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Abstracts Heft 2/2016

Abstracts Heft 2/2016

Redaktionelles Vorwort

Hermann Beland: Transformation in O – Pragmatisches Lernziel für den analytischen Alltag oder: Die Zukunft einer Illusion? (Vorträge auf dem Bion-Symposium zu Ehren von Erika Krejci am 25.4.2015, Forum am Park, Heidelberg)

Zusammenfassung
Anhand von drei kritischen Behandlungssituationen im Übergang zu unerträglichen Schuldgefühlen werden einige Elemente von Bions Transformationen in O sachlich und terminologisch untersucht. O ist das Ergebnis von catastrophic change zu unwidersprechlicher Bewußtheit, zu analytischem Evidenzgefühl auf der Basis von Nicht-Erinnern, Nicht-Wünschen, Nicht-Wissen. Besonders die »religiösen« Termini werden geklärt als Begriffe immanenter Transzendenz. Sie werden mystischen Erfahrungsbegriffen (Wahrheit als solche ohne Inhalt) entgegengesetzt: O ist überdeutlich und verändernd. Bions Wachstumsbegriffe (evolution, to evolve) werden anhand des klinischen Materials als Begriffe normalen klinischen Fortschritts (K) in Richtung Transformation in O hervorgehoben. Unklare Begriffe wie »die Gottheit des Analysanden, die zur Inkarnation in die Person des Analysanden einwilligen muß« (Transformationen, S. 186) werden durch Rückgriff auf die scholastische Philosophie von Meister Eckhart verstanden als Existentiale des analytischen Wachstums in Richtung des analytischen Evidenzgefühls (O-Werden).

Summary
Three clinical situations (progressions to unbearable guilt-feelings) allow assessing some terms of Bion’s transformations in O, especially the so-called ›religious nouns‹ as terms of immanent transcendence. They are opposed to mystical experiences (truth in itself without content) being experiences of analytical intuition and evidence, extremely clear, memorable, and changing. Bion’s notions ›evolution, to evolve‹ is discussed as being notions of normal growth in analytical treatments. Normal growth has evolved for transformation in O. Bion’s dark wording of the analysand’s »godhead«, which must consent to incarnation in the person of the analysand is understood as an existential for analytical growth (Transformations, p. 148) in the direction of experiencing psychoanalytic evidence (O); the same use is shown in Meister Eckhart’s scholastic philosophy.


Johannes Brehm: »Das Faktum des Schmerzes« (Bion). Verkörperte Unerträglichkeit als protomentale Erfahrung

Zusammenfassung
Der Anspruch der Psychoanalyse, vor allem über die Sprache einen Zugang zu dem Unbewußten finden zu können, wirft Fragen auf, wie das Unbewußte in der Sprache synthetisiert und symbolisiert wird. Über die grundlegende Bedeutung von Erfahrungen der frühen Kindheit, also vor dem Erwerb der eigentlichen Sprache, gibt es unter Psychoanalytikern wenig kontroverse Diskussionen. Weitaus schwieriger wird der wissenschaftliche Diskurs, wenn Modelle der vorsprachlichen Entwicklung mit erkenntnistheoretischen und behandlungstechnischen Fragen in Verbindung gebracht werden (müssen), die wir aber als »primäre Phänomene« letztlich nicht beschreiben können. In dem hypothetischen Konzept der Protomentalität von Bion, auf das sich in dieser Arbeit grundlegend bezogen wird, gibt es keine Unterscheidung zwischen körperlicher und seelischer Erfahrung. In einem psychosomatischen Urzustand kann das Ich noch keine psychischen Repräsentanzen emotionaler Erfahrungen bilden, sondern körperliche Zustände können schwer erträgliche Erlebnisse darstellen, die den intensiven Drang auslösen, sie loswerden bzw. ein Objekt finden zu wollen, von dem sie aufgenommen und in etwas, das sich lustvoll anfühlt, transformiert werden. In einer ausführlichen Falldiskussion wird die Bedeutung der Sprache in Verbindung mit körperlichen und psychischen Zuständen, die noch nicht körperlich oder psychisch repräsentiert sind, untersucht. Inwiefern können sich mit Hilfe der analytischen Methode überhaupt Instrumente entwickeln lassen, die ein Denken, Fühlen und Träumen erst ermöglichen? Der Analytiker ist in diesem Prozeß konfrontiert mit schwer erträglichen Zuständen, denen er nicht ausweichen kann, wenn basale Transformationen im körperlichen wie seelischen Erleben ermöglicht werden sollen.

