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Das philosophische Programm

Das philosophische Programm

 

Martin Heidegger (1889–1976)  und sein Schülerkreis

 

        

Martin Heidegger (1889–1976)

    Martin Heidegger (1889–1976): Aufnahme von 1919
© Nachlass Heidegger

Bis zum Jahr 1943 hatte Martin Heidegger selbst noch nichts bei Klostermann veröffentlicht. Gleichwohl gab es über den ganzen Zeitraum seit dem Jahr 1929 einen intensiven Briefwechsel und viele Begegnungen. Mit der Verabredung zur Zusammenarbeit zwischen Heidegger und Klostermann Anfang der dreißiger Jahre war die folgenreichste Entscheidung des Verlegers gefallen; sie sollte das programmatische Gesicht des Verlages am meisten prägen. Heideggers Wirkung auf Vittorio Klostermann spiegelt sich in der jenem vorbehaltenen Grußformel am Ende der Briefe über die Jahrzehnte hinweg wider: "[...] in großer Verehrung und Hochachtung".
 
Der Beratertätigkeit Martin Heideggers in den ersten Jahren nach der Gründung des Verlages kommt eine besondere Bedeutung zu. So fragte Vittorio Klostermann im Januar 1931 bei ihm an, ob er die Veröffentlichung der Arbeit Hegels Ontologie und die Grundlegung einer Theorie der Geschichtlichkeit, mit der sich Herbert Marcuse bei Heidegger habilitiert hatte, empfehlen könne. Marcuse hatte der Verleger zuvor über den Romanisten Werner Krauss in Marburg kennen gelernt. In gleicher Weise erging Anfang 1933 eine Anfrage wegen Wilhelm Weischedels bei Heidegger entstandener Doktorarbeit Über das Wesen der Verantwortung. Es war hier nicht Heidegger, der von sich aus diese Bücher empfohlen hatte. Erst auf die Rückfrage hin sprach er sich für ihre Veröffentlichung aus.

Zum direkten Kreis um Heidegger zählte der später emigrierte Karl Löwith mit seinem im Jahr 1933 bei Klostermann erschienenen kleinen Buch Kierkegaard und Nietzsche, bei dem es allerdings der Verleger im Katalog von 1942 nicht mehr für angezeigt hielt, ihn aufzuführen. Dass der "Halbjude" Löwith, wie es in einem rassenpolitischen Gutachten schon 1934 formuliert wurde, von Heidegger habilitiert worden war, wurde von der politischen Seite her ausdrücklich negativ vermerkt. Im Jahr 1934 veröffentlichte Otto Friedrich Bollnow Das neue Bild des Menschen und die pädagogische Aufgabe, 1941 das seither in vielen Auflagen erschienene Buch Das Wesen der Stimmungen. Im Jahr 1934 ging Hans-Georg Gadamers Plato und die Dichter in Druck, bei dem wiederum Otto und Reinhardt Pate standen; 1941 folgte Gadamers kleine Schrift über Volk und Geschichte im Denken Herders. 1935 erschien Walter Bröckers Aristoteles-Buch, das inzwischen in fünfter Auflage vorliegt. Der Meister Eckhart von Käte Oltmanns, der späteren Ehefrau Bröckers, wurde im selben Jahr veröffentlicht.

Neben Hans-Georg Gadamer und Karl Löwith war Gerhard Krüger der dritte Autor, der sich Ende der zwanziger Jahre in Marburg habilitiert hatte und nun bei Klostermann veröffentlichte. Krüger hatte bei Rudolf Bultmann, Paul Natorp und Nicolai Hartmann studiert und sich dann unter dem Einfluss Heideggers der Philosophie Kants zugewendet. Sein bedeutendes Buch Einsicht und Leidenschaft. Das Wesen des platonischen Denkens, das sich an Platons Gastmahl orientiert und dem philosophischen Eros gewidmet ist, erschien im Jahr 1939. In einem weiten argumentativen Bogen wird hier Platons eigentümlich ambivalente Bewertung des Mythos und der Dichtung im Zusammenhang mit der Philosophie, das Genügen und Ungenügen des Logos und die Gebundenheit und Verwiesenheit der Philosophie auf die Religion behandelt. Zu Krügers sechzigstem Geburtstag konnte der Verlag eine Festschrift Einsichten für seinen schwer erkrankten Autor veröffentlichen, u.a. mit Beiträgen wiederum der einstigen Marburger Kollegen und Freunde Gadamer und Löwith. Zuvor erschienen im Jahr 1958 von Krüger noch die inzwischen leider vergriffenen Grundfragen der Philosophie. Geschichte – Wahrheit – Wissenschaft, zu denen Gadamer in den ebenfalls im Verlag von Vittorio Klostermann erschienenen Philosophischen Lehrjahren (1977) schreibt: "Es war dem Verlag Klostermann und der Hilfe seiner [= Krügers] Freunde [...] zu danken, daß aus Krügers Vorlesungen ein Buch zur Einführung in die Philosophie veröffentlicht werden konnte, das die Stimme des verstummten Lehrers und die gediegene Klarheit seiner Gedanken noch einmal weiteren Kreisen vernehmbar machte [...]."

Auf den besonders engen Kontakt unter den Autoren – die "Marburger" kamen oft nach Frankfurt am Main und trafen hier mit Kommerell, Reinhardt, Riezler u.a. zusammen – blickte Klostermann in einem Brief an Krüger im Jahr 1957 zurück, den nun weitgehend nur noch geschäftsmäßigen Umgang bedauernd: "Es ist merkwürdig, dass trotz aller Steigerung der Kommunikationsmittel die bestehenden Verbindungen die Neigung haben, schwächer zu werden. Nur sporadisch und in aller Eile tauchen Menschen auf. Von dem lebensvollen und engen Kontakt ist jedenfalls nichts mehr zu spüren, der in den dreißiger Jahren in Frankfurt herrschte."
 

