ZeitsprüngeForschungen zur Frühen Neuzeit Band 5 (2001). In zwei Doppelheften. 348 Seiten.
Zum Inhalt von Heft 3/4
Thomas Beebee: They Built Millenium. Jesuits and Guaranis 1610-1768
Mathias Pozsgai: Unmittelbare Vermittlung. Anatomie und Autorschaft in De humani corporis fabrica (1543) Der Beitrag schlägt eine Lektüre von De humani corporis fabrica (1543) im Horizont der Buch- und Mediengeschichte vor, die ein besonderes Augenmerk auf die Materialität der Kommunikation, die Konstituierung von Autorschaft und die Herstellung wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit richtet. Gefragt wird nach den Bedingungen, unter denen das anatomische Buchwissen als unmittelbare, durch die Evidenz des Augenscheins legitimierte Wissensform präsentiert werden konnte. Eine Diskussion von Titelholzschnitt und Autorenporträt trägt dem komplexen Text-Bild-Verhältnis Rechnung, Überlegungen zum Stellenwert des Kanons, zum Patronagewesen und zum Plagiarismusproblem stellen Vesalius und sein Buch in den Kontext einer gewandelten Funktionsbestimmung des »Autors« in der Frühen Neuzeit.
Jamey Hecht: Tragedy, Hamlet and Luther This essay offers a reading of Shakespeare's play informed by Reformation theology, and finds salient issues of individual psychic development articulated in Hamlet's rhetoric. Because Medieval Catholic piety and ceremonial monarchy both depend largely upon the reliability of grand specular displays (displays which Claudius has successfully falsified), Hamlet's urgent developmental task is to learn to cope with the systemic falsehoods that now threaten the intelligibility of his world. His interpretive responsibility (or hermeneutic burden) has become unbearable, and the solution at which he arrives is a fundamentally interpretive solution. He re-frames his predicament so that its terribly high stakes appear very low, leaving him free to act.
Albert Schirrmeister: Traum und Wissen in der Frühen Neuzeit Zentrale Frage des Beitrags ist, ob und in welchen Zusammenhängen Träume in der Frühen Neuzeit als Erkenntnisformen anerkannt werden. Wie sind die Effekte auf das Wissen, wenn Träume anerkannt werden? Vor dem Hintergrund der Ordnung der Träume durch Philipp Melanchthon werden Traumberichte aus den Bereichen des Politischen, des Mathematischen und Philosophischen und der Musik verglichen. Es soll deutlich werden, wie mit der Inanspruchnahme von Träumen als Inspirationsquellen ebenso bestimmte Strategien verknüpft werden, die Glaubwürdigkeit oder den Status von Aussagen zu verbessern, wie das Zurückweisen solcherart gewonnenen Wissens die veränderten Praktiken eines Wissensbereichs widerspiegeln.
Romano Nanni: Galileo Galilei 1613-1616: Naturphilosophie und Bibelexegese In the last twenty years new analyses of Galileo Galilei's thought have been produced, moving from contemporary approaches to history of science and epistemology, and from the new age of studies on "Galilei Affair" promoted by Pope Giovanni Paolo II. Romano Nanni discusses these recent perspectives by analysing again a group of works of Galilei written in the years 1613-1616 contemporarly with his first dispute with the Roman Church over the Copernican theory. The essay shows that, according to Galilei, in the knowledge of nature the Holy Writing and science must correspond, but his point of view was a kind of reversed "concordism" in comparison with the official position of the Roman Church. In fact for him in the exegesis the Holy Writing must be brought into concordance with science, and not viceversa; and his dispute over the Copernican theory tries to substitute the "logic of heresy" with that of the "true-false". But what does Galileo's exegesis of the Holy Writing - which today the Roman Church has taken as a pattern - really mean from a historical point of view? The author replies to this question and points out - in particular with reference to the exegetical tradition before Galilei - the difference between Galileo and Augustinus, quoted and recalled by Galilei himself. Finally the author examines the presence of Neoplatonism and the status and function of the metaphor in the thought of Galileo.
Wolfgang Detel und Claus Zittel: Hobbes und die Historiographie In den Augen der traditionellen und weit verbreiteten Hobbes-Deutung verweigert Hobbes in seiner Theorie der Einteilung der Wissenschaften der Historiographie zwar nicht den Status des Wissens, wohl aber den Status einer Wissenschaft. Wissen sei nach Hobbes entweder Wissen von Fakten oder Wissen von Ursachen, und nur das Wissen von Ursachen ist Wissenschaft. Diese werde, im Gegensatz zum Faktenwissen, wesentlich in Form von Argumenten präsentiert. Historiographie hat demnach, wie es scheint, keine andere Aufgabe als das nüchterne Auflisten historischer Fakten, ist also keine Wissenschaft. Entsprechende Abwertungen finden sich an bekannter Stelle im Leviathan und in De Corpore. Allerdings erhebt sich dadurch die von der Hobbesforschung vernachlässigte Frage, warum Hobbes auch in seinen späteren Jahren immer wieder historische Werke verfaßte, und welche Funktion die Historiographie für Hobbes in seinen reifen Schriften noch haben konnte? Ausgehend von der Analyse der frühen historischen Schriften, dem Discourse upon Tacitus und der Vorrede und Einleitung zu seiner Thukydidesübersetzung, wird gezeigt, daß der vermeintliche Widerspruch zwischen Geschichte und Wissenschaft sich auflösen lässt, wenn man erkennt, daß Hobbes bereits zu dieser Zeit der Historiographie explanatorische Aufgaben zuweist; diesen explanatorischen Anspruch nimmt er dann auch in seinen späteren Schriften keineswegs zurück: Was Hobbes bei seiner angeblichen Abkehr von seiner humanistischen Frühphase lediglich tut, ist eine terminologische Revision des Ausdrucks Geschichte im Lichte seiner neuen Wissenschaftstheorie vorzunehmen, wodurch das Projekt einer explanatorisch ambitionierten und daher wissenschaftlichen Historiographie nicht obsolet wird, sondern vielmehr in ausdifferenzierter Form weiter betrieben werden kann. |