Summary
The claim of psychoanalysis to access the unconscious predominantly via language raises questions about how the unconscious gets synthesised and symbolised through language. There is little controversy amongst psychoanalysts about the fundamental significance of experiences in early childhood, which predate the aquisition of language as such. However, scientific discussions turn far more tricky, when it comes to (the need of) connecting models of preverbal development with epistemological and technical questions pertaining to clinical practice, since ultimately these »primary phenomena« cannot be described. Bions hypothetical concept of protomentality, on which this paper is fundamentally based, does not differentiate between experiences of body and mind. In a primitive psychosomatic state the ego cannot as yet form psychic representations of emotional experiences. Instead, physical states can depict experiences, which are difficult to bear and which trigger the acute urge to get rid of them or respectively the need to find a containing object, that can take them in and transform them into something more pleasurable. The significance of language in relation to physical and mental states, which as yet cannot be bodily or psychically represented, will be explored in a detailed case discussion. In what ways can the analytic method at all help us develop tools to enable thinking, feeling and dreaming in the first place? Throughout this process, the analyst is confronted with states that are difficult to bear, states he cannot escape, if basic transformations in the experience of body and mind are to take place.


Hanno Heymanns: Vertiefung in die Oberfläche – Erika Krejci, Bion und die Hofstettener Seminare

Zusammenfassung
Beschrieben wird, wie sich die Auseinandersetzung mit dem vielschichtigen Werk von W. R. Bion in einer kontinuierlichen Arbeitsgruppe gestaltet, aber auch in der Resonanz der Gruppe szenisch dargestellt hat. Erika Krejci, die drei von Bions Werken übersetzt und kommentiert hatte, wußte seine Theorien zu vermitteln, und dabei auch an klinischen Vignetten zu illustrieren, welchen Denkraum seine Konzeptualisierungen ermöglichen: »Theoretische Genauigkeit wirkt auf uns persönlich zurück. Sie macht Differenzierungen, Trennungen und damit emotionale Erfahrungen möglich, vor denen wir ohne das geeignete Rüstzeug ausweichen würden« (Krejci, 2010).

Summary
The paper describes the discussion of W. R. Bion’s work in a continuous study group as well as the scenic resonances of these discussions within the group dynamics. Erika Krejci, who has translated and written commentaries on three of Bion’s works, successfully conveyed his theories and illustrated by example of case materials how his conceptualisations open up space for thought. »Theoretical accuracy reflects back upon us ourselves. It allows for differentiation, separation and facilitates emotional experience, which we would prefer to avoid without this theoretical tool« (Krejci, 2010).


Brigitte Pahlke: »Im Ungeborgenen geborgen zu sein«

Zusammenfassung
Die Autorin beschreibt die Arbeit mit einem narzißtisch gestörten Patienten, der mit vielen Worten und sinnentleertem Reden die therapeutische Beziehung und jegliche Wahrnehmung der inneren und äußeren Realität durch Verleugnung, Abspaltung und Projektion abwehrt. Im Laufe der Behandlung verwandelt sich sein Gefühl, in einem starren Körper, wie in einem Panzer, eingeschlossen zu sein. Die starre Abwehr bekommt Risse, womit sich schmerzliche psychische Prozesse einstellen. Da bei Patienten mit einer narzißtischen Struktur inhaltliche Deutungen nicht weiterführen, schlägt Erika Krejci als technischen Zugang eine Variation der klassischen Behandlungstechnik vor, die sie in ihrer Arbeit: »Die Vertiefung in die Oberfläche« beschreibt und diese Technik auch so bezeichnet. Damit werden den Patienten ihre Manöver, ihre Mißkonzeptionen und ihr manipulativer Sprachgebrauch in der analytischen Behandlung anhand einzelner Szenen in kleinen Schritten aufgezeigt und mit Bedeutung versehen. Dies führt zu einer Stärkung der Alphafunktion und zu einer klareren Trennung zwischen bewußt und unbewußt. Diese schrittweise Arbeit und den klinischen Umgang damit versucht die Autorin in ihrer Falldarstellung aufzuzeigen. Illustriert werden der Weg und die Entwicklung des Patienten, wie er in der analytischen Behandlung aus seiner zweidimensionalen inneren, im PS-Modus funktionierenden, Welt herausfindet und dadurch eine Transformation in eine dreidimensionale, ödipal strukturierte Welt möglich wird.

Summary
The author describes a clinical case of a patient with a narcissistic disorder, who – through denial, splitting and projection employs his floods of words and meaningless talking as a defence against the therapeutic relationship and any awareness of inner and outer reality. In the course of treatment his feeling of being trapped in a rigid bodily shell is transformed, and subsequent to the appearance of cracks in his defensive shell painful psychic processes. As interpretations with a focus on the contents of words are not fruitful with patients with a narcissistic personality structure, Erika Krejci proposes a variation of the classic treatment technique in order to gain access to the patient. She calls this technique »Immersion in the Surface«, as described in her paper of the same title. In small steps, and based on particular interactions their manoevres, misconceptions and manipulative use of language in the analytic treatment are revealed to the patient and imbued with meaning. This results in a strengthening of alpha-function and a clearer distinction between conscious and unconscious. The author aims to demonstrate this step-by-step approach and the ensuing clinical implications through her case study. What follows is an illustration of the developmental path of the patient who, in the course of the analytic treatment, finds his way out of his two-dimensional inner world, which is based on paranoid-schizoid thinking, thus enabling a transformation into a three-dimensional oedipally structured world.


