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Romanistik/Anglistik

Romanistik/Anglistik

 

Fritz Schalk (1902–1980)

Analecta Romanica, Romanische Forschungen

 

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    Fritz Schalk (1902–1980) und Hugo Friedrich (1904–1978) © privat

Es ging Schalk stets um sachliche Verbesserungen, nicht um Besserwisserei oder persönliche Eitelkeit. Und so verhielt er sich auch seinen Doktoranden und Habilitanden gegenüber. Da er ihnen viel Spielraum ließ und erfolgreich für ihr Fortkommen sorgte, strömten sie ihm in großer Zahl zu. Der erste war Harri Meier, der letzte Manfred Lentzen. Für ihre Schriften, wie die ihrer Schüler, gründete Schalk 1955 eine eigene Reihe, die Analecta Romanica. Er ließ sich bei der Auswahl der Titel von einem internationalen Beirat unterstützen, eine Vorgehensweise, die seit dem Jahr 1997 auch bei der Herausgabe der Romanischen Forschungen zum Tragen kommt. In den Analecta Romanica wurden bisher die Habilitations- und andere Qualifikationsschriften von drei Generationen deutscher Romanistikprofessoren publiziert. Besonders bemerkenswert ist, dass auch Emigranten (Ulrich Leo, Alfred Adler) hier einen Platz fanden. Für Schalk, der selbst in der NS-Zeit seine Verbindungen zu ausländischen Gelehrten aufrecht erhalten hatte, war es selbstverständlich, die Analecta auch amerikanischen Romanisten zu öffnen, eine Tradition, die bis heute fortgeführt wird. Einige von ihnen hatte er persönlich auf internationalen Kongressen oder bei Gastprofessuren in den USA und Mexiko kennen gelernt. Er genoss es, nach dem Ende der NS-Zeit, als ihn kein feindseliger Dozentenbund mehr am Reisen hinderte, nicht nur die Romania, sondern auch Großbritannien und die USA zu bereisen und sich dort neue Anregungen zu holen.

Wichtiger ist jedoch, dass Schalk nach dem Krieg die bis dahin bei Junge in Erlangen gedruckte und verlegte Traditionszeitschrift Romanische Forschungen an Vittorio Klostermann vermittelte. Deren Herausgeberschaft hatte er 1935 von seinem Rostocker Vorgänger Rudolf Zenker übernommen und sollte sie fünfundvierzig Jahre innehaben. Die im Jahr 1885 von Karl Vollmöller gegründete Zeitschrift ist dem breiten komparatistischen Programm der Romanistik verpflichtet, das am Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland entwickelt worden war. Es zielt darauf ab, die Sprachen und Literaturen aller romanischen Völker ohne Ansehen ihrer politischen Bedeutung und Größe in ihrer historischen Entwicklung und später auch in ihrem gegenwärtigen Zustand zu erforschen. Wurden zunächst nur Dissertationen in den Romanischen Forschungen abgedruckt, gestaltete Schalk die Zeitschrift von Grund auf um: Im ersten Teil wurden Abhandlungen zu sprach- und literaturwissenschaftlichen Fragen publiziert; den zweiten bildeten Rezensionen. Schalk achtete darauf, einen internationalen Kreis von Autoren und Rezensenten zu beschäftigen, wobei ihm große Namen wichtig waren, aber auch jüngere Romanisten in die schwierige Kunst der Rezension eingewiesen wurden. So findet man vor allem in der Anfangszeit romanistische Altmeister wie Karl Vossler, Philipp August Becker, Ernst Robert Curtius u.a. unter den Beiträgern.

Schalk hatte bereits früh erkannt, ein wie wichtiges Instrument der Einflussnahme eine wissenschaftliche Zeitschrift war. Bei seinem Hamburger Lehrer Walther Küchler, den er als Assistent bei der Redaktion der Neueren Sprachen und von Volkstum und Kultur der Romanen (VKR) unterstützen musste, hatte er nicht nur das technische Redaktionsgeschäft gelernt, sondern auch begriffen, wie man mit der Platzierung von Aufsätzen, der Auswahl und Steuerung von hochkarätigen Rezensenten und der Einwerbung von kompetenten Mitarbeitern "Hochschul- und Forschungspolitik" machen konnte.

Die Romanischen Forschungen erschienen zum ersten Mal im Jahr 1947 bei Klostermann, und da die durch die NS-Zeit bestehende Isolierung deutscher Wissenschaftler langsam aufgebrochen wurde, bildete die Zeitschrift schon bald ein wichtiges Forum der Begegnung zwischen deutschsprachiger Romanistik und der den romanischen Sprachen und Literaturen geltenden Wissenschaft außerhalb. Dies wurde durch die Vielfalt der zugelassenen Publikationssprachen – außer Deutsch und Englisch alle romanischen Sprachen – erleichtert. Allerdings konnte die Zeitschrift die eindrucksvolle Auflagenhöhe von 2500 Exemplaren in der unmittelbaren Nachkriegszeit mit ihrem Bildungshunger und ihren geringen Informationsmöglichkeiten nicht lange halten; die Währungsreform veränderte das Käuferverhalten nachhaltig. Die Abonnentenzahl sank auf 500 ab, eine Zahl, die sich lange hartnäckig hielt, obwohl Verleger und Herausgeber alles unternahmen, um die Zeitschrift attraktiv zu machen. Durch viele Tauschexemplare, die ins Ausland geliefert wurden, sollten ausländische Abonnenten geworben und an die alte Strahlkraft der Romanistik angeknüpft werden.

