ZeitsprüngeForschungen zur Frühen Neuzeit Band 6 (2002). In einem Band. 532 Seiten. € 54. Dieser Band kann auch bestellt werden unter der ISBN 3-465-03146-6
Das Geheimnis am Beginn der europäischen Moderne
Aus dem InhaltGisela Engel, Heide Wunder: Einleitung Klaus Reichert: Neue Formen des Geheimen am Beginn der Moderne Alois Hahn: Geheim Aleida Assmann: Maske - Schweigen - Geheimnis
Öffentlichkeit und Herrschaftswissen Horst Wenzel: Zur Einführung: Repräsentation und Secretum. Geheimnisträger im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit Jonathan M. Elukin: Introductory Remarks: The Public and the Secret in Government Melissa Meriam Bullard: Secrecy, Diplomacy and Language in the Renaissance Valentin Groebner: Invisible Gifts: Secrecy, Corruption and the Politics of Information at the Beginning of the 16th Century Jonathan M. Elukin: Keeping Secrets in Medieval and Early Modern English Government Linda Gregerson: The Secret of Princes: Sexual Scandal at the Tudor Court Leonida Tedoldi: Secrecy, Justice, and Courts: The Venetian Inquisitorial System of the »Council of Ten« (Centuries XVI - XVIII) Robert A. Schneider: Disclosing Mysteries: The Contradictions of Reason of State in 17th-Century France LynnWood Mollenauer: Justice versus Secrecy: Investigating the Affair of the Poisons, 1679 - 1682 Jodi Campbell: »Say Nothing of What You Have Seen«: Secrecy and Good Kingship in 17th-Century Spanish Drama
Öffentlichkeit und Intimität Barbara Stollberg-Rilinger: Zur Einführung: Das Verschwinden des Geheimnisses Daniela Hammer-Tugendhat, Arcana Cordis: Zur Konstruktion des Intimen in der Malerei von Vermeer Ulrike Vedder: Libertinage, Post, Roman: Angriffe auf das Briefgeheimnis Julie Carlson: Enlightened Secrets: At the Heart of William Godwin's Enquiries
Körper und Sexualität Susanna Burghartz: Zur Einführung: Enthüllen und Verbergen Thomas Laqueur: The Secret Sin and the Modern Self Patricia Simons: Anatomical Secrets. Pudenda and the Pudica Gesture Helmut Puff: Sodomie in den Schriften Martin Luthers und in der Reformationspolemik Brita Rang: Sexuelle Geheimnisse: Erziehung zur Ehe in den nördlichen Niederlanden im 17. und 18. Jahrhundert Regina Schulte: »Es bleibt mir nichts anderes übrig, als daß ich ein Feuer entzünde und hineinspringe« : Ein Geheimnis im dörflichen Gerede und die Wiederherstellung der sittlichen Ordnung
Künste und Wissen Klaus Reichert: Zur Einführung: Künste und Wissen Verena Olejniczak Lobsien: Geheimes Erzählen Klaus Krüger: »... figurano cose diverse da quelle che dimostrano«: Hermetische Malerei und das Geheimnis des Opaken Tanja Michalsky: »Hic est mundi punctus et materia gloriae nostrae«: Der Blick auf die Landschaft als Komplement ihrer kartographischen Eroberung Sybilla Flügge: Geheimnisse der Frauenzimmer: Das Wissen der Hebammen in der Frühen Neuzeit Bettina Wahrig-Schmidt: Arkana, Panazeen und Privilegien: Hierarchien der Wissenden und Hierarchien des Wissens Susanna Åkerman: Johannes Bureus' Rosicrucian Papers Johannes Süßmann: Vom Arcanum zur Hieroglyphe: Das Geheimnis der frühneuzeitlichen Staaten im Geschichtsdenken Leopold Rankes