Joseph Ludin: Überlegungen zum Konzept der historischen Wahrheit

Zusammenfassung
Der Autor versucht über den Begriff der historischen Wahrheit Zugang zu einem klinischen Verständnis des analytisch-therapeutischen Prozesses zu gewinnen, der die Paradigmen von Entstellung, Erinnerung und Konstruktion in den Vordergrund stellt. Dabei geht es ihm auch darum, den Realitätsgewinn und die Ichstrukturierung der analytischen Kur als die Schaffung eines Gedächtnisses zu verstehen. Historische Wahrheit ist demnach nicht nur auf die Vergangenheit und das Geschehene bezogen, sondern vollzieht sich in der Geschichte, im Werden und Wachsen eines Gedächtnisses.

Summary
The author approaches a new angle of clinical understanding the analytical process via the concept of »historical truth«. This approach puts paradigms of disfigurement, memory and construction in the foreground. He is interested in the surplus of reality sense and Ego structuring that comes along with the analytical process as a creation of memory. Historical truth thus is not only related to the past and the passed, but takes place in the history, the rising and growing of a memory.


Michael Parsons: Körper sein, Körper haben, einen Körper bewohnen

Zusammenfassung
Das zentrale Thema des Artikels bildet die Natur der Beziehung einer Person zu ihrem Körper und die Art und Weise wie dieses Verhältnis gestört sein kann. Obwohl der Körper zur äusseren Welt gehört, wird er ebenso als zur inneren Welt gehörig erlebt. Die Grenze zwischen Geist und Körper ist ein Grenzgebiet, das beide vereint. Laboruntersuchungen zeigen, wie wichtig der Körper tatsächlich für die analytische Interaktion ist. Patienten zuhören in einem Zustand der »vollen körperlichen Aufmerksamkeit« erlaubt uns, Ungewissheit zu tolerieren und uns nicht vor ihr in frühreife Interpretationen zu flüchten. Beide, Körper und Psyche, haben eine innerliche Struktur, die sich unbewusst gegenseitig reflektieren. Wenn dieser Umstand nicht erträglich ist, muss die innerliche Körperhaftigkeit des Körpers unbewusst verleugnet werden. Das kann sich in vielen Formen von Störungen der physikalischen Funktion des Körpers äussern. Der Wunsch nach einem »Körper ohne Organe«, der Wunsch, den Körper zu verleugnen oder den Körper von der Psyche zu trennen, werden anhand von Beispielen aus der Literatur, von klinischem Material und der Philosophie diskutiert. Ein Konzept, das viel von dem, was diskutiert wird, zusammenbringt, ist Winnicotts Idee der Psyche-Soma.

Summary
The central themes of the paper are the nature of a person’s relation to his or her body, and the ways in which this may be disturbed. So, although the body belongs to the external world, this does not stop it belonging to the internal world as well. The frontier between mind and body is a borderland that connects them. Laboratory research indicates how important the body must, in fact, be in the analytic interaction. Listening to patients in a state of »full body attention« allows us to tolerate uncertainty, and not escape from it into premature interpretation. Both body and psyche have an internal structure which unconsciously reflect each other. Where this fact is not bearable the body’s internal physicality has to be denied unconsciously. This may manifest itself in many forms of disturbance of the body’s physical function. The desire for »a body without organs«, the desire to deny the body or to disconnect the body from psyche are discussed with examples from literature, clinical material and philosophy. A concept that brings together much of what has been discussed is Winnicott’s idea of the psyche-soma.


Siegfried Zepf & Dietmar Seel: Freuds Triebtheorie – Aufklärung oder Mystifizierung?

Zusammenfassung
Ausgehend von Freuds Bestimmung der Triebe als »mythische Wesen« (Freud, 1933a, S. 101) dechiffrieren die Autoren Freuds Begriff des sexuellen Triebs als eine mystifizierte Darstellung des Unbewußten. Gezeigt wird, daß das Unbewußte dieselbe Charakteristika aufweist, die Freud dem sexuellen Trieb zuschreibt. Darüber hinaus wird aufgewiesen, daß in der metapsychologischen Betrachtungsweise zwar der ökonomische durch einen affektiven Gesichtspunkt zu ersetzen ist, aber sonst keine Konsequenzen resultieren, und daß auch die Entstehung der Sexualität sowie der Repräsentanzwelt begründet werden kann, wenn man auf den Triebbegriff verzichtet und ihn durch eine modifizierte Form der von Laplanche (1984, S. 143) als nicht-körperliche Phänomene beschriebenen »Quell-Objekte des Triebes« ersetzt.

Summary
Guided by Freud’s definition of drives as »mythical entities« (Freud, 1933a, p. 96), the authors decipher Freud’s term »sexual drive« as a mystified expression of the unconscious. They show that the unconscious has the same characteristics Freud ascribes to sexual drives. Furthermore, it is demonstrated that the only consequences for the metapsychological approach is that the economic viewpoint has to be substituted by an affective one, and that there are no consequences as regards the emergence of sexuality and the representational world if one replaces the drive concept by a modified form of Laplanche’s »source-objects of the drive« (1984, p. 129, italics omitted) that he describes as non-physical phenomena.