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Das philosophische Programm

Das philosophische Programm

©Das Nietzsche-Archiv i

 Das Nietzsche-Archiv in Weimar

 

Die Beziehungen zu den Autoren – etwa zu Hugo Friedrich und Ernst Jünger, aber auch zu Martin Heidegger – blieben selbstverständlich nicht immer frei von Konflikten. Es gab, wie in  geschäftlichen Belangen nicht ungewöhnlich, Auseinandersetzungen um Honorarzahlungen, um Verlagsrechte, um die Pünktlichkeit und das Ausmaß im Falle von Korrekturen, oft gab es aber auch nur Missverständnisse. Waren dann die an Klostermann gerichteten Briefe beleidigt und beleidigend, herablassend, verletzend, kapriziös oder auch die eigentlichen Sachverhalte unübersehbar verschweigend, so hielten sich die Antworten des Verlegers im Regelfall unaufgeregt und geschäftsorientiert an die Fakten, oft in nachhaltigem und unnachgiebigem Beharren, und sie erinnerten vor allem an die gemeinsame Vergangenheit, verschwiegen dabei aber auch nicht die schon geleisteten eigenen Verdienste um die Belange des jeweils anderen. Bei einem sehr tiefgehenden Konflikt mit Heidegger im Jahr 1953, der dazu führte, dass dieser für einige Zeit   den Verlag wechselte, über dessen Gründe der Verleger rätselte und sich mit dem Verlegerkollegen Carl Hanser ausführlich austauschte, verwies Klostermann auf seine Hilfe in der Zeit, als Heidegger mit Veröffentlichungsverbot belegt gewesen sei. Heidegger antwortete, es habe nie ein derartiges Verbot gegeben.

In der Tat: Ein direktes Veröffentlichungsverbot gab es nicht; aber Heidegger hatte – was inzwischen hinreichend dokumentiert ist – insbesondere in der Jahren 1942/43 immense Schwierigkeiten mit den nationalsozialistischen Machthabern. Klostermann nahm intensiven Anteil und versuchte, gegenläufigen Einfluss zu nehmen. Es ist interessant, die in der Heideggerliteratur bereits ausführlich beschriebenen Vorgänge um die seit dem Rektorat auftretenden Probleme Heideggers mit den Nationalsozialisten in der Verlagskorrespondenz teilweise auch in neuen Aspekten widergespiegelt zu finden.

 

Walter F. Otto  (1874–1958)    
Walter F. Otto (1874–1958) © privat    

Im Jahr 1935 wurde dem Verlag nach dem Tod von Elisabeth Förster-Nietzsche von Walter F. Otto die Herausgabe der Blätter aus dem Nietzsche-Archiv in Weimar angetragen. C.H. Beck, der Verleger der historisch-kritischen Werkausgabe Nietzsches, hatte sich desinteressiert gezeigt. Klostermann lehnte nach Erkundigungen bei Kommerell, Reinhardt und Lipps das Angebot mit dem Argument ab, dass sich im Vorstand des Nietzsche-Archivs außer Otto keine Person befände, die im Namen Nietzsches reden dürfe ("Nullen im Nietzsche-Archiv"), und dass insbesondere Richard Oehler, führender Mitarbeiter des Archivs und Vertrauter Elisabeth Förster-Nietzsches, sich durch seine gesamte wissenschaftliche Arbeit diskreditiert habe. Oehler, der im gleichen Jahr ein Buch über Friedrich Nietzsche und die Vollendung des Nationalsozialismus veröffentlichte, habe die Heideggersche Philosophie als Judenphilosophie charakterisiert. Im Jahr 1934 war Heideggers "metaphysischer Nihilismus" von zwei nationalsozialistischen Wissenschaftlern, dem Philosophen Ernst Krieck und dem Psychologen Erich Jaensch, als jüdisch ("talmudisch-rabulistisch") und demgemäß zersetzend diffamiert worden. Sowohl Heidegger als auch Reinhardt zogen, sehr zum Ärger Ottos, der sich brüskiert fühlte, Klostermanns Einfluss und Verweigerung folgend, ihre bereits gegebenen Zusagen zur Mitarbeit an den Blättern zurück.

