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Zeitsprünge

Forschungen zur Frühen Neuzeit

Band 7 (2003). In zwei Einzelheften und einem Doppelheft. VIII, 628 Seiten. € 58.–

 

 

Berichten – Erzählen – Beherrschen
Wahrnehmung und Repräsentation in der frühen Kolonialgeschichte Europas


Herausgegeben von Susanna Burghartz, Maike Christadler, Dorothea Nolde

 

Zum Inhalt von Heft 2/3: 

Susanna Burghartz: "Translating Seen into Scene?" Wahrnehmung und Repräsentation in der frühen Kolonialgeschichte Europas

 

I. Kontrastierende Stimmen

Hartwig Isernhagen: Dominance, subdominance, survival: The middle ground as interpretive paradigm

Natalie Zemon Davis: Non-European Stories, European Listeners

Kaspar von Greyerz: Erfahrung und Konstruktion: Selbstrepräsentation in autobiographischen Texten des 16. und 17. Jahrhunderts

Jonathan Elmer: Olaudah Equiano and the Poetics of the Archive

 

II. Schillernde Markierungen

Johan Verberckmoes: Amerinidian Laughter and Visions of a Carnivalesque New World

Viktoria Schmidt-Linsenhoff: Rhetorik der Hautfarben. Albert Eckhouts Brasilien-Bilder

 

III. Transformationen und Projektionen

Margaret Bridges: The Reinvention of the Medieval Traveller as Cultural Colonization in Richard Hakluyt’s Principall Navigations, Voiages, Traffiques and Discoveries of the English Nation

Hildgard Frübis: Conflicting Images. Die Bilder aus der Neuen Welt im Prozess der Konfessionalisierung

Christian Kiening: Die goldene Insel. Utopisches zwischen Ost und West in der frühen Neuzeit. Mit Edition von Viagio und Schiffung

 

IV. Formierung von Blicken

Henry Keazor: "Charting the autobiographical, selfregarding subject?" Theodor de Brys Selbstbildnis

Anna Greve: Das Interieur als Konstruktion kolonialer Aneignung am Beispiel der Grands Voyages aus der Werkstatt de Bry

Michael Harbsmeier: Fremde Blicke: Außenansichten Europas im 17. Jahrhundert

 

Die Beiträge thematisieren Bedingungen und Konsequenzen von Wahrnehmung und Repräsentation in den Begegnungen zwischen europäischen und außereuropäischen Kulturen im Rahmen der Expansion in die ›Neue Welt‹. Sie reflektieren von unterschiedlichen Voraussetzungen her, aus verschiedenen disziplinären Perspektiven und mit unterschiedlichen Frageinteressen und stellen so ihrerseits eine gewisse Polyphonie wissenschaftlicher Repräsentationspraxen her. Damit kommt ein ganzes Spektrum von Möglichkeiten in den Blick, die auf je unterschiedliche Weise dazu beigetragen haben, Motive und Stereotype zu konstruieren, Narrative zu erzeugen, Blicke zu formieren, Erwartungen vorzuprägen, Aufmerksamkeiten zu lenken, Sagbares von Unsagbarem zu trennen oder Bewertungshorizonte festzulegen. Es ist die Vielfalt unterschiedlicher Bezugspunkte, Formierungsprinzipien, Handlungs- und Wahrnehmungsebenen und Felder, die in ihrem komplexen Zusammenwirken Begegnungen, Austausch und die Etablierung von ungleichen Beziehungen zwischen den verschiedenen Kulturen und deren Angehörigen so erfolgreich und nachhaltig geprägt und strukturiert haben. Die folgenden Beiträge, in denen sich verschiedene Perspektiven und Ansätze unterschiedlicher Disziplinen kreuzen, stellen einige dieser Formen zur Diskussion, die vor allem für eine Geschichte der Kolonisierung von Perzeption und Repräsentation in Europa und durch Europa wichtig geworden sind.

 

Kontrastierende Stimmen

Der erste Teil des Bandes beginnt mit Überlegungen des Amerikanisten Hartwig Isernhagen zu einem Perspektivenwechsel in der gegenwärtigen Historiographie der Entdeckungs- und Eroberungsgeschichte als Geschichte der europäisch-indianischen Interaktion auf dem nordamerikanischen Kontinent. Ausgehend vom Konzept des »Middle Ground« (Richard White) als Bezeichnung einer spezifischen historischen Phase diskutiert er dessen analytisches Potential im Spannungsfeld von problematischen Täter-/Opfergeschichten und moralischen Identitätsdiskursen. Das Konzept des »Middle Ground« basiert auf Gleichgewicht und Austausch zwischen den Kulturen. Als regulative Idee für die Lektüre historischer Quellen und historiographischer Texte verändert die Position des »Middle Ground« die Erzählung vom »großen Fortschritt« oder »definitiven Verlust« grundlegend: Er macht die Komplexität und Uneindeutigkeit dieser Geschichte – die »messiness of history« – sichtbar und zeigt alle an der Interaktion Beteiligten grundsätzlich als Subjekte, deren Stimmen mit Gewinn gehört werden können, auch wenn sie sehr unterschiedliche Reichweiten haben.

