Zeitsprünge
Forschungen zur Frühen
Neuzeit /
Studies in Early Modern History, Culture and Science
Band 13 (2009). In zwei Doppelheften.
550 Seiten. € 72.
Vol. 13 (2009). In two double issues.
550 pages. € 72.-
Heft 1/2:
158 Seiten. Kt € 40.- /
Issue 1/2: 158 pages. Paperback € 40.-
Andreas
Mahler: Beginning
in the middle. Strategie und Taktik an den Inns of Court
Der
Beitrag geht aus von einer Aufführung des Troja-Stoffs auf der Bühne
einer der Rechtsschulen in London um 1600 und fragt nach deren kultureller
Bedeutung. Hierzu wird in einem ersten Schritt ein Modell historischer
Verhaltensanalyse skizziert und mit Michel de Certeaus Konzept einer
'Kunst des Handelns' zu vermitteln gesucht. Sodann wird das Milieu der
Londoner Rechtsschulen der Inns of Court in den Blick genommen und als Ort
besonderer Netzwerk- und Konstellationsbildung beschrieben, an dem
gesellschaftsstrategische Vorgaben durch individuelle Taktiken erprobt,
befragt und ausverhandelt werden konnten. Schließlich wird die Frage des
gesellschaftlichen Umbruchs um 1600 gestellt.
Thomas
Leinkauf: Leibniz und Platon
Leibniz
hat sich von Beginn seiner philosophischen Entwicklung an mit Platon beschäftigt
und im Laufe dieser Entwicklung auch bestimmte Kernthematiken und
Sachargumente Platons übernommen und weiterentwickelt. Der Beitrag
versucht zunächst, eine zusammenfassende Darstellung dieser 'Platonica'
in seinen Texten zu geben und dann, anhand dreier Beispiele das
Weiterwirken platonischer Grundmotive darzustellen und zu erläutern.
Tobias
Winnerling: »Man hat aber nicht
Ursache, auf dieses Auctoris Beschreibung von Formosa viel zu bauen«. Die
Insel Formosa in Zedlers Universal-Lexicon und bei George Psalmanazar
Das
frühneuzeitliche Europa verfügte über zwei Strategien, um Wissen über
Afrika, Amerika und Asien zu organisieren: Eine deskriptive,
gegenwartsorientierte, die sich für die Validierung ihrer Aussagen auf
Augenzeugenberichte stützte, sowie eine präskriptive,
vergangenheitsorientierte, die den Wahrheitsgehalt ihrer Behauptungen
durch eine Übereinstimmung derselben mit den traditionellen Topoi der
‚Fremde’ sicherte. Durch die präskriptive Form der Darstellung und
ihre Wiederholung lang tradierter, aber meist fiktiver Bilder des Anderen
wurde das zeitgenössische Europa weniger über die tatsächlichen
Gegebenheiten informiert als vielmehr seiner selbst versichert; im
negativen Spiegel des Nicht-Europäischen konnte sich der Leser seiner
Identität als Europäer noch einmal versichern, was der Hauptgrund dafür
war, dass diese Berichte trotz ihrer – verglichen mit
Augenzeugenberichten – teilweise offensichtlichen
Fehlerhaftigkeit so erfolgreich waren. Besonders so im Fall Asiens,
für das die europäische Tradition eine Flut von Topoi und Stereotypen
bereitstellte, mit denen der fremde Kontinent zu beschreiben war. Der
vollständig fiktive Bericht des George Psalmanazar über die Insel
Formosa (das heutige Taiwan) von 1704 und die extensive Nutzung eben
dieses Berichtes als Quelle für den Artikel über Formosa in Johann
Heinrich Zedlers Grossem Vollständigem Universal-Lexicon aller
Wissenschafften und Künste 1735 durch einen Autor, der mit deskriptiven
Beschreibungen der Insel ebenso vertraut war, zeigen auf, dass der präskriptive
Betrachtungsmodus noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts als eine
legitime Weltsicht Europas fungieren konnte.
Claus
Bernet: Größe und Erscheinungsort
des Himmlischen Jerusalem in der Frühen Neuzeit
Wird
das Himmlische Jerusalem als Utopie konkret, dann werden Fragen nach
numerischer Größe, dem Zeitpunkt und dem geographischen Ort des
Erscheinens relevant, ebenso wie die Zahl der möglichen Einwohner.