Auf Anregung Schalks wurden einige namhafte, 1933 aus Deutschland aus rassischen Gründen vertriebene Emigranten wie Ulrich Leo, Leo Spitzer, Erich Auerbach, Herbert Dieckmann und Alfred Adler eingeladen, im Verlag Klostermann zu publizieren. Mit Ausnahme Spitzers waren alle einverstanden, wenngleich die erhofften publizistischen Erfolge ausblieben. Während Schalk für die Publikation kämpfte und dem Verleger auch abgelegene philologische Themen empfahl, musste dieser finanzielle Argumente berücksichtigen, denen einige Projekte zum Opfer fielen. Aber selbst ein Buch wie Erich Auerbachs Introduction aux études de philologie romane verkaufte sich trotz seiner ausgefeilten Didaktik und seines grundlegenden Inhalts nur sehr zögerlich. Es handelte sich dabei zwar nicht um eines der großen oder bekannteren Bücher, sondern um einen aus der Lehrtätigkeit im Istanbuler Exil an der dortigen neuphilologischen Fakultät für türkische Studenten entstandenen einführenden Leitfaden, der jedoch übersichtlich und allgemein verständlich abgefasst war. Schalk plädierte dafür, das Buch nicht ins Deutsche zu übersetzen, weil es sich zuallererst an Romanistikstudenten wandte, und die sollten Französisch lernen.

Ein großer Erfolg war die Aufnahme von meist in den USA lebenden Emigranten ins Verlagsprogramm nicht. In Deutschland waren sie in Vergessenheit geraten, in der neuen Heimat kaufte man kaum deutsche Bücher, auch verzögerten die politischen Verhältnisse der unmittelbaren Nachkriegszeit mit unterschiedlichen Besatzungszonen, schwierigem Postversand und diversen Zensurmaßnahmen Herstellung und Vertrieb.

Als Herausgeber der Romanischen Forschungen erhielt Schalk fast alle wichtigen romanistischen Monographien, die er kritisch las oder doch durchsah, vor allem die ausländischen, z.B. die wegweisenden Bücher von Marcel Bataillon, Albert Béguin, Henri Chamard, Francesco Flora, José Ortega y Gasset, Marcel Raymond, Luigi Russo, Giuseppe Toffanin u.v.a. An ihnen maß er die einheimische Produktion und erklärte sie in einem Brief an den Freund Hugo Friedrich mit wenigen Ausnahmen für unerträglich provinziell: "Daß die roman. Festschriften weit mehr als die deutschen ein Depot miszellenartiger Abfallprodukte sein sollen (!), habe ich mit Staunen gelesen – muss immer das Deutsche dem Romanischen überlegen sein? Für die iberorom. Festschriften trifft was Du meinst, in keiner Weise zu, die 3 Bde, die man Menéndez-Pidal, Lluch überreicht hat, die Festgaben Artigas, C. Michaelis, Alcover, Bonilla y San Martin und so viele andere sind doch wissenschaftlich imposante Werke, neben denen sich die deutschen Festschriften Wechssler, Vossler, Behrens usw. kläglich genug ausnehmen" (24. Juni 1938). Außerdem nahm Schalk wichtige Publikationen der Nachbardisziplinen (Germanistik, Altphilologie, Anglistik, Philosophie, Geschichte) wahr. Weiterhin korrespondierte er mit zahlreichen in- und ausländischen Fachgelehrten, hielt Vorträge im In- und Ausland, reiste immer wieder in seine Heimatstadt Wien und machte auf Reisen Abstecher zu Kollegen, die ihn interessierten. So muss er als der bestinformierte Romanist seiner Zeit gelten. Seine unbändige Neugierde, sein waches Urteil und seine gründliche Informiertheit verleihen seinen Dicta daher eine außerordentliche Bedeutung.

Wenngleich Fritz Schalk kein kohärentes romanistisches Œuvre hinterlassen hat, weil er den Lehrbetrieb sehr ernst nahm und die Redaktion seiner Zeitschrift ihn sehr viel Zeit kostete, hatte er doch als einer der wenigen Romanisten seiner Zeit ein klar umrissenes Programm und ein wohlüberlegtes Methodenkonzept. Er hielt insbesondere die antithetische Frankreichkunde als kontrastive Wesenskunde mit ihrer aprioristischen Zuspitzung eines deutsch-französischen Gegensatzes für verfehlt, zumal sie die deutschen Romanisten auf internationaler Ebene isoliere. Sein Verdikt traf aber auch immanente Interpretationsansätze literarischer Werke, die häufig Verantwortung vor dem Gegenstand des Verstehens vermissen ließen und "zufällig" seien. Er träumte von einer harmonischen Verbindung einer idealistischen Theorie und einer positivistischen Praxis, eine Verbindung, die dann entstehen könnte, wenn die Theorien ihre Anreger befruchte und die Praxis historisch und systematisch sei. Zuerst sollten die allen Literaturen gemeinsamen Grundzüge analysiert und beschrieben werden, um dann das Spezifische herauszustellen. Nur so könne Literaturgeschichte zur Geistesgeschichte werden. Schalk dachte bereits ideologiekritisch und wollte die Voraussetzungen des Entstehens von geistigen Kategorien erhellen, hinter die Begriffe und Theorien zurückgehen. Er wollte Politik, Wirtschaft, Philosophie und Literatur "aus sich selber verstehen", was für ihn bedeutete, etwas als etwas zu verstehen. Eine Sammlung von Teilaspekten – er nennt sie Ideologien – genügte ihm nicht, weil so das Ganze nie begriffen werden könne. Schalk war der geschickteste Organisator, den die deutsche Romanistik bis heute hatte.

Von Frank-Rutger Hausmann

 

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