Hans-Georg_Gadamer    

Hans-Georg Gadamer (1900–2002)
© privat

 

   

Die beginnenden und endenden dreißiger Jahre waren also in der philosophischen Ausrichtung von Heideggers engerem und weiterem Schülerkreis dominiert. An eingereichten Arbeiten über sich selbst zeigte Heidegger kein Interesse und lehnte sie ab. Sie genügten seinen Ansprüchen nicht. Aber Heidegger hatte auch über seinen eigenen Schülerkreis hinaus eine Beraterfunktion inne. Otto Julius Hartmann, später mit neun Titeln im Verlagsverzeichnis vertreten und Hauptautor des anthroposophischen Schwerpunkts des Verlages, dann wegen der geistigen Ausrichtung der von ihm vertretenen Anthroposophie in den vierziger Jahren verboten, wurde auf die Empfehlung Heideggers hin Autor. Eine Nachfrage erging an Heidegger im Jahr 1937 wegen Wilhelm Kamlah, der vorhabe, ein Semester in Freiburg i.Br. zu studieren. Dessen Christentum und Selbstbehauptung. Historische und philosophische Untersuchungen zur Entstehung des Christentums und zu Augustins "Bürgerschaft Gottes" erschien im Jahr 1940. Hier etwa holte Klostermann außer bei Heidegger noch Stellungnahmen von Bollnow, Lipps, Krüger und Joachim Ritter ein, der sich, gerade selbst mit einem Buch über Augustinus (Mundus Intelligibilis. Eine Untersuchung zur Aufnahme und Umwandlung der neuplatonischen Ontologie bei Augustinus) im Verlag vertreten, sehr ausführlich und positiv gutachterlich äußerte. Klaus Reich wandte sich im Jahr 1936 wegen einer Empfehlung für Klostermann an Heidegger, vermutlich mit der kleinen Schrift Kant und Rousseau, und Heidegger empfahl einige Abänderungen. Hier entschied der Verleger selbständig: "Herrn Dr. Reich habe ich sein Manuscript zurück geschickt. Das Manuscript ist kurz und mir scheint sein Inhalt nicht gewichtig genug, um eine Einzelveröffentlichung zu rechtfertigen." Das Buch Hermann Mörchens über Gott und Tod, der mit einer bedeutenden Arbeit zu Kants Theorie der Einbildungskraft von Heidegger in den zwanziger Jahren promoviert worden war, lehnte Klostermann ebenfalls von sich aus ab.

Dass der bis dahin in Göttingen lehrende Hans Lipps den Frankfurter Lehrstuhl für Philosophie erhielt, ging auf eine direkte Empfehlung Heideggers zurück. Lipps wiederum empfahl die Veröffentlichung von Eduard Baumgartens Die geistigen Grundlagen des amerikanischen Gemeinwesens, dessen erster Band über Benjamin Franklin. Der Lehrmeister der amerikanischen Revolution im Jahr 1936 und dessen zweiter Band Der Pragmatismus. R. W. Emerson, W. James, J. Dewey im Jahr 1938 erschien. Heidegger, bei dem Klostermann sich erkundigte, antwortete: "Über Herrn Dr. Baumgarten sich zu äußern, möchte ich Sie bitten mir zu ersparen."

Seit dem Jahr 1946 kursiert in Abschrift, deren Authentizität Heidegger bestritt, ein überaus negatives Gutachten Heideggers über Baumgarten vom 16. Dezember 1933. In Göttingen ging es um die Besetzung des philosophischen Lehrstuhls, die sich immer wieder verzögerte. Kurt Riezler fragte bei Klostermann wegen eines "Heideggerkrachs" in Göttingen an, von dem er gehört habe, und Klostermann antwortete am 14. Dezember 1935: „Von einem Heideggerkrach in Göttingen ist mir nichts bekannt. Ich habe nur gehört, dass der Dekan abgerufen worden ist, weil er zugelassen hat, dass eine Liste herausgegangen ist, auf der H. [Heidegger] an erster Stelle gestanden hat. Krüger bekommt den Lehrstuhl wahrscheinlich auch nicht, sondern ein Mann, von dem in nächster Zeit in meinem Verlag ein Werk erscheint, namens Baumgarten."

Von Heideggers negativer Stellungnahme zu Baumgarten ließ sich der Verleger also in diesem Fall nicht beeindrucken und folgte hier der Empfehlung von Lipps. Beeindruckt dagegen war er wohl von Heideggers Bemerkung über den ebenfalls von Lipps empfohlenen Josef König. Dieser war neben Lipps und Georg Misch einer der Hauptvertreter der sogenannten hermeneutischen Logik. "Dr. König hat vor Jahren ein Buch geschrieben, das sehr verworren und schwulstig war", schreibt Heidegger. Königs Sein und Denken erschien dann im Jahr 1937 nicht bei Klostermann, sondern bei Niemeyer in Halle. Georg Misch wiederum ist nicht mit seinen im engeren Sinne philosophischen Schriften Autor des Verlages geworden, sondern mit seiner bedeutenden und umfänglichen Geschichte der Autobiographie, und dies erst dadurch, dass der Verlag Vittorio Klostermann im Jahr 1985 den Verlag Schulte-Bulmke, der Misch unter Vertrag hatte, übernahm.

Von Siegfried Blasche

 

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