Diesen Stimmen geht die Historikerin Natalie Zemon Davis an vier exemplarisch ausgewählten Lebensgeschichten vom 16. bis zum frühen 19. Jahrhundert nach, um die engen Wechselwirkungen zwischen Erzählen und Zuhören zu untersuchen. Ins Zentrum ihrer Überlegungen stellt sie nicht den europäischen Blick, sondern die nicht-europäischen Sprecher. Dabei wird deutlich, wie nuancenreich und situationsabhängig die Stimmen der »Anderen« zu hören sind, geprägt von ihren unterschiedlichen Erfahrungen und Lebensbedingungen, aber auch vom jeweiligen Publikum und den verschiedenartigen Schreib- und Sprechsituationen. Davis plädiert dafür, Kulturkontakte auch als Ökonomie der Kommunikation zu analysieren und so die Handlungsspielräume aller an der Kommunikationssituation Beteiligten auszuloten.

Mit der Frage nach den verschiedenen Stimmen ist die Frage nach deren Authentizität aufs engste verbunden. In besonderem Maße gilt dies für koloniale Texte, denn seit Beginn hat sich der Entdeckungs- und Eroberungsdiskurs dadurch ausgezeichnet, dass er die Wahrhaftigkeit und Gültigkeit der Textaussagen über Strategien der Augenzeugenschaft und Authentizitätsbeteuerungen mit Nachdruck behauptet hat. In diesem Kontext gewinnt die aktuelle Debatte um Diskurs und Erfahrung an Bedeutung, die vor allem in der Selbstzeugnisforschung vehement geführt worden ist. Anhand von zwei autobiographischen Texten des 16. und 17. Jahrhunderts problematisiert der Historiker Kaspar von Greyerz diese prinzipielle methodische Frage und plädierte für die Möglichkeit einer körpergeschichtlich orientierten Textlektüre. Er schlägt vor, vor allem über Schmerz vermittelte Körpererfahrungen als Schlüssel zu verwenden, um in entsprechenden Selbstrepräsentationen individuelle Erfahrungen jenseits diskursiv vorgeprägter Muster aufzudecken.

Der Literaturwissenschaftler Jonathan Elmer nimmt die Problematik der Authentizität von einem anderen Ausgangspunkt her auf. In seinem Beitrag zur Poetik des Archivs thematisiert er am Beispiel von Olaudah Equianos »Interesting Narrative«, dass Erfahrung im Text erst hergestellt und damit immer schon transformiert werden muss; sie ist nicht als gegeben zugänglich. Damit wird deutlich, wie »Ereignis« und »Erfahrung«, zwei zentrale Kategorien in Autobiographien, gleichzeitig mit Bedeutung aufgeladen und in ihrer Glaubwürdigkeit untergraben werden. In dem der Sklave Equiano seine Lebensgeschichte als Autobiographie erzählt, passt er sich an einen europäischen Umgang mit Vergangenheit an, der dadurch gekennzeichnet ist, dass diese Vergangenheit ständig bearbeitet, überprüft und neu geschrieben werden muss. So entstehen Textdynamiken und ambivalente Spuren, die auf beunruhigende Weise unsere Zweifel an der Authentizität dieser Geschichte wecken.

 

Schillernde Markierungen

Im zweiten Teil des Bandes wird die schillernde und vieldeutige Repräsentation der Indigenen in europäischen Inszenierungen in ihrer Faszination und Ambivalenz zugleich thematisiert. Der Historiker Johan Verberckmoes setzt das Bild vom Gelächter der Indianer in Beziehung zu karnevalesken Vorstellungen einer ›Neuen Welt‹. Er kann zeigen, wie das Karneval-Ritual als Rahmung unterschiedliche Perspektiven auf die Einwohner dieser ›Neuen Welt‹ hervorgebracht hat: Waren in einigen Bildern Indianer als Figuren präsent, die im Lachen ihre eigenen, durchaus zwiespältigen Antworten auf Veränderungen präsentierten, denen sie sich nicht entziehen konnten, so nahmen spätere Texte ihr korruptes Gelächter als Resultat teuflischer Verführung wahr, während etwa höfische Ballette das »lustige Leben« der Indianer auf die Bühne brachten. Damit entstand ein ganzes Spektrum von Bildern, in denen die Indianer zum Spiegel für faszinierende wie auch beunruhigende Aspekte von Herrschaft und Überleben wurden.

