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Vittorio Klostermann und sein Verlag

 

Die Anfänge (II)

 

    Friedrich Cohen
  Friedrich Cohen (1836–1912)

Vittorio Klostermann gründete daher am 1. Oktober 1930 in Frankfurt am Main einen eigenen Verlag und ein Antiquariat. Der Verlag von Friedrich Cohen wurde im Jahr 1933 mit allen Beständen und Rechten an Gerhard Schulte-Bulmke verkauft. Ein Kauf durch Vittorio Klostermann schied zum einen aus finanziellen Gründen aus, aber auch deshalb – wie er an Walter F. Otto schrieb –, weil er Elemente enthielt, die er nicht übernehmen und fortführen mochte. – Auch hier gibt es eine rundende Wiederkehr. Die Söhne Vittorio Klostermanns konnten im Jahr 1985 ihrerseits den Verlag von Schulte-Bulmke in ihr Unternehmen integrieren, und so wurden die inzwischen in vielen Auflagen erschienenen, einst von Vittorio Klostermann für Cohen eingeworbenen Bücher Karl Mannheims und Walter F. Ottos gewissermaßen heimgeführt.

In den Jahren bis 1933, in denen der Verlag von Friedrich Cohen eigentlich nicht mehr tätig war, versuchte Vittorio Klostermann – mit Erfolg –, Neuproduktionen bedeutender Autoren dieses Verlages an sich zu ziehen. Es gelang ihm schließlich mit Unterstützung Martin Heideggers, der gern mit dem jungen Verleger zusammenarbeiten wollte, vom Verlag Schulte-Bulmke die Rechte an dem im Jahr 1929 noch bei Friedrich Cohen erschienenen und von Klostermann besorgten Buch Kant und das Problem der Metaphysik und an der Freiburger Antrittsvorlesung Was ist Metaphysik? zu erwerben.

Autoren, die gewissermaßen aus der Konkursmasse Cohen gewonnen werden konnten, waren – neben Martin Heidegger – Hanns Wilhelm Eppelsheimer, Hans Lipps, Walter F. Otto, Karl Reinhardt und Kurt Riezler. Durch den Verleger veranlasst und vermittelt haben in den Jahrzehnten nach der Gründung viele der Autoren einander persönlich kennen gelernt, so etwa Heidegger und Friedrich Georg Jünger. Aus verschiedenstem Anlass kam es zu Treffen auf Heideggers Hütte, in Frankfurt am Main, das ein idealer Halt bei Durchreisen war, in Freiburg i.Br. und nicht zuletzt auf verabredeten Wanderungen. Die Verlagsproduktion wurde den Hauptautoren zugeschickt, und so zeigt die Verlagskorrespondenz vielfältige kommentierende Reaktionen von den verschiedenen Seiten auf die Veröffentlichungen, die für die Orientierung des Verlegers wiederum hilfreich waren.

 

   
Verlagshaus in der Klüberstraße    

 

Es war wesentlich das Vertrauen der Autoren in die Person des Verlegers und deren aktive Beratertätigkeit, die das Wagnis einer Verlagsgründung in der schweren Zeit der Wirtschaftskrise gelingen ließ. Das Fehlen eines – für den jungen Verlag viel zu teuren und aufwendigen – wissenschaftlichen Lektorats wurde durch den intensiven Briefwechsel mit den Autoren kompensiert. Die geisteswissenschaftliche Ausrichtung des Verlages umfasste viele Gebiete, die eine Person für sich allein in keiner Weise abzudecken vermochte, und es war ja ein "Ein-Mann-Verlag". Noch heute sind es wesentlich Autoren und in den jeweiligen Fachgebieten ausgewiesene Freunde, auf deren Kompetenz der Verleger bei seinen Entscheidungen im Zweifelsfall zurückgreifen kann. In seiner Dankesrede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde im Jahr 1961 in Freiburg i.Br. hob Vittorio Klostermann, sich selbst und das Risiko des Verlagsgeschäfts einschätzend, hervor: "Ein Verleger ist und bleibt [...] ein Dilettant. Es ist eine merkwürdige Rolle, die er zu spielen hat, daß er ständig Dinge aufgreift, vorantreibt und ihnen zur Realisierung verhelfen muß, über die ihm ein endgültiges Urteil nicht zusteht. Er kann seine Rechtfertigung nur in dem Erfolg seiner Autoren finden."

