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Zeitsprünge

Forschungen zur Frühen Neuzeit

Band 3 (1999). In zwei Doppelheften. VIII, 436 Seiten. € 49.–

 

 

Heft 3/4 (1999): 

Jahrhundertenden, Jahrtausendenden, Enden der Welt

 

Am Ende unseres Jahrhunderts, Jahrtausends mehren sich die Stimmen, die von einem Ende der Welt sprechen: Katastrophenszenarien werden nicht nur von einer ständig wachsenden Zahl religiöser Sekten entworfen, sondern ebenso von den sogenannten "harten" Wissenschaften (Stichwort: Ozonloch). Die Menschheit ist dabei, so wird argumentiert, sich selbst ihr Ende zu bereiten, auf Grund ihrer moralischen Verrottung, ihrer Profitgier oder ihrer besinnungslosen Fortschrittsgläubigkeit - alles Zeichen dafür, daß der Mensch sich aus dem kosmischen - oder göttlichen - Zusammenhang gelöst hat, was nicht ungestraft bleiben wird. Zur "Rettung" fehlt es nicht an Sinn- oder Erlösungsangeboten.

Liest man diese Szenarien, so erweisen sie sich als keineswegs neu. Der Historiker erkennt strukturell die gleichen Fragen, die gleichen Antworten, die oft an Jahrhundertenden gestellt und gegeben wurden, und zwar so, daß sie einem offenbar tief sitzenden Katastrophenbedürfnis entsprachen, oder dem, was Balint "Angstlust und Regression" nannte. Bei allem Unterschied der historischen Gegebenheiten, bei allem Unterschied der jeweiligen Analyse, läßt sich als gemeinsamer Nenner, bis in die sprachlichen Bilder hinein, das Vokabular der Apokalypse entdecken.

Die Vorlesungsreihe des Zentrums zur Erforschung der Frühen Neuzeit möchte die Fixierung auf unser Jahrhundert-, Jahrtausendende relativieren, indem sie sie in eine historische Perspektive stellt: Welches sind die Parallelen, welches die Unterschiede des Umgangs früherer Jahrhunderte mit Zeitenwenden, von der alttestamentarischen Prophetie über die jüdische und christliche Apokalyptik ums Jahr Null, über die erste Jahrtausendwende bis zu den Endzeiterwartungen am Beginn der Frühen Neuzeit? Warum ruft ein an sich rein numerischer Einschnitt Katastrophen- oder Heilserwartungen beschleunigt hervor?

Ein wichtiger Bestandteil der Vorlesungsreihe, die in dem Doppelheft der Zeitschrift in Auswahl dokumentiert werden wird, soll der Kulturvergleich sein: Wie gehen Kulturen mit Jahrhundertwenden um, die anders zählen als die westliche christliche Welt? Dazu werden Vorträge zum Judentum (mit seiner in der Orthodoxie immer noch fest fixierten Endzeit) und zum Islam angeboten.

Relativierende - d. h. gelassene und besonnene - Antworten auf die Fragen dieses höchst aktuellen Themas könnten helfen, die "neue Unübersichtlichkeit" und die aus ihr erwachsene Hysterie auf das Fundament vernünftiger Überlegungen zu stellen.

 

Aus dem Inhalt

 

Norman Cohn: Wie die Zeit ihre Erfüllung fand

Peter Schäfer: Armageddon: Endzeitphantasien im Judentum, Christentum und Islam

Bernhard McGinn: Apocalypticism and Mysticism: Aspects of the History of Their Interaction

Michael Milway: Apokalyptic Reform and Forerunners of the End: Berthold Pürstinger, Bishop of Chiemsee (died 1543)

Richard Popkin: Der Millenarismus des siebzehnten Jahrhunderts

Martina Mittag: Re-Gendering Utopia: The Vitalist Universe of Margaret Cavendish

David S. Katz: Messianic Revolution

Dominic Pettmann: After the Orgy: Millennial Panic and the Virtual Apocalypse

Jan Wagner: Apocalypse How? Endzeitphantasien im populären Film

Ulrich Konrad: Apocalypsis cum figuris musices. Musikalische Annäherungen an die Offenbarung des Johannes