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Das philosophische Programm

Das philosophische Programm

 

Die sechziger und siebziger Jahre

 

Auch in der Folgezeit gelang es dem Verleger, führende Vertreter des Faches Philosophie an sein Unternehmen zu binden. Der Schüler des Breslauer Neukantianers Richard Hönigswald, Wolfgang Cramer, wurde mit seiner Grundlegung einer Philosophie des Geistes (1957), mit Spinozas Philosophie des Absoluten (1966) und mit Gottesbeweise und ihre Kritik. Prüfung ihrer Beweiskraft (1967) Autor des Verlages.

 

     Friedrich Goerg Jünger  (1898–1977) und Wolfgang Cramer (1901–1974)
    Friedrich Goerg Jünger  (1898–1977) und Wolfgang Cramer (1901–1974)
© privat

 

Ihm wurde eine von Dieter Henrich und Hans Wagner herausgegebene Festschrift Subjektivität und Metaphysik (1966) gewidmet, in der u.a. Dieter Henrichs berühmter Aufsatz zur Theorie des Selbstbewusstseins, Fichtes ursprüngliche Einsicht, veröffentlicht worden ist. Wolfgang Cramer versuchte, den erkenntnistheoretisch sich begrenzenden Neukantianismus zu einer Philosophie des Absoluten zu entwickeln. Seit Anfang der sechziger Jahre Inhaber eines Extraordinariats an der Frankfurter Universität, schlug er – in der Diktion unduldsam – einen genuinen spekulativen Weg in der Überwindung der Transzendentalphilosophie ein, der keine Nähe zu den zeitgenössischen Strömungen hatte, sei es hier die offene Dialektik Theodor W. Adornos, sei es die Daseinsanalytik oder Seinsphilosophie Martin Heideggers oder seien es auch die an Ludwig Wittgenstein anschließenden analytischen Strömungen.

 

Arnold Gehlen (1904–1976)      
Arnold Gehlen (1904–1976)
© Foto Preim, Aachen
   

Wenige Jahre vor seinem Tod konnte Vittorio Klostermann den Aachener Philosophen Arnold Gehlen, neben Max Scheler und Helmuth Plessner der bedeutendste Vertreter der philosophischen Anthropologie in Deutschland, dazu einer der profiliertesten Zeitkritiker der Nachkriegszeit, für seinen Verlag gewinnen. Es ergab sich ein besonders herzlicher und vertrauensvoller Briefwechsel, in dem Gehlen einmal klagte: "Verärgert bin ich doch über die Dreistigkeit, mit der Schelsky meine Gedanken abzapft. [...] Ich werde als Autor entweder bestohlen oder beschwiegen [...]." Im Jahr 1975 erschienen Gehlens Einblicke, im Jahr 1986 die in das Verlagsprogramm übernommenen Zeit-Bilder. Zur Soziologie und Ästhetik der modernen Malerei in dritter Auflage. Seit dem Jahr 1974 planten Gehlen und der Verleger eine zehnbändige Gesamtausgabe der Werke. Sie wird von Karl-Siegbert Rehberg seit 1978 herausgegeben und umfasst inzwischen sechs Bände.

Unter den Martin Heidegger nahestehenden Autoren ist Eugen Fink mit vier Veröffentlichungen zu nennen, darunter Hegel. Phänomenologische Interpretation der "Phänomenologie des Geistes" (1977) und Traktat über die Gewalt des Menschen (1974), dazu das mit Heidegger 1966/67 gemeinsam abgehaltene Heraklit-Seminar (1977). Ferner ist Karl-Heinz Volkmann-Schluck mit insgesamt acht Veröffentlichungen hervorzuheben, hier vor allem mit der in vier Auflagen erschienenen Einführung in das philosophische Denken (1975). Auch Werner Marx, der Nachfolger Heideggers auf dem Freiburger Lehrstuhl, ist mit drei Titeln im Verlagsprogramm präsent. Schließlich ist der Würzburger Philosophieprofessor Rudolph Berlinger zu nennen, mit dessen Buch Das Nichts und der Tod im Jahre 1954 eine enge Zusammenarbeit begann. Im Jahr 1964 begründete Berlinger die Reihe Quellen der Philosophie, in der große Texte der Philosophiegeschichte – insgesamt erschienen dreizehn Titel – zugänglich gemacht wurden. Die Reihe begann mit einer wohlfeilen Ausgabe von Husserls Philosophie als strenge Wissenschaft und brachte damit den ersten Husserl-Studientext auf den deutschen Markt.

Der Verlag Klostermann hat es sich nicht als vorrangige Aufgabe gesetzt, Originaltexte der philosophischen Tradition herauszugeben. Die dennoch zahlreichen Titel, die sich in den Reihen Philosophische Texte, Quellen der Philosophie und Klostermann Texte Philosophie finden, sind meist kleinere, bedeutende Einzeltexte und sind, mit Kommentaren versehen, für die Zwecke des Studiums besonders geeignet. Sie werden gern im Universitätsbetrieb zu philosophischen Übungen herangezogen. Im Fach Philosophie ist der Verlag Klostermann jedoch wesentlich ein Verlag der originären zeitgenössischen Philosophie und der Sekundärliteratur.

Von Siegfried Blasche

 

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