Heidegger war auf die Empfehlung Ottos hin im Jahr 1935 Mitglied des Wissenschaftlichen Ausschusses des Nietzsche-Archivs geworden, dem insbesondere die Herausgabe der großen Gesamtausgabe der Werke Nietzsches oblag. Die Herausgeberin der Nietzsche-Vorlesung Heideggers im Rahmen von dessen Gesamtausgabe (GA Bd. 44, S. 251 ff.), Marion Heinz, berichtet aufgrund von Recherchen im Nietzsche-Archiv über die Mitarbeit Heideggers im Rahmen des Wissenschaftlichen Ausschusses, auch darüber, dass Heidegger sich seit dem Jahr 1938 sukzessive aus der Mitarbeit in diesem Gremium zurückzog. Das Amt für Schrifttumspflege bei der Reichsleitung der NSDAP hatte sich mit dem ersten erschienenen Band der Ausgabe zutiefst unzufrieden gezeigt, Heidegger entschloss sich daraufhin, nur noch Nietzsches Werk, nicht aber der Ausgabe seiner Werke zu dienen und erklärte Ende 1942 seinen Austritt aus dem Wissenschaftlichen Ausschuss.

Die unverhohlen ablehnende Stellungnahme Klostermanns im Jahr 1935 zu den Plänen des Nietzsche-Archivs, die Blätter bei ihm zu veröffentlichen, ist um so bemerkenswerter, als unter den obwaltenden politischen Umständen kaum ein öffentlicher Zweifel an der wissenschaftlichen Arbeit dieser Institution und an der Integrität der Schwester Nietzsches, die das nationalsozialistisch durchseuchte Archiv bis zu ihrem Tod beherrschte, geäußert wurde bzw. überhaupt möglich war. Otto, der sich in seinen Schriften auf den in Nietzsches Frühwerk behandelten Dionysoskult kaprizierte, schrieb über Frau Förster-Nietzsche in öffentlichen Verlautbarungen und auch in Briefen an Klostermann in Tönen tiefster Verehrung. Er hatte aus Anlass der Feier von Nietzsches neunzigstem Geburtstag in Weimar am 15. Oktober 1934 in Anwesenheit der Schwester Nietzsches und vieler Nazigrößen eine Festrede gehalten, in der er Nietzsches Gedankengut mit dem herrschenden Zeitgeist verband: "Das Dasein hat begonnen, eine harte Sprache zu sprechen. Die Tiefen regen sich. Ein Volk erwacht zum Bewußtsein gemeinsamer Not und gemeinsamer Pflichten [...]". Diese Rede erschien unter dem Titel Der junge Nietzsche im Jahr 1936 im Verlag Klostermann. Es dauerte einige Zeit und bedurfte der besonderen Vermittlungstätigkeit der Frau Ottos, die Klostermann, vorgeblich ohne Wissen ihres Mannes, einen besorgten Brief schrieb, bis sich das Verhältnis Ottos zu seinem Verleger wieder normalisiert hatte. So ganz aber hatte er Klostermann dessen Haltung und Einflussnahme bis zum Jahr 1942, in dem sich über Heidegger ein Gewitter zusammenzog, nicht vergessen. Ottos positives Verhältnis zum Nietzsche-Archiv und seinen Publikationsplänen blieb ungebrochen.

