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Vittorio Klostermann und sein Verlag

Vittorio Klostermann und sein Verlag

 

Einleitung

 

      Vittorio Klostermann (1902-1977): Bleistiftzeichnung von Günter Schulte (1976)
      Vittorio Klostermann (1901–1977): Bleistiftzeichnung von Günter Schulte (1976)
       

Dass der Verlag Vittorio Klostermann einen bibliographischen, einen germanistischen, einen romanistischen, einen rechtswissenschaftlichen, ja sogar einen anthroposophischen Veröffentlichungsschwerpunkt hat, ist oft selbst denjenigen nicht gegenwärtig, die ihm nahe stehen. Die Mitglieder der einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen sind geneigt, ihn aus ihrer jeweils eigenen Arbeit her zu identifizieren und die Bandbreite seiner Veröffentlichungen zu unterschätzen.

Dass Klostermann jedoch einer der führenden philosophischen Verlage in Deutschland war und ist, und dass philosophische Bücher den hervorragenden Schwerpunkt bilden, dürfte allgemein bekannt sein. Es waren auch zu einem großen Teil Vertreter des Faches Philosophie, mit denen Vittorio Klostermann in den ersten Jahren begann. So ist die allgemeine Geschichte des Verlages und die seines philosophischen Programms nicht voneinander zu trennen und wird zu Beginn dieses Abrisses in einer Zusammensicht behandelt.

Die Skizze der Verlagsgeschichte legt besonderes Gewicht auf die Gründungs- und Konsolidierungsjahre des Unternehmens. Hier liegen die Schnittstellen für die inhaltliche Orientierung und die Grundentscheidungen, um was für eine Art von Verlag es sich handeln sollte. Vittorio Klostermann wusste ziemlich genau, was er wollte und was er nicht wollte. Er wollte jedenfalls einen seriösen und soliden geisteswissenschaftlichen Verlag, der sich nicht verzettelte, sondern übersichtlich blieb, der hohen Standards der Buchproduktion genügte, einen Verlag, der engsten Kontakt zu seinen Autoren hielt, der das verlegerische Risiko berechenbar sein ließ, der sich Moden, z.B. dem zeitweiligen Übermaß an soziologisierender und psychologisierender Literatur, verschloss usw. Nach dem Tod des Gründers am 29. August 1977 konnten seine Söhne das geschaffene Werk so fortführen, wie es übergeben wurde. Es bedurfte in der Folgezeit nur noch einiger Akzentsetzungen, z.B. der Berücksichtigung auch der modernen analytischen Philosophie, um das Unternehmen zeitgemäß zu halten, und einiger Zukäufe, um das Programm abzurunden.

Die Akzente, die der Verlag heute setzt, sind erst zu einer späteren Zeit beurteilbar. Befinden aber lässt sich über seine Bedeutung für die Geschichte der in ihm vertretenen wissenschaftlichen Disziplinen, soweit es sich um die Zeit etwa bis zum Jahr 1980 handelt. Die großen wissenschaftlichen Reihen, die in zuverlässiger Kontinuität von hervorragenden Vertretern des jeweiligen Faches besorgt werden, waren bis zu diesem Zeitpunkt begründet, die große Ausgabe der Schriften Martin Heideggers auf gesichertem Wege.

In jedem Jahr erscheinen gewichtige Monographien, häufig sind es die den jeweiligen Stand der Forschung besonders repräsentierenden Habilitationsschriften jüngerer Gelehrter, so dass der Verlag mit einem gewissen Stolz darauf hinweisen kann, dass sich bei ihm die Erstlingsschriften später dann erfolgreicher Wissenschaftler häufen. Dass Deutschland nicht mehr die weltweit führende Stellung in den Geisteswissenschaften hat, dass neue Entwürfe im Fach Philosophie zur Zeit eher im angelsächsischen Sprachraum entstehen, wirkt sich auch auf die Arbeit des Verlages aus. Er kann nur veröffentlichen, was ihm im deutschsprachigen Bereich auffällt und was ihm angeboten wird. Es gibt aber gegenwärtig ein sehr hohes Niveau im Bereich der Sekundärliteratur, die den Vergleich mit früheren Veröffentlichungen in keiner Weise scheuen muss.

Von Siegfried Blasche

 

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