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Das philosophische Programm

Das philosophische Programm

 

Die Nachkriegszeit

 

Es begann nun eine Zeit besonderer Aktivität. Trotz der anhaltenden großen Ungewissheit in Bezug auf die Papierzuteilung, noch einige Jahre nach Kriegsende eine der Hauptsorgen des Verlegers, gelang es, bis zum Jahr 1949 eine erhebliche Zahl neuer Titel zu verlegen; allein von Friedrich Georg Jünger erschienen neun Bücher, teilweise in mehreren Auflagen. Hinzu kam das besondere Engagement des Verlegers in den Institutionen des Buchhandels, die es in den Westzonen – vornehmlich in Frankfurt am Main – neu zu begründen galt.

Vittorio Klostermann erkannte nach dem Krieg sehr schnell, dass eine Fortführung der buchhändlerischen Verbandstätigkeit mit dem Standort Leipzig nicht möglich war. Mit anderen Verlegerkollegen betrieb er deshalb konsequent den institutionellen Aufbau in Frankfurt am Main. Zunächst waren in Zusammenarbeit mit den Besatzungsmächten viele Fragen zu klären: Wie sollte die Papierzuteilung organisiert werden? Welche Verlage erhielten nach welchen Kriterien Lizenzen? Welche Bücher durften in welcher Auflagenhöhe erscheinen? Wie war mit Übersetzungen zu verfahren, wie mit dem Export von Büchern? Und dann gab es damals das Problem der Preisüberwachung. Klostermann wurde ein führendes Mitglied im Hauptausschuss für Informationskontrolle und im Arbeitsausschuss für wissenschaftliche Bücher beim Länderrat der amerikanischen Zone. Neben Herbert Cram, Carl Hanser, Felix Meiner, Lambert Schneider und Ferdinand Springer gehörte Klostermann der sich regelmäßig treffenden und absprechenden Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlicher Verleger an. Ohne die Initiative Klostermanns, der für einen erheblichen finanziellen Beitrag einstand, hätte die erste Frankfurter Buchmesse, eine Veranstaltung des Hessischen Buchhändler- und Verlegerverbandes in der Paulskirche, nicht stattfinden können. Schließlich war Klostermann in den Jahren 1948/49 der erste Vorsitzende des neu gegründeten Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der damals zunächst nur die Verleger- und Buchhändlerverbände vereinigte und erst 1955 die Einzelmitgliedschaften von Verlegern und Buchhändlern zuließ. Darüber hinaus war er Mitbegründer der Deutschen Bibliothek. Für seine Verdienste wurde er vom Börsenverein mit der Friedrich-Perthes-Medaille geehrt.

Die Tätigkeit für die Institutionen des Buchhandels und der Verlagssitz in Frankfurt am Main hatten zur Folge, dass nun wesentliche Publikationen für das Bibliothekswesen bei Klostermann verlegt wurden. Die Beziehungen zur Johann Wolfgang Goethe-Universität gewannen zunehmend an Bedeutung, und zwar auch in institutioneller Hinsicht. Intensive Kontakte zu einzelnen Professoren hatte es bereits in den dreißiger Jahren gegeben, so etwa zu Max Kommerell, Hans Lipps, Karl Reinhardt und Kurt Riezler. Auch Helmut Coing war bereits im Jahr 1939 mit seinem Buch über Die Rezeption des Römischen Rechts in Frankfurt am Main Autor des Verlages geworden. Im Winter 1947 folgte Hans-Georg Gadamer, der einige Zeit sogar bei Klostermann wohnte, einem Ruf auf einen Frankfurter Lehrstuhl für Philosophie. Mit einer Festrede des Rektors Walter Hallstein im Jahr 1949 begann die Veröffentlichung der Frankfurter Universitätsreden. Im Jahr 1950 betrieb Klostermann eine Berufung Martin Heideggers auf einen Frankfurter Lehrstuhl für Philosophie, und Heidegger machte sehr deutlich, unter welchen Bedingungen er einen Ruf anzunehmen bereit wäre: "dass die Fakultät mich wirklich und großzügig will" und dass er frei über die Höhe der Lehrverpflichtung verfügen könne, ein Privileg, das er schon 1928 in Freiburg i.Br. gehabt habe.

Schon vor dem Krieg hatte der Verlag das Buch Goethe in seinem Verhältnis zu Aristoteles (1938) des wissenschaftlichen Mitarbeiters am Nietzsche-Archiv in Weimar Karl Schlechta veröffentlicht, und Anfang der fünfziger Jahre erschienen zwei weitere Arbeiten dieses Autors, der schließlich im nahen Darmstadt einen Lehrstuhl für Philosophie innehatte. Die von Schlechta besorgte, bedeutende dreibändige Nietzsche-Werkausgabe, die die Nietzscheforschung aufgrund der hier belegten Aufdeckung der Machenschaften der Schwester Nietzsches auf ein neues Fundament stellte, erschien auf Anregung Klostermanns im Verlag von Carl Hanser. Klostermann schrieb am 6. Januar 1953 an Schlechta: "Der Hanser-Verlag gehört zu den Verlagen, die sich so etwas leisten können, da er fest auf zwei Beinen steht. Diese kräftige finanzielle Basis gewinnt er aus der Literatur für Werkzeugmaschinen, Zahntechnik, Kunststoffe, etc. Nur ein solcher Verlag kann sich den Luxus dieser Nietzsche-Ausgabe leisten." Zunächst ging es mit dem Absatz der beiden ersten bei Hanser erschienenen Bände auch nicht so recht voran. Vor dem Erscheinen der großen Nietzsche-Ausgabe im Verlag de Gruyter war die Schlechta-Ausgabe dann aber über einen längeren Zeitraum hinweg weit verbreitet, weil sie die zuverlässigsten Texte, vor allem der Kompilation Wille zur Macht, bot. In der Zeit, als Klostermann diese Ausgabe anregte, hatte Nietzsche noch keine Konjunktur in Deutschland.

Im Jahr 1950 wurden dem Verlegerehepaar Zwillinge geboren, die Tochter Petra Angiolina und der Sohn Vittorio Eckard, der heute, nach dem frühen Tod des Bruders Michael im Jahr 1992, den Verlag allein leitet.

Aus Anlass seines sechzigsten Geburtstages erhielt Vittorio Klostermann für seine Verdienste von der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg i.Br. den Titel eines Dr. jur. h.c. und von der philosophischen Fakultät der Universität Köln den Titel eines Dr. phil. h.c. Der Magistrat der Stadt Frankfurt am Main ehrte ihn aus gleichem Anlass mit der Goethe-Plakette.

Von Siegfried Blasche

 

Einstellung der Verlagsarbeit <<<     >>> Friedrich Georg Jünger

 

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