Geheimnisse spielen in der Erfahrung, in alltäglichen Lebenszusammenhängen (z. B. Beichtgeheimnis, militärische Geheimnisse, Geheimdienste, HerzensGeheimnisse, Briefgeheimnis, das Ausplaudern von Geheimnissen usw. usw.) eine wichtige Rolle; sie liegen in vielfach nicht bewußter Weise zentralen Vorstellungen und Vergemeinschaftungs- und Vergesellschaftsformen zugrunde: Das von Freud beschriebene ödipale Nadelöhr als notwendiges Durchgangsstadium zum Erreichen der erwachsenen Subjektivität rückt die damit verbundenen Geheimnisse, Heimlichkeiten und Verheimlichungen ins Zentrum der Subjektbildung; das von Marx beschriebene "Geheimnisvolle der Warenform" reguliert beispielsweise nach dem Verständnis der Theoretiker/innen in der Tradition der Kritischen Theorie nicht nur die ökonomischen Verhältnisse unter den Menschen, sondern hat weitreichende Bedeutung für alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Simmel beschrieb das Geheimnis als strukturierendes Prinzip der gesellschaftlichen Welt. Die Fortdauer der Geheimnisse widerspricht der Annahme, die Aufklärung habe das Geheimnis aus dem gesellschaftlichen Leben verbannt. Sie steht im Gegensatz zu den Bemühungen der Aufklärer, dem Geheimnis/den Geheimnissen ein Ende zu bereiten. Sie wollten das Geheimnis und das Geheime, das Verborgene und Verhüllte in den Bereich des Wissens holen. Max Weber bezeichnete diesen Prozeß der Aufklärung als "Prozeß der Entzauberung der Welt": In der ersten Phase der Aufklärung bezog sich der Prozeß der Entzauberung vornehmlich auf die arcana naturae: Francis Bacon, indem er einen Satz des Königs Salomo zitierte, schloß sich der Auffassung der ersten Aufklärung von der "prinzipiellen Unmöglichkeit des Naturgeheimnisses" (Blumenberg) an: "Der Ruhm des Herrn ist es, seine Werke zu verhüllen, der Ruhm des Königs [hier zu verstehen als: des Menschen als dem König der Schöpfung], sie zu erforschen" (Novum Organon). In der weiteren Entwicklung konzentrierte sich das Bemühen der Aufklärer auf die Beseitigung der arcana imperii, d.h. auf die Herstellung einer Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates, in der im Medium einer - rationalen - Öffentlichkeit über die Belange der bürgerlichen Gesellschaft verhandelt werden können sollte. "Öffentlichkeit" wurde im liberaldemokratischen Diskurs ein mit "Freiheit", "Gleichheit", später auch "Gesundheit" und "allgemeiner Menschlichkeit" verbundenes Konzept (Hölscher 1979 und Habermas 1962), das Geheimnis und das Geheime sollten nunmehr in "öffentlichen" Belangen keine Rolle mehr spielen. Dies sollte der überwundenen feudal - absolutistischen Vergangenheit angehören. Das Geheimnis hätte nun allenfalls seinen Ort in der nun für schutzwürdig gehaltenen Sphäre der "Privatheit", zu der nachaufklärerisch z.B. die Religion und die Familien-, Ehe- und Liebesbeziehungen gerechnet werden. Kant wollte an das "Mysterium der Religion" nicht rühren, und Hegel sah die Frauen innerhalb der Familien als Hüterinnen der Sittlichkeit an, ohne die nun zwar das Gemeinwesen nicht funktionieren würde, die aber ihren Ort in der Familie, d.h. in der Privatsphäre, nicht im Staate haben sollte. Vielfach verstellt die Gewohnheit, in der praktizierten und geläufigen Entgegensetzung von "öffentlich" und "privat" mit den dazugehörigen Vorstellungen über den Ort des Geheimnisses/der Geheimnisse solche Gesellschaften zu verstehen, in denen weder das Private und das Öffentliche, noch das entsprechende Geheime/die Geheimnisse/das Heimliche so geordnet waren, wie sie es in nachaufklärerischen europäischen Gesellschaften sind. Eine von nachaufklärerischen Denktraditionen geprägte Untersuchung der Gesellschaft und Kultur der Frühen Neuzeit wird deshalb insbesondere den Wandel der Begrifflichkeiten und den zugrundeliegenden Unterschied politischer, sozialer und kultureller Praktiken deutlich ins Bewußtsein heben müssen. |