In besonders verdienstvoller Weise beriet bis zum Jahr 1945 der emeritierte Finanzwissenschaftler Wilhelm Gerloff, von dem insgesamt sechs Bücher – vor allem zur Theorie des Geldes – veröffentlicht wurden, den Verleger. Auf diese Weise erschienen, wenn auch nicht im eigentlichen Sinne als ein Schwerpunkt des Verlages, eine Reihe von volkswirtschaftlichen Büchern. Gerloff war der letzte gewählte Rektor der Frankfurter Universität vor 1933. – Darüber hinaus zeigt der umfängliche Briefwechsel aus den Anfangsjahren, allen voran der mit Martin Heidegger, Max Kommerell, Hans Lipps, Karl Mannheim, Walter F. Otto und Karl Reinhardt, in wie starkem Maße der Verleger auf seine Autoren zählen konnte. Beratend tätig war anfangs auch Herman Nohl, ein Schüler Wilhelm Diltheys. Als Autor blieb Herman Nohl allerdings beim Verlag Schulte-Bulmke.
 

        Verlagshaus Frauenlobstraße
      Verlagshaus in der Frauenlobstraße
       

In allen Briefen mit seinen Autoren wird auf ein genau bezogenes stabiles Verhältnis von Distanz und Nähe geachtet. Die einzige Beziehung, bei der es zu einem „Du" kam, war die, dazu noch von dritter Seite veranlasste, zu Hugo Friedrich. Meist waren die Briefe der Autoren, z.B. die des Freundes Friedrich Georg Jünger, im Ton persönlicher gehalten als die des Verlegers. Politische Äußerungen während der Nazizeit blieben die Ausnahme. Lediglich Friedrich Georg Jünger ergeht sich gelegentlich in Andeutungen zur geschichtlichen Lage: "In den öffentlichen Proklamationen finde ich immer wieder einen Fatalismus, der mich an die Züge der Lemminge erinnert, die sich ins Meer stürzen." (Februar 1943) – Der Hitlergruß findet sich in der umfangreichen Verlagskorrespondenz lediglich auf amtlichen Schreiben und etwa in dem kleinen Briefwechsel mit Alfred Baeumler, der für das Amt Rosenberg arbeitete. Auf Anwürfe von politischer Seite, dass in einigen Büchern des Verlages auch jüdische Autoren zitiert bzw. in Bibliographien aufgeführt wurden, reagierte Klostermann gelassen und geschäftsmäßig, unter Hinweis auf die internationale wissenschaftliche Reputation des Verlages. Ganz im Unterschied zu der Zeit nach dem Kriege hielt sich der Verleger weitgehend von der politisierten und gleichgeschalteten buchhändlerischen Verbandsebene fern.

Dass es nichts nutzte, gegen nationalsozialistische Machtsprüche zu argumentieren, war Vittorio Klostermann bewusst. Er schrieb an Eduard Baumgarten, der wegen seiner eigenen Veröffentlichung zur amerikanischen Philosophie meinte, man solle die Behörden zugunsten des Vertriebs seines Buches auf den Unterschied zwischen einem guten Amerika und dessen inakzeptablen Präsidenten (Franklin Delano Roosevelt) aufmerksam machen: "Wenn vom Propagandaministerium oder von der Reichsschrifttumskammer einem Verlag die Mitteilung gemacht wird, dass eine bestimmte Literaturgattung unerwünscht und vorläufig oder endgültig einzustellen ist, so besteht für den Verleger nicht die Möglichkeit sich hierüber mit noch so guten politischen Argumentationen hinwegzusetzen." (Brief vom 11. November 1941)

Es dauerte Jahre, bis sich das Verlagsunternehmen selbst trug. Bis zum Jahr 1938 musste die parallele Führung eines Antiquariats zur Deckung der Verlagskosten und des Lebensunterhalts beitragen. Im Jahr 1937 hatte Vittorio Klostermann die Schauspielerin Helene Gries geheiratet. Im Jahr 1939 wurde der erste Sohn Michael geboren. Aus den ersten Kriegsmonaten, in denen Helene Klostermann bei dem bedeutenden Kunsthistoriker Theodor Hetzer in Überlingen wohnte, resultierte deren für den Verlag folgenreiche Bekanntschaft mit den ebenfalls in Überlingen ansässigen Brüdern Jünger, die auf diese Weise auch den Verleger kennenlernten. Friedrich Georg Jünger veröffentlichte seine Bücher ab 1943 im Verlag von Vittorio Klostermann, Ernst Jünger von 1949 bis 1956 und dann noch einmal 1963 (Geheimnisse der Sprache). Hetzer war einer der ersten Autoren des neu gegründeten Verlages. Im Jahr 1935 veröffentlichte er sein Buch Tizian. Geschichte seiner Farbe. Seine Arbeit über Dürers Bildhoheit erschien 1939, Giotto. Seine Stellung in der europäischen Kunst im Jahr 1941.

          Von Siegfried Blasche

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