Über das ganze Jahr 1942 hinweg bewegte den Verleger das Problem, dass Heidegger bei den Machthabern zunehmend in Schwierigkeiten geriet. Klostermann musste um seinen wichtigsten Berater und künftigen Autor bangen, zugleich aber, wegen der engen Verbindung des Verlages zu Heidegger, auch um sein ganzes Unternehmen. Unter Bezug auf die im Jahr 1935 ausgesprochene Weigerung Heideggers, sich an den Blättern des Nietzsche-Archivs zu beteiligen, schreibt Klostermann am 22. Dezember 1942 an Otto: "Sie werden sich erinnern, dass ich seinerzeit Professor Heidegger abgeraten habe, sich in eine Situation zu begeben, die ihn in einen Konflikt zu Herrn Oehler bringen könnte, da dies zu Ärger und Unzuträglichkeit für ihn führen musste. Sie haben mir damals sogar diesen Rat, den ich in bester Überzeugung gegeben habe, verübelt. [...] Aber die Folgen beschränken sich nicht, wie ich damals annahm, auf Ärger und Unzuträglichkeiten Heideggers, sondern jetzt droht ihm die ernste Gefahr, in einem Augenblick, in dem er bereit ist, zu publizieren, ihm dies unmöglich gemacht wird." Otto bezweifelt in seiner Antwort vom 14. Januar 1943, dass dies für die Probleme, die Heidegger nun habe, die "eigentlichen Gründe" seien. Nach dem, was ihm "in Berlin von sachkundiger Seite gesagt worden ist", habe als der wahre Grund die "schwere Verstimmung über die Diskrepanz seines [= Heideggers] Verhaltens in und nach dem Rektorat [1933/34]" zu gelten.

Worin konkret lagen die nun auftretenden Schwierigkeiten Heideggers? Sowohl das Amt Rosenberg und auf dessen Veranlassung auch das Reichspropagandaministerium unternahmen den – allerdings auf Grund einer direkten politischen Intervention Italiens, wohl Mussolinis selbst, gescheiterten – Versuch, die Veröffentlichung oder zumindest die Besprechung von Heideggers Aufsatz Platons Lehre von der Wahrheit zu verhindern. Dieser Aufsatz, in dem Heidegger sich implizit von einem rassentheoretisch definierten Humanismusbegriff distanziert, sollte in dem von Ernesto Grassi herausgegebenen Jahrbuch für geistige Überlieferung erscheinen. Engste Mitarbeiter Grassis bei diesem Unternehmen waren nun wiederum die beiden Klostermann-Autoren Otto und Reinhardt.
 

Hofgartentor Messkirch    
Das Hofgartentor in Meßkirch: Hier beginnt der "Der Feldweg". © privat    

Ein direktes Veröffentlichungsverbot gegen Heidegger gab es nicht. Es gab aber weiterhin Versuche, Publikationen zu verhindern. Gleichwohl konnten in den Jahren 1943/44, trotz Engpässen bei der Papierzuteilung, die Schriften erscheinen: Vom Wesen der Wahrheit, Was ist Metaphysik? in vierter Auflage mit dem wichtigen Nachwort und die Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung. Nun endlich war Heidegger, dreizehn Jahre nach den ersten Vereinbarungen, auch wirklich selbst Autor des Verlages geworden. Im Jahr 1949 erschien erstmals als selbständige Schrift der Brief an Jean Beaufret mit dem Titel Über den Humanismus bei Vittorio Klostermann, im Jahr darauf folgten die Holzwege, eine Sammlung von Aufsätzen aus den Jahren 1935 bis 1946. Über einen längeren Zeitraum hinweg, nach den bereits erwähnten Unstimmigkeiten zwischen Autor und Verleger im Jahr 1953, veröffentlichte Heidegger seine Schriften auch in anderen Verlagen, bis er Ende der sechziger Jahre wieder zu Klostermann zurückkehrte: 1967 erschienen die – vierzehn zwischen 1919/21 und 1961 geschriebene Aufsätze vereinigenden – Wegmarken und 1972 die Frühen Schriften. Diese beiden Bände erlaubten einen ersten Gesamtüberblick über den Denkweg Heideggers seit den ersten Anfängen.

Von Siegfried Blasche

 

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