Die Frage der Authentizität stellt sich als Frage nach Realismus und Eindeutigkeit auch für die bildlichen Repräsentationen der ›Neuen Welt‹. Am Beispiel von Albert Eckhouts Brasilienzyklus, der aufgrund seiner lebensgroßen Darstellungen von Indianern, Afrikanern und Luso-Brasilianern immer wieder als ethnographisches Dokument gelesen wurde, arbeitet die Kunsthistorikerin Viktoria Schmidt-Linsenhoff die von Eckhout eingesetzte Rhetorik der Hautfarben heraus und zeigt, wie der Ablauf der Bildfolge und ihre räumliche Platzierung notwendigerweise die Markierung und Positionierung des »weißen« Betrachters und seines Blickes hervorgebracht hat. Das auf diese Weise inszenierte Wechselspiel zwischen Betrachter und Bild(ern) vervielfältigt ebenso wie der von Eckhout bewusst eingesetzte illusionistische Realismus die Bedeutungsmöglichkeiten des Zyklus. Vor diesem schillernden Deutungshorizont stellt die Autorin ihre Lektüre zur Diskussion, die den Bildzyklus als utopischen Gesellschaftsentwurf einer brasilianischen Kolonie ohne Gewalt und Sklavenarbeit liest. Sie verbindet mit dieser Interpretation die Frage, inwiefern in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts ein kolonialer Gegendiskurs geführt werden konnte; eine Interpretation, die im kolonialen Kontext notwendig die Frage nach der Unterscheidung von Utopie und Verschleierung nach sich zieht.

 

Transformationen und Projektionen

Entwürfe und Formen des Umschreibens finden in kolonialen Texten und Bildern jedoch nicht nur in Gegenentwürfen im Hinblick auf Zukunft statt. Reformulierungen zur Verankerung der eigenen Kultur müssen vielmehr im kolonialen Diskurs zunächst vor allem in räumlich-kosmologischer Hinsicht stattfinden, ein Phänomen, das etwa in der Neupositionierung im Verhältnis zu den antiken geographischen Autoritäten breit untersucht ist. Sie müssen aber auch die eigene koloniale Gegenwart in zeitlich-chronologischer Hinsicht im Rahmen der Menschheitsgeschichte wie der Geschichte der eigenen Gesellschaft neu bestimmen.

Der Beitrag der Literaturwissenschaftlerin Margaret Bridges zur ersten großen nationalen Reisesammlung, den berühmten »Principall Navigations« von Richard Hakluyt vom Ende des 16. Jahrhunderts, zeigt, wie in England zusammen mit den kolonialen Projekten zugleich eine national orientierte Geschichtsschreibung als Genealogie für die neue Handels- und Kolonialmacht entstand, in der die Kolonisierung neuer Gebiete eng verknüpft wurde mit der kulturellen Kolonisierung der eigenen Vergangenheit. Diese Indienstnahme mittelalterlicher Materialien und ihrer selbst entfremdeter mittelalterlicher Reisender und Seefahrer beleuchtet exemplarisch die Rückwirkungen der kolonialen Expansion auf die Konstruktion der eigenen Identität(en) und den Prozess der inneren Kolonisierung. Die von Hakluyt praktizierte Form der Konstruktion einer spezifischen eigenen Vergangenheit mit nationalem Fluchtpunkt korrespondiert unmittelbar mit einer historisch konkreten Phase der von Anfang an durch europäische Konkurrenzen geprägten Kolonialgeschichte am Ende des 16. Jahrhunderts. Stand hier die besondere Legitimierung im Entstehen begriffener nationaler Interessen und Ansprüche im Zentrum, so ging es anderen Bildern und Texten darum, die ›Neue Welt‹ mit ihren Bewohnern in die Geschichte der Menschheit insgesamt zu integrieren. Auf diese Weise wurde sie nicht nur geographisch positioniert und fixiert, sondern zugleich auch in ein zeitliches Kontinuum zur ›alten Welt‹ gebracht.

