute als "a powerful method of negotiating with the dead" gelten können.

Siehe hierzu auch Michael Allmaiers Rezension "Der Schafstall des Papstes. Der Geist von Hamlets Vater und ein Streit über das Fegefeuer" in der F.A.Z. vom 2. September 1998!

 

Eckhard Lobsien: Wahrnehmungen in Miltons Paradise Lost

Der Beitrag analysiert markante Wahrnehmungssituationen in Miltons Poem und setzt sie in Beziehung zu den dominierenden philosophischen Schulen des 17. Jahrhunderts. Es läßt sich zeigen, daß in der Figur Satans sowohl der epikureische wie der cartesianische Wahrnehmungsbegriff vorgeführt und radikal kritisiert werden. Adams Wahrnehmungen hingegen sind adäquat, weil sie unvollkommen sind, weil sie in dem von Milton monistisch konzipierten Universum einen wohldefinierten Ort einnehmen. Vom Problem der Wahrnehmung her entfaltet sich in Paradise Lost das ganze Spektrum der Denkmöglichkeiten vom Neuplatonismus bis zum Materialismus, das dem 17. Jahrhundert in so faszinierender Weise zur Verfügung stand.

 

Wolfgang Neuber: Die Mauern, die Wendeltreppe, der Dom und der Überblick. Raumwahrnehmung und stadtbürgerliche Identitätskonstruktion bei Isidor von Sevilla, Leon Battista Alberti und Wolfgang Schmeltzl

Der Aufsatz verfolgt exemplarisch eine symbolische Ordnung, wie sie im Zusammenhang stadtbürgerlicher Selbstwahrnehmung als Wahrnehmung des Raumes vom frühen Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit greifbar ist. Anhand von Isidor von Sevilla wird gezeigt, wie sich unter den Prämissen frühchristlicher Gemeindlichkeit symbolische und räumlich-materielle Ordnungen in einer Qualität verschränken, die von der Frühen Neuzeit nicht grundlegend, sondern nur in sehr spezifischer, damit allerdings auch in höchst aussagekräftiger Weise modifiziert werden konnte - einer Weise, die am Beispiel von Leon Battista Alberti und Wolfgang Schmeltzl signifikant den Wechsel zwischen mittelalterlicher und neuzeitlicher Raumwahrnehmung markieren kann. Die Texte repräsentieren, erstens, auf gleichsam "ideologischer" Ebene die Rede über eine städtische Identität, der sich der jeweilige Verfasser argumentationsstrategisch zugehörig behauptet. Die durchgehend analoge symbolische Ordnung des städtischen Raumes innerhalb des Corpus ist, zweitens, eine Konsequenz intertextueller Bezüge, die wohl kaum auf unmittelbaren Text-Text-Beziehungen, sondern vielmehr auf gemeinsamen topischen Formationen - hier: einer Topik des Urbanen - beruhen.