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Zeitsprünge

Forschungen zur Frühen Neuzeit

 

Band 10 (2006). In zwei Doppelheften. 
IV, 524 Seiten. € 62.–

 

Aus dem Inhalt von Heft 3/4:

II, 184 Seiten. Kt € 32.-

 

Sabine Lucia Müller: Romancing the (unhappy) queen. Emplotment frühneuzeitlichen weiblichen Königtums am Beispiel Mary Tudors (1553 – 1558)

Für 'Bloody' Mary Tudor, die im Gegensatz zu 'Englands Elizabeth' kaum als 'romantische' Protagonistin eines nationalen Narrativs einfiele, fungiert die Romanze als eine zentrale Erzählform. Romanzen verorten ihre ProtagonistInnen in einem stetigen Spannungsfeld von Handlungsmöglichkeit und Leidensfähigkeit. Als Hypotexte für die Repräsentation weiblicher Regierung entwerfen sie somit ein bestimmtes Geschlechterkonstrukt: Indem die Königin allmählich zur (unglücklich) Liebenden stilisiert wird, erscheint ihre Herrschaft problematisch. Obwohl die zunächst gleichartig scheinenden romanzenhaften Erzählungen über Mary I. in unterschiedlichen Zeit- und diskursiven Kontexten stark divergierende Funktionen einnehmen, (re)produziert das Erzählmodell der Romanze letztlich ein zitationales Ablösenarrativ von Mary zu Elizabeth: Marys romancing ist an das hegemonial protestantische narrative of the nation geknüpft und liegt im questing towards death.

Harald Bollbuck: Wissensorganisation und fromme Handlungsanleitung – die Ordnung der Historien bei David Chytraeus

Der Rostocker Theologe David Chytraeus (1530–1600) organisierte das historische Wissen an einer an Melanchthons loci theologici angelehnten Systematik. Zugleich formte sich eine eigene historische Topik aus. Die loci filterten die Lektüre, und die Lektüre erläuterte exemplarisch loci und Merksätze. Das Wissen um die Vergangenheit wurde normiert und vereinheitlicht. Historien bildeten ein handhabares Material für die Homiletik und Kontroverstheologie, arbeiteten am protestantischen Identitätsbild. Da sie aber Verhaltensnormen aufstellten und Tugenden zur Führung eines rechten Regiments formulierten, gerieten viele obrigkeitliche Maßnahmen in ein schlechtes Licht. Historien entfalteten dann subversives Potential.

Dana Jalobeanu: The Politics of Science and the Origins of Modernity. Building consensus in the Early Royal Society

The formation and consolidation of the English Royal Society in the second part of the seventeenth century has been widely regarded as one of the major points in the spreading the “scientific revolution”. This was partly because of the major success of the Early Royal Society in developing and disseminating a public discourse of science. Two were the major pillars upon which the public discourse of science was constructed: the common set of values for the new scientific community and the activity of creating (and imposing) rules and norms of conduct within the community.  Numerous attempts have been made recently to discuss the latter aspect. My paper argues against the attempt of reducing the common values of the modern scientific community to the question of rules of behavior. By discussing several examples, I try to show that what has been called the Republic of Letters was aggregated around a model of epistemological and moral behavior and moral rules associated with science. Such rules, however, and the moral model so created, were not, as has been claimed, purely social in character, but originated within a larger specific program for the reformation of knowledge, Bacon’s attempt to achieve a general reformation of both human learning and the moral self. I am also showing in what way, the techniques for building consensus within the Royal Society (and within the early modern science at large) have been shaped by such moral and religious values connected with the larger issue of the general reformation of the human being.

Jürgen Klein: Eastward Ho! Hakluyt’s Principal Voyage on English 16th Century Seafarers to the Baltic and Eastern Europe

Die Darstellung der Beziehungen zwischen England und Russland im 16. Jahrhundert, wie sie von Richard Hakluyt in seinen Principal Navigations überliefert wurde, setzt ein mit den schon unter Edward VI. begonnenen Handels-, Wissenschafts- und Kulturbeziehungen zwischen England und Russland, die natürlich auf der Folie politischer Interessen zu lesen sind. Die Aufnahme der Handelsbeziehungen zum Reich Iwans IV. und die nachherige Einrichtung der Muscovy Company dienten aber auch dazu, politische und ökonomische Schwierigkeiten zu kompensieren, die England in Europa zu bestehen hatte, etwa die Absatzprobleme für Wolle und Tuche auf Grund des Konflikts zwischen Spanien und den Niederlanden, sowie der Ausschluss vom Handel in der Ostsee durch die Hanse. Die Erkundung und Entdeckung Russlands brachte vor allem für das Elisabethanische England lebenswichtige Importe für Schiffsbau und -erhaltung, führte aber auch zu einer bedeutenden Erweiterung englischer Weltkenntnis, etwa durch die schwierigen Zugänge nach Persien, welche über das Mittelmeer kaum möglich gewesen wären auf Grund der Macht der Türkei und Venedigs. In der Erschließung Russlands eröffneten der praktische Sinn der Engländer sowie ihre intellektuelle Neugierde ein Wissen über den fernen europäischen Osten, der im 16. Jahrhundert in Europa einmalig war.

Daniel Damler: Pars pro toto. Die juristische Erfindung der Entdeckung Amerikas

Der Beitrag stellt die These zur Diskussion, dass die Ausformung des spezifischen Columbus- und Entdeckungsparadigmas ihren Ursprung hat in einem Rechtsstreit, den die Erben des Genuesen im 16. Jahrhundert mit der spanischen Krone austrugen. Der Jahre und Jahrzehnte währende Konflikt hat als ein stabiles, einzigartiges Agitations- und Erinnerungsforum Wirkung entfaltet und die Erinnerungskultur der Familie Colón und ihres Umfeldes maßgeblich geprägt. Es werden sowohl die zentralen juristischen Argumentationsmuster als auch die politischen Bedingungen des Prozesses rekonstruiert.

Christopher Pierce: Take Four: Another Perspective on Dutch Colonisation in New York

Three unlikely sources—Sebastiano Serlio's 'Architettura, Libro de prospettiva' (1545), Sir Thomas More's 'Utopia' (1516), and Sir Francis Bacon's 'Gesta Grayorum' (1594)—combine in this essay to construct the ideological entity of Manhattan Island. Alongside these three radical sixteenth-century views of the city, seventeenth-century Dutch West India Company records, individual accounts, and pertinent scientific and architectural treatises demonstrate how the general concepts of colonisation, and particular representations of city and building, were subject to an approach privileging the new, early modern science. This polemical illustration of colonial subjectivity overturns the classically defined socio-cultural perspective that has characterised historicism's typical mode of perception.