Diskutiert wurden diese Fragen im 17. Jahrhundert vor allem innerhalb der architectura
sacra. Analysiert werden in dem Beitrag Architekturvorstellungen von
Gregor Perlitius, Martin von Cochem, Christian Scriver, Nikolaus Goldmann
und Leonhard Christoph Sturm, Johann Wilhelm Petersen und Friedrich
Christoph Oetinger.
Es
wird untersucht, welche Vorstellungen und Konzepte diese Autoren innerhalb
der architectura sacra zur
Beschreibung des Himmlischen Jerusalem entworfen haben und mit welchen
Argumenten über Größe und Ort gestritten wurde, einschließlich der Berücksichtigung
konfessioneller Vorzeichen. Eine Klärung dieser Fragen war eine
entscheidende Voraussetzung, spätere Umsetzungsversuche der Utopie des
Himmlischen Jerusalem im 18. Jahrhundert Gestalt werden zu lassen.
Die
Rekonstruktion dieser Diskurse um das „wahre Aussehen“ der Gottesstadt
zeigt, dass Größe und Ort des Erscheinens, wenn die Utopie glaubhaft
sein sollte, einem bestimmten Realitätssinn folgen mussten und nicht ins
Imaginäre ausufern durften. Denn
die chiliastische Utopie war für den frühneuzeitlichen Menschen nicht
literarische Fiktionalität, sondern Teil seiner Lebenswirklichkeit und
muss daher in ihrem historischen Kontext zur Kenntnis genommen werden.
Michael
Spang: Anthropologie und Geschlechterbild in
Anna Maria van Schurmans Dissertatio über Frauenbildung
Die
niederländische Gelehrte Anna Maria van Schurman (1607-1678) veröffentlichte
1641 eine lateinische Schrift mit dem Titel Dissertatio
de ingenii muliebris ad doctrinam et meliores litteras aptitudine, in
der sie dafür plädierte, Frauen den Zugang zu wissenschaftlicher Bildung
zu öffnen. Dieser Abhandlung wird in der Forschung immer wieder eine auffällige
Ambivalenz attestiert: Van Schurman changiere in Fragen der
Geschlechteranthropologie zwischen einer progressiven und einer
konservativen Position und propagiere bisweilen ein traditionell
abwertendes Frauenbild, das im Widerspruch zum eigentlichen Impetus ihrer
Abhandlung stehe. Der Artikel analysiert im einzelnen Struktur und Inhalt
der in der Dissertatio vorgelegten
Argumentation und zeigt detailliert auf, welche anthropologischen,
epistemologischen und theologischen Argumente hier zusammengeführt
werden. Van Schurmans Haltung lässt sich auf dieser Basis vor dem
Hintergrund des zeitgenössischen Diskurses der Querelle
des femmes und im Kontext der biographisch für die Autorin prägenden
Einflüsse charakterisieren und einordnen.
Sabine
Blackmore:
Matchless and yet Melancholy? Weibliche Melancholie in den
Gedichten von Katherine Philips
Neuere
Forschungen verweisen zunehmend auf den genderspezifischen Charakter der
Melancholie. Dabei fällt auf, dass bis ins späte 17. Jahrhundert Frauen
in medizinischen Traktaten zur Melancholie, falls sie überhaupt berücksichtig
werden, lediglich eine marginale Rolle spielen. Auch das
pseudoaristotelische Konzept von der Melancholie als Prädisposition für
das intellektuelle und kreative (männliche) Genie schließt Frauen
rigoros aus dem Melancholiediskurs aus. Während die Dichter des 17.
Jahrhundert sich in zahlreichen Texten intensiv mit der Melancholie
auseinandersetzen, scheint es nur sehr wenige Texte von zeitgenössischen
Dichterinnen zu geben, die dieses Thema literarisch verhandeln. Dabei überraschen
ihre Texte oftmals durch einen ungewöhnlichen Umgang mit diesem
virulenten Phänomen ihrer Zeit.
Der
Aufsatz untersucht, wie die frühneuzeitliche Dichterin Katherine Philips
– von ihren Zeitgenossen als matchless Orinda gepriesen – versucht, sich entgegen den geltenden
Genderkonventionen im männlich definierten Diskurs der literarischen
Melancholie zu positionieren, ohne dabei ihre minutiös konstruierte
Selbstdarstellung und Reputation in Frage zu stellen. Dabei gelingt es
Philips in den hier analysierten Gedichten, das zeitgenössische
Melancholiekonzept zu transformieren, um sich zugleich als matchless
and yet melancholy zu stilisieren.
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