Am Beispiel der Bildmotive des ersten Menschenpaares und der Wilden Familie einerseits, von Kannibalismusdarstellungen andererseits verfolgt die Kunsthistorikerin Hildegard Frübis die Verwandlung überlieferter Motive und Symbole in Zeichen der Repräsentation und Aneignung der ›Neuen Welt‹ und ihre Einordnung in zeitgenössische Zivilisations- und Geschichtskonzepte. Sie zeigt, wie ein zunächst gemeinsames christliches Bildrepertoire im Prozess der Kolonisierung konfessionell unterschiedlich angeeignet wurde. Waren die kolonialen Repräsentationen am Ende des 16. Jahrhunderts bereits deutlich vom Gegensatz zwischen den Konfessionen und Nationen geprägt, so zeichnete sich die Situation zu Beginn des Jahrhunderts und zugleich am Anfang des Kolonisationsprozesses durch größere Offenheit aus.

Mit dem Beitrag des Literaturwissenschaftlers Christian Kiening wird ein Text vorgestellt und auch als Edition zur Verfügung gestellt, der in einem konkreten chronologischen Moment entstanden ist, an dem eine u-topische Verortung zwischen verschiedenen Welten, Werten und Bedeutungshorizonten, zwischen West und Ost, Altem und Neuem, Fremdem und Vertrautem, Austausch und Beute, Goldland und christlicher Urgemeinschaft ebenso möglich wie verheißungsvoll erschien. Mit ihren zeittypischen Versatzstücken erweist sich auch diese Reisebeschreibung als »Reise der Imagination«, die in die eigene Welt zurückführt.

 

Formierung von Blicken

Im letzten Teil werden die Wirkungen von interkulturellen Kontakten und Repräsentationen der Neuen Welten nochmals explizit auf Europa zurückbezogen und im Hinblick auf die Etablierung von Blickregimen, Selbstdeutungen und Fremdwahrnehmungen untersucht. So geht der Kunsthistoriker Henry Keazor möglichen Parallelen in der Entdeckung, Beschreibung und Besetzung äußerer und innerer Welten nach. Am Beispiel von Theodor de Bry, dem Verleger der berühmten Sammlung der »west- und ostindischen Reisen«, stellt er zu Diskussion, wie sich durch den Blick auf die neue, »globale« Welt die Selbstwahrnehmung und -stilisierung des europäischen Gelehrten und Kupferstechers de Bry veränderte. Er verknüpfte in seinem Selbstportrait die Außen- und Innenwelten neu, indem er anstelle des Globus (s)einen Schädel platzierte und auf diese Weise den Entdeckungsdiskurs der entstehenden Kartographie mit dem zeitgenössischen Melancholiediskurs der Gelehrten und der »memento mori«-Thematik verband.

Die visuelle Umsetzung des fortschreitenden kolonialen Aneignungsprozesses verfolgt die Kunsthistorikerin Anna Greve am Beispiel der Darstellung der spanischen Eroberung durch Benzoni in der Sammlung der Verlegerfamilie de Bry. Sie diskutiert, wie hier im Kontext der spanischen Siedlungskolonisation Darstellungen von Interieurs dazu dienten, den Fortgang der Eroberung zu repräsentieren. Zugleich wird deutlich, dass diese Form der Inszenierung auch den Betrachter, der in den vorhergehenden Teilen der Sammlung als außenstehender Beobachter konstruiert worden war, neu positionierte und ihn direkt ins Geschehen einbezog.

Im letzten Beitrag kehrt der Ethnologe und Historiker Michael Harbsmeier die Perspektive um. Er fragt nach der Bedeutung des Konzeptes »Europa« für die Reiseliteratur des 17. Jahrhunderts und stellt im folgenden die fremden Blicke außereuropäischer Reisender auf Europa ins Zentrum. An drei verschiedenen Berichterstattern und ihren Erzählungen über ihre unterschiedlichen Erlebnisse auf verschiedenen europäischen Schauplätzen und mit Europäern außerhalb Europas zeigt er, wie groß die Vielfalt von Themen und Bildern war, die diese Begegnungen produzierten. Aufmerksamkeit zogen vor allem zwei Themenkomplexe auf sich, die in den Texten denn auch entsprechenden Raum einnahmen: Zunächst befremdete und faszinierte die Reisenden das Verhalten und die Behandlung der europäischen Frauen. Ganz besondere Verwunderung aber riefen die Repräsentationstechnologien mit ihren Illusions-Effekten und deren mimetischer Anspruch hervor. Sie manifestierten sich ebenso in der Malerei wie in mechanischen Apparaturen und lebenden Bildern und wurden als typisch europäisch wahrgenommen.